Niveauregulierung – eine Kolumne (9)

Von Bernhard Loyen.

Ich habe ein neues Wort gelernt – Erstarrungstendenzen. Dieses Wort fiel im Zusammenhang mit einer sehr sehenswerten Dokumentation des SWR. Thema – Armut in Deutschland[1]. Statistik – aktuell sind 16.5 Millionen Menschen dieses Landes von Armut bedroht. Anders formuliert bedeutet das, jeder fünfte Bürger. Es gibt geschätzt ca. 350.000 Obdachlose. Tendenz steigend.

Warum fällt dieses von der Gesellschaft und speziell von der Politik verdrängte Thema wieder in den öffentlichen Fokus? Hauptverantwortlich für den Abbau von sozialen Grundrechten, wie das Recht auf bezahlbare Wohnungen, unbefristete Anstellungen bei realistischer Entlohnung, freie bis bezahlbare Krankenversicherung, Altersvorsorge,….ist das momentan herrschende System. Nennen wir es schlicht beim Namen – Kapitalismus. Willige und unterstützende Helfershelfer sind und bleiben die Damen & Herren der gewählten Volksparteien. Der Fernsehbeitrag formuliert den klaren Satz – Armut ist den Politikern eine fremde Welt, von der sie nichts wissen wollen.

Sicherlich muss man differenzieren, zwischen dem lokalen Bezirkspolitiker, der im Bestfalle noch Kontakt zur Basis und seinen Bürger sucht und findet. Alles ab Bundestagsebene aufwärts, speziell in den Spitzengremien und medialen Selbstdarstellern der jeweiligen Landes- bis Bundesregierung muss man schlicht unterstellen – sie bewegen sich weit weit weg von der bundesrepublikanischen Realität. Inzwischen herrscht in großen Teilen der Gesellschaft ein monatlicher K(r)ampf des schlichten Daseins.

Der SWR Beitrag erklärt dies sehr anschaulich am Beispiel des Transportgewerbes, d.h. den Zustellern des immer mehr explodierenden und aggressiven online Marktes. Man spricht von moderner Sklaverei. Für 1.400 € brutto werden 12 – 14 Stunden Schichten abverlangt, teilweise bei Subunternehmen in voller Eigenverantwortung (für das Auto, Versicherung, Gesundheit,…). Tägliche Normalität bedeutet für die Fahrer, pro offizielle Schicht von 8 Stunden müssen 100+ Pakete zugestellt werden. Ich kenne DHL-Fahrer, die in der Weihnachtszeit bis zu 250/300 Pakete im Wagen haben. Beschönigend werden diese Arbeitgeber dann die schwarzen Schafe der Branche genannt. Politik und Gewerkschaften wissen dies, man duldet es.

Nun findet sich eine neue Gruppe Mitmenschen, die von diesen Verbrechern (so möchte ich sie nennen) sofort ins Visier genommen wurden – die willige und abhängige Gruppe von Flüchtlingen. Auch sie abhängig von dem Kreislauf – ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung und Krankenversicherung. Seit Jahren wurden Osteuropäer gefunden und ausgebeutet. Nun sind neue Opfer, willige & billige Arbeitskraft zu Tausenden ins Land gekommen. Flüchtlinge. Wir sprechen dann bei gleichen Rahmenbedingungen von einem Monatslohn von 500 – 800 €.

Prof. Dr. Stefan Sell[2], Professor der Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Koblenz, bemerkt in dem Beitrag – die sozialen Spannungen werden steigen. Zwischen den Armen und den Ärmsten. Natürlich bedeutet dies auch zwischen Deutschen, Migranten und Flüchtlingen. Die Dokumentation zeigt auch dazu Beispiele, wie eine bedenkliche Stimmung in diesen Gesellschaftskreisen nicht mehr köchelt. Sie brodelt. Es gäbe Erstarrungstendenzen im Kampf gegen die Armut. Dies bringt unmittelbar mit sich – Armut wird sichtbar. Die neuen Parallelgesellschaften heißen also Arm und Ärmer und, dies sei doch bitte erwähnt – Reichtum.

Unvorstellbare Vermögen sind exorbitant gestiegen, in Deutschland, Europa, weltweit. Wohnungs- und Arbeitsmarkt sind in festen Händen, den Fesseln, vermögender Bürger, Firmen & Konsortien, die aber nicht teilen wollen. Nein, sie wollen noch mehr, viel mehr.

Wer könnte, müsste reagieren. Wer kann Druck ausüben, um ALG 2er, Hartz4er, Lohnaufstocker (die Normalität heißt inzwischen Zweit- und Dritt-Job), Mittel- und Obdachlose zu entlasten. Ihnen zumindest ein kleines, bescheidenes Dasein zu ermöglichen?

Die Politik, sie ganz allein. So wurde unser Gesellschaftssystem anno 1949 ins Leben gerufen. Wer ist aber der potenzielle Wähler, den sie momentan in Augenschein nehmen. Der Politik geht es schon lange nicht mehr um soziale und/oder solidarische Inhalte, daher sind arme und bedürftige Menschen für sie uninteressant. Ihre Zielgruppe hat Geld und Macht. Das sind ihre wahren Freunde und Wegbegleiter.

Die immer wiederkehrende Diskussion, der ungleichen Behandlung des Normalbürgers, noch Mittelschicht genannt, und der stetig steigenden Gruppe von Armutsbürgern zu der kleinen überschaubaren Gruppe der Reichen und Neureichen. Wo wird geklotzt, von Seiten des Politikers. Nicht im sozialen Wohnungsbau, nicht auf dem aggressiven Niedriglohn Arbeitsmarkt – nein, man(n) hilft gerne denen, die es auch einfordern, bzw., erwarten – den Unternehmen, den wahren Stützen dieses Landes. Nennen wir sie Bertelsmann, Quandt, Albrecht (Aldi), Deutsche Bank, Siemens[3]….und gerade ganz frisch das Unternehmen Tengelmann.

Im Ranking der 500 größten Familienunternehmen Deutschlands der Zeitschrift Wirtschaftsblatt nimmt das Unternehmen den zehnten Platz ein[4].

Man entnahm der Presse, für das Unternehmen rentiere sich nicht mehr ihr Lebensmittelzweig Kaisers-Tengelmann. Man hat ja noch Obi, Kik, netto Markendiscount. Also abstoßen an EDEKA. Mitarbeiter schnurz, Bedenken schnurz, Kritik schnurz – man kennt die richtigen Leute, in diesem Falle Herrn Gabriel von der SPD[5]. Ulrich Schneider, Geschäftsführer – Der Paritätische Gesamtverband – bringt es zum Ende der Dokumentation schlicht auf den Punkt.

….Die Politik weiß sehr gut, wenn sie wirklich Armut bekämpfen wollte, müsste sie in Deutschland tatsächlich umverteilen. Müsste den Reichen nehmen. Sie müsste Erbschaftssteuer erhöhen. Sie müsste Vermögenssteuer einführen….und damit einer Klientel weh tun, die ihr anscheinend sehr wichtig ist. Das will sie nicht und deswegen leugnet sie Armut….Punkt, besser Ausrufezeichen.

Mehr muss man nicht dazu sagen.

 

Quellen:
[1] – http://swrmediathek.de/player.htm?show=2765e400-ea8f-11e5-9a86-0026b975e0ea
[2] – https://idw-online.de/de/news?print=1&id=646772
[3] – https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_500_reichsten_Deutschen
[4] – https://de.wikipedia.org/wiki/Tengelmann_%28Unternehmen%29
[5] – http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2016-03/edeka-tengelmann-fusion-chef-monopolkommission-ruecktritt

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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6 Kommentare zu: “Niveauregulierung – eine Kolumne (9)

  1. Die Sache ist die, wenn man nicht betroffen ist und das Thema nur Theoretisch betrachte, kann man nicht die Wirklichkeit glaubhaft schreiben.
    Es ist viel schlimmer wie man es darstellt und ein Preis für was??
    Bin einfach immer nur Kritisch eingestellt zu solchen Sachen.

  2. @Souverän,
    „Das kostet auch nicht viel – im Grunde nur eine Webseite, Internetauftritt – und wäre theoretisch von nur einer Person die richtig gas gist zu bewerkstelligen.“
    Klingt interresant! Worauf wartest du? Oder gibt es schon einen Link auf die Seite?

  3. @ Irwisch:“Eine Abschaffung des Geldes ist aus meiner Sicht nicht von heute auf morgen so ohne weiteres möglich,…“

    Erstmal möchte ich dir von Herzen danken für diesen Beitrag, der ja einerseits eine brilliante Analyse bestehender äusserer Strukturen ist, der aber auch mir dadurch als besonders wertvoll erscheint, weil die seelischen und geistigen Hintergründe beleuchtet werden. Dieses nicht-Ernstnehmenwollen von Menschen, die z.B. in Hartz 4 geraten sind, ist ja ein Symptom eines völlig vom Leben abstrahierten Denkens, das den Menschen gar nicht mehr erfassen kann. Dieser Ueberheblichkeit mancher etwas besser finanziell Gestellten gegenüber ärmeren Menschen ist Symptom des materialistischen Menschenbildes.
    Andererseits ist die Interesselosigkeit ärmerer Menschen vielleicht Symptom einer Resignation dem Staat gegenüber. Je grösser die Abhängigkeit der Menschen vom Staat, desto grösser die Scheu davor, „die Hand zu beissen“, die einen „füttert“

    Woher stammt denn das materialistische Menschenbild, das den Menschen nur noch als „gehorsamen Untertanen“ haben will ? Es entstammt einem Bildungswesen, das der Staat verwaltet, der mehr Interesse daran hat, dass gehorsame Untertanen ihm – der Klasse der Beamten der Politik – die Steuern zahlen SOLLEN. Nach dem WILLEN wird gar nicht mehr gefragt, es geht nur noch um ein SOLLEN. Das Problem ist jedoch nicht, dass wir dem Staat die Steuern zahlen, sondern das Problem sehe ich darin, dass wir dem Staat die Verwaltung der Bildung überlassen haben.

    Die meisten Menschen – unabhängig von der finanziellen Lage – kommen gar nicht auf die idee, sich zu FRAGEN, ob denn tatsächlich die Aufgabe der Beamtenklasse es ist, Bildung zu verwalten. Ob wir nicht allesamt besser beraten sind, Bildung zu privatisieren. Ich meine, das Ziel von Erziehung und Bildung muss Freiheit und Selbständigkeit sein. Eine Klasse von Beamten der Politik ist aber gar nicht daran interessiert, dass INDIVIDUELLE MENSCHEN zum selbständigen Denken und zur Freiheit und Selbständigkeit kommen können. Denn die Klasse der Beamten der Politik braucht diese gehorsamen Untertanen, die ihnen die Diäten zahlen. Wir haben den Bock zum Gärtner gemacht, indem wir ausgerechnet Beamten die Verwaltung der Erziehung und Bildung überliessen.

    Die grosse Gefahr, in der wir alle schweben, ist nicht die „Abschaffung des Geldes“ sondern die Abschaffung des Bargeldes.
    Denn ich frage mal ganz dumm: Wer verwaltet eigentlich die Beamtenklasse ? Verwaltet diese Politik sich etwa selber ?
    Nein, nein, sie WIRD verwaltet durch Bankenkartelle. Und wenn die Abschaffung des Bargeldes käme, dann bräuchten diese Kartelle nur noch einen Vorwand zu suchen, um Negativzinsen einzuführen. Da könnte man nicht mehr vorher das Bargeld von der Bank abheben und unter das Kopfkissen legen. Dann würde das einfach per Negativzinsen uns weggenommen, und wir könnten nichts dagegen unternehmen. Die Politik ist bei den Banken hoch verschuldet !
    Sie wird den Banken deswegen immer weiter helfen, uns abzuziehen, uns zu entreichern, bis wir alle gezwungen sind, wie Vieh zu malochen für Nüsse.

    Zuerst verkauft diese Politik uns für dumm. Dafür sind die Staatsschulen das Instrument. Und wenn wir alle schon dumm genug sind, verkaufen sie das Land, in dem wir leben. Wir können nur einem Herren dienen, entweder Gott oder dem Geld.
    Was bedeutet es, dem Geld zu dienen ? Vom Geld besessen zu sein. Stellen wir uns das bildhaft vor. Wer vom Geld be-sessen ist, sitzt nicht selber drauf, sondern über ihm sitzt Mammon. Beginnen wir damit, uns selber draufzusetzen !
    Um mit dem Besitz anderen Menschen zu dienen, dann dienen wir Gott.

  4. „Mehr muss man nicht dazu sagen.“

    Oh doch, ganz im Gegegenteil – das darf man so nicht stehen lassen.

    Denn gerade – aber nicht nur – das

    „Die Politik weiß sehr gut, wenn sie wirklich Armut bekämpfen wollte, müsste sie in Deutschland tatsächlich umverteilen. Müsste den Reichen nehmen. Sie müsste Erbschaftssteuer erhöhen. Sie müsste Vermögenssteuer einführen….und damit einer Klientel weh tun, die ihr anscheinend sehr wichtig ist. Das will sie nicht und deswegen leugnet sie Armut….Punkt, besser Ausrufezeichen.“

    ist so falsch, daß falscher kaum mehr geht. Denn, das ist nicht nur unnötig, sondern nahezu unmöglich und vor Allem, es führte nicht zur Abschaffung der Armut. Mehr noch, der Gedanke daran und das Bestreben dahin, ver oder behindert die Gedanken und das Bestreben hin zu einer wirklich guten, positiven Lösung der Probleme. Wenn man jemandem etwas wegnehmen will – egal wieviel er hat – muß man mit stärkstem Widerstand bis hin zum Krieg rechnen.

    Denn wir lösen die Probleme nicht indem wir Andere arm oder ärmer machen – auch wenn sie dann immer noch exorbitant reich wären – sondern indem wir die Armen „reich machen“.

    Es ist mehr als kontraproduktiv sich dafür auf einen Kampf – denn der wäre unbedingt, unabsehbar und mit unter Umständen verheerenden Folgen, Auswirkungen für Alle – einzulassen, oder gar darauf hinzuarbeiten. Dazu kann ich an dieser Stelle nur soviel sagen:

    Die Probleme die wir uns durch Geld schaffen sind millionenfach größer als die die wir hätten würden wir es abschaffen (das meint übrigens nicht, daß ich dafür wäre „Geld“ abzuschaffen)

    „…aktuell sind 16.5 Millionen Menschen dieses Landes von Armut bedroht.“

    Sagt wer? Ich komme auf eine ganz andere Zahl – je ach Definition (pekuniäre) Armut. Wenn wir mal von den nicht geschönten, sondern schlicht gelogenen Zahlen absehen, kommen wir auf wesentlich mehr Menschen die Arm SIND.

    Da hätten wir ca. 6 Millionen in Bereich ALG II, also jene die Arbeitslosengeld II erhalten. Ich schätze die Zahl derer die ALG II erhalten könnten/müssten, aber es nicht aus verschiedenen Grtünden ablehnen, auf ca. 2 Millionen. Diese wollen sich eine Rest-Würde bewahren und sich nicht der TOTALEN Willkür, der TOTALEN Demütigung, in Verbindung mit schwersten Verbrechen die seitens der zuständigen „Behörden“ an ihnen begangen werden, aussetzen. Viele schämen sich schlicht auch und beantragen deshalb kein Arbeitslosengeld.

    Dann haben wir ca. 4 Millionen im Bereich ALG I. Das sind die, die immer mit ca. 3 Millionen in der „offiziellen Statistik“ auftauchen. Ich schätze das ca. 50% einfach arm sind – arm dran sowieso.

    Dann haben wir laut Statistik ca. 10 Millionen Rentner die offiziell arm sind. Auch hier dürfte noch die ein und andere Million Menschen betroffen sein, die in der Statistik nicht auftauchen. Und trotzdem (zudem) wird es immer noch ein paar Millionen geben, die nirgendwo auftauchen.

    Dann haben wir diese statistische Armutsgrenze von ca. 980 € monatlich. Das heißt, wer 981 €, oder 990, oder 1010 € zur Verfügung hat, ist halt nicht mehr arm – so einfach ist das. Im realen Leben sind aber menschen mit z.B. 1200 € teils wesentlich ärmer, als Menschen die nur 900 € haben. Es gibt halt diese „besonderen Lebensumstände“ wie Krankheit die zu weit höheren Ausgaben führt und tausend ander Gründe und besonder Umstände, die zu solch Ungleichheit führen.

    Diese Zahl, also jene die z.B. wenn ein paar Cent oder Euro statistisch nicht erfasst werden, aber dennoch weniger haben als Andere die statistisch erfasst werden, schätze ich auf mindestens 10 Millionen bis 20 Millionen.

    Ich habe vor 15 Jahren mich mit der Armutszahl in deutschland intensiv befasst und recherchiert. Dabei bin ich im Jahr 2000 rum, auf ca. 30 Millionen gekommen. Heute dürften wir weit darüber liegen.

    Nach meiner ganz persönlichen Defrinition von Armut, ist in einem (technologisch) so hoch entwickelten Land wie deutschland jeder arm, der nicht mindestens monatlich 2.500 € NETTO zur Verfügung hat.

    Und nicht wenige denken jetzt: Mein Gott, mit 2.500 € würde ich in der Gosse landen, müsste unter Asozialen leben. Und wesentlich mehr denken jetzt: Lieber Gott, wäre doch ein Leben wie Gott in Frankreich (mit 2.500 €) möglich.

    • Eine Abschaffung des Geldes ist aus meiner Sicht nicht von heute auf morgen so ohne weiteres möglich, vor allem, weil es weder in weiten Kreisen der Politik noch der Bevölkerung auch nur das geringste Verständnis dafür gibt, wie sehr wir vom Geld, vom Habenwollen, Habenmüssen, vom Haben statt Sein [1] geprägt sind. Geld ist für die allermeisten Menschen in seiner Selbstverständlichkeit vergleichbar mit Luft und Wasser. Geld ist für zahlreiche Menschen die einzige Antriebsfeder, die durch Erziehung, Schule und Erwerbsleben nicht geschwächt und gestutzt wurde, sondern gestärkt, und bei vielen Menschen den einzig übriggeblieben Antrieb darstellt, der sie morgens aus dem Bett zwingt und zur Arbeit trotten läßt.

      Mit Sicherheit wäre es theoretisch möglich, all jenen, die du vollkommen richtig als mit Armut geschlagen erkannt hast, diese Zusammenhänge, die ich hier nur grob angerissen habe, zu vermitteln, und mit Sicherheit würde man bei den Armen unserer Gesellschaft auf eher mehr als weniger Verständnis und Zustimmung stoßen. Doch die Sache hat nicht nur einen Haken, sondern gleich mehrere, die eine Umsetzung schon im Ansatz verhindern.

      1. Die relativ Mittellosen in unserer Gesellschaft, angefangen mit den Obdachlosen über die armen Rentner, die Alg-II-Empfänger, die Arbeitslosen, die prekär Beschäftigten und zahlreiche Familien, die immer knapp sind, haben a) nichts zu melden und wollen b) meist auch nichts „melden“, sich also weder zu Wort melden noch sich überhaupt mit etwas anderem als ihrem kleinen Lebensinhalt befassen, ihrem Konsum, ihren Freunden, ihrer Familie oder was auch immer sie den ganzen Tag treiben, wenn sie nicht arbeiten müssen. Ich war lange Jahre in einem Selbsthilfeverein ehrenamtlich tätig, während ich selbst arm und mittellos war und noch immer bin. Außer zwei Vereinsmitgliedern, einem damaligen Vorstandsmitglied, der auch Mitglied bei den Linken ist, und einem heute über 80Jährigen „Alternativen“ hab ich dort über die Jahre keinen einzigen Menschen getroffen, der oder die sich in der Freizeit mit den ganzen problematischen Zusammenhängen in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Keinen einzigen über Jahre hinweg! Die meisten Leute, die mir dort begegneten, waren ALG-II-Empfänger oder Arbeitslose, die wegen ihrer Anträge, wegen Beratung kamen oder zur Unterstützung der Jobsuche. Ich hab dort unzählige Bewerbungen für die Leute verfaßt, Lebensläufe erstellt, Fotos eingescannt, Nachhilfe in PC-Bedienung gegeben (dort gibt es einen Schulungsraum mit ca. 20 PCs) und dergleichen, wovon das Jobcenter nichts wissen darf, obwohl ich damals als Ein-Euro-Jobber dort „angefangen“ hatte, später bekam ich natürlich gar nichts mehr als Ehrenamtlicher. Doch ich schweife ab. Es gab dort wie gesagt niemanden, der oder die über ihre persönlichen Belange auch nur irgend etwas von dem wußte, was ich mir in den letzten Jahren angelesen und worüber ich mich informiert hatte. Die Leute wissen weder etwas davon, daß die Flugzeugentführer am elften September nur mit Teppichmessern „bewaffnet“ waren, sie wissen nichts von den Kriegslügen, weder die Brutkastenlüge noch Massenvernichtungslüge ist ihnen ein Begriff. Sie haben keine Ahnung von den Medienlügen, bekommen die Programmbeschwerden nicht mit, glauben quasi alles, was man ihnen via Massenmedien direkt ins Hirn pumpt. Sie wissen aber auch nichts darüber, wie sie selbst einst zu folgsamen und unterwürfigen Untertanen abgerichtet wurden, indem man ihre Empathiefähigkeit auf ein Minimum reduziert hat und ihnen nicht gestattet hat, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu entwickeln. Sie „wissen“ nur das, was sie wissen dürfen und sollen.

      Wie also willst du es als mittelloser Mensch anstellen, all diese Menschen zu schulen, ihnen all das beizubringen, das sie vermutlich erstmal gar nicht wissen wollen? Wenn überhaupt kann man das nur im Rahmen eines sehr lange andauernden Prozesses tun, falls es dir gelingen sollte, überhaupt eine entsprechende Bewegung zu initiieren. Du hast doch gar nicht die Möglichkeit, all diese Menschen überhaupt nur zu erreichen. Was würde es kosten, wolltest du jedem Bundesbürger morgen einen Brief schicken? Unbezahlbar! Du hast auch nicht das Geld, um eine Werbung im TV zu schalten, falls die das überhaupt annehmen würden, oder gar eine ganze Sendung, am besten noch regelmäßig. Ich selbst bin mit meinen Versuchen, sowas auch nur zu thematisieren, immer sehr schnell gescheitert, auf rigorose Ablehnung gestoßen, auf Verärgerung und teilweise sogar Zorn und Verachtung. Im günstigsten Fall wird man belächelt: Was’n das für’n Spinner?

      2. Die Gegenkräfte in Form und Person all derjenigen, die davon überzeugt sind, vom Status Quo zu profitieren, sind ob deren Finanzkraft und Einflußvermögen um ein Vielfaches stärker als alles, was du als Mittelloser je aufzubringen in der Lage wärest. Deshalb funktioniert das Ganze ja so perfekt und perfide. Es gibt praktisch keine Räume, wo du ein solches Anliegen auch nur formulieren kannst, außer vielleicht hier, wo Leute lesen, die entweder selbst schon länger aktive Information betreiben oder die im Auftrag irgendwelcher Störaktionen das System verteidigen. Natürlich kann man, wenn man ein wenig Geld hat, Vorträge organisieren. Ich selbst könnte das nicht, mir reicht mein Geld meist nicht bis zum Monatsende, und ich gehe bereits quasi in Lumpen.

      3. Verarmte Menschen neigen gewöhnlich zur Selbstisolation, schämen sich ihrer Armut, ihres schäbigen Äußeren, ihrer schlechten Zähne usw. Die Scham ist neben dem Geld eines der stärksten gesellschaftlichen Steuerungsinstrumente, wie ich einst bei Sighard Neckel lesen erfahren habe. [2] Man bräuchte quasi ein Heer von entsprechend geschulten Sozialarbeitern, die sich nicht wie die meisten rein als Verwalter von Armut und Elend verstehen, sondern die wie Streetworker auf die Menschen zugehen, um sie zu informieren, um ihnen Mut und Hoffnung zu machen. Das wiederum würde eine Organisation erfordern, die wiederum Geld kostet, das du und ich nicht haben.

      4. Die Bereitschaft von Menschen, die über ausreichend Geld und Freizeit verfügen, sich wie eben angedeutet zu engagieren, tendiert gegen Null, weil diese Leute gewöhnlich daran interessiert sind, ihre Position, ihr Einkommen, ob nun leistungslos oder mit einem Einkommensplatz verbunden, zu sichern. Da findest du keine Sponsoren für Hartz-IV-Empfänger-Bewegungen, damit will im Grunde keiner was zu tun haben. Hartzer sind bäh! Hartzer sind faul, dreckig und Sozialschmarotzer. Schmarotzer, das ist lästiges Ungeziefer, dafür gibt’s ja Monsanto.

      5. Das Bildungsniveau bereits meiner Generation (Jahrgang 1960) empfinde ich als erschreckend niedrig; das heutige verdient diese Bezeichnung schon gar nicht mehr und wäre treffender als Unbildungsniveau zu kennzeichnen. Der Wert des Lesens außerhalb von schulischen oder universitären Lernzwängen ist nahezu verschwunden. Wenn ein Jürgen Roth oder ein Matthias Bröckers ein paar 10.000 Bücher verkauft, dann ist das nichts gegenüber einer Bevölkerung von 80 Millionen, von denen mit Sicherheit 50 Millionen lesen und derartige Texte verstehen könnten. Phantasie- und Liebesromane gehen dagegen weg wie warme Semmeln. Ich darf mit den allermeisten Leuten, die mir begegnen, gar nicht erst anspruchsvoll zu reden versuchen, weil ich es nicht mehr ertrage, ständig auf diese wohlbekannte Ablehnung und demonstrierte Interesselosigkeit zu stoßen.

      Zum Verständnis: Ich habe mich noch nie in anderen Kreisen als jenen der Arbeiter und Arbeitslosen bewegt, ja bewegen können. Die Gesellschaftsschichten sind gegeneinander ziemlich stark abgeschottet. Das heißt, du kommst als Mensch, der sein Leben lang schwer körperlich gearbeitet hat, nie viel hatte und nie viel verdient hat, gar nicht erst in Kontakt mit wohlhabenderen, vielleicht gebildeteren Kreisen. Umgekehrt wollen Menschen aus diesen Kreisen mit „unsereins“ nichts zu tun haben, denn wir sind aus deren Sicht wie bereits erwähnt „dreckige, unangenehme, stinkende Schmarotzer“ – kurz: pfui. (Auch frisch gewaschen und mit frischen Klamotten wird man heute ohne Deo leicht als stinkend empfunden, kein Witz.) Doch die Armen dieser Gesellschaft, die Verachteten, Ausgestoßenen, die Isolierten, Kranken, der angebliche Abschaum (ich wurde schon öfter so bezeichnet), die würden am meisten von einer Abschaffung des Geldes profitieren, und das will man definitiv nicht. Da muß, denke ich, erst alles zusammenbrechen, und das überleben dann wir, die Ärmsten der Gesellschaft am schlechtesten, wir würden dann als erste ins Gras beißen.

      Das ist für mich die bundesdeutsche Wirklichkeit!

      So lange diese Dinge nicht aufgearbeitet werden, all die Kritik, die bereis am tiefinnersten Wesen des heutigen Menschen vollkommen zu Recht geäußert wird, nicht ernstgenommen wird, so lange wird sich auch nichts an den Zuständen ändern, denn die gesellschaftlichen Verhältnisse sind Ausdruck der seelischen Befindlichkeit des Einzelnen, und der Einzelne wird in seiner seelischen Befindlichkeit von den als Agenten der Gesellschaft tätigen Eltern der Gesellschaft angepaßt, damit die gehorsamen Untertanen und das benötigte Kanonenfutter niemals ausgehen.

      [1] Werke von Erich Fromm, darunter „Haben oder Sein“ und „Anatomie der menschlichen Destruktivität“: http://www.irwish.de/bin/FrommPdf.zip
      [2] Sighard Neckel: „Status und Scham – Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit“: http://www.irwish.de/PDF/Neckel-Status+Scham

    • Ich bin begeistert. Du stellst wenigstens die richtigen Fragen.

      Ich will keineswegs das Geld abschaffen, sondern es gegen ein gerechtes, im Kern unmanipulierbares Tauschsystem – also das was Geld ursprünglich mal war oder sein sollte – ersetzen.

      Das kann viel schneller und einfacher gehen als es deine Vorstellungskraft hergibt. Das kostet auch nicht viel – im Grunde nur eine Webseite, Internetauftritt – und wäre theoretisch von nur einer Person die richtig gas gist zu bewerkstelligen.

      Die Verbreitung einer Idee deren Zeit gekommen ist, ist keine Frage mehr von einem Heer von Menschen die sie in die Welt trägt. So eine Idee wird ein sogenannter Selbstläufer und geht blitzschnell um die Welt.

      Und genau darin sehe ich eher Gefahr-en als in allem anderen.

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