Mein Katalonien

Eine Chronik der Ereignisse zum ersten Jahrestag des Unabhängigkeitsreferendums.

von Laurent Stein.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, der Titel ist zu hoch gegriffen. Weder habe ich auf der Seite einer marxistischen Miliz Bürgerkriegsgefechte ausgetragen, noch habe ich ein Jahr Erasmus in Barcelona verbracht. Schlimmer noch: In meinem Kleiderschrank befindet sich ein sorgfältig gefaltetes Trikot von Real Madrid. Nummer 7. Raúl. Kosten: 7€ auf einem italienischen Sonntagsmarkt. Spätestens jetzt wird mir wohl kaum ein Katalane meine Unbefangenheit bei diesem Thema mehr abkaufen.

Das ist aber noch nicht das Ende der Geschichte. Meine Beziehung zu Katalonien beruht auf zweierlei Elementen: Mehrfache Sommerurlaube in der Hauptstadt und eine stolze katalanische Tante. Vor allem aufgrund dieser familiären Verbindung war Katalonien schon immer ein emotional aufgeladenes Thema bei uns zuhause am Essenstisch. Während der Diskussionen, die oftmals eine Lautstärke annehmen, bei der meiner Meinung nach kein vernünftiger Meinungsaustausch mehr möglich ist, bin ich seit jeher die selbe Politik gefahren: Schnauze halten. Das Thema erschien mir einfach viel zu groß und erinnerte mich von der Gesprächsführung her stark an Debatten über den Nahostkonflikt. Marc-Uwe Kling hat das in seinem „Känguru Manifest“ einmal genial mit der Metapher des Vorwurfskarussells beschrieben. Die Diskussionsteilnehmer steigen ein und mit jeder Kritik, die sie sich um die Ohren schlagen, dreht sich das Karussell schneller. Am Ende steigen alle am selben Punkt aus, an dem sie eingestiegen sind, nur dass ihnen zusätzlich noch schlecht geworden ist.

Vielleicht ist es aber auch gerade dieser raue Ton, der dafür gesorgt hat, dass seit Jahren in meinem Hinterkopf die Frage danach schwebte, woher die Schärfe in der Kataloniendebatte eigentlich rührt. Wie kommt es, dass bei uns in Bayern selbst alteingesessene Urgesteine, die in ihrem Leben gefühlt nie jenseits des Weißwurstäquators gewesen sind, über die Abspaltungspläne der Bayernpartei nur schmunzeln können, während sich in Katalonien breite Teile der Bevölkerung mit Herzblut für eine Unabhängigkeit stark machen? Spätestens seitdem der Fall Katalonien mit der Inhaftierung Puigdemonts eine deutsche Komponente dazu gewonnen hat, war mir klar, dass es höchste Zeit ist, sich ein möglichst umfassendes Bild von dieser Angelegenheit zu verschaffen. Die folgenden Textzeilen sind mein Versuch eine möglichst ungefärbte Zusammenfassung der gesamten „Causa Catalana“ zu Papier zu bringen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird selbstverständlich nicht erhoben.

Die Geburt des Katalanismus

„Spanien besteht nicht aus einem einzigen, sondern aus verschiedenen Wesen. Die Politiker sollten diese Tatsache akzeptieren und ihren Ehrgeiz darauf beschränken, eine brüderliche und ehrenvolle Harmonisierung der mitunter gegensätzlichen Ambitionen unserer alten Provinzen zu erreichen, die meistens auch unterschiedliche Nationen darstellen. […] Manch einer wird klagen, dass das eine Zerstörung der spanischen Einheit darstellt. Vielmehr ist aber dies der Schlüssel für die wahre Einheit Spaniens. Was damit zerstört wird, ist nicht die Einheit, sondern die Uniformität.“ – Joan Guardiola, 1851.

Dieses Zitat des Namensvetters einer weitläufig bekannten katalanischen Trainerlegende hat mehr als 165 Jahre nach seiner Niederschreibung nichts an Aktualität eingebüßt. Es zeigt nicht nur den Weg auf, den Spanien zu einer wirklichen innerspanischen Versöhnung bestreiten müsste, sondern ist auch Zeugnis des katalanischen Selbstverständnisses.

Um den geschichtlichen Faden nicht zu weit zu spannen, startet diese Abhandlung zur Zeit der Renaixença – der „katalanische Renaissance“. Es handelt sich dabei um eine Bewegung ab dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, welche sich für die Wiederbelebung und Verbreitung katalanischen Sprach- und Kulturgutes einsetzt. War die Bewegung in ihrer Anfangszeit noch eine rein kulturelle, so lieferte sie doch das Fundament für den sich entwickelnden politischen Katalanismus. Dieser Aufschwung, der auf Jahre des kulturellen Niedergangs und politischer Machteinbußen folgte, erklärt sich hauptsächlich aus dem wirtschaftlichen Erstarken dieser an der Costa Brava gelegenen Region im spanischen Nordosten. Ein Blick auf verschiedene sozioökonomische Indikatoren, vor allem um die Jahrhundertwende, verdeutlicht inwieweit die Disparitäten zwischen der katalonischen Peripherie und dem kastilianischem Zentrum inzwischen angewachsen waren. So wurden beispielsweise im Jahr 1918, 42 Prozent des industriellen Steueraufkommens in Katalonien erwirtschaftet. Vor allem die florierende Textilindustrie hatte großen Anteil an der ökonomischen Blüte der Region und übertraf den Nettoproduktionswert der gesamtspanischen Eisenindustrie zeitweise um das Sechsfache.

Für Spanien und Katalonien im Besonderen, war das gesamte 19. Jahrhundert aber auch eine Zeit ständig wiederkehrender Bürgerkriegsgefechte. Verschiedene ideologische Strömungen rangen um eine Umverteilung der politischen Macht, welche sich zu einem überwältigen Anteil in den Händen der Monarchie befand. Obgleich Katalonien selbst tief gespalten war (vor allem entlang der städtisch-ruralen Grenzen), lässt sich das regionale Selbstverständnis dieser Epoche gut auf einen Nenner bringen: Man sah sich als eigenständige Nation, die gleichzeitig einen integralen Bestandteil des spanischen Staatenverbundes darstellten sollte. Von Katalonien aus entstand eine heterogene Front gegen die Privilegien der Monarchie und die ungehörte Forderung nach der Aufnahme föderaler Elemente in die spanische Verfassung.

Erste Diktaturserfahrungen und enttäuschte Autonomiebestrebungen

Nach Ende des 1. Weltkrieges blieb auch Katalonien nicht von der Nachkriegsdepression verschont. Alleine in Barcelona mussten 140 Textilfabriken ihre Pforten schließen. Da bereits zuvor der Großteil der erwirtschafteten Profite in den Händen der Unternehmer gelandet war, verstärkte der wirtschaftliche Niedergang den Unmut der Arbeiter, der sich regelmäßig in massiven Protestwellen entlud. Als Antwort auf diese Entwicklung wandten sich die katalanischen Arbeitgeber zusehends in Richtung des Zentralstaates, um mit dessen Hilfe die eigenen Interessen zu wahren. Selbst Diktator Miguel Primo de Rivera erhielt für seinen Staatsstreich Unterstützung aus der Wirtschaft und bedankte sich im Gegenzug mit den höchsten Schutzzöllen Europas für die katalanische Industrie.

Mit fortschreitender Herrschaftsdauer wandte sich das Blatt jedoch schnell. Die Unterstützer des Diktators, die anfänglich gehofft hatten mit seiner Hilfe die katalanischen Autonomiebestrebungen voran treiben zu können, wurden bitter enttäuscht. Primo de Riveras Lösung für die „katalanische Frage“ war eine strikt antikatalanische Politik. Fahne und Hymne wurden verboten, ebenso wie der Gebrauch des katalanischen im Umgang mit den Behörden. Später trieb er diese Politik so weit, dass es zum Verbot von Zeitungen und zur Schließung von zahlreichen Schulen, Hochschulen und kulturellen Organisationen kam. 1925 wurde sogar der FC Barcelona verboten. Doch wie der „War on Drugs“ beseitigte auch der „War on Catalanism“ nicht das Problem, sondern drängte es schlicht in die Illegalität.

Nach dem Scheitern der Diktatur offenbarte sich schnell die wahre Stärke des Katalanismus. Bei den Kommunalwahlen vom April 1931 errang das linkskalatanische Bündnis ERC einen deutlichen Wahlsieg und rief in der Folge, die „katalanische Republik“ als Staat aus, die Teil einer Iberischen Föderation werden sollte.
Das anschließend verhandelte Statut von Núria brachte Katalonien zwar erstmals die lange ersehnte Autonomie, erfuhr jedoch vor seiner Verabschiedung durch das spanische Parlament erhebliche Beschneidungen. Die autonome Regierung Kataloniens (Generalität) wurde so in vielfältiger Art und Weise in Abhängigkeit von Madrid gehalten.

Die Geschichte wiederholt sich

Die katalonische Autonomie hatte kaum ein paar Jahre bestand, da wurde sie schon wieder beseitigt. Der spanische Bürgerkrieg hatte die Generalität zusehends geschwächt und endete mit einem Sieg der rechtsgerichteten Putschisten unter General Franco. Dieser griff die Katalonienpolitik seines Diktator-Vorgängers Primo der Rivera auf und leitete nach seiner Besetzung Kataloniens sofort eine umfassende „Säuberung“ ein. Systematische und brutale Repression gegen alles Katalanische war die Folge, bei der es zu massenhaften Exekutionen und Inhaftierungen von Regierungsgegnern kam und sich das Katalanische abermals in die Illegalität gedrängt sah. Selbst Kinder wurden dazu angehalten sich auf dem Pausenhof in der „Sprache des Reiches“ zu unterhalten.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges sah sich Diktator Franco gegenüber den Alliierten jedoch zu einigen Zugeständnissen gezwungen. Langsamen Schrittes wurde die Zensur gelockert und schon bald wurden die Franquisten mit den Folgen ihrer methodischen Unterdrückungspolitik konfrontiert. Wie schon Jahrzehnte zuvor hatte die Repression den Katalanismus nicht etwa beseitigt, sondern stärker befeuert denn je. In ganz Katalonien war das Gefühl einer nationalen Identität gereift. Dieses wurde durch die wirtschaftliche Ausnahmestellung der Region, bei gleichzeitig immenser finanzieller Abhängigkeit vom Zentrum nur noch weiter verstärkt. So entschied Madrid beispielsweise 1970 über 92,6% aller Steuereinnahmen, was zur Folge hatte, dass z.B. in den Jahren 1971/72 von 102 Milliarden Peseten Steuereinnahmen aus Katalonien, lediglich 42 Milliarden dorthin zurück flossen. Als sich das Ende der Diktatur abzeichnete, wuchs die Hoffnung auf bessere Zeiten. Im Jahr 1970 verkündeten 300 Intellektuelle das „Manifest von Barcelona“, in dem sie ihrem Wunsch nach einem „wahrhaft demokratischen Staat, der das Selbstbestimmungsrecht der Völker gewährleiste“ Ausdruck verliehen.

Transición

Nach dem Tod des Diktators Francisco Franco stand Spanien vor der Herausforderung ein diktatorisches System in ein demokratisch-parlamentarisches zu transformieren.
Unterdessen hatte in Katalonien erwartungsgemäß vor allem eines oberste Priorität: Die Ausarbeitung eines neuen Autonomiestatuts. Folglich wurde schon bald nach der Wiederherstellung der Generalität, im Jahr 1978 das „Statut von Sau“ formuliert und dem spanischen Parlament vorgelegt. Dieses wurde nach einem zähen Ringen und zahlreichen Beschneidungen schließlich durch das Parlament gewunken und bei einem Volksentscheid im Oktober 1979 von der katalonischen Bevölkerung angenommen. Da das Statut im Hinblick auf seine Befugnisse kaum über das aus dem Jahr 1932 hinaus ging, zeigte sich schon an der geringen Wahlbeteiligung von unter 60 Prozent, dass man in Katalonien nicht vollends zufrieden mit der endgültigen Fassung war. Auch waren die zugesprochenen Kompetenzen teilweise so schwammig formuliert, dass es zu deren Klärung häufig zu Auseinandersetzungen vor Gericht kam. Es war absehbar, dass eine endgültige Lösung des Problems nur in die Zukunft aufgeschoben worden war.

2003 kam, was kommen musste: Mit dem Rücktritt von Jordi Puyol, der es in 23 Jahren Amtszeit stets vermieden hatte über eine Neuverhandlung des Statutes zu sprechen, flammte das Thema alsbald wieder auf. Schon ein Jahr vor seinem Rücktritt hatten sich alle Parteien im katalanischen Parlament (mit Ausnahme des Partido Popular) für neue Verhandlungen mit Madrid ausgesprochen, um ihren Forderungen nach mehr Selbstbestimmung neue Geltung zu verleihen. Es dauerte nicht lange, bis mit der Regierungsübernahme der Sozialisten im Jahr 2004 dann schließlich auch in Madrid die notwendige Gesprächsbereitschaft hierfür gegeben war. Schnell arbeitete man in Barcelona einen neuen Entwurf für das angestrebte Statut aus und legte ihn der Zentralregierung vor. Wie es zu erwarten gewesen war, schlug der Entwurf hohe Wellen und tränkte die spanische Parteienlandschaft in hitzige Diskussionen. Der Partido Popular (PP) beschwor gar das „Ende des spanischen Nation“.
Letztendlich konnte die ursprüngliche Fassung jedoch nicht durchgesetzt werden. Knapp die Hälfte aller Artikel wurde abgeändert, bevor das neue Staut im Sommer 2006 nach der Unterschrift von König Juan Carlos I in Kraft trat. Zuvor war es in Katalonien mit einer klaren Dreiviertelmehrheit angenommen worden, wobei die Wahlbeteiligung von gerade einmal 50 Prozent abermals ein Indiz lieferte, inwieweit das Problem (nicht) aus der Welt geschaffen werden konnte.

Das Fass läuft über

Der Partido Popular beließ es nicht nur bei apokalyptischen Äußerungen. Vor Gericht erklärte die Partei dem neuen Autonomiestatut den Krieg. Vier zähe Verhandlungsjahre später, galten nunmehr 14 der insgesamt 277 Artikel des 2006er Autonomiestatutes als Verfassungswidrig und weitere 27 Artikel mussten sich einer „verfassungskonformen Neuinterpretation“ unterziehen. Unter den gestrichenen Artikeln befanden sich eine Reihe emotional aufgeladener Kernpassagen, wie die rechtliche Bindung des Begriffes der katalanischen „Nation“, das Recht auf den Aufbau eines katalanischen Justizsystems sowie den Vorrang der katalanischen Sprache gegenüber der Spanischen im regionalen Bildungssektor.

Nicht ohne Grund sehen viele äußere Beobachter in dieser gerichtlichen Entscheidung den entscheidenden Tropfen, der das katalanische Fass zum überlaufen gebracht hat und für einem erheblichen Vertrauensverlust gegenüber der spanischen Justiz gesorgt hat. Der andalusische Verfassungsrechtler Javier Perez Royo hat seit 2010 die Entscheidung des Verfassungsgerichtes mehrfach scharf kritisiert. In seinem in der katalonischen Zeitung El Periodico veröffentlichtem Kommentar „La ultima palabra“ (Das letzte Wort) schreibt er: „Das Verfassungsgericht hat den Verfassungspakt zerstört. […] Der Staat kann einer Gemeinschaft kein neues Statut auferlegen, dem die Bürger nicht ausdrücklich ihre Zustimmung gegeben haben“. Auch der spanische Verfasungsvater Miquel Roca Junyent schreibt kurz nach der Verkündung des Urteils in La Vanguardia: „Spanien hat ein Problem […] es wurde eine Tür geschlossen und mit ihr eine gesamte historische Etappe“.

Die Bevölkerung in Barcelona reagierte auf die Entwicklungen mit einem der größten Protestmärsche in der Geschichte der Region, an dem über 1,1 millionen Menschen teilnahmen. Angesichts des durch das Urteil befeuerten Vertrauensverlustes in die spanische Justiz, kann es sicherlich als ein ausschlaggebender Impuls für die heute allseits sichtbare Eskalation angesehen werden.

Referendum I & II

Im Jahr 2014 organisierte die katalanische Regierung eine Volksbefragung über die politische Zukunft der Region. Sie tat dies, obwohl ihr das Verfassungsgericht zuvor jedwede Form der Volksbefragung ausdrücklich verboten hatte.
Die Befragungszettel waren einfach aufgebaut. Eine erste Frage lautete: „Möchten Sie, dass Katalonien ein eigenständiger Staat ist?“. Wenn diese Frage mit ja beantwortet wurde, schloss sich eine zweite Frage an, nämlich: „Möchten Sie, dass dieser Staat unabhängig ist?“.
Von den 5,4 Millionen stimmberechtigten Katalanen gaben etwas mehr als 2,2 Millionen ihre Stimme ab, von denen sich wiederum 80 Prozent für eine Loslösung von Spanien aussprachen. Während der katalanische Regierungschef Artur Maß das Ergebnis zum Anlass nahm, um für ein legales Referendum zu werben, bezeichnete die Zentralregierung in Madrid das Ergebnis als „wertlos“.

Im Oktober 2017 hielt die katalanische Regierung ein weiteres Referendum ab. Die darauffolgenden Entwicklungen sind hinreichend bekannt: Polizeigewalt, Inhaftierung Puigdemonts und eine weitere Polarisierung der Gesellschaft. Laut den vom Regionalparlament veröffentlichten Ergebnissen, befürworteten 90% der 2,2 Millionen ausgezählten Stimmen eine katalanische Unabhängigkeit. Weitere 700.000 Stimmen sollen durch das Eingreifen der spanischen Polizei verloren gegangen sein. Darüber hinaus war wie schon 2014 die Mehrheit der Unabhängigkeitsgegner der Wahl fern geblieben.

Diese und unzählige weitere Zwischenetappen haben letzten Endes zu dem Desaster geführt mit dem wir uns nun fast täglich in Zeitungen und Nachrichten konfrontiert sehen. Die Volksrepräsentanten hüben wie drüben scheinen nicht in der Lage zu sein einen Weg aus der Eskalationsspirale zu finden. Schlimmer noch: Mit ihrem politischen Dogmatismus verschärfen sie die Fronten mit jedem Tag nur noch weiter. Was sich mit der EU und Griechenland (oder der Flüchtlingskrise, oder dem Brexit, oder …) im Großen zeigt, zeigt sich im Fall Katalonien (oder im Baskenland, oder in Schottland, oder…) im Kleinen: Wir haben auf unserem Kontinent noch immer nicht begriffen, was es bedeutet zusammen zu arbeiten.

Unlösbare „Causa Catalana“?

Etwas niedergeschlagen über die im Verlauf meiner Recherche gewonnene Erkenntnis über die schier grenzenlose menschliche Sturköpfigkeit, durchstreifte ich die digitalen Weiten des Internets auf der Suche nach konstruktiven Lösungsansätzen. Und siehe da, schon nach kürzester Zeit werde ich fündig! Auf dem spanischen YouTube Kanal Visualpolitik stoße ich auf ein Video mit dem Titel „Eine Alternative für Katalonien?“. Zu meiner großen Überraschung handelt das Video weniger von Katalonien als vom Zwergstaat Liechtenstein. Man lernt eine Menge. Vor allem, dass im sechstkleinsten Staat der Erde ein ganz eigenes Verständnis über das Recht auf Selbstbestimmung vorherrscht.

Liechtensteins 38.000 Einwohner verteilen sich auf 11 Gemeinden. Die nationale Konstitution räumt jeder Einzelnen dieser Gemeinden das Recht ein, sich auf Wunsch per Referendum von Liechtenstein loszusagen. So könnte Planken – eine 448-Seelen Gemeinde – sich von heute auf morgen dazu entscheiden, ein eigenes Land zu bilden. Dieses bemerkenswerte Maß an Eigenständigkeit, zieht sich wie ein roter Faden durch die Ebenen der poltischen Entscheidungsfindung – von Steuerfragen bis hin zur Einwanderungspolitik. Fürst Hans Adam II, das Staatsoberhaupt von Liechtenstein, hat das Modell seines Landes sogar bei den Vereinten Nationen vorgestellt, um eine Konvention über das in der UN-Charta verankerte Selbstbestimmungsrecht der Nationen voran zu treiben. Er ist davon überzeugt, dass Dezentralisierung eine Schlüsselkomponente effektiver Problembekämpfung darstellt. Je größer die Distanz zwischen Regierung und ihrer Bevölkerung sei, desto länger dauere es bis ein Problem überhaupt erkannt werde und desto mehr könne es sich in der Zwischenzeit zuspitzen.

Selbstverständlich unterscheiden sich die Ausgangssituationen in Liechtenstein und Katalonien in vielerlei Art und Weise und es wäre Naiv das Modell eins zu eins nach Spanien übertragen zu wollen. Nichtsdestotrotz kann es als ein positives Lehrbeispiel herangezogen werden. Spaniens heutige Politik erinnert unweigerlich an übervorsorgliche Eltern. Echte Kontrollfreaks, die in ihrer ständigen Sorge ihre Kinder einengen. Liechtenstein hingegen hat sich für einen anderen Erziehungsstil entschieden. Es bietet seinen Kindern mehr Freiräume zur Entfaltung und schafft es so, trotz aller Emanzipation, enger mit ihnen verbunden zu sein.

Ich persönlich ziehe daraus folgenden Schluss: Spanien liebt seine Kinder. Es traut sich nicht sie aus dem Haus gehen zu lassen und auch sonst erlaubt es ihnen nicht viel. Kinder die in solchen Verhältnissen aufwachsen, sind zwangsläufig unglücklich und neigen dazu rebellisch zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass die Kinder ihre Eltern nicht lieben. Würde es beiden Seiten gelingen – wie es in so vielen Familien der Fall ist – sich nach all den Jahren einmal offen und ehrlich auszusprechen und ein Gehör für die Bedürfnisse des anderen zu entwickeln, würden sich, mit etwas Geduld, völlig neue Perspektiven des Miteinanders auftun. Weniger Zwänge, mehr Empathie. Die Frage muss jedoch erlaubt sein, inwieweit dies in machtbasierten Parteisystemen überhaupt möglich ist.

Quellen:

  1. Collado Seidel, C. (2011): Kleine Geschichte Kataloniens.
  2. Bernecker, W., Eßer, T. (2007): Eine kleine Geschichte Kataloniens.
  3. https://www.nzz.ch/international/chronik-katalonien-und-spanien-eine-beziehungstragoedie-ld.1322761
  4. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/spanien-katalonien-stimmt-fuer-mehr-autonomie-1328174.html
  5. https://www.elperiodico.com/es/opinion/20100702/la-ultima-palabra-360388
  6. https://www.lavanguardia.com/politica/20100630/53955413265/espana-tiene-un-problema.html
  7. https://www.elperiodico.cat/ca/politica/20100710/la-manifestacio-ha-desbordat-totes-les-previsions-379832
  8. http://www.spiegel.de/politik/ausland/volksbefragung-katalonien-stimmt-fuer-unabhaengigkeit-von-spanien-a-1001951.html
  9. https://www.theguardian.com/world/live/2017/oct/01/catalan-independence-referendum-spain-catalonia-vote-live
  10. Video Visualpolitik: https://www.youtube.com/watch?v=kV2RGs6jbPQ

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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10 Kommentare zu: “Mein Katalonien

  1. „Es gibt beispielsweise statistisch gesehen eine unterschiedliche genetische Verteilung zwischen der Bevölkerung Kataloniens und der Subsahara. Es ist zwar politisch nicht korrekt, so etwas zu sagen, aber es gibt viele Charaktermerkmale die genetisch vorbestimmt sind und wahrscheinlich ist Intelligenz eines davon. Der Intelligenzquotient der Neger in den US ist geringer als der der Weißen“ (Heribert Barrera, Generalsekretär der Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) von 1976-87 und erster Präsident des katalanischen Parlaments nach der Franco-Diktatur) hat das 2001 in einem Buch geschrieben, so wird das von den Autoren der web-site Piratasyemperadores [1] berichtet.

    Diese Aussage deckt sich mit vielen anderen rassistischen Äußerungen katalanischer Spitzenpolitiker, wie z.B. dem jetzigen Präsidenten Torra.

    Natürlich wird man, man muß nur suchen, auch bei spanischen Spitzenpolitikern rassistisches Gedankengut finden, denn die sind ja nicht besser. Warum weise ich dann darauf hin?

    Die ERC ist nicht links. War sie nie gewesen. Linke Parolen findet man auch bei der NSDAP und man schaue sich nur an, wer in Deutschland alles unter dem Etikett links herumläuft.

    Der katalanische Konflikt hat mit links und rechts so viel zu tun, wie z.B. der Nordirlandkonflikt: Gar nichts! Es hilft, sich von dieser Vorstellung zu lösen, wenn man begreift, dass die katalanische Unabhängigkeitsbewegung durch nationalistische, erzreaktionäre Führer befeuert wird. Man muss sich mal das 1980 geleakte Papier der katalanischen Regierung „Die Strategie der Rekatalanisierung“ anschauen, das gibt es jetzt auch in dt. Übersetzung [2].

    Die massive Indoktrination der katalanischen Schüler untersucht z.B. eine Untersuchung der Lehrergewerkschaft AMES. Auch hier gibt es eine deutsche Übersetzung.[3]

    Wenn man sich die Wetterkarte des katalanischen Fernsehens anschaut (genau wie in den entsprechenden Zeitungen), dann versteht man den imperialen Anspruch der separatistischen Führung, kann ihn sozusagen „live“ erleben., Dieser Anspruch umfaßt u.a. die Comunidad Valenciana, die Balearen, einen kleinen Teil Sardiniens und südliche Teile Frankreichs.

    Die massive Migration spanischer Arbeiter in die industriellen Regionen Kataloniens läßt erahnen, was Teil des Konfliktes ist. „Wir“ hatten diese Probleme nach dem 2. Weltkrieg mit den Vertriebenen, die AfD „feiert“ die heutigen Migranten als Grund für ihre Erfolge und kann sich auf die Dummheiten der GroKo und die Protesthaltung von Wählern verlassen. Wobei man wissen muss, dass Spanisch „schon immer“ eine wichtige Sprache in Katalonien war, vor allem in Barcelona. Die Mehrheitssprache in Katalonien ist immer noch Spanisch (kann man sogar bei Wikipedia nachlesen), genauso wie auf den Balearen und in Valencia. Spanisch wird in Katalonien heute mit den gleichen Methoden unterdrückt, wie Katalanisch (kurz: Katalan) unter Franco.

    Die separatistische Führung kann sich auf die Dummheiten und die Korruption der Madrider Führungen verlassen. PP (neoliberal) und PSOE(Sozialdemokraten) heißen bei fast allen Katalanen nur noch PPPSOE, man kann das begriflich als GroKo seit 4 Jahrzehnten verstehen, obwohl es nicht so einfach ist, denn auch dieser Vergleich hinkt etwas.

    Wenn man über den Katalonienkonflikt spricht, sollte man nicht vergessen, den Widerstand zu erwähnen, der sich langsam in Katalonien bildet: Tabarnia (Region Barcelona und Tarragona) ist eine (noch sehr uneinheitliche) Bewegung, die sich von Katalonien abspalten will, sollte sich Katalonien von Spanien abspalten.

    Ende 2017 gab es eine Pressekonferenz in Madrid mit Vertretern von Spiegel, ARD, ZDF, Times, Le Monde usw., in der diese sich über die Veröffentlichkeitspolitik Madrids beklagten. „Die spanische Regierung bringt uns nicht zusammen, sie hat uns nie einberufen, um uns eine Geschichte zu verkaufen“, erklärten die Auslandskorrespondenten. Andererseits laden die Diplocat – das externe Organ der Generalitat – und die katalanische Nationalversammlung (ANC) sie zum Frühstück ein und schenken ihnen sogar Geschenke, kurzum, „sie ‚kümmern‘ sich viel mehr um sie.“ [4] (Warum sollte sich Madrid auch kümmern? Madrid schickt die Polizei, könnte man spotten)

    Wer also abseits von den mit Geschenken versorgten und auf diese Weise stets entsprechend informierten Mainstreammedien informiert sein will, kann das auf katalonienkonflikt.eu tun. Die Seite sollte heute fertig sein, aber technische Schwierigkeiten bedingen, dass sie erst in Umrissen fertig ist. Es lohnt sich trotzdem.

    Der hier veröffentlichte Autor Laurent Stein ist gerne eingeladen, auch auf diesem Blog zu veröffentlichen.

    [1] piratasyemperadores.com/reportajes/cataluna-derecho-decidir-mitos-e-imposturas-nacionalismo-catalan-proces#ERC-y-el-racismo-progresista-catalanista

    [2] katalonienkonflikt.eu/index.php?show=rekat&idioma=german

    [3] katalonienkonflikt.eu/index.php?show=ames&idioma=german

    [4] elconfidencialdigital.com/articulo/politica/corresponsales-extranjeros-preguntan-moviliza-independencia/20170928193907086884.html

  2. Hallo,

    mir brennt dieses Thema sehr. Da es m.E. als Vorbildmodell dienen kann, unter welcher Staatsform wir in Zukunft leben könnten. Was in dem Artikel nämlich nicht erwähnt wird, Katalonien war eine Arnachie bis General Franco es niederschlug. Ich habe viele Bücher darüber gelesen. Darüber hinaus kann es ein Vorreitermodell sein wie man friedlich aus dem „System“ aussteigen könnte und sich in kleiner Form in Zukunft selbst verwaltet. Die Idee mit dem Vergleich zu Lichtenstein finde ich gut, aber genau das will die Zentralregierung partout nicht und die „EU-Regierung“ schon mal gar nicht. Es hängt viel von der Unabhängigkeit Kataloniens ab. Auch für den Finanzmarkt und die EU-Krise. Katalonien könnte das Zündlein an der Waage sein, um die EU-Krise weiter zu verschärfen. Zudem müsste die EU weiter Macht abgeben, da Katalonien sich im kleinen einfacher von der EU lösen könnte. Als Teil Spaniens nämlich nicht. Mir geht es heute immer noch nicht in den Kopf, warum mit Gewalt gegen eine friedliche Bewegung vorgegangen wurde. Mich macht das heute noch zu tiefst traurig. Das war ein klarer Angriff auf die Demokratie und vor allem gegen die freie Selbstbestimmung der Menschen in Katalonien sowie deren Meinung und Mehrheiten. Wenn die Zentralregierung Spaniens oder die EU so sicher wären in dem was sie tun und vorgeben, dann sollte doch erstmal „nur“ ein unabhängiges Ergebnis auf dem Papier ja wohl denen nichts anhaben. Die Menschen wollten doch nur ihre Meinung zeigen und politisch sammeln. Ich frage mich wie unsere Bundesregierung gegen Aufstehen vorgeht, wenn sich eine Mehrheit gegen deren Politik sich sammelt und öffentlich präsent wird. Ich glaube nämlich fest daran, dass die Mehrheit des Volkes in Deutschland gegen Krieg ist, gegen illegale Waffenlieferungen in Krisengebiete, gegen Sozialabbau sind, für eine gesicherte starke Rente (siehe Norwegen, ein Staatsfond sollte doch eine soooo… starke Wirtschaft wie in Deutschland abwerfen können), für Frieden, für fairen Handel mit Entwicklungsländer und allen anderen Partner, für ein gemeinsames Europa, aber gegen eine europ. Zentralregierung, für Klimaschutz und Umwelt sind, usw…Ich fühle zurzeit stolz, dass immer mehr Menschen in Deutschland endlich, wie ich auch, auf die Straße gehen (siehe Chemnitz, Bayern, usw.). Und wir sollten uns nicht unterkriegen lassen von den Mainstreamdarstellungen und dem „rechten“ Gerede usw. Ich gehe auch auf die Straße, bin weder recht, links, mitte. Ich bin für…irgendetwas (ich lasse es mal undefiniert)…aber wenigstens für etwas, und nicht gegen etwas. Für eine schöne, gerechte Welt ohne Machtgehabe, z.B.. Für eine Wertedefinition. Für eine soziale Welt. Ich respektiere alle Meinungen, aber steht für etwas und schaut nicht zu. Wie heiß es so schön: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Dikatur auf“.

    • Danke !!! Sie sind ja doch für eine ganze Menge. Und stehen dafür auf und gehen dafür. Ich auch.
      Was hier passiert, wenn aufstehen wirklich stark wird, das lass ich getrost auf mich zukommen. Erst mal ist Hauptsache, dass aufstehen wirklich stark wird.

    • @ml 1987

      Inwieweit Katalonien vor Franco eine Arnachie war, dazu fehlt mir die Kenntnis. Ich bezweifle das zunächst, aber ich werde in dieser Richtung aufmerksam den Dingen nachgehen. Ich bin mir auch nicht sicher ob eine Abspaltung immerr das Richtige ist, vielmehr kommt es darauf an, wie die unterschiedliche Nachbarschaft gestaltet wird.

      Einerseits möchte Katalonien nicht von Spanien und damit auch von bürokratischen EU-Funktioären ausgesaugt werden bzw. ihre Identität verlieren. Anderseits ist Katalonien gegenüber Spanien ein reiches Land und möchte ihre (vermeintlichen?) Früchte nur für sich nutzen. Komisch ist doch, dass Katalonien sich aus Spanien herauslösen möchte aber die Vorteile in der EU bei Handelswaren beibehalten will. Im Verhätnis zur EU gibt es viele Widersprüche. Anderseits muss Spanien befürchten, dass auch das Baskenland nachzieht. Auf beiden Seiten gibt es gute Argumente entsprechend ihres Blickwinkels, obwohl die Verhaltensform innerhalb des Konfliktes von Spanien unakzeptabel war/ist und nur eine Machtkonfrontation darstellt.

      Mir geht es insbesondere darum, dass nicht in vereinfachter Form zwischen „Gut“ und „Böse“ unterschieden wird, sondern um das was dahinter steht, also welche Hoffnungen und Ängste im Verborgenen mitschwingen. Nur so kommt man zum differenzierten Verständnis wie eine Nachbarschaft gelebt werden kann. Nur ökonomische Interessen reichen nach meiner Ansicht nicht aus, da die Ökonomie nach heutiger Auffassung eine Machtökonomie ist und das Kredo der Geschwisterlichkeit nicht verfolgt. Es geht hier um rechtsverbindliche Vereinbarungen nach dem Grundsatz der Gleichheit und um kulturelle Bestimmung nach dem Prinzip der Freiheit.

    • Die Anarchisten waren wenn auch nur ein paar Monate in regierungsfähiger Position. Aber es gab sie und meines Erachtens stellt sie eine funktionierende alternative Staatsform dar. Auf kommunaler Ebene zum Beispiel. Ich denke das Schweizer Modell ist ein Vorzeigemodell wie Macht nicht missbraucht werden kann. Anarchismus könnte da auch gut funktionieren. Es ist schade, bevor es in Katalonien hätte Reifen und entwickeln können, wurde es zerschlagen. Die Zentralregierung sah es damals als Angriff auf die eigene Regierung an, weil es eine Alternativform darstellte, Ich würde nicht sagen, dass ich Anhänger von Anarchismus bin, ich würde es aber sehr gerne mal in einer öffentlichen Debatte sehen und führen und mal für „möglich gehalten“ durchdacht diskutieren. Die Demokratie hingegen, das sehen wir ja heute als bestes Beispiel, ist auch kein System, welches jedem gleiche Rechte zugesteht. Die die mehr „Macht“ haben unterlaufen sie und entziehen Rechte denen, die weniger „Mitspracherecht“ haben oder befangen sind/wurden.

      @Freischwimmer: Ihr Aspekt mit den „schwelenden Bränden“ innerhalb Spaniens, ins Besondere zusätzlich das Baskenland und der Wegfall des Wirtschaftsstandorts „Katalonien“ kann ich nur zustimmen. Einem widerspreche ich aber. Und zwar, dass sie die Früchte ihrer Wirtschaft für sich haben wollen und im Gegenzug Vorteile der EU sichern. Wieso ist das denn etwas negatives? Warum soll Katalonien nicht unabhängig sein können und dann der EU beitreten? Und ob das ein Vorteil ist der EU anzugehören? Es gab kürzlich ein Entwicklungsvergleich der Sozialsysteme der Länder Norwegen und Schweden seit dem EU-Beitritt Schwedens. Ich finde leider den Artikel nicht (hat vlt. jemand einen Linke für mich?). Schwedens Entwicklungs stagnierte, während Norwegen größere Fortschritte verzeichnete. Und dann frage ich mich noch, warum es einem Land verwehrt werden soll, Verträge mit der EU zu ihren Vorteilen zu schließen? EU und Katalonien könnten ungleicher nicht sein. Ich denke die EU würde, so wie sie es sonst auch tut, eher einseitige Handelsverträge schließen. Und ich gönne es Katalonien bzw. auch sonst einem kleinen Land, wenn sie unabhängig sein dürfen, aber von der EU profitieren könnten. Die EU ist ein Gemeinschaftsprojekt. Was man Katalonien anrechnen sollte, sie waren jahrelang Mitglied der EU. Ist das dann nichts mehr Wert jahrelange treue? Warum sollten sie dann nicht mehr profitieren dürfen, wenn sie klug verhandeln oder weiterhin Mitglied wären? Was macht denn „Brexit“? Die verhandeln doch auch nach Austritt. Oder die USA, die sanktionieren uns, wenn die EU nicht macht wie sie wollen und das gar als Nicht-EU-Mitglied. Den USA gehts doch auch nur um Profit. Dieses Argument Vorteile sichern, Nachteile negieren finde ich in dem Zusammenhang ehrlich gesagt nicht passend. Mit Polen wird diese Debatte auch geführt. Sieht denn im Gegenzug jemand, dass die EU ein Gläubiger/Schuldner-Gefälle aufbaut? Oder dass die Löhne bei einem Viertel der unsrigen liegen? Aber das ist „nur“ meine Meinung dazu @Freischwimmer.

      und ich stimme ihnen vollkommen zu, dass die Debatte nicht nur auf ökonomische Aspekte reduziert werden darf. Vielmehr sollten soziale Themen, Freihheit des Denkens, Selbsbestimmtheit, freie Meinung, Nächstenliebe, Solidarität, Zusammenhalt, usw. im Vordergrund stehen. Macht wurde in der Geschichte immer ausgenutzt. Zum Nachteil des Menschen, ins Besondere Freiheit und Selbstbestimmung.

    • @ml1987
      Ich habe durchaus Sympathie mit Ihrem Beitrag, Sie suchen ja noch einer Lösung. Erlauben Sie mir bitte, auf die Schwächen Ihrer Gedanken hinzuweisen, da Sie die Situation vor Ort überhaupt nicht kennen:

      Sie sprechen stets von Katalonien. Aber Katalonien ist zutiefst gespalten. In diesem Sinne gibt es gar kein Katalonien. Eine schwache Mehrheit will keine Unabhängigkeit von Spanien. Die starke Minderheit der Separatisten muss man auch unterscheiden zwischen dem, was die Führer wollen und dem, dem die Massen hinterherlaufen. Das kann man durchaus mit der Situation in Deutschland mit der AfD vergleichen.

      Viele AfD Wähler sind einfach nur wütend und denen ist im einzelnen gar nicht klar, was das neoliberales Konzept der AfD ist. Auch nicht allen AfD-Wählern ist bewußt, was hinter Akteuren wie Bernd Höcke und Frau Storch an reaktionären Gedankengut steckt. Die Hetze über Ausländer läßt auch nicht jeden AfD-Wähler klar erkennen, was läuft.

      Die Führung der Separatisten besteht aus Reaktionären, zum Teil schlimmer als Höcke und Storch. Die Katalanen werden bereits seit 1980 systematisch indoktriniert. Über Schulen, Zeitungen, Fernsehen. Während der Anteil der AfD-Wähler in D zum Glück noch klein ist, hat die Mobilisierung in Katalonien gewaltige Ausmaße angenommen. Das ist auch der reaktionären Politik Madrids zu verdanken, ähnlich wie der Fall Maaßen zig neue AfD-Wähler erzeugt hat.

      Die Separatisten stellen sich gerne als friedlich hin. Sind sie nicht. Der jetzige katalanische Präsident Torra ist ein Hetzer wie Gauland und stellt BILD locker in Schatten. Das hat schon lange zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Straße geführt. Gestern zum Jahrestag des Referendums am 1. Oktober hat es solche Auseinandersetzungen auf der Straße gegeben, über sogar die deutschen Fernsehnachrichten kurz berichten mußten. (Haben Sie es gesehen? Und was waren Ihre Schlüsse?)

      Übrigens ist die Situation in den industriellen Regionen von Barcelona und Tarragona (Tabarnia) sehr unterschiedlich zu der in den ländlichen Regionen Kataloniens. Unter gering verdienenden Lohnabhängigen ist die Sympathie für den Separatismus sehr gering. Da ist das katalanische „Präkariat“ viel schlauer, als die deutschen AfD-Wähler. Tabarnia wird ernst machen: Wenn die Separatisten Katalonien von Spanien abspalten, wird sich Tabarnia von Katalonien abspalten. Wer will ernsthaft dieses Chaos?

      Voraussetzung für den Frieden wird sein, dass der katalanische Arbeiter bei SEAT wieder Solidarität mit der spanischen Kassiererin bei Aldi in Madrid hat. Solange die Solidarität aller Katalonen (Tagelöhner und Milliardär) darüber steht, ist mit Frieden nicht zu rechnen. Die katalanische Regierung gibt sich ja auch nicht mit Katalonien zufrieden. Längst hat sie ihre ideologischen Truppen auch in anderen Provinzen installiert und schürt kräftig Unruhen, zuerst mit der Einführung von Sprachdiktaturen wie Franco es machte.

      Im übrigen, jeder Versuch, solche grundsätzlichen Entscheidungen wie Brexit, Abspaltung etc. mit einfachen Mehrheiten zu regeln, ist nur dazu geeignet, den Konflikt am Kochen zu halten.

    • @ml 1987

      Es gibt viele Ansichten, wie ein Jeder sich in der Gesellschaft positionieren kann. Das wichtigste ist für mich jedoch, ob wir „menschenfreundlich oder menschenfeindlich“ (Ganser) handeln. Wie wir dies bewerten ist eine Gewissensfrage und eng mit dem eigenen ICH verbunden. Die Aussage ist sehr wichtig, weil so unendliche viele Ideologien auf uns niederprasseln, die wir als solche nicht wahrnehmen. Das sind in letzter Konsequenz tiefe religiöse Fragen …

      Im Zusammenhang zum Artikel über Katalonien wollte ich im wesentlichen das Gemengelage der unterschiedlichen Standpunkte und die innerhalb ihrer wirkenden Kräfte nachgehen. Obwohl mein Herz für Katalonien schlägt, ist mir sehr bewusst dass auch hier „ungute“ Kräfte wirken.
      Hinzu kommt, dass das Prinzip „teile und herrsche“ eine emense Rolle spielt, im Verhältnis von Katalonien – Spanien – EU-Bürokratie.
      Wenn ich z.B. Miethauseigentümer wäre, dann könnte ich den Mietern das Leben schwer machen und max. Miete verlangen, dies jedoch nicht aufgrund meiner Arbeit und der Werterhaltung, sondern schlicht und einfach aus einem RECHT heraus. Das RECHT hätte ich auf meiner Seite und bräuchte moralisch mir keine Gedanken machen. Das wäre soweit okey, wenn alle Gruppen an der Ausgestaltung des RECHTES beteiligt gewesen wären, aber die Dinge sind nicht so, heute geschehen viele Dinge sehr bewusst hinter verschlossenen Türen bzw. in verdeckter Form.

      Die Kraft hinter der sichtbaren Scheinmacht zu erkennen ist in meinen Augen das Wesentliche.

  3. Ein wunderbarer Artikel !

    „Das Vorwurfskarussells …. das Karusell dreht sich immer schneller …. am Ende steigen alle am selben Punkt aus … nur das ihnen zusätzlich schlecht geworden ist.“ (ab heute gehört diese Metapher zu meinem Sprachgebrauch).

    Ich, als nicht spanisch bzw. katalanisch Sprechender blicke gespannt auf Katalonien. Was passiert da eigentlich? Instiktiv wußte ich, diese Auseinandersetzung ist generell ein europäisches Problem. (Globalisierung vs Nationalstaatlichkeit, Nationalstaat vs Regionalität)

    Wie können lokale Identitäten in größere Zusammenhänge gehört werden oder umgekeht wie können größere Zusammenhänge im Regionalem ihre Entsprchung finden.

    Geht man diesen Gedanken nach, komme ich zur Frage der Abgrenzung, also der Grenzziehung. Eine schwarz-weiße Anschauung wäre Grenze JA oder Grenze NEIN. (-> Vorwurfskarusell).

    Vielmehr müsste es darum gehen, wie die Grenze gestaltet wird, wie eine Abgrenzung ausschauen könnte? Die Abgrenzung ist notwendig aber kein starres und unveränderliches Gebilde, eine hochsensible Angelegenheit. Eine Grenze kann Filterfunktion haben, eine Kontrollfunktion, einen Sicherheitsaspekt, eine Wahrnehmungsfunktion, ein Aufmerksamkeitshinweis usw. Grenzen können auch unterschiedliche Bereiche haben …. zum Beispiel einen Vorgarten, einen Hausflur, ein Wohnzimmer bis hin zum Schlafzimmer …. also wen lasse ich wie weit in meinen Bereich.

    Auf Landesebene könnten die unterschiedlichen Bereiche sich als Wirtschaftsraum, als Rechtsraum und als Kulturraum darstellen lassen. Überall stellt sich die Frage, wie können scheinbar unvereinbare Dinge gemeinsam einen neuen Klang erzeugen. Mit Unterdrückung, Kontrolle, Leugnung, Täuschung und Verboten mit Sicherheit nicht. Es ist das Vertrauen auf Freiheit und Verständnis.

    • „Weniger Zwänge, mehr Empathie. Die Frage muss jedoch erlaubt sein, inwieweit dies in machtbasierten Parteisystemen überhaupt möglich ist.“

      Diese beiden Sätze am Schluss scheinen mir die Essenz des sehr informativen und schönen Aufsatzes.
      Aber: ob die Parteifunktionäre beider Seiten bewegt werden können – wie und wodurch auch immer – sich das wegweisende Beispiel Liechtenstein zu Herzen zu nehmen ?

      Das potentiell versöhnliche Bild der Familie – Madrid für die Eltern und Barcelona für das Kind – trifft m. E. nicht. Madrid ist erwachsen. Und Barcelona ebenfalls. Ein Umgang auf gleicher Augenhöhe ist für eine Lösung nötig.

    • @Joga Twickel

      Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Die Schieflage im Parteiensystem ist gewaltig und Widerstand kann zur bürgerlichen Pflicht werden, gerade dann wenn Unterdrückung zum Leitmotiv der Macht wird.
      Das verstricken in Idologiespielchen ist einen ernsthafte Angelegenheit. Eine Ideologie zu erkennen ist nicht einfach, d.h. wo verlasse ich meine eigene Wahrnehmung und folge eine Abstraktion die mein Herz und Verstand ausschaltet. Ein großes Thema und ein weites Feld.

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