Maulkorberlass: Wort und „Unwort“ des Jahres

Der „Lügenpresse“ folgen „postfaktisch“ und „Volksverräter“

Alle Jahre wieder – im Dezember ein Wort des Jahres, im Januar folgt ein „Unwort“. Was immer dieses sein soll, schon das Wort scheint das „Unwort“ höchst selbst zu sein.

Das Wort des Jahres wählt eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, für 2016: „postfaktisch“. Das Wort verweise darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren“, so die Begründung. Also soll „postfaktisch“ auf den Index.

Als wenn es nicht „die da oben“ wären, die tatsachenwidrig behaupten „Die Rente ist sicher“, „Wir führen keinen Krieg“, „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut, etc. Wer diesen offensichtlichen Lügen widerspricht, soll nun derjenige sein, der „postfaktisch“ bereit sei, Lügen zu akzeptieren. Sagen die obrigkeitlichen Lügner, genau wie der ertappte Dieb „Haltet den Dieb!“ ruft.

Eine andere Gesellschaft in einer anderen hessischen Stadt ist für das „Unwort“ zuständig, die „sprachkritische Aktion“ der Technischen Universität Darmstadt. Die hat schon 2014 versucht, das Wort „Lügenpresse“ als „Unwort“ zu ächten, um – wie der im Dezember 2016 verstorbene Journalist Eckart Spoo kommentierte – zu „erreichen, dass wir dieses Wort nicht mehr verwenden. Wir sollen die Lügenpresse nicht mehr beim Namen nennen. Damit bin ich nicht einverstanden. Ich werde mir dieses wahre, allzu wahre Wort nicht ausreden lassen“.

Die Darmstädter Jury versuchte, die „Lügenpresse“ als „Nazi-Wort“ zu ächten, da es „auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien diente“. (Die vermeintlichen „Sprachkritiker“ benutzen hier wie im Folgenden völlig unkritisch die Eigenwerbevokabel der „Nationalsozialisten“, wo es deutsche Faschisten heißen müsste.) Mit dem Versuch, das Wort wegen des Gebrauchs durch die Nazis zu delegitimieren wird unterschlagen, dass die Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik die Zeitungen des Medien-Monopolisten Alfred Hugenberg, der sich vehement für das Erstarken des Faschismus in Deutschland einsetzte, wiederholt als „Hugenbergs Lügenpresse“ angriff. Mit dieser Unterschlagung folgen die Sprachwissenschaftler den Methoden der von ihnen verteidigten Lügenpresse.

Diesem Prinzip bleiben die Darmstädter auch bei ihrer jüngsten Wahl treu: Sie entschieden sich für „Volksverräter“, „weil es ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten ist“ und „gegenüber PolitikerInnen undifferenziert und diffamierend“ sei. Diese Begründung der Jury „aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einem Journalisten“ durfte die Sprecherin Prof. Dr. Nina Janich vom Institut für Sprach- & Literaturwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt verkünden.

Manche, die sich zur journalistischen oder bildungspolitischen „Elite“ rechnen, bezeichnen das von ihnen verachtete Volk gerne als „bildungsferne Schichten“. Ein Wort, das es im Übrigen nicht geschafft hat, von der Jury als „Unwort“ erwählt zu werden. Umso dümmer, wenn man Vertreter dieser Gattung selbst bei ihrem bescheidenen Bildungsstand erwischt. Der scheint bei der professoralen Jury auf Wikipedia zu gründen, wo man lesen kann:

„Der Begriff Volksverrat wurde in der Sprache des Nationalsozialismus geprägt. Er entstand nach dem Ersten Weltkrieg im Sprachgebrauch der Rechtsextremen als Bezeichnung für die demokratisch geprägten Anhänger der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung führten die Nationalsozialisten den Tatbestand des Volksverrates im Strafrecht ein.“

Dabei könnte die Erkenntnis doch so nahe liegen, denn ebenfalls in Darmstadt ist die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ansässig, die seit 1951 den Georg-Büchner-Preis als Literaturpreis vergibt. Dieser Georg Büchner lebte 1813 – 1837, also lange vor dem Faschismus in Deutschland, und ist der Bruder des ersten Freidenker-Vorsitzenden Prof. Ludwig Büchner. Er ist besonders als Literat und Revolutionär des Vormärz bekannt, und mit seiner 1834 verfassten Flugschrift „Hessischer Landbote“ rief er die hessische Landbevölkerung zur Revolution gegen die Unterdrückung auf. Der Landbote erschien unter der legendären Losung „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“, Büchner wurde steckbrieflich gesucht, musste fliehen und starb 23-jährig in Zürich.

Wer nicht der Umkehrung von Büchners Losung in „Krieg den Hütten! Friede den Palästen!“ huldigt, könnte, sollte wissen, dass die Rede von den „Volksverrätern“ nicht der Nazi-Propaganda, sondern einem der wichtigsten literarischen Zeugnisse der Bürgerlichen Revolution in Deutschland entstammt:

Georg Büchner: Der Hessische Landbote – Kapitel 1

(…) Denn was sind diese Verfassungen in Deutschland? Nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich herausgeklopft haben. Was sind unsere Landtage? Nichts als langsame Fuhrwerke, die man einmal oder zweimal wohl der Raubgier der Fürsten und ihrer Minister in den Weg schieben, woraus man aber nimmermehr eine feste Burg für die deutsche Freiheit bauen kann. Was sind unsere Wahlgesetze? Nichts als Verletzungen der Bürger- und Menschenrechte der meisten Deutschen. Denkt an das Wahlgesetz im Großherzogtum, wonach keiner gewählt werden kann, der nicht hochbegütert ist, wie rechtschaffen und gutgesinnt er auch sei, wohl aber der Grolmann, der euch um die zwei Millionen bestehlen wollte. Denkt an die Verfassung des Großherzogtums. – Nach den Artikeln derselben ist der Großherzog unverletzlich, heilig und unverantwortlich. Seine Würde ist erblich in seiner Familie, er hat das Recht, Krieg zu führen, und ausschließliche Verfügung über das Militär. Er beruft die Landstände, vertagt sie oder löst sie auf. Die Stände dürfen keinen Gesetzesvorschlag machen, sondern sie müssen um das Gesetz bitten, und dem Gutdünken des Fürsten bleibt es unbedingt überlassen, es zu geben oder zu verweigern. Er bleibt im Besitz einer fast unumschränkten Gewalt, nur darf er keine neuen Gesetze machen und keine neuen Steuern ausschreiben ohne Zustimmung der Stände. Aber teils kehrt er sich nicht an diese Zustimmung, teils genügen ihm die alten Gesetze, die das Werk der Fürstengewalt sind, und er bedarf darum keiner neuen Gesetze. Eine solche Verfassung ist ein elend jämmerlich Ding. Was ist von Ständen zu erwarten, die an eine solche Verfassung gebunden sind? Wenn unter den Gewählten auch keine Volksverräter und feige Memmen wären, wenn sie aus lauter entschlossenen Volksfreunden bestünden?! Was ist von Ständen zu erwarten, die kaum die elenden Fetzen einer armseligen Verfassung zu verteidigen vermögen! – Der einzige Widerstand, den sie zu leisten vermochten, war die Verweigerung der zwei Millionen Gulden, die sich der Großherzog von dem überschuldeten Volke wollte schenken lassen zur Bezahlung seiner Schulden. – Hätten aber auch die Landstände des Großherzogtums genügende Rechte, und hätte das Großherzogtum, aber nur das Großherzogtum allein, eine wahrhafte Verfassung, so würde die Herrlichkeit doch bald zu Ende sein. Die Raubgeier in Wien und Berlin würden ihre Henkerskrallen ausstrecken und die kleine Freiheit mit Rumpf und Stumpf ausrotten. Das ganze deutsche Volk muß sich die Freiheit erringen. Und diese Zeit, geliebte Mitbürger, ist nicht ferne. – Der Herr hat das schöne deutsche Land, das viele Jahrhunderte das herrlichste Reich der Erde war, in die Hände der fremden und einheimischen Schinder gegeben, weil das Herz des deutschen Volkes von der Freiheit und Gleichheit seiner Voreltern und von der Furcht des Herrn abgefallen war, weil ihr dem Götzendienste der vielen Herrlein, Kleinherzoge und Däumlings-Könige euch ergeben hattet. (…)

Die Bürgerliche Revolution in Deutschland lag bereits in ihren letzten Zügen, als Wilhelm Wolff, Freund von Karl Marx und Redakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“, als Breslauer Abgeordneter am 26. Mai 1849 ans Rednerpult des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments trat und erklärte: „Wenn überhaupt eine Proklamation zu erlassen ist, so erlassen Sie eine, in welcher Sie von vornherein den ersten Volksverräter, den Reichsverweser, für vogelfrei erklären.“ (Zuruf: „Zur Ordnung!“ – Lebhafter Beifall von den Galerien,) „Ebenso alle Minister.“ (Erneuerte Unruhe.) „Oh, ich lasse mich nicht stören; er ist der erste Volksverräter.“ (MEW Bd.14, S. 465)

Wenn also „Volksverräter“ ein „typisches Erbe“ ist, dann eines der demokratischen Revolution in Deutschland. Schließlich sei noch ein jüngeres Dokument in Erinnerung gerufen: der Aufruf des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei an das deutsche Volk zum Aufbau eines antifaschistisch-demokratischen Deutschlands vom 11. Juni 1945, in dem gefordert wird:

„Außer der Bestrafung der großen Kriegsverbrecher, die vor den Gerichten der Vereinten Nationen stehen werden, strengste Bestrafung durch deutsche Gerichte aller jener Nazis, die sich krimineller Verbrechen und der Teilnahme an Hitlers Volksverrat schuldig gemacht haben.“

Fazit: Volksverräter und postfaktisch lügende Medien muss man beim Namen nennen, nicht unter Schutz stellen, und nicht Kritiker als „Überbringer der schlechten Nachricht köpfen“.

Klaus Hartmann
Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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13 Kommentare zu: “Maulkorberlass: Wort und „Unwort“ des Jahres

  1. SICH ETWAS NICHT AUSREDEN LASSEN

    BRAVO, und vielen Dank für diese gründliche und positionssichere Aufklärung, Herr Hartmann!

    Na dann hoffen wir mal, dass so etwas „Ketzerisches“ — kritische Aufklärung und Denkschriften sind seit Merkel ja nicht mehr erwünscht — nicht demnächst von dem vom Terror-Veitstanz befallenen Neofaschisten („#Terrorthomas“) de Maiziere und seinem paranoiden Gedankeneinpeitsch-Ministerium — ‚Minigedank‘, Orwell lässt grüßen — als Fake-News oder ähnliches deklariert, gelöscht und deren Verfasser ohne Verfahren in den Knast gesteckt werden.

    Die Wahrheit liegt dann halt nur noch im Auge de Maizieres.

    (Vollkommen notwendige und berechtigte) Kritik an der durchtriebenen Establishment-H*re Merkel wird dann bald unter Todesstrafe gesetzt … es sei denn, man heißt Donald Trump, dann wird man medial auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

  2. Stichwort ‚Lügenpresse‘:

    Es heißt ja nicht umsonst ‚lügen wie gedruckt‘ .
    Die ‚Junge Welt‘ titelte mal:
    „Sie lügen wie gedruckt – wir drucken wie sie lügen“
    Lügenpresse also mal andersherum: Offenbarung von Lügen durch das Printmedium.
    Das ist doch durchaus ehrenwert!?

    Solange also nicht geklärt ist, welcher Deutungsmodus nun mit dem Wort ‚Lügenpresse‘ eindeutig verknüpft ist (und das ist,- siehe Beispiel -, schlicht unmöglich) kann nicht einfach eine Alternative der Ambivalenz zum Unwort erklärt werden, während es eine gleichberechtigte andere Alternative gibt, die durchweg positiv konnotiert ist.
    Allein schon an dieser unstimmigen Dichotomie dank schwachbrüstiger Wortdeklaration sollte klar geworden sein, womit man es zu tun hat:
    Mit verschwurbelter Möchtegerndeutelei.

  3. Das Wort Lügenpresse bringt eine Unzufriedenheit mit der Berichterstattung auf den Punkt.
    Vielleicht währe ein neusprech Begriff wie “ deinformativer Journalismus “ auch möglich, würde aber ein wenig sperrig auf Demonstrationen erscheinen.
    Ich verstehe jedenfalls was mit Lügenpresse gemeint ist.
    Wenn sich Journalisten oder Pressevertreter angegriffen fühlen, ist ja schon mal eine ganze Menge erreicht.
    Nicht wahr ihr Penner von der Blödzeitung.

  4. …“Menschenmaterial“ war auch ein Unwort und „Human Ressources“ steht außen an den meisten Personalabteilungen…

    Lassen wir doch diese gelangweilten Akadämliker in deren Schlau-Schlau-Stuben einfach weiter Zensur spielen und lachen dann herzlich, wenn diese sich ihre peinlich dummen Erklär-Verlotterungen aus den blutleeren Hirnen flatulieren 😉

    peace

  5. Interessante Verbindungen zum eigentlichen Ursprung der Worte, danke.

    Ich sehe in dieser Wahl des Unwortes auch eine Verzweiflungstat, denn anscheinend scheint das Wort „Volksverräter“ schon recht weit verbreitet zu sein, wobei mit der Wahl weiter für seine Verbreitung gesorgt wird.

    Vielleicht ist die Motivation hinter der Wahl eine Polarisierung der Gesellschaft – in diejenigen die wissen, dass es zutrifft und es nun umso häufiger verwenden, und in jene, denen es dazu dient, die erste Gruppe in die rechte Ecke zu schieben. Längerfristig wird der Schuss nach hinten losgehen, und immer mehr werden verstehen, daß eine Wahrheit darin liegt. Was hängen bleibt ist das Wort an sich, der dargestellte Kontext wird in einigen Jahren vergessen werden.

    • ‚Volksverräter‘ verschleiert ja auch, dass ‚Volk‘ ja ungleich ‚Nation‘ ist und es außerdem ein ‚Sprachvolk‘ gibt oder eine ‚Menschenmenge‘ (aus ganz unterschiedlichen Völkern/Nationen zusammen gesetzt) gemeint sein kann oder die ‚Bevölkerung‘ (die ebenfalls völlig unterschiedliche genetische, nationale, sprachliche Typen beinhalten kann) u.ä.

      ‚Volksverräter‘ ohne klar definierten Bezug ist somit einfach sinnlos.
      Das ist ‚Unwort‘ übrigens auch, denn natürlich sind die so bezeichneten Begriffe ‚Worte‘ und nicht ‚Nicht/Kein-Worte‘, was ‚un-‚ ja besagt 😉

      Da also hiervon keine sprachliche Förderung durch Bereinigung von Un-Sinnigkeiten ausgeht, muss man den Sinn woanders suchen gehen.

      In diesem Fall kann man wohl von einer Stigmatisierungsabsicht ausgehen, die dazu dienen soll, dass Wort ‚Volk‘ und die damit assoziierbaren Identitätsmöglichkeiten wie -kräfte zu unterminieren, denn spätestens seit der DDR hat durch ‚WIR sind das Volk!‘ für die Herrschaftsclique das Volk einen unappetitlichen, weil Machthunger abspeisenden Kontext bekommen 😉
      Ist aber auch nur ne Randnotiz einer Fußnote….

    • Stigmatisierungsabsicht – das ist sehr gut möglich. Unterminieren des Wortes „Volk“ auch möglich, wobei das Wort nicht genau definiert ist (aber wer steuert seine Emotionen schon nach dem Wörterbuch).

      Brockhaus (2003): „Volk allg: vielschichtiger, unterschiedlich definierter Begriff….“ Weiter daraus in abgekürzter Form: Volk z.B. die Mannschaft eines Schiffes, die Angehörigen eines Heerhaufens, die breite Masse, die einfachen Mitglieder einer Gesellschaft, eine Ethnie, eine ideelle Einheit…Volk spricht im Ggs. zu Nation emotionale Erfahrungen an, Nation eher Einheit politischer Willensbildung. Und es heißt: „Die Unbestimmtheit beider Begriffe fördert ihren demagogischen Gebrauch, was zur Diskreditierung des Begriffes Volk (und besonders des Begriffs „völkisch“) nach der nationalsozialistischen Zeit führte.“

      Verschiedene Völker wie zB ein Bienenvolk gibt es unter Menschen nicht.

      Das Wort Volksverräter ist damit sinnlos – da bin ich bei Ihnen, aber wie gesagt, wer denkt schon über die Worte nach…und das, was die Leute die es benutzen damit meinen, trifft schon zu (sie meinen wahrscheinlich, daß die einfachen Leute verraten/verarscht/ abgezockt/ ausgebeutet werden, und das ist ja korrekt. Das Wort ist unscharf wie so viele andere Worte, bei denen mehrere Bedeutungen mitschwingen).

  6. „Das Wort des Jahres wählt eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, für 2016: „postfaktisch“. Das Wort verweise darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.“

    Was für ein bullshit!?
    Vergewaltigung der Semantik sollte auch bestraft werden 😉
    ‚post-faktisch‘ heißt nichts anderes als dass das, worauf ‚postfaktisch‘ attributiv verwendet wird, sich zeitlich wie konsquenztechnisch ‚hinter einem bereits Geschehenem‘ befindet.

    Die Deutung wie eingangs zitiert ist reine Willkür und wird vom Dumpfbackentum befeuert, weil unkritisch übernommen und mit Pseudoverständnis eifrigst gestreut, weil ja so billig nutzbar ohne sich die Hände schmutzig zu machen, um andere zu diskreditieren, ohne dabei auch nur einen hauch in die Nähe eines Arguments gekommen zu sein.

    Selbst FALLS man geneigt wäre diese Dummbeuteldeutung zu akzeptieren, sollte klar sein, dass Emotionen mindestens ein ebenso wichtiges Momentum sind wie sogenannte ‚Fakten‘ (über deren wahre Bedeutung und Verwendung man auch trefflich diskutieren könnte), denn erstens sind Emotionen auch ‚Fakt‘ und zweitens ist es z.B. zwar zweifellos ‚Fakt‘, dass wir Steuern zahlen müssen, mein gefühl trügt muich aber ganz sicher nicht, dass hier etwas grundlegend falsch läuft, wodurch also der Fakt-Status von Steuern allein durch dies nicht richtiger wird 😉

    • Naja, es bürgern sich halt Bedeutungen ein, die nicht immer genau der Semantik entsprechen. Allerdings ist die Bedeutung nicht wirklich gut mit [i]“dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.“[/i] wiedergegeben, auch dann nicht, wenn wir Emotionen wertschätzen. Stattdessen wird es gewöhnlich in der Form [i]Meine Fakten sind wahr, und du hast gar keine[/i] genutzt. Man sollte daher dringend vom Gebrauch des Wortes absehen – auch als Spiegelung des Gegenübers ist es nur bedingt hilfreich.

    • Eine wohltuende Aussage:
      ‚post-faktisch‘ heißt nichts anderes als dass das, worauf ‚postfaktisch‘ attributiv verwendet wird, sich zeitlich wie konsequenztechnisch ‚hinter einem bereits Geschehenem‘ befindet.

      Heute nachmittag kamen mir ähnliche Gedanken, auf anderem Gebiet. Meine Audio-Software hat da 2 Optionen bei den Effekteinspielungen:
      1.) Postfader (Fader=Laustärkeregler)
      2.) Prefader

      Die gleiche Nummer, mal werden sie nach(post), mal vor(pre) dem eigentlichen Prozess der Dynamik eingespielt.
      Offenbar hat sich die Jury nach m.M. in der Kategorie geirrt. Es müsste zum UNWORT des Jahres gekürt werden.

      Weitere Unworte des Jahres hätten auch sein können: „Friedensmission“ oder auch „Vornepräsenz“.

  7. Die „bürgerliche Revolution“ Oje 😉
    Das wäre ja fast so, als wenn man sagen würde, dass die Arbeit vom Chef gemacht würde – Haha!
    Das Problem ist, dass man ja kein „Volk“ verraten kann. Man kann einem „Volk“ rein gar nichts, weil „Volk“ ja ein abstrakter Kollektivbegriff ist. Dieser Kollektivbegriff wurde von den Herrschenden (auch den linken Ausbeutern) genutzt, um Interessengegensätze und andere Widersprüche zwischen den Klassen verschwinden zu lassen.
    Ich finde es gut, dass diese ganzen Ausdrücke einer verkommenen politischen Religion, vor allem die des Bürgertums, verschwinden. Ich finde es nicht gut, wenn sie von staatswegen verschwinden sollen, weil das nichts mit dem Bewusstsein der Arbeiterklasse zu tun hat. Sie lässt sich nur dadurch in die Antithese treiben und fühlt sich ganz stark, wenn sie sich „das jetzt nicht auch noch verbieten lässt“.
    Genauso wie das Rauchen, sind die politische Religion und ihre Begriffe dem Bedürfniss der Menschen entgegengestellt. Aber heute gilt es als Widerstand, zu rauchen und diese ganzen vertrockneten Auffassungen zu rezitieren, eben weil das Verbot nicht aus dem Bewusstsein der Einzelnen gekommen ist, sondern aus einem „Du sollst!“ von Oben.
    Hierin offenbaren sich wieder die desaströsen Einflüsse einer Obrigkeit über den Menschen.

    Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass sich der Autor schützend vor den Begriff „Volk“ im „Volksverräter“ wirft, aber, in meinen Augen vollkommen zu Recht, die Faschisten „Faschisten“ nennt…

  8. Das Wort des Jahres wählt eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, für 2016: „postfaktisch“. Das Wort verweise darauf, „dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht.
    Interessanterweise habe ich vor einigen Tagen auf N24 etwa folgenden Satz von einem Kommentator gehört:
    „Die gefühlte Sicherheit hat abgenommen und das ist Fakt!“ Das Thema war, wenn ich mich recht erinnere, Terrorismus in Deutschland.

    Doppelmoral?

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