Die Pathologie des Kapitalismus

Von Susan Bonath.

Konsumieren und vermarkten: Wie das System uns zu eisenharten, empathielosen Darwinisten macht

Keine Brücke in Berlin ohne Obdachlose, kein Bahnhof ohne Bettler und Flaschensammler: Obwohl die Menschheit so viel produziert wie nie, wächst vor unseren Augen, mitten im »goldenen Westen«, eine abgehängte, verarmte Schicht zu einer Masse heran. Es liege an ihrer Faulheit, schieben Politik und Medien den Betroffenen selbst die Schuld in die Schuhe. In aller Öffentlichkeit und ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, hetzen Politiker und Medien gegen Arme mit Beleidigungen wie »Hartz-IV-Schmarotzer«, »Faule Grippel« (CSU), »Parasiten« (Volkwirt und Professor Hans-Hermann Hoppe in »Eigentümlich frei«) und »Arbeitsverweigerer« (Wissenschaftlicher Beirat des Bundesfinanzministeriums 2008).

Möglich ist das, weil der größte Teil der Gesellschaft Abgehängte als neues Feindbild akzeptiert. In Kommentarspalten von Onlinemedien wird unzensiert verlangt, Betroffene verhungern zu lassen oder sie in Arbeitslager zu stecken. Bildkommentator Jan W. Schäfer drückt derlei Fantasien gegenüber seiner Millionenleserschaft zwar weniger drastisch aus, meint aber mit Sätzen wie »Wer sich weigert, verwirkt sein Recht auf Stütze« (15. November 2016) dasselbe.

»Pragmatisch-zynische Tauschmaschinen«

Der Aufschrei bleibt aus. Auch wer mit einem Bein selbst schon im Abgrund steht, tritt nach unten. Das Hauen und Stechen um den Erhalt der eigenen, unsicheren, kärglichen Position und die Abwehr des totalen Absturz wird immer brutaler. Buckeln und boxen, totale Selbstausbeutung und -vermarktung, vollständige Identifikation mit dem Markt bis zur Selbstaufgabe, stetes Heischen nach Anerkennung in einer seelenlosen Geldwirtschaft: Die permanente kapitalistische Konkurrenz hat die intimsten Lebensbereiche längst durchsetzt. Zwischen Glitzer und Marktgeschrei, obszönem Reichtum und Dumpinglohnprostitution, Hamsterrad, Kaufrausch und Selbstbefriedigung in sozialen Netzwerken gedeiht eine rabiate Gleichgültigkeit, ein pathologischer Sozialdarwinismus, der an dunkelste Zeiten erinnert.

Die Ideologie dahinter: Wertvoll sei nur, wer dem Markt am effektivsten dient. Wer nicht mithält, sei ein Nichtsnutz, der erzogen, drangsaliert, notfalls ausgemerzt gehöre. Menschlich wertvolle Eigenschaften, wie Empathie, Uneigennützigkeit, ziviler Ungehorsam gegen Ungerechtigkeit und Mitgefühl pflegen nur »Sozialromantiker von gestern«, wie es jüngst die Bild ausdrückte.

Es ist längst geschehen: Die Gesellschaft selbst ist zum reinen Markt verkommen. Individuen agieren als »pragmatisch-zynischen Tauschmaschinen, deren Verkehr untereinander von störenden Gefühlsbeimengungen bereinigt wird« (Götz Eisenberg). Schon Adorno erkannte eine systembedingte »bürgerliche Kälte«. Marx sah die Ursache in einer zunehmenden Dominanz des abstrakten Tauschwerts gegenüber dem Gebrauchswert. Der Unterschied zwischen handelnden Subjekten und getauschten Objekten verschwimmt selbst im Blick auf uns selbst. Marx wusste schon vor 150 Jahren: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das bedeutet: Die jeweils realen Lebensbedingungen bestimmen unser gesamtes Denken und Verhalten. Feste Glaubensmuster, entstanden durch eingeengte Handlungsoptionen, graben sich in unsere Psyche ein, beherrschen unser Weltbild und werden an die nächste Generation weitergegeben.

Wenn wir betrachten, wie Abgehängte, etwa Obdach- und Erwerbslose, die der vollautomatisierte, geldbeherrschte Markt erst produziert, als störende Parasiten empfunden werden und man Besitzlosen ungerührt beim Verhungern oder Erfrieren zuschaut, blicken wir in das Gesicht der Pathologie des Kapitalismus: Ein hegemonialer, psychopathisch abgestumpfter Sozialcharakter macht sich breit.

Die narzisstische Gesellschaft 

Der eher konservative Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz sieht die Gesellschaft auf dem Weg in die »Narzismussfalle«. Narzissmus als Persönlichkeitsstörung breite sich in der Gesellschaft aus. Ursache seien durch Fehlidentifikation des »Ichs« erworbene Selbstwertstörungen. Der narzisstische Mensch sei »im Kern ein um Anerkennung ringender, stark verunsichertes Wesen«. »So tut er alles, um die Bestätigung, der er zum Leben braucht, zu erhalten«, schreibt Maaz. Um sein gestörtes Ich-Gefühl zu kompensieren, benötige er ständig erweiterte Ablenkung durch Konsum, Besitz, Animation und Aktion. Gier nach Geld oder anderen Lebensvorteilen sei keine spezifische Charaktereigenschaft, glaubt Maaz. Vielmehr sei sie ein »zentrales Symptom der narzisstischen Bedürftigkeit der meisten Bürger in Industriegesellschaften«, wenngleich sie an den Schaltstellen der Macht noch geballter vorkomme.

So wird schon das Kind darauf getrimmt, mitzuhalten in einer Ökonomie, die immer höhere Leistungen abverlangt und Menschen immer rabiater nach Effizienz sortiert. Konkurrenzkampf gegen jeden wird antrainiert. Eltern geben so ihre eigenen Absturzängste und narzisstischen Defizite an das Kind weiter. Mit Höchstleistungen in allen Bereichen soll es möglichst oben bleiben. Zugleich benutzen Eltern ein Kind nicht selten – meist unbewusst – als Objekt der Selbstbestätigung und -aufwertung. Leistungsversagen wird mit Liebesentzug bestraft. Jedes Scheitern wird zur Katastrophe, die den sozialen Status massiv gefährdet. Minderwertigkeitskomplexe summieren sich. Daraus erwächst eine narzisstische Wut, die den Blick auf andere nicht zulässt. Nur so können Betroffene Versagensgefühle und -ängste kompensieren. Mithalten in einer immer schnelleren, flexiblieren, durchökonomisierten Gesellschaft wird zum einzigen Wertmaßstab.

Schon der 1980 verstorbene Psychoanalytiker Erich Fromm warnte vor pathologischen Folgen durch zunehmendes Abdriften der Individuen in den einen Konsumismus. Je stärker sich der Mensch über das Haben statt das Sein definiere, desto weniger sei er zur Empathie fähig. Er vereinzele, werde zum Konkurrent aller anderen und seiner selbst. Die Härte, mit der er sich selbst be- und abwerte, münde in Härte und Gleichgültigkeit gegenüber anderen. Am Ende verliere er sein Ich und werde psychisch krank. Denn die vom System geschürte Egomanie widerstrebe der eigentlich sozialen Natur des Menschen.

Die Soziologin Nathalie Grimm bezeichnet die von »individuellen und sozialen Folgen erwerbsbiographischer Unsicherheiten« gebeutelte wachsende Masse an prekär beschäftigten Menschen in einer aktuellen Studie als »Statusakrobaten«. Drangsalierung und Arbeitszwang unter Hartz IV setze Betroffene, darunter viele Studierte, enorm unter Druck, immer neue, auch schlecht bezahlte Praktika, Projekte, Jobs anzunehmen, dafür hin und her zu reisen und auf Familie und Freundeskreis zu verzichten. »Statusakrobatik«, um nicht in die unterste Unterschicht abzurutschen, werde zum Hauptlebenszweck, der alles überschatte, so Grimm.

Leistungswahn, Ausgrenzung, Entmenschlichung

Kurzum: Der kapitalistische Mensch hat eine »Pflicht zur Leistungseffizienz«, also zur völligen Hingabe an den Markt verinnerlicht. Die Unterteilung in unwerte, zu ächtende »Leistungsversager« und wertvolle »Leistungsträger« dominiert nicht nur politisch aufoktroyierte Leitlinien, sondern das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein. Beispiel: Ein Leiharbeiter, der für Mindestlohn malochen geht, ist verständlicherweise sauer. Nie kann er sich was leisten. Trotzdem gleicht sein Leben einem Hamsterrad. Seinen Selbstwert schöpft er nun, politisch konform, aus seinem Fleiß bis hin zur Selbstaufgabe, ungeachtet der Tatsache, dass er mit seiner Selbstvermarktung zu Dumpinglöhnen das gesamte Lohngefüge weiter nach unten drückt. Um sich gegen die ständige Missachtung und Abwertung seines Daseins zu wehren, tritt er auf Erwerbslose.

Ein typisches Argument des geknechteten Niedriglöhners: Er müsse das »faule Pack« mitfinanzieren. Meistens stimmt das nicht einmal, da viele Geringverdiener gar keine Lohnsteuer bezahlen. Zweitens entbehrt dies jeder Rationalität: Die Wirtschaft produziert so viel wie nie zuvor – mit immer weniger Arbeitern. Automaten, Maschinen und Computer als neue »Null-Euro-Jobber« machen es möglich. Sie brauchen keinen Lohn, kein Essen, keine Wohnung. Sie sorgen für Profitmehrung ohne Lohnkosten. Drittens wird der Reichtum zunehmend auf einem von der Produktion abgekoppelten Kapitalmarkt generiert und akkumuliert.

Das heißt: Reichtum ist immer weniger von der Produktion und dem Konsum abhängig. Immer mehr Menschen werden lohnerwerbslos. Zugleich wird diese Gruppe für die Kapitalakkumulation unbrauchbarer. Sie werden als wertlos deklariert, als Plage, als Schmarotzer. Eine moralische Eigenschaft namens »Faulheit« wird zum Massenphänomen erklärt, das Schuld sei am Untergang einer (unmoralischen) Wirtschaftsordnung. Das ist unwissenschaftlicher Bullshit, denn niemals sind Imperien an »Faulheit« ihrer Individuen gescheitert. Wohl aber an der Dekadenz ihrer jeweils herrschenden Klasse und an enormen sozialen Verwerfungen. Diese Zuschreibung dient nur einem: Derart entmenschlichte, für den Markt überflüssig gewordene Wesen wird, wer sich stets narzisstisch aufwerten muss, getrost verhungern lassen.

Individueller »Ausstieg« ist keine Lösung

Natürlich gibt es Lichtblicke, die zeigen, dass Menschen diese Ökonomisierung leid sind. Es finden sich Gemeinschaften zusammen, die Ökohöfe bewirtschaften. Erwerbslose schließen sich zu Vereinen zusammen. Tausende arbeiten ehrenamtlich im sozialen Bereich. Eine Umkehr zeichnet sich dennoch nicht ab. Die ökonomischen Zwänge sind zu stark. Alleine die Tatsache, dass wir Geld benötigen, um leben zu können, um irgendetwas zu erwerben, macht uns abhängig. Wer nicht genügend besitzt, um andere für sich arbeiten zu lassen, hat kaum die Möglichkeit, innovativ und erfinderisch zu sein. »Selbstversorgung« ist ein großes Wort. Möglich ist sie nur sehr begrenzt. Die Kosten für Miete, Grundsteuern, Heizkosten, Autoversicherung, Benzingeld, Strom, Wasser und Abwasser werden trotzdem fällig.

Letztlich wird deutlich: Solange wir nicht umkehren vom Kapitalismus hin zu einer Form der gemeinschaftlichen Produktion ohne Profitzwang, die eine Verteilung nach Bedarf und Beteiligung nach Fähigkeiten erst ermöglicht, verbunden mit wirklich moralischen Wertmaßstäben, wird sich der pathologische Darwinismus weiter in unsere Hirne und Herzen fressen.

Wenn Maschinenmenschen (Charlie Chaplin) weiterhin die Ausrottung der eigenen Spezies und die Vernichtung der Lebensgrundlage vorantreiben, sind wir verloren. Technisch und verstandesmäßig hätten wir alle Voraussetzungen, solidarisch und kooperativ zu leben und uns endlich von der Angst vor dem »zu kurz Kommen« zu befreien. Nur, wenn wir teilen und uns ob unseres Seins wertschätzen lernen, wird es eine Zukunft für den Menschen geben. Sonst ist der Kollaps, der unweigerlich mit dem Ende der ausgeplünderten Ressourcen bevorsteht und einhergehen wird mit brutalen imperialistischen Kriegen, nicht mehr aufzuhalten. Wir müssen über eine Vergesellschaftung der gesamten Wirtschaft nachdenken und über eine Abkehr vom heutigen Geldsystem, das wesentlicher Motor für die Umverteilung von unten nach oben ist. Die Eigentumsfrage ist die wesentliche Frage der Gegenwart. Sie muss oberste Priorität bekommen und erfordert eine schnelle Lösung.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

Fotohinweis: wikimedia.commons.org, Urheber: LepoRello (Wikipedia), Lizenz CC BY-SA 3.0

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33 Kommentare zu: “Die Pathologie des Kapitalismus

  1. „Die Eigentumsfrage ist die wesentliche Frage der Gegenwart. Sie muss oberste Priorität bekommen und erfordert eine schnelle Lösung.“

    Ja. Und die besteht in einer gewaltsamen Revolution. Kapitalisten lassen sich nicht überreden.

  2. Ist die Analyse in diesem Artikel in allen Einzelheiten schlüssig? Sind WIR – als (angeblich) „eisenharte, empathielose Darwinisten“ – wirklich das Hauptproblem? Ist es nicht so, dass wir systematisch gegenüber allen möglichen Skandalen und Missständen abgestumpft sind, weil wir abgestumpft WORDEN sind? Welcher Stellenwert wird in diesem ganzen Desaster den (hypnotisierenden, vereinnehmenden) neuen Medien, der Berieselungsindustrie, dem (Ver-)Bildungssystem, der manipulativen Lügenpresse, dem entmutigenden, sich selbst bedienenden Parteiensystem beigemessen?

    Zusammenzucken musste ich bei der Nennung von Hans-Joachim Maaz. Maaz gelingt es zwar immer, gesellschaftliche Missstände deutlich zu benennen. Aber seine Ursachenanalyse – aufgesetzt auf einen Drang zu hemmungsloser Generalisierung – vernebelt den Blick: Wir alle sind (angeblich) „narzisstisch“! Deshalb haben wir das Problem! (In einem anderen Werk, seinem „Lilith-Komplex“, werden die Mütter als Wurzel allen Übels ausgemacht.)

    Bei seiner plumpen Analyse greift Maaz auf einen völlig absurden Begriff zurück („Narzissmus“), der im Kern eine systematische Opferbeschuldigung enthält.

    Der Narziss im antiken griechischen Mythos ist nämlich jemand, der im Grunde an dem leidet, was Freud und seine Gefolgschaft, so auch Maaz, als „Narzissmus“ benennen. Narziss leidet am Egozentrismus bestimmter Menschen, die sich ihm hemmungslos aufdrängen. (Daneben leidet er auch – durchaus nachvollziehbar – an den Gegebenheiten der menschlichen Existenz, nämlich der Endlichkeit von geliebten Angehörigen und von sich selbst.) Vgl. hierzu mein Beitrag „Zur Rehabilitation von Narziss. Mythos und Begriff.“ (In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration. 34/2008, 443-464 bzw. unter http://vg06.met.vgwort.de/na/b5926990355a4885963feff0efdd4f2b?l=http://www.oedipus-online.de/Narziss.pdf.)

    Maaz scheut sich nicht einmal, den Mythos bewusst zu verfälschen, damit die antike Erzählung sich geschmeidiger seiner Fehlinterpretation anpasst.

    Gerade in der Psychologie und namentlich der sog. (Freudschen) Psychoanalyse wird ein enormer Aufwand betrieben, um die Menschheit systematisch zu verwirren. Diese irrsinnigen psychoanalytischen Konzepte, die bis in die heutigen Tage noch weiter propagiert und argumentativ aufgebauscht werden, beinhalten – wie gesagt – im Kern eine gnadenlose Opferbeschuldigungs-Theorie, womit sie den Herrschenden also bestens ins Konzept passen und somit auch fleißig über die Mainstream-Medien propagiert werden. (Ein Beispiel für das, was ich damit meine: http://vg06.met.vgwort.de/na/f8cfa469fd1443a9b59f575353b8797f?l=http://www.oedipus-online.de/Thorwart_Kurz.pdf.)

    Aber abgesehen von diesem Exkurs in die Psychologie: Wo sind die griffigen Formeln, die uns bei der handfesten Lösung des Problems helfen? Abschaffung von Zins und Zinseszins? Entwicklung eines neuen Geldsystems, z.B. Förderung von Regionalwährung? Verstärkte Steuer für Reiche und auf Riesen-Erbschaften? Einführung von Modellen der Gemeinwohlökonomie? Verstärkte Beteiligung von Arbeitnehmern an den Produktionsmitteln? Maschinensteuer? …

    Welche gesellschaftliche Gruppe beginnt damit, in dem Geflecht aus unterschiedlichsten Interessen an der Entwicklung einer wirklich menschenfreundlichen, naturbewahrenden, auf das Gesamtwohl der Menschheit bedachten Alternative zu arbeiten? Wer bringt uns wieder Ethik in die Politik? Und wieviel Bürgerinnen und Bürger gibt es noch, die bereit wären, sich für solch ein Projekt zu engagieren?

    Wer sich dazu mit mir austauschen möchte – ich bin gerne bereit.

    • Ethik in der Politik? Die Staatsgewalt schützt das Privateigentum an Produktionsmitteln.

      Der Staat will Wachstum, weil er bei jedem Geschäft verdient. Also will der Staats den Reichtum der wenigen und Armut der vielen. Weil bei einem Geschäft in der Konkurrenz immer einer mehr gewinnt, als der andere.

      Tausch auf Augenhöhe gibt es nur unter gleichen.
      Nicht zwischen Armen und Reichen.

      Der Sozialstaat

      Deshalb braucht es den Sozial-Staat. Weil die Wirtschaft ständig Armut produziert. Die Arbeitskräfte müssen aber fit gehalten werden. Löhne und Sozialleistungen müssen reichen, damit die Leute nicht arbeitsunfähig werden.

      Friedlich kann daran nichts geändert werden.

  3. Ich gebe zu, dass ich den Text nicht ganz gelesen habe, weil ich diese Leier nun oft genug gelesen habe, ähnliches trifft auf einige Kommentare zu.

    Warum wird das heutige politische Versagen bzw. eine (mangels Kompetenz) desaströse staatliche Einmischung in Wirtschaftsfragen so häufig mit einem vermeintlichen Versagen des Kapitalismus gleichgesetzt? Das, was hier als Kapitalismus bezeichnet wird, ähnelt durch unzählige staatliche und durch die EU verordnete Eingriffe doch eher einer sozialistischen Planwirtschaft als einer freien Marktwirtschaft. Hinzu kommt der riesige Sumpf der politischen Korruption und des Lobbyismus.

    Sozialistischen Schwärmern empfehle ich die Lektüre von „Muß Sozialismus mißlingen?“ von Erwin Scheuch um zu verstehen, dass Marxens Ansatz in einer freien Gesellschaft einfach nicht umsetzbar ist und die sozialistische Theorie sich selbst längst ad absurdum geführt hat.

    Demokratie ist im Sozialismus nicht möglich, jedoch in einer freien Marktwirtschaft bzw. im freien Kapitalismus. Allerdings sind wir von einer Demokratie bzw. von einem freien Kapitalismus mittlerweile meilenweit entfernt.

    Ziel muss der Liberalismus in seiner ursprünglichen Bedeutung sein: Eine Gesellschaft freier und mündiger Bürger ohne jegliche Bevormundung. Knackpunkt ist dabei die Rolle des Staates, nicht die des Wirtschaftssystems. Hier empfehle ich einen Blick auf Hobbes‘ „Leviathan“, ein Buch, dessen Aussage mir zwar grob bekannt ist, das ich aber unbedingt noch lesen muss.

    Übrigens: Das von Herrn Trautvetter verwendete Zitat Erich Fromms lässt sich ohne Probleme auf den Sozialismus übertragen. Was sich Fromm wünscht, ist die Emanzipation des Menschen von jeder Bevormundung, staatliche, gesellschaftliche, institutionelle. Voraussetzung dafür ist freie Bildung. Wenn es an ihr mangelt, hat der Mensch letzten Endes nur eine Illusion der Freiheit. Dass die deutsche Bildungslandschaft sehr unfrei geworden ist, ist leider Fakt. Das mag daran liegen, dass der Staat/die Länder zu sehr ihre Finger im Spiel haben, wo wir zu meinem anfänglich geäußerten Standpunkt zurückkommen. Fromm führt seine Kritik auf das Wirtschaftssystem zurück, was ich für einen Fehlschluss halte. Ich glaube, dass nicht das System Schuld ist, sondern seine Akteure.

    Ich behaupte nicht, dass mein hier geäußerter Ansatz der einzige Schlüssel ist. Allerdings kann man die Frage zu den Schlüsseln auch nur beantworten, wenn mit allen Ansätzen gearbeitet wird. Literatur zu meinem hier vorgestellten gibt es tonnenweise, von z.B. Thomas Hobbes über Immannuel Kant, zu Max Weber, Theodor Adorno und Max Horkheimer bis hin zu Karl Popper und Hans Albert. Alles Autoren und Denkrichtungen, mit denen sich KenFM meiner Meinung nach leider viel zu wenig beschäftigt. In ihnen liegen auch etliche, und vor allem grundlegende, Erklärungen und Verbesserungsansätze für unsere aktuelle Misere. Ich bin leider erst ganz am Anfang mit meiner Lektüre.

    Jedoch muss man aufpassen, dass die Erkenntnisse der genannten Autoren nicht unter einem Deckmantel zweckentfremdet werden und dann den Autoren bzw. deren Erkenntnissen die Schuld für Fehlentwicklungen gegeben wird. Ich denke dabei z.B. an von Hayek, mit dessen Argumenten die öffentliche Grundversorgung der Bevölkerung zum Zwecke der Kosteneinsparung demontiert werden soll. Dabei ist es allein der Staat, der sich mit etlichen schwachsinnigen und zum Teil demokratisch nicht legitimierten Ausgaben verschuldet hat.

    • die freie Marktwirtschaft von der Sie träumen ist eine Fiktion, die nicht Wirklich werden wird;
      Kapitalismus bezeichnet das reale System das eine Mischung aus Markt und Staat ist.

    • „Jedoch muss man aufpassen, dass die Erkenntnisse der genannten Autoren nicht unter einem Deckmantel zweckentfremdet werden und dann den Autoren bzw. deren Erkenntnissen die Schuld für Fehlentwicklungen gegeben wird.“
      Das ist Marx mit dem real existierenden Sozialismus auch passiert.

      „Ich glaube, dass nicht das System Schuld ist, sondern seine Akteure.“
      Das sehen die meisten Menschen so.
      Deswegen werden ab und zu mal diese Leute ausgewechselt und dann läuft es weiter.

      Warum verschärfen sich die Krisen z.B. in der EU?
      Warum braucht das System immer mehr Ressourcen, immer mehr Wachstum.
      Nach Ihrer Theorie würde alles besser, wenn wir nur andere Akteure an den Schalthebeln im Kapitalismus haben würden?
      Ist ein Kapitalismus mit menschlichen Antlitz möglich?
      Wenn ja, wäre das noch Kapitalismus?

    • Herr Schiktanz, immer derselbe religiöse Quatsch von den libertären Markt-Robotern. Kopfschüttel. Auch wenn Sie sich vermutlich jeder logischen Argumentation gegen Ihre hinten und vorne alberne und völlig inkohärente Marktreligion verweigern werden: Ich verlinke hier einen Artikel, in dem Sie erfahren könnten,

      warum die Kapitalisten für ihren Kapitalismus STAATEN BRAUCHEN und darum ERSCHAFFEN MÜSSEN. Sie brauchen auch nicht antworten. Die ganze Libertären-EIerköpfe-Endlos-Leier ist so schlecht und so dämlich, dass sie sowieso kaum einer glaubt. Wer will schon, dass allerorts gegenseitiger Raub, Mord und Totschlag um Besitz herrscht. Kopf auf Tisch.

      Mehr Markt, weniger Staat = Freiheit? Stimmt nicht: Der Kapitalismus schafft den Staat und braucht ihn.

      https://kenfm.de/privateigentum/

    • Sehr geehrte Frau Bonath, bitte bleiben Sie sachlich. Ein Gedankengebäude, das von unzähligen empirischen Fakten getragen wird, als Quatsch, Religion oder Unlogik zu bezeichnen, spricht nicht gerade für Sie.

      Anhand Ihrer Antwort merke ich, dass Sie Hobbes nicht kennen. Im Leviathan behandelt er ja gerade den Widerspruch zwischen Freiheit/Eigentum und der Notwendigkeit der Institution des Staates. Er kommt zum Schluss, dass es nur Aufgabe des Staates sein darf, die Menschen vor Gewalt und Unrecht zu schützen, also Recht und Ordnung durchzusetzen, ein Minimalstaat also.

      Sich zum Thema Staat und Eigentum zu äußern, ohne Hobbes zu kennen, zeugt nicht gerade von Seriosität. Was sind denn stattdessen Ihre Referenzen?

      Außerdem: Was wäre denn Ihre Alternative zum Kapitalismus?

      Allen, die meinen, mir widersprechen zu müssen, empfehle ich die Seite sciencefiles.org . Bildung tut Not!

    • @soki: Klar gibt es einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, bzw. Ideal und Realität. Fakt ist, dass wir unseren Wohlstand einer Marktwirtschaft verdanken.

      @schwarz: „Das ist Marx mit dem real existierenden Sozialismus auch passiert.“ Lesen Sie Scheuch, dann sollten Sie merken, dass sich die sozialistische Idee von Grund auf selbst zerlegt hat. Scheuch zeigt das mit Fakten und Logik. Wenn es woanders darum geht, den Kapitalismus zu zerlegen, stoße ich auf unbelegte Behauptungen. Da sind wir wieder bei der Bildung. Man muss schon in der Lage sein, unvoreingenommen und rational Argumente abzuwägen, bzw. mit Logik falsche Schlussfolgerungen zu erkennen. Kennen Sie denn Marxens Theorie und seine resultierenden Forderungen, vor allem die logischen Konsequenzen daraus?

      „Nach Ihrer Theorie würde alles besser, wenn wir nur andere Akteure an den Schalthebeln im Kapitalismus haben würden?“ Erstens vertrete ich hier keine Theorie, sondern stelle einen Ansatz zur Diskussion, der durch empirische Fakten nun mal daseinsberechtigt ist, ob es einem passt oder nicht. Zweitens: Was bringt es, die Akteure zu wechseln, wenn sich die neuen genau so korrupt und opportunistisch wie ihre Vorgänger verhalten bzw. solche, die ehrlich etwas daran ändern wollten, erst gar nicht an die Schalthebel kommen, weil es die Opportunisten und Korrupten zu verhindern wissen?

      „Warum braucht das System immer mehr Ressourcen, immer mehr Wachstum.“ Lesen Sie mal zum Begriff des qualitativen Wachstums nach, dann verstehen Sie, dass es auch anders geht als sie denken.

      „Warum verschärfen sich die Krisen z.B. in der EU?“ Politik und Wirtschaft sind zwei paar Schuhe. Nochmal: Politisches Versagen.

      „Ist ein Kapitalismus mit menschlichen Antlitz möglich?
      Wenn ja, wäre das noch Kapitalismus?“ Jetzt bin ich aber darauf gespannt, was Sie hier unter Kapitalismus mit menschlichem Antlitz verstehen.

    • Vielleicht zum besseren Verständnis, Frau Bonath: Ausgangspunkt kann nur der Liberalismus sein, im ursprünglich gesellschaftlichen Sinne, nämlich wie ich schrieb: Eine Gesellschaft freier und mündiger Bürger ohne jegliche Bevormundung. Oder sind Sie etwa dagegen?

      Erst, wenn sich hier alle einig sind, kann über das Wirtschaftssystem diskutiert werden. In der Geschichte hat sich gezeigt, dass der Kapitalismus deutlich besser geeignet ist, im Einklang mit einer liberalen Gesellschaft zu existieren, als der Sozialismus, auch wenn der Kapitalismus viele Schwächen hat. Im Kapitalismus steht es aber jedem frei, seinen eigenen Weg zu gehen, solange der Staat funktioniert und diese Wege offen lässt, was heute leider immer weniger der Fall ist. Sozialismus kann nur totalitär sein, da er das Individuum daran hindert, sich frei zu entfalten, egal in welchem Bereich. Ein jeder hat sich dem Interesse der Kollektivität zu unterwerfen. Dass alle in einer industriellen Wohlstandsgesellschaft das gleiche Interesse hätten, ist utopisch. Sich einfügen in ein Kollektiv entmündigt. Nochmal: Mir geht es hier nicht um wirtschaftliche Detailfragen, sondern um die Sicherstellung der Freiheit jedes einzelnen Menschen. Voraussetzung dafür ist die vernünftige Autonomie jedes Menschen, die Kant diskutiert. Und für Vernunft bedarf es der freien Bildung, rationalen und kritischen Denkens. Wo dieses versagt und sich die Menschen lieber betrügen und gegenseitig meucheln, soll der Staat eingreifen, der Recht und Ordnung durchsetzt. Leider hat der Staat in diesen Tagen genau die gegenteilige Rolle übernommen und unterdrückt die kritische Vernunft. Er geht sogar noch weiter und kriminalisiert teilweise diejenigen, die sich ihrer Vernunft bedienen.

      Adorno wieß energisch darauf hin, dass bevormundete Bürger eher dazu neigen, autoritäre und totalitäre Systeme zu dulden bzw. sich in sie zu flüchten. Wohin das führen kann, zeigt die Geschichte. Die entscheidende Frage ist nun, wodurch eine mögliche Bevormundung entstehen kann. Ich sehe hier die Gefahr eher beim heutigen Staat als beim Kapitalismus. Empirische Untersuchungen geben mir da recht. Und hier sind wir dann wieder bei Hobbes und seiner Vorstellung des Staates.

      Sollten Sie in meinen Ausführungen logische Widersprüche entdecken, dann weißen Sie mich bitte mit konkreten Textstellen und nachvollziehbaren Argumenten darauf hin. Unbelegte Behauptungen helfen keinem von uns weiter.

      Eine Frage noch: Sind Sie der Überzeugung, es könne einen Sozialismus ohne Staat geben?

    • Eine Sache noch, Frau Bonath, die mir eben erst klar geworden ist und die eigentlich auch entlarvend ist. Sie schreiben: „Sie brauchen auch nicht antworten.“

      Ok, können Sie mir verraten, was dann diese Veranstaltung hier soll? Sind Sie hier, um Ihre unwiderlegbare Weisheit zu verkünden, von der Sie a priori wissen, dass Sie unwiderlegbar ist und sich deswegen auch niemand die Mühe machen bräuchte, mit Ihnen zu diskutieren? Oder sprechen Sie mir die Fähigkeit ab, Sie mit Argumenten zu überzeugen? Oder wollen Sie sich vielleicht aus ideologischen Gründen überhaupt nicht überzeugen lassen?

      Wenn Sie die besseren Argumente haben, dann präsentieren Sie sie bitte.

    • „Politik und Wirtschaft sind zwei paar Schuhe.“
      Da sind wir schon auseinander.
      Das sind zwei Schuhe eines Paares.
      Sie bedingen einander.

      „„Ist ein Kapitalismus mit menschlichen Antlitz möglich?
      Wenn ja, wäre das noch Kapitalismus?“ Jetzt bin ich aber darauf gespannt, was Sie hier unter Kapitalismus mit menschlichem Antlitz verstehen.“

      Antwort: Das ist ja der Wiederspruch. Den gibt es nicht. Ausbeutung, Umweltzerstörung und Krieg – was soll daran menschlich sein?

      Wenn man Ausbeutung, Umweltzerstörung und Krieg im Kapitalismus ausblendet und sich eine soziale Markwirtschaft herbei phantasiert ist einem nicht zu helfen.

      „Eine Gesellschaft freier und mündiger Bürger ohne jegliche Bevormundung.“
      Was ist Freiheit und wo endet sie?

      „Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“ (R. L.)
      oder
      „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

    • „Das sind zwei Schuhe eines Paares.
      Sie bedingen einander.“

      Eine unbelegte Behauptung. Ich sage nicht, dass nicht beide gegenseitig Einfluss aufeinander nehmen. Wie groß dieser sein darf, ist die große Frage. Ursprünglich hatten sie nichts miteinander zu tun. Wirtschaft in Form von Tausch gibt es viel länger als die Institution des Staates und seiner politischen Einflussnahme. Dass sich beide einander bedingen, ist somit falsch.

      „Antwort: Das ist ja der Wiederspruch. Den gibt es nicht. Ausbeutung, Umweltzerstörung und Krieg – was soll daran menschlich sein?“

      Wir sind also alle keine Menschen? Meine Frage zielte eher in diese Richtung.

      Menschen haben schon immer zu ihrem Vorteil ausgebeutet, das war also schon immer menschlich. Dieser Ausbeutung sollten durch Ethik und Moral Grenzen gesetzt werden. Wenn Handlungen im kapitalistischen System unethisch sind, ist das kein Problem des Kapitalismus, sondern der Menschen, die ihn betreiben. Oder wollen Sie mir sagen, dass Ausbeutung nur im Kapitalismus stattfindet? Zur Umweltzerstörung: Der Begriff ist sehr unspezifisch, dafür aber wertend. Streng genommen wird nichts zerstört, sondern es findet stetige Veränderung statt. Hier kann man fragen, ob diese Veränderung durch Menschen verursacht wird oder nicht, und welche Konsequenzen diese Änderungen haben. Veränderung, die man auch als Zerstörung beschreiben kann, hat es schon immer gegeben, auch ohne den Menschen. Mein Eindruck ist, dass sich hier der Mensch über alle Maßen überhöht. Zum Krieg: Dieser ist rein politisch und hat mit Kapitalismus überhaupt nichts zu tun. Man könnte zwar behaupten, dass Kriege, die der Rohstoffe wegen geführt werden, eine Methode der Staaten sind, sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Allerdings sind wir uns wohl einig, dass das eine illegale Praxis ist und demnach nichts mit Kapitalismus sondern mit Rechtsbruch zu tun hat, analog zum Raub.

      Folglich sollten wir uns alle erstmal darüber einig werden, was das Wesen des Menschen bzw. Menschlichkeit eigentlich ausmacht. Wenn jeder etwas anderes darunter versteht, brauchen wir diese Diskussion hier eigentlich erst gar nicht anfangen.

      „Wenn man Ausbeutung, Umweltzerstörung und Krieg im Kapitalismus ausblendet und sich eine soziale Markwirtschaft herbei phantasiert ist einem nicht zu helfen.“

      Meine Überzeugung ist ja gerade, dass die erstgenannten gar keine zwingende Konsequenz des Kapitalismus sind, sondern z.B. eher eine der Einmischung des Staates, der den Kapitalismus in bestimmte Bahnen lenkt bzw. ihn missbraucht, um staatliche Macht zu sichern. Dabei denke ich auch wieder an Lobbyismus. Außerdem gab es Ausbeutung und Kriege bereits vor dem Kapitalismus. Umweltzerstörung, so wie ich denke, dass Sie sie verstehen, ist eine Folge der Industrialisierung, die laut Marx ja auch Grundlage für den Kommunismus sein muss. Schmeißen Sie bitte nicht so viele Dinge in einen Topf.

      Setzen Sie Kapitalismus mit sozialer Marktwirtschaft gleich, oder wie soll ich Ihren Satz verstehen?

      Ein Hinweis am Rande: Ich würde mich an Ihrer Stelle zurückhalten mit Äußerungen, wem alles nicht zu helfen sei. Solche Äußerungen greifen bereits in die Freiheit anderer ein. Wenn Sie der Meinung sind, dass andere Unrecht haben, dann argumentieren Sie bitte logisch und nachvollziehbar. Ihre Behauptung oben geht von einer offensichtlich falschen Prämisse aus, und darauf aufbauend meinen Sie zu beurteilen, wem nicht mehr zu helfen sei.

      „Was ist Freiheit und wo endet sie?“

      Wie Sie eben hoffentlich gelernt haben z.B. da, wo die Meinung Andersdenkender stigmatisiert wird. Ich gehe vom Freiheitsbegriff der Aufklärung aus, da dieser in meinen Augen jeden Bereich des Individuums abdeckt. Denken Sie an Kants Kategorischen Imperativ. Ihr zitierter Satz „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ folgt ja daraus. Grundlage hierfür ist die Vernunft des Einzelnen. Streiten kann man sich wohl darüber, wo die Grenze zum andern verläuft.

    • zu Politik u. Wirtschaft bedingen einander:
      „Eine unbelegte Behauptung. Ich sage nicht, dass nicht beide gegenseitig Einfluss aufeinander nehmen. Wie groß dieser sein darf, ist die große Frage. Ursprünglich hatten sie nichts miteinander zu tun. Wirtschaft in Form von Tausch gibt es viel länger als die Institution des Staates und seiner politischen Einflussnahme. Dass sich beide einander bedingen, ist somit falsch.“
      Es geht hir um den Kapitalismus und nicht was anno dunnemals mal ursprünglich war.
      Sie sind der Meinung das die Institution Staat zu viel Einfluss auf die Wirtschaft hat?
      Die Wirtschaft benutzt doch den Staat um ihre Ziele durchzusetzen.

      „Setzen Sie Kapitalismus mit sozialer Marktwirtschaft gleich, oder wie soll ich Ihren Satz verstehen?“
      Ich sehe in der Schöpfung des Begriffes „soziale Marktwirtschaft“ als Nebelkerze und Schlagwort.
      Da wurde versucht dem Kapitalismus ein ausgleichendes soziales Mäntelchen überzuwerfen und zu suggerieren das es einen freien und fairen Wettbewerb gibt.
      Seit es den Ostblock nicht mehr gibt, spielt der Begriff eigentlich keine Rolle mehr. (wird nur noch zur Verteidigung des Systems gebraucht)

      „Menschen haben schon immer zu ihrem Vorteil ausgebeutet, das war also schon immer menschlich. Dieser Ausbeutung sollten durch Ethik und Moral Grenzen gesetzt werden. Wenn Handlungen im kapitalistischen System unethisch sind, ist das kein Problem des Kapitalismus, sondern der Menschen, die ihn betreiben.“

      Das Sein bestimmt das Bewusstsein – wenn Sie verstehen, was ich meine !?

    • „Es geht hir um den Kapitalismus und nicht was anno dunnemals mal ursprünglich war.“

      Es ging darum, Ihre Behauptung mittels der Geschichte zu widerlegen. Die logische Schlussfolgerung ist nun mal, dass Ihre Behauptung falsch ist. Ob es nun Ihrer Meinung nach darum ging oder nicht, ändert nichts an den Tatsachen.

      Mal zur Klarstellung: Kapitalismus ist, wenn die Produktionsmittel in Privatbesitz sind. Ich bekomme immer mehr das Gefühl, dass es in dieser Diskussion hier gar nicht um den Kapitalismus selbst geht, er aber als Sündenbock für unsere Probleme herhalten muss.

      „Sie sind der Meinung das die Institution Staat zu viel Einfluss auf die Wirtschaft hat?“

      Ja.

      „Die Wirtschaft benutzt doch den Staat um ihre Ziele durchzusetzen.“

      Eben weil sich der Staat korrumpieren lässt. Die Wirtschaft kann doch nur deswegen einen Vorteil daraus ziehen, weil der Staat mit seiner Übermacht zu viel Einfluss auf die Wirtschaft nehmen kann. Im Gegenzug versucht die amtierende Regierung zusätzlich, sich mit Ihrem Einfluss auf die Wirtschaft Wählerstimmen zu kaufen. Ein Teufelskreis.

      „Das Sein bestimmt das Bewusstsein – wenn Sie verstehen, was ich meine !?“

      Ja toll. Es ist wenig zielführend, die Diskussion auf die Ebene der Metaphysik zu bringen, oder haben Sie Ahnung von synthetischen Urteilen a priori? Das muss das Marx-Zitat laut Kant nämlich sein, damit es Gültigkeit hat. Ich bin im Moment nicht in der Lage, das exakt zu beurteilen. Vielleicht Sie, vielleicht jemand anderes? Ich habe die starke Vermutung, dass das Marx-Zitat diese Bedingung nicht erfüllt, denn ein subjektives Bewusstsein ist nicht objektivierbar, es lassen sich also keine allgemeingültigen Aussagen darüber treffen. Ich verlasse mich eher auf Empirie.

      Ich verstehe schon, worauf Sie hinaus wollen. Wenn Sie schon auf dieser Ebene bleiben wollen, sollten Sie mal darüber nachdenken, ob sich der Kapitalismus nicht aus dem Streben der Menschen nach Sicherheit und Freiheit entwickelt haben könnte, und dass das, was viele Menschen heutzutage unfrei macht, überhaupt nicht der Kapitalismus selbst ist. Die Antwort darauf, was das denn stattdessen sein soll, versuche ich zu finden. Die Tendenz, alles dem Kapitalismus in die Schuhe schieben zu wollen, halte ich für sehr gefährlich.

      Sie müssen meine Ansichten nicht teilen, aber denken Sie bitte wenigstens darüber nach.

      Ich kann allen nur empfehlen, viel zu lesen, und zwar unvoreingenommen und nur die harten Fakten beachtend. Ein Anfang wäre z.B. hier:

      https://sciencefiles.org/?s=kapitalismus&submit=Suchen

      Der teils (leider) aggressive Schreibstil ist der Verzweiflung des Autors über die gesellschaftliche Unkenntnis der wissenschaftlichen Fakten zu verdanken.

      Auf Ihre Bemerkung zur sozialen Marktwirtschaft will ich nicht eingehen, weil wir uns so langsam im Kreis drehen. Übrigens waren Sie es, der diesen Begriff in die Diskussion gebracht hat.

      Lesen Sie bitte wissenschaftliche Bücher, vor allem solche, die sich mit dem Thema der Verflechtung von Staat und Wirtschaft beschäftigen, sowie solche, die sich kritisch mit der Institution des Staates auseinandersetzen, und vor allem solche, die sich mit der Theorie des Kapitalismus und des Sozialismus kritisch auseinandersetzen. Ernsthafte Soziologie und Philosophie kann auch nicht schaden.

      Mit diesen Worten will ich mich aus dieser Diskussion verabschieden, weil ich glaube, dass ich meinen Standpunkt ausführlich genug dargelegt habe und ich nicht Willens bin, die geistige Arbeit anderer zu übernehmen.

      Versteift euch nicht auf einen Standpunkt, sondern zieht viele in Betracht und entscheidet selber, welcher die rationaleren, und vor allem logischeren Argumente hat. Ich habe mich auch mit marxistischer Literatur befasst, und tue es nach wie vor. Ich lese auch Literatur, die den Sozialismus kritisiert, und vergleiche die Standpunkte. Das ist ein stetiger Prozess. Je länger ich mich nun mit dem Thema beschäftigt habe, um so mehr sehe ich die besseren (vor allem logischeren) Argumente auf Seiten der Sozialismus-Kritiker. Sozialismus-Befürworter verstricken sich auffallend häufig in logische Widersprüche. Ich gebe zu, dass ich damit am Anfang nur schwer klarkam. Es war aber auch befreiend.

      Sapere aude!

    • Es ist immer wieder der selbe Fehler (vgl. Ingo Elbe): Ist es ein Staat im Kapitalismus oder ein Staat der Kapitalisten oder ein Staat des Kapitals? Die ersten beiden Varianten machen den Fehler, den Staat sozusagen von Kapitalisten okkupiert zu sehen, die den an sich neutralen Staat für ihre Zwecke okkupiert haben. Ich denke also, das letzteres richtig ist, und das dies schon aus dem Tausch an sich ableitbar ist: Der Tausch setzt mündige freie Bürger mit Eigentum voraus und unsere Demokratie ist genau die Staatsform, die am besten dazu passt. Und auch passend hierzu aus dem Gedankengut des Liberalismus ein Zitat von John Locke: “ Das Gras, das mein Pferd gefressen, der Torf, den mein Knecht gestochen, das Erz, das ich an irgendeinem Ort gegraben, an dem ich mit anderen gemeinsam ein Recht dazu habe, werden demnach mein Eigentum, ohne irgend jemandes Zuweisung oder Zustimmung“
      Und das mit dem Knecht, dessen Arbeitsprodukt automatisch in den Besitz des Herrn übergeht, ist doch schon recht verräterisch.
      War früher im Feudalismus der Besitz von Gewaltmitteln die Grundlage für Ausbeutung so ist es im modernen bürgerlichen Staat der Besitz von Produktionsmitteln. Und hier kann man einfach nur auf Marx verweisen, der erklärt wie es aus dem Verhältnis freier Eigentümer (der eine im Besitz von Produktionsmitteln, der andere im Besitz nur seiner Arbeitskraft) konsequenterweise zur Ausbeutung kommen muß.
      Und noch eines: warum wird staatlicher Dirigismus ständig mit Sozialismus/Kommunismus verwechselt? Darin steckt eben genau der Fehler der oben genannten ersten beiden Varianten. Ausgerechnet der Staat wird als Schutzherr gegen die bösen Kapitalisten angerufen, ein Staat, der als Gewaltmonopolist eben genau die Verhältnisse (Freiheit und Gleichhet der Eigentümer) durchsetzt, die ein Gedeihen der kapitalistischen Produktionsweise ermöglichen sollen. Es ist eine Mißdeutung des Umstandes, dass der Staat (als „Gesamtkapitalist“) auch mal Entscheidungen trifft, die gegen die Interessen der einzelnen Kapitalisten sind (siehe z.B. die Einführung eines Normalarbeitstages von 10h, da durch die maßlose Ausbeutung der Fabrikherren die Bevölkerung nicht mehr militär auglich war.)

    • „Es ist immer wieder der selbe Fehler (vgl. Ingo Elbe): Ist es ein Staat im Kapitalismus oder ein Staat der Kapitalisten oder ein Staat des Kapitals?“

      Wie bitte? Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass die Formulierung „Staat des Kapitals“ von pro-kommunistischen Autoren geprägt wurde, die ganz selbstverständlich ihre Erkenntnisse mit einer Dialektik im Sinne Hegels und Marx‘ begründen, eine Dialektik, die erkenntnistheoretischer Müll ist?

      Hegel schrieb z.B.:

      „Was ist aber der Geist? Er ist das Eine, sich selbst gleiche Unendliche, die reine Identität, welche zweitens sich von sich trennt, als das andere ihrer selbst, als das Für-sich- und In-sich-sein gegen das Allgemeine“.

      Die gesamte historische Kapitalismuskritik gründet sich auf solchen wahnhaften Äußerungen eines armen Irren, der als Staatsphilosoph installiert wurde, um die Macht des preußischen Staats zu festigen, und wohl nur deswegen so bekannt wurde. Er gab sogar selber zu, dass er größtenteils nur schwafelt. Der daraufhin entstandenen – irrationalen – Kapitalismuskritik entspringen Formulierungen wie „Staat des Kapitals“ oder „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“

      Der Begriff „Staat des Kapitals“ lässt sich formal logisch gar nicht erfassen. Die ersten beiden der Formulierungen Ihres von mir zitierten Satzes dagegen schon. Und dann behaupten Sie allen Ernstes, dass aber der dritte Begriff die Realität beschreiben würde? Von Ihrer Begründung will ich gar nicht weiter schreiben, auch nicht vom Rest Ihrer Ausführungen.

    • …Wie bitte? Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass die Formulierung „Staat des Kapitals“ von pro-kommunistischen Autoren…
      Ja, das ist mir bewußt, sehr genau sogar.
      „Der Begriff „Staat des Kapitals“ lässt sich formal logisch gar nicht erfassen“.
      Wie sollte ich das auch wollen? Und was soll daraus folgen, wenn man es nicht kann?
      Ist das heutzutage der typische Stil, nicht mehr auf den Inhalt von Argumenten einzugehen, sondern nur denunziatorisch auf diejenigen, die einen Gedanken äußern?
      Der daraufhin entstandenen – irrationalen – Kapitalismuskritik entspringen Formulierungen wie „Staat des Kapitals“ oder „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Wie das denn jetzt? Was genau ist denn nun an der marxschen Kapitalismuskritik irrational? Die Bestimmung des Begriffs des Tauschwertes? Die Erkenntnis, dass Ware im Kapitalismus ein gesellchaftliches Verhältnis vermittelt? Dass der Zweck allen produzierens die Vermehrung von Kapital ist?
      Vielleicht sollten Sie besser mal ihre Argumentation formal logisch fassen um die logischen Fehler darin zu sehen? Prädikatenlogik erster Stufe muss hierzu ausreichen, da Sie ja der Kritik Hegels an der formalen Logik, wie diese in seiner Wissenschaft der Logik formuliert wird nicht folgen wollen.

    • Und noch mal zu Das Sein bestimmt das Bewußtsein, genau genommen geht der Satz eigentlich so:
      „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr
      Sein, sondern umgekehrt ihr
      gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestim
      mt.“ (Einleitung zur Kritik der politischen
      Ökonomie, 1859, 13)

      Das gesellschafliche „Sein“ im Kapitalismus ist, für einen der kein Eigentum hat, dass er für Lohn arbeiten muss, um ein Einkommen zu haben. Wie bestimmt nun dieses „Sein“ sein Bewußt sein? Nun in dem es für ihn Lohnarbeit als DAS Lebensmittel bestimmt, kommt er konsequenterweise zu dem Schluß , dass für Lohnarbeit, also sein Mittel zum Leben und Überleben, zu sorgen eine vorrangige Aufgabe der Politik ist. Und was ist falsch daran: Einfach nicht zu sehen, dass Umstand, dass Lohnarbeit sein Lebensmittel ist, ein kritikabler Umstand ist.

  4. Egoismus, ist klasse, muss man nur kapieren. Aber wer denkt, dass Menschen individualistisch durchs Leben kommen können, der kann auch den Egoismus schon mal völlig falsch verstehen.
    Nur zur Erklärung: Der Mensch ist ein Wesen, welches ohne Gesellschaft nichts ist. Die Gesellschaft und das Zwischenmenschliche sind seine Lebensgrundlage, danach kommt erst die Natur und die Umwelt und all das.

    Also, was heißt demnach Egosimus? Rööööchtöööösch! Ich strebe danach, dass es anderen gut geht, damit es mir gut geht… Ich hoffe ich lese jetzt hier nicht mehr diese Bildzeitungssätze von wegen: Egoismus ist so schlimm, heul heul. Ich hoffe es sehr – habe ja selber wenig Zeit dazu hier zu lesen und zu schreiben und bin deshalb auf das geistige Wohlergehen meiner hier schreibenden Mitmenschen angewiesen… ist nur ein Praxisbeispiel, soll sich keiner angegeriffen fühlen 😉

    So jetzt zum Text:

    „Individueller »Ausstieg« ist keine Lösung

    Natürlich gibt es Lichtblicke, die zeigen, dass Menschen diese Ökonomisierung leid sind. Es finden sich Gemeinschaften zusammen, die Ökohöfe bewirtschaften. Erwerbslose schließen sich zu Vereinen zusammen. Tausende arbeiten ehrenamtlich im sozialen Bereich. Eine Umkehr zeichnet sich dennoch nicht ab. Die ökonomischen Zwänge sind zu stark. Alleine die Tatsache, dass wir Geld benötigen, um leben zu können, um irgendetwas zu erwerben, macht uns abhängig. Wer nicht genügend besitzt, um andere für sich arbeiten zu lassen, hat kaum die Möglichkeit, innovativ und erfinderisch zu sein. »Selbstversorgung« ist ein großes Wort. Möglich ist sie nur sehr begrenzt. Die Kosten für Miete, Grundsteuern, Heizkosten, Autoversicherung, Benzingeld, Strom, Wasser und Abwasser werden trotzdem fällig.

    Letztlich wird deutlich: Solange wir nicht umkehren vom Kapitalismus hin zu einer Form der gemeinschaftlichen Produktion ohne Profitzwang, die eine Verteilung nach Bedarf und Beteiligung nach Fähigkeiten erst ermöglicht, verbunden mit wirklich moralischen Wertmaßstäben, wird sich der pathologische Darwinismus weiter in unsere Hirne und Herzen fressen.

    Wenn Maschinenmenschen (Charlie Chaplin) weiterhin die Ausrottung der eigenen Spezies und die Vernichtung der Lebensgrundlage vorantreiben, sind wir verloren. Technisch und verstandesmäßig hätten wir alle Voraussetzungen, solidarisch und kooperativ zu leben und uns endlich von der Angst vor dem »zu kurz Kommen« zu befreien. Nur, wenn wir teilen und uns ob unseres Seins wertschätzen lernen, wird es eine Zukunft für den Menschen geben. Sonst ist der Kollaps, der unweigerlich mit dem Ende der ausgeplünderten Ressourcen bevorsteht und einhergehen wird mit brutalen imperialistischen Kriegen, nicht mehr aufzuhalten. Wir müssen über eine Vergesellschaftung der gesamten Wirtschaft nachdenken und über eine Abkehr vom heutigen Geldsystem, das wesentlicher Motor für die Umverteilung von unten nach oben ist. Die Eigentumsfrage ist die wesentliche Frage der Gegenwart. Sie muss oberste Priorität bekommen und erfordert eine schnelle Lösung.“

    Was ich oben erklärt habe, weil ich mich wieder so über dieses gebetsmühlenartige Wiedergeben von Vorurteilen über den Egosimus geärgert habe, wird ja durch den Text bestätigt.
    All das vegane und hippe pseudo-individualistische Dasein des Bürgertums heute ist nichts wert, weil es einfach nur den Schein der Freiheit und der befreiten Gesellschaft erweckt.
    Auch Bio muss man sich erstmal leisten können…

    So und da muss ich im Text einhaken: Wenn der Text schon davon spricht, dass individualistischer Müll Nonsense ist, was es durchaus ist, dann muss man doch nicht in die selbe Kerbe hauen und von „Selbstversorgung“ als großem Wort reden.
    Nicht Selbstversorgung der Individuen ist das Stichwort, sondern Selbstverwaltung der Unterdrückten.
    So, dass sie keiner Herrschenden bedürfen ihre eigenen Geschicke und Verantwortung in die Hände nehmen.

    Die Herrschenden finden sich dabei überall: Bosse, Priester, Politiker usw sind zu entmachten.
    Dieses negative Geschäft wird ergänzt durch den positiven Aufbau von Klasenorganisationen, wie selbstorganisierten Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften, Kollektivbetrieben und Lokalveraltungen, die miteinander ein Netz bilden zur Selbstverwaltung der Arbeiterklasse.

    All das gab es schon mal und es wurde von Marxisten (Stalinisten), Bürgertum (Republikaner, Kapitalisten, Pfaffen) und Faschisten (Hitler, Moussolini, Franco) vernichtet, weil sie sich davor am allermeisten gefürchtete haben.
    Es fand statt in der spanischen Revolution und wurde eingeläutet durch das, was sich Ken Jebsen in seinem Trumpf-Statement gewünscht hat: Einen selbstorganisierten Generalstreik, der die Herrschenden entmachtete und dem Volk die Möglichkeit gab, selbst zu wirtschaften und örtlich sogar Ökonomien ohne Geld aufzubauen – das haben die damals geschafft, was könnten wir heute alles schaffen!? Also nicht jammern! ALles liegt vor uns!

    Wir angedeutet wurde ist eine schlagartige Revolution ohne Plan in der Hand dazu verdammt in eine neue Diktatur umzuschlagen. Das hat dieser Marx-Depp nicht kapiert, deshalb muss man ihn auch nicht immer wieder wie einen Säulenheiligen bemühen – es bringt uns einfach nicht weiter.

    Aber man kann sich vorbeireten und eigene Organisationen bilden zur Schulung und Erziehung der Menschen hin zur Selbstständigkeit. ALl das geht und kann einfach nachgelesen werden.

    Zentrale Autoren sind Rudolf Rocker, Augustin Souchy, Abel Paz, Santillan, Peiró, Gerlach, usw.

    Die Geschichte zeigt uns Wege, die wir nur beschreiten müssen um sie durch unseren Lerneffekt weiterzuflechten für die nächsten Generationen.
    Den selben Fehler immer wieder machen bringt nichts. Deshalb kann man mal den Marx ruhig weglassen, sollen sich Studenten, die eh nicht den Arsch bewegen, sich darüber diskutieren. Alle anderen sollten einfach selber denken und dementsprechend handeln. Mehr als heute kann man gar nicht falsch machen!

  5. Der Aussage: „Marx sah die Ursache in einer zunehmenden Dominanz des abstrakten Tauschwerts gegenüber dem Gebrauchswert …“ würde ich eher als Fehlinterpretation bezeichnen: Diese Interpretation tut so, als wäre da eben der Gebrauchswert und der Tauschwert und unglücklicherweise fährt man jetzt irgendwie auf den Tauschwert mehr ab als auf den Gebrauchswert. Diese Interpretation übersieht, dass im Begriff des Tauschwertes der Ausgangspunkt der fundamentalen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise liegt.
    … Und die Form, worin sich diese proportionale Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.“ (MEW Bd. 32, S. 552f)
    Im Tauschwert drückt sich also ein gesellschaftliches Verhältnis von Warenproduzenten aus. Es gibt eben den Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert: Mit dem Wirkungsgrad der Arbeit wird die Gesellschaft nach der Seite der Gebrauchswerte immer reicher; Zufriedenheit stellt sich darüber im Kapitalismus aber nicht ein, weil der Tauschwert durch die Ersparung von Zeit und Mühsal bei der Produktion keine Steigerung, womöglich sogar eine Verminderung erfährt. Im tauschwert drückt sich auch das wirkliche Paradoxon des kapitalistischen Reichtums aus: Weil die konkrete, Gebrauchswerte schaffende Arbeit der abstrakten, den Wert schaffenden Arbeit subsumiert ist, weil es auf die Produktion von neuem Wert ankommt und der Gebrauchswert dafür nur Mittel ist, wird die Mühsal niemals weniger, mag die fürs Leben der Gesellschaft notwendige konkrete Arbeit auch längst auf ein unerhebliches Minimum zurückgeführt worden sein. Der „Heißhunger“ dieser Gesellschaft nach – abstrakter – Arbeit ist nie gestillt.

    Und in eben diesem Sinne ist der Satz „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ kein absolut zu nehmder Satz, sondern eine Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise: Im Kapitalismus ist es eben so, dass das Sein das Bewußtsein bestimmt.

    • „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ hat nicht nur im Kapitalismus und seiner Produktionsweise seine Berechtigung.
      Jede Stellung, jede Arbeit oder Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft bestimmt das Bewusstsein.
      Auch wenn jemand in Krankheit lebt.
      „Die jeweils realen Lebensbedingungen bestimmen unser gesamtes Denken und Verhalten.“
      Wo ist denn das nicht so?

  6. Ich habe mit meinen Kindern darüber gesprochen, daß es ein Fehler wäre, die falschen Götter anzubeten und dafür das persönliche Lebensglück sowie die Gesundheit zu opfern: Konsum, „Karriere“, Geld.
    Sich bemühen, fleißig sein, sich echte Bildung aneignen, soziales Netzwerken – das sind die wahren Maßstäbe und die Gebiete, auf denen man echte Erfolge erringen kann. Die können auch nicht durch eine „Finanzkrise“ entwertet werden.
    Die jungen Leute können ja noch nicht wissen, daß „mit der Herde laufen“ kein Erfolgsmaßstab oder per se ein Erfolgsmodell ist. Die neoliberale Propaganda predigt das allerdings von früh bis spät.
    Wir denken lieber selber nach, was gut und sinnvoll ist. Kapitalismus ist das Gegenteil davon.

  7. „Statusakrobaten“- witzige Wortschöpfung, werde ich mir merken! Ja, der Egoismus war schon immer das Problem beim Einzelnen, bei Gruppen(da heißt es dann Faschismus oder Rassismus) und bei der Spezies Mensch insgesamt (Speziesismus).

    Und die Gewaltsysteme, in denen dann gelebt musste, waren immer jeweils die Resultate davon. Jetzt heißt es eben gerade Kapitalismus.

    Die Gefahr der Eskalation dieser Egoismen ist wahrscheinlich jetzt durch die Untergangsperspektive größer denn je, aber vielleicht auf der anderen Seite auch wieder die Chance, durch endliche Einsicht ganz radikal etwas zu verändern, indem die egoistische Haltung als Fehler erkannt und aufgegeben wird. Ich sehe und erlebe beides.

  8. Meine Empfehlung, solange am Geldsystem festgehlaten wird.

    Strikte Entkopplung von Individualleistung und Beteiligung am Wohlstand.

    Jeder wird gleich am Wohlstand beteiligt, egal ob er in den Augen der anderen viel leistet oder wenig.
    Klingt absurd?
    Klingt nicht mehr absurd wenn man das Bild eines Bootes (Sinnbild für die Gemeinschaft) hernimmt und sich überlegt, dass alle im Boot von jedem Ruderer insofern profitieren, als dass sie schneller im gemeinsamen Boot vorankommen, egal wie stark der einzelne mitrudert.
    .
    Wahrhaft absurd ist das Leistungspradima, das erstens insofern falsch ist, als dass keiner die wirkliche Leistung eines Menschen für die Gesellschaft messen kann, und zweitens sich in der
    Realität gezeigt hat, dass weder derjenige, der realtiv viel leistet (Ärzte, Pfleger, Wissenschaftler, Arbeiter,…) auch entsprechend entlohnt wird und derjenige, der relativ viel erhält (Großaktienbeitzer, Manager und Konsorten) auch nur annährendes geleistet hat für die Allgemeinheit – eher das Gegenteil ist der Fall.

  9. Mir hat der vorgelegte Beitrag von Susan Donath gut gefallen. Er behandelt im Detail bekannte Fakten, stellt sie aber in einen nachvollziehbaren Zusammenhang. Die entscheidende These befindet sich im Schlussabsatz, dass über die Eigentumsfrage neu nachgedacht werden muss. Nun könnte man sagen, dass ist historisch entschieden, das Privateigentum auch an den Produktionsmitteln hat auf der ganzen Linie gesiegt. Dem könnte man zustimmen, wenn nicht die von Frau Donath aufgeführten Tatbestände genau diese Aussage in Frage stellen würden.
    Die Idiotie des Systemkampfes zwischen Kapitalismus und Staats Sozialismus bestand genau darin, dass man alle Wirkungsweisen und strukturellen Merkmale des jeweils anderen Systems im Grundsatz ablehnte. Der Sozialismus ist, wie wir heute wissen, daran zuerst zu Grunde gegangen. Ob diese Aussage Bestand hat ist historisch noch nicht beantwortet.
    Die Idee mit dem gesellschaftlichen Eigentum ist meiner Kenntnis nach von Marx am deutlichsten in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gestellt worden. Aus meiner Sicht bezogen auf die Politische Ökonomie das eigentlich Revolutionäre. Ob das jedoch, wie in den meisten Ländern des Staats Sozialismus geschehen, notwendigerweise Staatseigentum sein muss ist eine der bisher nicht beantworteten Fragen. Warum der damalige Verbund sozialistischer Staaten nicht mehr reformfähig war ist eine vollständig andere Diskussion, mit Sicherheit auch eine Folge des Systemkampfs, jedoch nicht darauf beschränkt.
    Zu einer neuen Strategie des Aufbruchs zu gesellschaftlichen Alternativen gehört für meine Begriffe auch eine wirkliche Aufarbeitung der Ökonomischen Erfahrungen Sozialistischer Länder einschließlich der kritischen Betrachtung des heutigen Chinesischen Systems.
    Da ich in der DDR aufgewachsen bin und das System in vielen Facetten erlebt habe versteige ich mich zu der Aussage, dass dieses System nicht grundsätzlich nicht funktioniert hat. Ich denke, dass gilt in ähnlicher Weise auch für viele andere ehemalige Ostblockstaaten. Ich bitte diese Aussage nicht in einer statischen weise zu interpretieren, das man dieses System in seiner konkreten Ausprägung zurückhaben möchte oder in seiner damaligen Verfasstheit nachträglich akzeptiert. Es war natürlich mehr als Reform bedürftig, fast in Form einer zweiten Sozialistischen Revolution. Auch gehört die Frage der persönlichen Initiative und die Möglichkeit des persönlichen Eigentums an Produktionsmitteln in einem gesellschaftlich geeigneten Umfang mit zu dieser Diskussion. Wenn man die heute verbreitete Brille der Neocons auf hat stellt sich die Frage natürlich nicht. Wenn man erneut das Ziel einer ausgewogenen gerechteren Gesellschaft verfolgt, schon.

  10. Liebe Susan,
    Dein Text / Du sprich(s)t mir aus der Seele.
    Aus Texten die dazu m.E. geschmeidig passen, füge ich hier diese zwei an:
    In den Pariser ökonomisch-philosophischen Manuskripten schreibt Marx: „Es kömmt daher zu dem Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.“ [http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_510.htm]
    Und im Vorwort zu Alexander Neills Buch über die Antiautoritäre Erziehung schrieb Erich Fromm: „Unser Wirtschaftssystem braucht Menschen, die seinen Geboten gehorchen, Menschen, die widerspruchslos mitmachen, Menschen, die immer mehr konsumieren wollen.
    Es muss sich Menschen schaffen, deren Geschmack genormt ist, die sich leicht beeinflussen lassen, deren Bedürfnisse im voraus berechnet werden können. Unser System braucht Menschen, die glauben, sie seien frei und unabhängig, aber alles tun, was man von ihnen erwartet, Menschen, die sich der Gesellschaftsmaschinerie reibungslos einfügen, die ohne Gewaltanwendung gelenkt, ohne Führer geführt und ohne Ziel dirigiert werden können – es sei denn dem einen, es „gut“ zu machen. (Vgl. meine Studien über den Einfluss des Industriesystems auf die Charakterstruktur des einzelnen in E. Fromm, 1955a, GA IV.) Die Autorität ist nicht verschwunden, sie hat auch nicht an Stärke verloren;
    die offene Autorität hat sich lediglich in die anonyme Autorität der Überredung und der Suggestion verwandelt. Der Mensch unserer Zeit muss also, wenn er sich anpassen will, die Illusion nähren, alles geschehe mit seiner Einwilligung, obwohl diese in Wirklichkeit durch geschickte Manipulation erzwungen wird. Man erhält seine Einwilligung sozusagen hinter seinem Rücken oder hinter seinem Bewusstsein. „

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