KenFM über: Pop & Politik 2012

Es gab mal eine Zeit, da hatte POP auch was mit politischem Engagement zu tun. Diese Zeiten scheinen in Deutschland weitgehend zu Ende zu sein. Bitter, da wir in einem Abschnitt des 21. Jahrhunderts leben, der gerade von jenen Statements verlangt, die vor allem die Jugend erreichen. Es geht um die Zukunft, und der Kampf um Urheberrechte ist sinnlos, wenn ganze Gesellschaftsschichten vor dem Ruin stehen:

Textfassung:

„Als George Clooney mal gefragt wurde, was seine eigentliche Bonität ausmache, antwortete er: „Mein Bekanntheitsgrad. Er ist wie eine Kreditkarte.“

Übersetzt gesprochen ist Clooney Teil des Pop-Business. Pop kommt von populär, ein Wort, das mit People also Volk erVOLKreich im selbem Team spielen kann – wenn man die Spieregeln befolgt.

Wer beim Grossteil der Weltbevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes eine Rolle spielt und daher wieder erkannt und gemocht wird, kann nicht nur in seinem Kerngeschäft erfolgreich Kariere machen. Werbung mit Personen setzt auf diesen Effekt, denn er hilft beiden, dem beworben Produkt und dem werbenden Protagonisten, im Grunde auch ein Produkt.

George Clooney z.B. verkauft dank seiner Beliebtheit nicht nur an der Kinokasse Millionen von Karten, er nutzt seinen Bekanntheitsgrad auch als Geschmacksverstärker, um sich politisch zu engagieren. Aus freien Stücken.

Clooney machte in der Vergangenheit z.B. auf den Völkermord in Dafur aufmerksam und bekannte Stellung. Er benannte Personen, Politiker die versagt hatten, Mitschuldige.

George Clooney ist eine Marke, ein Brand, der absolut positiv besetzt ist.

Obwohl der Mann parallel zu seinem kritischen Äußerungen und seinen kritischen Filmen, bei denen er u.a. Regie führte und bei denen es vor allem um eine zu transportierende Message geht, Werbung für Nestlé macht, tat das seinem Strahlemann-Image bisher keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Nestlé ist neben Coca Cola und Pepsi einer der aggressivsten Lebensmittelkonzerne überhaupt und verkauft auch in der Dritten Welt das Grundnahrungsmittel Nr. 1. – Wasser – teurer als Benzin.

Dass Clooney ob dieser Nestlé Connection dennoch keinen Schaden genommen hat, obwohl er über Monate hinweg das Nestlé Produkt Nespresso bewarb, ist vor allem auf Clooneys Optik zurückzuführen. Wer so gut aussieht, kann nichts Böses im Schilde führen.

Ein gewisses Risiko bleibt trotzdem, nur genießt Clooney eine so hohe Glaubwürdigkeit, dass die Menschen überall davon ausgehen, dass er sich im Falle X gegen Nestlé und für seine politische Überzeugung entscheiden würde.

Andere ähnlich populäre Schauspieler, Pop- oder Sportstars kennen dieses Problem nicht. Sie halten sich politisch vollkommen raus. Sie gehen auf Nummer sicher.

Die meisten Schwergewichte haben Werbeverträge mit weltweit agierenden Markenherstellern, Nike z.B., Tag heuer, Mercedes oder Red Bull und schweigen generell zu Geschehnissen, die auch nur ansatzweise eine eigene politische Meinung, einen eigenen Standpunkt erahnen lassen könnten.

Spontan fällt einem vielleicht noch Jean Penn ein. Der Ex-Mann von Madonna nahm sogar auf der Oscar-Verleihung kein Blatt vor dem Mund, um die damalige US-Regierung bezüglich ihrer mörderischen Irak-Politik anzuprangen. In Hollywood nahm man ihm das krumm und Penn bekam im Anschluss deutlich weniger Rollenangebote. Dennoch fuhr Penn sogar auf eigene Kosten nach Bagdad, um auf das Leid der irakischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Die Spuren von US-Bombenteppichen und Jean Penns verpenntes Gesicht in einem Bericht zur Prime Time, das empfanden viele US-Amerikaner als Landesverrat.

Angelina Jolie!
Richtig, die ließ sich unlängst für eine „Fang den Kony“-Kampagne buchen. Ob diese Idee von ihr kam, also aus Überzeugung geschah oder die Frau bei der Zusage einfach nur ein Brad vorm Kopf hatte, ist nicht bekannt.

Fakt ist, der US-Star von heute schreckt vor politischen Äußerungen eher zurück und zwar umso vehementer, je bekannter er ist.
Ausnahmen wie Eminem bestätigen die Regel nur, ist das alles nichts gegenüber den 60iger Jahren. Lebende Legenden wie Jimi Hendrix oder Mohamed Ali bezogen ohne Deckung politisch eindeutig Position und mussten dafür einen hohen Preis bezahlen.

Paul Newman, Sidney Poitier, Harry Belafonte, Iggy Pop machten keinen Hehl aus ihrer Verachtung z.B. gegenüber dem Vietnamkrieg oder der McCarthy-Politik, Kommunisten¬hetze und Rassentrennung.

Cat Steven, Aretha Franklin, James Brown, Joan Baez und natürlich Gill Scott Heron oder Nina Simone, aber eben auch John Lennon versteckten sich nicht hinter der Ausrede, wir sind nur Künstler, von Politik haben wir keine Ahnung. Wenn dem so war, verschafften sie sich Ahnung und begaben sich dann in die Kampfzone. Sie nutzen die Bühne AUCH, um Flagge zu zeigen. Nicht bei allen Fans kam das an, aber das war nie ihr primäres Ziel.

All diese Popstars hatten verstanden, dass Popularität auch Verantwortung bedeutet. Ob du willst oder nicht, Du wirst erkannt, dann bekenne Dich auch. Wo stehst Du und wofür stehst Du ein? Was ist mit Dir nicht zu machen und WOFÜR kämpfst Du stattdessen?

Zugegeben, die 60iger Jahre hatten AUCH mehr Angriffsfläche auf den verschiedensten Gebieten.

Da gab es z.B. die Emanzipation der Frau, da gab es die Rassentrennung, da gab es US-imperialistische Angriffskriege in Serie und über Jahre. Da gab es politischen Mord im großen Stil. Da gab es die Gefahr eines Dritten Weltkriegs. Atomar geführt.

Da gab es Nazi-Größen, die immer noch in Top-Positionen mitmischten. Da gab es eine politische Justiz. Da gab es den Versuch des Staates, die Pressefreiheit zu beschneiden. Stichwort Spiegelaffäre.

Nur ist im Gegensatz zu heute, 2012, etwa alles auf einem guten Weg? Ist die Welt besser geworden? Ist der Job gemacht? Ist global Playertime global Playboytime?

Doch wohl eher im Gegenteil. Die Ungerechtigkeit weltweit, der Sozialabbau weltweit, die Knechtschaft durch Verschuldung, die Konzentration von Macht in Medien und bei Großkonzernen, weltweit, die Umweltzerstörung hat eine neue Qualität des Niedergangs erreicht. Weltweit.

Für Künstler sind das im Grunde goldene Zeiten. Sie müssen sich keine eigenen Themen ausdenken, es reicht wenn sie sich am Status quo abarbeiten.

Doch das geschieht vor allem in der deutschen Pop-Szene, wobei Pop allgemein verstanden werden muss, eher überhaupt nicht. Hier kannst du lange auf einen Bono oder Bob Geldorf warten und wenn jemand sich mit der Bildzeitung anlegt, ist das höchstens die gebürtige Freiburger Frontfrau der Berliner Band „Wir sind Helden“. Das war´s dann aber auch schon.

Der deutsche Film boomt, was nicht boomt ist, dass die Darsteller privat beweisen, was ihnen an Schauspielschulen angeblich auch beigebracht wird – der aufrechte Gang.

Und der vom Soundtrack zur Krise? Gibt es ihn überhaupt?

Hört man hier die Freunde der inzwischen im Markt angekommenen deutschen Popmusik den Satz sagen, bitte nicht schon wieder ein Krisenhit … macht doch mal was mit Herz Schmerz und Liebe? Leichte Kost.

Fehlanzeige. Die Fans stört es nicht und so bleiben die Künstler weitestgehend künstlich. Sie verschanzen sich auf der vermeintlich sicheren Seite, genannt seichte Unterhaltung, nur um nicht die Toten Hosen runter zu lassen zu müssen. Das Ziel der meisten Artists von heute auch oder gerade in Deutschland ist, den Kontakt zur immer kaputteren analogen Welt, die sie umgibt und in der ihre Fans leben müssen, soweit als möglich zu vermeiden.

Bekanntheitsgrad heißt heute eher, sich auf gar keinen fall zu was auch immer zu bekennen. Der Star von heute ist eine Art grauer oder grüner Star. Er sieht wenig oder gar nichts.

Das ist um so erbärmlicher, da z.B. die Hip Hop Szene gerade in Deutschland doch immer von dem Image lebte, am Set zu sein, wenn es darum geht, zu fronten. Aha, aber wen? In der Regel nur den Konkurrenzrapper vom Majorlabel gegenüber und oft in Absprache mit ihm, damit auf beiden Seiten die Verkäufe anziehen.

Deutschland wird von einer bis dato nie da gewesenen Mordserie erschüttert, NSU, und was hört man von dem Teil der Popfront, der sonst auf jedem Gig die Konfrontation sucht? Der selber oft Migrationshintergrund hat und eine entsprechende Zielgruppe anspricht? Dem Gangsterrapper. Wenig, um nicht zu sagen: Nichts.

Wie steht z.B. Savas zum braunen Sumpf? Was denkt Sammy Deluxe über die Unfähigkeit der ermittelnden Behörden, wann wird Sido als gebürtiger Ossi ein Statement zu Zwickau abgeben? In einem Halbsatz. Nur dass wir wissen, dass er überhaupt davon weiß.

Sind Rammstein politisch? Irgendwie schon, aber sind sie auch konkret? Sie müssen keinen Track zur Finanzkrise aufnehmen, aber wie stehen sie zur generellen Schieflage Europas? Was sie von Amerika halten wissen wir.

Haben die Fantastischen 4 mitbekommen, dass vieles in diesem Land für immer mehr auch ihrer Fans alles andere als fantastisch läuft? Von Smudo wissen wir, dass er ernsthafte Probleme mit genmanipulierten Lebens-mitteln hat. Was wir nicht wissen ist, wie er zur aktuellen Nahrungsmittelspekulation steht. Warum nicht?

Nena? The Boss Hoss, Xavier Naidoo, Jan Delay. Bekannter als diese Künstler kann man in Deutschland nur sein werden, wenn man schon Herbert Grönemeyer heißt.

Der Mensch bleibt Mensch, das ist richtig, aber eben nicht nur, weil er liebt, weil er lacht, sondern auch weil er sieht und dann was macht. Überraschend positiv aufgefallen ist da in jüngster Zeit nur Xavier Naidoo.

Man muss seine Musik nicht mögen, kann seinen Bibelfimmel als Marketing veralbern, aber dass er verstanden hat, was Imperialismus im Kern bedeutet. Er prangert ihn öffentlich an. Das muss man zumindest anerkennen.

Niemand erwartet, dass jetzt alle auf Degenhart, Biermann oder Reinhard Mey machen, aber diese totale Zurückhaltung, dieses so tun, als befände man sich als Popstar auf einem völlig anderen Planeten als der Rest der Fans, ist doch auffällig einsilbig für eine Branche, die sonst davon lebt, möglichst um jeden Preis aufzufallen.

Und beim deutschen Film?

Klaus Kinski ist lange tot. Fassbender auch und ein Film wie The International von Tom Tykwer die große Ausnahme – leider. Und dabei bietet allein die deutsche Vergangenheit reinsten Stoff bis zum golden Schuss. DDR, Wiedervereinigung,
RAF und jetzt NSU, um nur große Themen zu nennen.

Hat Schweighöfer eine politische Meinung? Z.B. zum deutschen Rüstungsexport? Macht Bully Herbig sich Sorgen, ob der neuen Aufgaben deutscher Soldaten im Ausland mit NATO-Helm?

Hat sich Nora Tschirner irgendwann zu deutscher Atom- oder Finanzpolitik geäußert? Zumindest, dass ihr das alles suspekt ist? Hat Christian Ulmen eine Meinung zu Occupy? Zur CSU, wenn die beim ZDF durchklingelt .

Der Einzige von dem wir wissen, dass er sich für seine Überzeugung einbringt, ist Til Schweiger. Man muss seinen Besuch in Afghanistan nicht gut finden, man muss seine Filme auf gar keinen Fall mögen, was man ihm aber zugute halten muss ist, dass er ab und an Stellung zu aktuellen Themen bezieht, obwohl meistens gilt: hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben. Aber wo sind die anderen?

In diesem Fall ist das aber allemal ehrlicher, was nicht gleichbedeutend ist mit sympathischer, als wenn das Gros der deutschen Popstars sich zu 99% aller relevanten Themen konsequent ausschweigert, nur um nicht festgenagelt werden zu können.
Oder haben wir zu allem gar keine Meinung? Sind wir kollektiv auf Neonnivau. Bedrucktes Altpapier für Leute, die sonst nur iPad lesen.

Man muss nicht gleich auf Muhammad Ali machen, sich seinen Weltmeistertitel aberkennen lassen und für die Weigerung nach Vietnam zu gehen über Jahre im Gefängnis schmoren. Wir erwarten nicht, dass ähnlich bekannte Sportler wie Vettel oder Schumacher einen offenen Brief zum Thema Bankenrettung an die Bundesregierung formulieren, aber so gar keine Äußerung zu gar nichts. Grenzt das nicht an Wegducken.

Ein Lichtblick und bestimmt nicht allzu riskant wäre es, wenn wir von Peter Fox oder Seeed mal erfahren würden, was sie zumindest von Berlins Regierung halten.

BVG nach wie vor am Boden, Wassergeheimverträge, Flughafendesaster, Gentrifizie-rung, Hungerstreik am Brandenburger Tor, Zunahme der Gewalt auf sämtlichen Strassen…

Also Themen, Themen gäbe es genug. Oder hat man sich kollektiv ins Haus am See geflüchtet?

Das Vorbild so vieler deutscher Popstars, Rio Reiser, war kein Leiser, als es darauf ankam. Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen warn da…

Ein Star sollte zumindest ab und an am Firmament erscheinen und auf jeden Fall, wenn allgemein klar ist, dass wir in politisch dunklen Zeiten leben. Das tun wir.

Wenn man möchte, dass die Menschen weiter zu einem aufsehen, muss man auch als Popstar ab und an Aufsehen erregendes leisten. GEMA kommt in diesem Fall von gema schon mal vor, bevor Dir die Community zuvor kommt, weil sie schwarz sieht, wie du blau machst.“

Quellen

Sean Penn – Anti War Rally

Absage an die Bild – Wir sind Helden
Hey Joe – Jimi Hendrix
George Clooney warns of Darfur-like crisis in Sudan border
Muhammed Ali Interview – Not joining the army
Sean Penn’s speach at D.C. Peace Rally
Bob Geldorf über Euro, Politik und Investitionen in Afrika

6 Kommentare zu: “KenFM über: Pop & Politik 2012

  1. Der beste Gittarist aller Zeiten hieß Jimi Hendrix, nicht Jimmy und selbstverständlich ist er eine Legende aber halt leider keine lebende mehr !
    Und im Vergleich zu anderen Künstlern seiner Zeit war er auch eher unpolitisch.
    Sorry aber ich wurde seit frühester Kindheit mit seiner Musik indoktriniert und daher muss ich jetz hier den Besserwisser geben 😉
    Er ist halt neben Ali noch heute der prominenteste Schwarze dieser Zeit und wurde wahrscheinlich deshalb in dem Text als Beispiel herangezogen aber es ist eben in gleich drei Punkten was falsch……….ne ne ne Herr Jebsen, so geht das nich………;)

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