Mein Auto und ich

Gut vernetzt und autonom im Hier und Jetzt

Eine Satire von Wolfgang Bittner.

Früher war mein Auto für mich ein Gebrauchsgegenstand. Ich stieg ein, hatte ein bestimmtes Ziel und fuhr los. Manchmal musste ich unterwegs auf einen Stadtplan oder eine Landkarte schauen, um mein Ziel nicht zu verfehlen. Und wenn ich auf längeren Fahrten müde wurde, trank ich Coca-Cola oder ich fuhr auf einen Parkplatz und versuchte, ein wenig zu schlafen.

Das ist schon des Längeren vorbei. Seit ich meinen neuen E-Spektra-Solosolar der Premiumklasse besitze, ist alles ganz anders, geradezu beglückend. Wenn ich irgendwohin will, nenne ich mein Ziel, mache es mir auf dem Massagesitz bequem, höre meine Lieblingsmelodien und lasse mich verwöhnen, besonders auf längeren Fahrten, die ich früher gehasst und jetzt lieben gelernt habe.

Die lebensgefährdenden Autobahnen meide ich natürlich, fahre gemütlich mit der autonomen Steuerung auf Nebenstrecken und lasse es mir mit einem Cappuccino oder Latte Macchiato gut gehen. Meldet sich unterwegs der kleine Hunger, weise ich den Freezer an, einen Hamburger oder Hotdog zur Mikrowelle zu schicken und wenig später wird mir der gewünschte Snack serviert. Danach gibt es ein kühles Bier, natürlich alkoholfrei. Werde ich müde, ist dagegen ein frisch gebrühter Kaffee das Richtige. Und überkommt mich ein Sekundenschlaf, gestattet mir die autonome Steuerung ein Minutenschläfchen. Wunderbar bequem auch die integrierte umweltfreundliche Chemokassettentoilette.

Es ist fantastisch, manchmal glaube ich zu träumen. Inzwischen fühle ich mich in meinem Auto wohler als in meinem Bett. Kein Vergleich! Kann ich nachts nicht schlafen, steige ich ein, fahre ein wenig in der Gegend herum und genieße den mir gebotenen Komfort. Komme ich schließlich wieder in der heimischen Garage an, gebe ich Anweisung, die Liegeposition zu aktivieren und schlafe noch ein paar Stunden wie in Abrahams Schoß.

Der Morgen beginnt mit sanften Tönen und einer Ganzkörpermassage. Ich erfahre Blutdruck, Pulsfrequenz, Temperatur und Wetteraussichten, rasiere mich, mache mich frisch und während des Frühstücks mit Toast und auserlesenen Konfitüren schaue ich mir die Morgennachrichten an. Meine auf ein Minimum reduzierte Wohnung nutze ich fast nur noch zum Kleiderwechsel und gelegentlichen Duschen. Auf dem Weg ins Büro rufe ich meine Mailbox auf und erledige schon mal die wichtigste Korrespondenz, auch das eine oder andere Telefonat. Angekommen, fällt es mir jedes Mal unsäglich schwer, auszusteigen.

Ich muss gestehen, dass ich mir mein Leben ohne meinen voll vernetzten rundum gewarteten E-Spectra-Solosolar P gar nicht mehr vorzustellen vermag. Können Sie das eventuell nachvollziehen? Ich möchte Sie ermutigen, because that’s the future!

Von Wolfgang Bittner erschien 2017 der Satireband „Die Abschaffung der Demokratie“, 2019 das Sachbuch „Der neue West-Ost-Konflikt – Inszenierung einer Krise“.

Siehe auch KenFM im Gespräch mit Wolfgang Bittner: https://kenfm.de/wolfgang-bittner-die-abschaffung-der-demokratie/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle:  simona pilolla 2 /shutterstock

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3 Kommentare zu: “Mein Auto und ich

  1. Also mit Autos und verstopften Straßen könnten wir in einem beginnenden Manöver oder Kriegs-Fall gen Osten die Straßen durch Staus blockieren und somit zeigen, dass wir diese doofen Manöver und Kriege nicht wollen.
    Die plötzliche Feindschaft gegen das Auto durch angeblich "progressive" und "umweltbewusste" Kräfte ist schon sehr merkwürdig. Wer weniger mobil ist, ist auch wehrloser und kann im Zweifelsfall die Grenze schlechter erreichen und schlechter fliehen.

    Übrigens: Sogar die Münchner DFG-VK (linksliberal, umweltbewusst und tolerant), die älteste deutsche Friedensbewegung,wurde kürzlich in einigen Münchner Zeitungen drangsaliert und mit der bekannten Keule bedrängt. Ich vermute, es ist wegen der SIKO und wegen dieses Defender 20. Will man will die Friedensbewegung diskreditieren, damit weniger zur Anti-Siko-Demo kommen und damit dieses Riesenmanöver nicht gestört wird?

    • Zu A. Eberl:
      Ein Missverständnis.
      Keine generelle Ablehnung des Autos, sondern Satire gegen die Hypertechnisierung und Überwachung. Es gibt immer weitere Teststrecken für autonomes Fahren, die Armaturen der neuen Autos gleichen denen im Cockpit eines Propellerflugzeugs, und bei einem kleinen Softwarefehler streikt das ganze Auto. Vielleicht ist das Bild zum Text etwas unglücklich.
      Übrigens fahren Panzer problemlos über eine ganze Kolonne von PKWs, und in einem Katastrophenfall sind die Straßen vollkommen verstopft.
      Freundliche Grüße
      WB

  2. wundervoll 😉 ich schlage vor, den liegesitz mit fuhrwerk zu versehen – skizze läßt sich hier nicht mitsenden – taugt damit auch im büro, nach einigen generationen hat sich der körper angepaßt und benötigt weniger platz und nahrung … embryo for ever

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