Niveauregulierung – eine Kolumne (38)

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Die Bundeswehr hat weiterhin ein akutes Personalproblem. Seit Jahren versucht sie über eine immer aggressivere Öffentlichkeitsarbeit NachwuchssoldatenInnen für diesen gefährlichen Beruf zu werben. Man präsentiert sich an Schulen und bei Stadtfesten und möchte sich als unbedenklicher Arbeitgeber möglichst freundlich darstellen. Man ging den Weg des modernen Infotainments und produzierte mit finanzstarker Unterstützung der Bundesregierung, in Verbindung einer breit angelegten Printkampagne auf Plakatwänden und in Jugendzeitschriften, im letzten Jahr eine Imagekampagne auf Youtube[1].

Der Protest gegen diese Rekrutierungsmaßnahmen stößt eher unbemerkt auf eine immer breitere Kritik in der Bevölkerung. Das Kinderhilfswerk terres des hommes (tdh) übergab im September diesen Jahres 30.000 Unterschriften an Verteidigungsministerin von der Leyen. Auf ihrer Internetseite informiert tdh über diese Aktion:

Unter 18 nie: Im September 2017 haben wir mehr als 30.000 Unterschriften an Verteidigungsministerin von der Leyen überreicht und unseren Forderungen bei einem Gespräch im Verteidigungsministerium Nachdruck verliehen. (…) Besonders in Jugendmedien und an Schulen versucht die Bundeswehr, Nachwuchs zu werben. Viele Jugendliche lassen sich von guten Gehältern, festem Job, kostenlosem Studium und anderen Vergünstigungen der Bundeswehr locken. Die Risiken wie Trauma, Tod oder Verwundung werden in Schulvorträgen, Werbespots und Materialien der Bundeswehr gar nicht oder nur am Rande erwähnt. Werbeaktionen wie die Bundeswehr-Adventure-Games oder BW-Beachen betonen stattdessen Abenteuer, Spaß, Sport und Teamarbeit, reale Einsatzbilder fehlen oft komplett[2].

Der Erfolg gibt einer Sache Recht. Die erste Videokampagne der Bundeswehr, die Rekruten, war ein vermeintlich großer Erfolg. Im Schnitt knapp je 1 Million Mal wurden die verschiedenen Episoden angeklickt. Nach dem Start der Serie habe es auf der Karrierewebseite der Bundeswehr 40 Prozent mehr Zugriffe gegeben. In der Karrierehotline seien ein Viertel mehr Anrufe eingegangen. „Es ist uns gelungen, die Bundeswehr zum Pausengespräch auf vielen Schulhöfen in Deutschland zu machen“, sagt Dirk Feldhaus (Kommunikationschef der Werbekampagne). Ob es nun zu mehr Bewerbungen für eine Ausbildung bei der Bundeswehr kommt, sei abzuwarten[3].

Abwarten möchte die Bundeswehr, bezüglich einer neuen Werbekampagne jedoch nicht. Im Oktober startet das neue Format mit dem unglaublichen Titel – Mali. Die Kinowerbespots laufen schon an. Auf Youtube ist der entsprechende Channel seit dem 09.10.2017 eingerichtet. Name: Bundeswehr Exclusive[4].

Der Text gibt die neue Marschrichtung vor. Nach der fluffigen Ausbildungsserie, die Rekruten, wird die anvisierte Zielgruppe jetzt auf die knallharte Mission mitgenommen. Der Originaltext lautet: Jetzt wird es ernst! Mach dich bereit uns mit BUNDESWEHR EXCLUSIVE in den Einsatz zu folgen. Ab dem 16. Oktober 2017 warten in unserer neuen Serie „MALI“ echte Herausforderungen im Einsatzgebiet auf unsere acht Soldatinnen und Soldaten! Wenn du immer auf dem neuesten Stand sein willst, was bei unseren Kameraden im Camp Castor gerade passiert, abonniere jetzt unseren Messenger Bot: Dir gefällt das Video? Dann lass Bundeswehr Exclusive einen „Daumen nach oben“ da und abonniert unseren Kanal!

Yo, schon wieder echt fresh in der Sprache. Das versteht der minderjährige Soldat von morgen. Warum sind doch gleich deutsche Soldaten überhaupt in Mali im Einsatz? Egal! Kam es zu einem Zwischenfall im August 2017, mit zwei getöteten Bundeswehr Soldaten? Egal! Los geht’s im Trailer mit der Nebelgranate. Der Originaltext aus dem Video: Eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie haben sich lange vorbereitet. Auf alles, was sie da draußen erwartet. Bist du bereit, sie zu begleiten? Mali.

So klingt im Bundeswehrjargon des Jahres 2017 der Versuch Minderjährige zu manipulieren. So wird die Tatsache eines bewaffneten Kriegseinsatzes, als Abenteuereinsatz herunter gespielt. Übertriebene Kritik?

Lebensgefährliche Mission. Der UN-Einsatz Minusma in Mali gilt als einer der gefährlichsten Einsätze der Vereinten Nationen. Knapp 50 Staaten sind daran beteiligt. Die Bundeswehr engagiert sich seit 2013. Derzeit sind knapp 900 Bundeswehrsoldaten im Nordosten Malis stationiert. So lautet der Text in der ZDF Mediathek zu einer 5-minütigen Dokumentation, die noch bis August 2018 vorzufinden ist[5]. Die Abschlussfrage der Journalistin an den begleitenden Soldaten: „Was sagen deine Kinder denn dazu, dass der Papa weg ist?“ will ich wissen. „Die finden das nicht gut. Die haben Angst, dass ich vielleicht nicht zurückkomme.“

Wurde den acht Protagonisten der neuen Serie Mali dieses Video gezeigt? Wohl kaum. Hätte es sie interessiert? Man weiß es nicht. Sollten sie sich diese Dokumentation nicht anschauen? Auch hier muss man tief durchatmen. Hintergründe des Mali-Einsatzes erfährt der Zuschauer nicht, zumindest lernt er jedoch zwei Fakten. Dieser Einsatz ist sehr teuer und – eben gefährlich.

Die offizielle Darstellung der Bundesregierung zum Mali-Einsatz finden sie hier[6]. Eine Zusammenfassung der Mali-Problematik finden sie in einem Beitrag von KenFM aus dem Jahre 2013[7]. Diese Seite gibt Jugendlichen & Eltern die Möglichkeit pro und contra zu diskutieren, sollte die Bundeswehr, als Berufsalternative „ins Visier“ geraten[8].

Abschließend: Es kann, muss Aufgabe der Erwachsenen sein Jugendliche vor diesem Videoformat zu warnen und entsprechend aufzuklären bzw. begleitend anzuschauen. Sollte die Bundeswehr an einer Schule ihrer Region die Werbetrommel rühren wollen, zeigen Sie Präsenz und intervenieren Sie bei der Schulleitung.

Es gibt für diese erneute Kampagne der Bundeswehr nur ein Wort – Wiederholungstäter.

Quellen

[1] – https://kenfm.de/niveauregulierung-eine-kolumne-21/

[2] – https://www.tdh.de/was-wir-tun/themen-a-z/bundeswehr-an-schulen.html?gclid=Cj0KCQjwvOzOBRDGARIsAICjxodpNblRoaxTu7Eeu82GUxq-7fH4mnj-sOeeotIJwEA5-Tp4BYd89FwaAsbFEALw_wcB

[3] – http://www.horizont.net/marketing/nachrichten/Die-Rekruten-Bundeswehr-wertet-Youtube-Serie-als-Erfolg–144832

[4] – https://www.youtube.com/watch?v=BQgzRkc63Gw

[5] –  https://www.zdf.de/politik/dunja-hayali/dunja-hayali-reportage-bundeswehreinsatz-in-mali-100.html

[6] – https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2017/03/2017-03-22-bundeswehr-mali-mandat.html?nn=434524

[7] – https://www.youtube.com/watch?v=lSpWthoRhac

[8] – https://www.bevor-du-unterschreibst.de/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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3 Kommentare zu: “Niveauregulierung – eine Kolumne (38)

  1. Leider kann auch ich kein gutes Haar an der Bundeswehr lassen. Allein der öffentliche Auftritt ist schon mehr als peinlich. Für mich sieht eine Bundeswehr anders aus. Und diese Verherrlichung, wie toll es doch sei etc. ist unglaublich. Und leider scheint es auch an Disziplin zu mangeln, wenn die jungen Leute mal härter angegangen werden, wird sich doch gleich beschwert. Und wer will denn zu einer Truppe gehören, die zu Auslandseinsätzen geschickt wird, weil Deutschland ja am Hindukusch verteidigt wird. Ich möchte eine funktionierende Bundeswehr zur Verteidigung unseres Landes und die muß dementsprechend ausgebildet und ausgestattet sein, und die ständige Ausrüstung, damit es frauen und familenfreundlich ist, finde ich persönlich nicht so wichtig. Ich brauche keine Frauen in der Bundeswehr , Polizei etc. deshalb bin ich nicht frauenfeindlich.

  2. Anbei ein Beitrag, zu Mali, dem realen Krieg, der beim Krieg um die Köpfe der Jüngsten in der Heimat beginnt:

    Mali: Wie bei einem „Routineeinsatz“ Soldaten „verunglücken“
    28. Juli 2017 Christoph Marischka

    Wenn statt über einen Krieg über technische Defekte diskutiert wird

    Am 26.7.2017 ist um etwa 14:00 Uhr deutscher Zeit in Mali nach Angaben der Bundeswehr „circa 70 km nordöstlich von Gao“ ein Kampfhubschrauber vom Typ Tiger in Mali abgestürzt. Am Abend wurde bestätigt, dass beide Besatzungsmitglieder verstorben seien. Man gehe zunächst von einem technischen Defekt aus, hieß es auf der Facebook-Seite der UN-Mission MINUSMA, in deren Rahmen die Bundeswehr vor Ort ist.
    (…)
    Auseinandersetzungen am Boden?

    Auch dass tatsächliches Interesse am Auftrag und die Auseinandersetzung mit der Situation in Mali so gering sind, entlarvt die vermeintliche Anteilnahme am Tod der Soldaten als pure Sprachregelung und Heuchelei. Tatsächlich aber fand der mögliche Zusammenhang des Absturzes mit einer bewaffneten Auseinandersetzung am Boden kaum Beachtung, obwohl es durchaus Anzeichen gab.
    (…)
    Zwar griff Spiegel Online als eines von sehr wenigen deutschen Medien diese Aussage auf, nicht aber ohne gleich eine Art Schlussstrich zu ziehen: „In den Stunden nach den ersten Meldungen sorgte die Uno für reichlich Verwirrung. So befeuerte die Organisation mit Meldungen, die beiden Helikopter seien über einem Kampfgebiet unterwegs gewesen, weitere Spekulationen über einen Abschuss der Maschine. In Bundeswehrkreisen herrschte über diese Kommunikationspolitik Kopfschütteln.“

    Worin ein „Routineeinsatz“ von Kampfhubschraubern jenseits eines „Kampfgebietes“ bestehen und warum die Kampfhubschrauber sonst nördlich von Gao unterwegs gewesen sein sollten, darüber verliert der Beitrag zugleich kein Wort, obgleich er Auftrag und Funktion der Tiger im Prinzip ganz treffend benennt: „Konkret schützen die gepanzerten Helikopter, die mit Luft-Boden-Raketen ausgestattet sind, Konvois und sollen bei Notfällen, also wenn UN-Soldaten am Boden angegriffen werden, schnell eingreifen“.
    (…)
    Auch über die konkreten Entwicklungen in Mali, mit denen der Einsatz und auch der Absturz durchaus in Verbindung stehen könnten, finden sich bislang keine Hinweise in der deutschen Presse. Wie gesagt beschränken sich die Angaben zum Auftrag meist auf die Umsetzung eines Friedensabkommens.
    (…)
    UN und MINUSMA kamen sichtlich unter Druck, ihr Verhältnis zu verschiedenen bewaffneten Akteuren neu zu definieren. Wenn in diesem Kontext der Einsatz mindestens zweier Kampfhubschrauber der Bundeswehr zwischen Gao und Kidal Routine ist, dann heißt dies letztlich schlicht: Die Routine ist Krieg und Mali ist ein Kampfgebiet. Und die Diskussion sollte sich dann nicht auf technische Defekte und vermeintlich Ausrüstungsmängel konzentrieren, sondern auf Lage, Sinn und Zweck des Einsatzes. (Christoph Marischka)
    https://www.heise.de/tp/features/Mali-Wie-bei-einem-Routineeinsatz-Soldaten-verungluecken-3785319.html?seite=2

    Und hier noch Herr Ganser in Cottbus, auch immer sehr sehenswert, wenn es darum geht, den Sinn und Unsinn des Kriegsgeschehens zu hinterfragen. Themen Rohstoffkriege, Feindbildgenese und Meinungskontrolle:

    Donald Trumps erster Krieg – Dr. Daniele Ganser 2017 NEU(1:52:15)

    Am 08.05.2017 veröffentlicht

    Donald Trumps erster Krieg – Dr. Daniele Ganser 2017 NEU
    Illegale Kriege: Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren
    https://www.youtube.com/watch?v=hi0AXBPocJU

    Anders wie der Titel vermuten lassen mag, geht es nur am Rande und sehr kurz um den derzeitigen amerikanischen Präsidenten.
    Atomkraft, neben Kohlenwasserstoffen, spielt häufiger eine Rolle, passend zu Mali(Uran).

  3. Ich behaupte mal frech, dass 85% unserer Bürger noch nicht einmal wissen, wer oder was Mali ist, geschweige denn wo es liegt. Bei den unter 25jährigen erhöhe ich mal auf locker 98%. Bei einer Kriegsministerin, welche herzallerliebst im TV mal eben rausknallt, wie pervers es doch ist, auf Frauen und Kinder an der Grenzee schießen zu wollen, dabei der Zuschauer abnickt der Tatsache, dass ihre Munitions- und Panzelieferungen eben genau diese Frauen und Kinder real gerade töten, bleibt mir nur noch eines übrig. Liebe Jugendliche und Heranwachsende, die ihr da geil seid, ein wenig Starship Troopers zu spielen-Mali ist ein Waffentest für blode und nichts für ernsthafte Soldaten. Typen, welche beim ersten umherfliegen von Körperteilen wirr umher rennen (siehe Film die Brücke-alte Version), sollten an der x-Box sitzen bleiben. Erst wenn du bereit bist, einem jeden Kaninchen auf Befehl die Kehle durchzuschneiden kommst du annähernd erst dem Söldner gleich. Bedenke aber dabei bitte, dass wenn es die Kriegerkönigin befiehlt, du auch echten Kindern die Kehlen durchzuschneiden hast. Bundeswehr zur Landesverteidigung ok-alles andere ist nur Bündnismist, Chauvinismus und Kriegshetze. Nicht mit mir-nirgendwo ein deutscher Soldat ausser hier um Land-ansonsten WILL ICH GEFRAGT WERDEN IHR KRIEGSHETZER !!! Gruß an Ken-guter Beitrag das hier.

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