Probleme vergesellschaften, Frust politisieren

von Susan Bonath.

Die NRW-Wahl zeigt es: Gefühlsentscheidungen ersetzen nicht politisches Bewusstsein. Wir müssen raus aus der Individualisierung. Viele kleine Einzelsorgen haben dieselbe Ursache: Das System. Für ein gemeinsames Ziel gilt es das zu erkennen.

Wer hätte das gedacht: In Nordrhein-Westfalen (NRW) rauschen Neoliberale und Rechtskonservative nach oben. Die CDU dominiert die nächsten Jahre am Fresstopf des politischen Personals der Oligarchen. Ihre kleine radikale Schwester AfD kriegt noch gute Brocken ab, der FDP gelang ein ungeahnter Höhenflug aus der Versenkung. Wie konnte das passieren in einem Landstrich, in dem historisch über einen langen Zeitraum das Arbeitermilieu – zum Beispiel im Kohlebergbau – weite Teile dominierte?

Im Land der Analysen und Statistiken geht kaum etwas unter, wenn man die wachsende Zahl an Obdachlosen außen vor lässt. Tagein, tagaus, zu jedem erdenklichen Ereignis erforschen Meinungsforscher den Bewusstseinsstand der Untertanen. Die herrschende Klasse und ihre politischen Propaganda-Abteilungen brauchen die Daten für ihre psychologische Kriegsführung zum Erhalt der Zustände.

Das Institut infratest dimap hat für die ARD analysiert, welche Schicht in NRW wie gewählt hat. Mal davon abgesehen, dass jede Wahl dem ohnehin praktizierten System einen demokratischen Anstrich verpasst, den es nicht verdient hat, geben die Ergebnisse zumindest Hinweise auf das allgemeine Bewusstsein.

Danach gewann die CDU am meisten Stimmen von Beamten, Selbständigen und Rentnern. 38 bis 43 Prozent dieser Gruppen stimmten jeweils für die »Schwarzesoteriker«. Bei den Angestellten hielten sich CDU und SPD mit je rund 30 Prozent die Waage.

Bei den Arbeitern und Erwerbslosen dominierte die SPD mit 35 bzw. 41 Prozent gegenüber der CDU (24 bzw. 22 Prozent). Dass diese Partei längst von der ursprünglichen Sozialdemokratie ins neoliberale Lager abgewandert ist, sei dahin gestellt. Vergessen werden darf hier nicht, dass sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Strukturen im Ruhrpott sich über lange Zeit verfestigt haben.

Die Linke punktete bei den Erwerbslosen am meisten, wenngleich das Ergebnis in Anbetracht ihrer postulierten Ziele mit neun Prozent noch immer kläglich ausfiel. Das dürfte nicht unwesentlich an ihren mangelndem Bezug zu dieser Schicht, die sie eigentlich vertreten sollte, liegen. In Thüringen, Brandenburg und Berlin gibt sie zudem ein Musterbeispiel einer systemkonformen Mitläuferin ab.

Wie zu erwarten war, verdankt die FDP ihren Erfolg vor allem den Selbständigen (21 Prozent), gefolgt von Rentnern, Angestellten und Beamten. Dass es eine Angstwahl war, beweist vor allem die AfD. Die meisten Stimmen holte sie laut infratest bei Arbeitern (17 Prozent). Das verwundert nicht: Es ist die Schicht, die am meisten (berechtigte) Angst vor dem Absturz hat. Natürlich ist es dennoch paradox, dann eine Partei zu wählen, die die Reichensteuern teils weiter senken, teils ganz abschaffen will.

Sind Arbeiter schon abgestürzt in die Erwerbslosigkeit, könnte man meinen, setzt ein partielles Denken bei manchem wieder ein. Doch immer noch kam die AfD in dieser Gruppe auf neun Prozent. Auch hier dürfte die Angst dominieren – vor dem geschürten Feindbild Flüchtlinge. Der Verteilungskampf ganz unten lässt noch immer viele Betroffene vergessen, dass die AfD Hartz IV inklusive Sanktionsregime erhalten und das wenige, was jetzt noch unten ankommt, noch rigoroser nach oben umverteilen will.

Individualisierte Probleme mit einer Ursache

Wahlentscheidungen folgen vor allem dem Gefühl. Der gefühlten Bedrohung, dem gefühlten Frust, der gefühlten Angst, der gefühlten Wut. Denn was die NRW-Wahl auch zeigt: Das politische Bewusstsein der Lohnabhängigen tendiert gen Null. In Scharen haben sie Vertretern des Kapitals Posten beschert. Nichts liegt ihren Interessen ferner.

Was mir immer wieder auffällt: Die meisten Menschen fühlen sich in einer Position, die absolut nichts mit der Realität zu tun hat. Ihr tatsächliches Abhängigkeitsverhältnis innerhalb des Systems erfassen sie nicht. Hinzu kommt: Probleme werden individualisiert und völlig losgelöst von allen politischen Zusammenhängen betrachtet. Diese Art der Entpolitisierung des Lebens hilft dem System, die Verhältnisse zu verschleiern.

In meiner sachsen-anhaltischen Kleinstadt zum Beispiel haben viele Leute sehr unterschiedliche Sorgen. Es gibt Überlegungen, städtisches Gartenland als Bauland zu verkaufen. Die Pächter – manche Familien bewirtschaften den Garten schon seit einem halben Jahrhundert – bangen um ihre günstige Minioase.

Im ortsansässigen Logistikunternehmen Hermes – eine 100-prozentige Tochter des Versand-Imperiums des Multimilliardärs Michael Otto – gehen die Beschäftigten in der Produktion mit kaum 1.000 Euro nach Hause. Die Leiharbeiter bekommen für ihre Schichtarbeit noch weniger. Gefühlt die halbe Stadt arbeitet bei Hermes – vor allem Frauen. Eine sagte kürzlich, man werde sogar zur Rede gestellt, wenn man mal krank war.

Manche Eltern fühlen sich genervt von verdreckten Spielplätzen. Ausweichmöglichkeiten für die Kleinen gibt es nicht. Denn es gibt kaum Spielplätze. Sie klagen über Müll, kaputte Klettergerüste, Katzen- und Hundekot im Sand. Niemand kümmert sich darum. Die Stadtverwaltung hat andere Probleme.

Ob Kleingärtner, Eltern kleiner Kinder oder Hermes-Beschäftigte: Mögen die Sorgen auch noch so unterschiedlich wie kleinbürgerlich anmuten – sie alle haben einen Bezug zum Gesamtproblem, genauso wie die NATO-Kriege, die wachsende Zahl von Obdachlosen, die Hartz-IV-Repressionen und der sich ausweitende Niedriglohnsektor. Das Gesamtproblem heißt Kapitalismus.

Bleiben wir bei den Kleingärtnern: Warum will die Stadt die günstigen Parzellen an Investoren verkaufen, die darauf Häuser stellen, in die möglichst gut betuchte Mieter einziehen sollen? Ganz einfach: Die kommunale Kasse ist klamm. Die Stadt braucht Geld, um ihre Schulden samt Zinsen zugunsten wohlhabender Privatpersonen abtragen, ihre Pflichtausgaben finanzieren und die Jugendclubs am Leben halten zu können. Jeder braucht im Kapitalismus Geld, auch finanzschwache Kommunen. Wenn es sich allerdings bei wenigen zusehends sammelt, bleibt immer weniger für den Rest übrig – eine einfache Rechnung.

Am selben Finanzdesaster hängt die Stadtreinigung. Ihr fehlt das Personal, das regelmäßig die Spielplätze säubern kann. Mehr Leute einstellen kann sie nicht – obwohl rund ein Zehntel der Einwohner von Hartz IV lebt und einen Job gebrauchen könnte. Das würde ihr Budget sprengen. Ordentlicher Nachschub für die Kasse von Bund oder Land bleibt aus. Die Finanzen haben sich schon ein anderes, ein privates Zuhause gesucht, dank – klingt es angesichts der kommunalen Nöte auch paradox – der Mithilfe des Staates.

Darüber, dass Lohnabhängige im Niedriglohnland Sachsen-Anhalt, die nicht wie viele ihrer Leidensgenossen auf der Suche nach einem neuen Job durch das Deutschland pilgern wollen, selten eine andere Chance haben, als sich von Multimilliardär Michael Otto ausbeuten zu lassen, muss ich nicht mehr reden. Genauso klar ist mir, dass meine 82-jährige Nachbarin in ihrem Leben keine Aussicht mehr darauf haben wird, irgendwann merklich mehr Geld als ihre Minirente von 719,43 Euro im Portemonnaie zu haben, um nicht nur gerade so existieren, sondern noch einmal leben zu können.

Das Wirrwarr der Probleme ist breit gefächert. Worüber wir reden müssen, ist die Ursache. Warum kommt das Geld nicht unten an? Warum streiten wir uns um immer kleinere Brocken? Warum wird alles vermarktet, selbst das kleinste Stück Gartenland? Warum verdrecken unsere Städte, während die Reichen ihre Villen von Angestellten pflegen lassen? Warum treiben Milliardäre ihre Profitrate mit mies bezahlten Arbeitern, teils subventioniert durch staatliches Hartz IV, immer weiter in die Höhe? Warum zieht die Bundeswehr in immer neue Kriegseinsätze und probt schon für die Aufstandsbekämpfung im Inland?

Die Antwort ist nicht schwer: Weil die kleine reiche Klasse Interesse am Profit aus allem hat. Und weil ihre Propaganda- und Exekutivabteilung, das Gros des »demokratisch gewählten« bezahlten Politpersonals, ihre Interessen auf Biegen und Brechen durchsetzt. Dazu ist sie da. Die pseudohumane Gefühlsduselei letzterer kann getrost als dümmliche Propaganda verbucht werden. Die Masse ist in den Handelsbilanzen ein Kostenfaktor; Humankapital – nicht mehr, nicht weniger. Es geht darum, zugunsten weniger die globalste und gefährlichste Religion am Kochen zu halten: Den »allmächtigen Markt«, den großen Gott des Kapitalismus.

Den Frust politisieren

Die Menschen müssen raus aus dem pausenlos von oben postulierten Ammenmärchen von einem unpolitischen Leben. Unsere Lohntüten, unsere Kneipenbesuche, die armen Schlucker, denen wir auf der Straße begegnen, unser cholerischer Chef, das vermüllte Wohnviertel, die verscherbelten Kleingärten: Alles ist Politik. Der Kapitalismus ist Politik, denn die Politik setzt ihn gegen die Interessen der Mehrheit durch. Der Kapitalismus begegnet uns überall. Das Leben jedes Einzelnen hängt an seiner Privatwirtschaft, daran, wem sie gehört, wem sie dient, wer mit ihr Profit macht. Wir stehen alle auf der Bühne, als »Marktteilnehmer«; die einen herrschen, die meisten gehorchen.

Wir brauchen Zirkel. In jedem kleinen Kaff. Wir müssen den Frust politisieren. Auf rein moralische Erklärungen kann es keine politisch relevante Antwort geben. Wenn jemand nur Mitleid mit dem Bettler hat, wird er ihm zu essen geben, aber kein Ziel daraus ableiten. Wer den Krieg nicht will, aber das System nicht als Ursache begreift, wird in moralischen Bekundungen stecken bleiben. Der schlecht bezahlte Lohnarbeiter wird sich in seinem Ärger verkriechen, vielleicht nach einer neuen Stelle Ausschau halten. Aber den Kampf gegen die Verhältnisse, die ihm zu schaffen machen, wird er anderen überlassen.

Doch würde die frustrierte Kleingärtnerin ihren Verlust als politische Enteignung zugunsten der irren Kapitalakkumulation begreifen, kann sie Friedensaktivisten, Kapitalismusgegner, Niedriglöhner und Erwerbslose als Partner im Kampf gegen denselben Feind erkennen – und umgekehrt. Kann der kleine selbständige Handwerker die zerstörerische Konkurrenz, der er sich ausgesetzt sieht, als Systemproblem verorten, kann er zum selben Ziel kommen, wie die Anti-Hartz-Aktivistin. Aus dem Kampf gegen verdreckte Spielplätze kann ein Kampf für gesellschaftlich verwaltetes Gemeineigentum werden – und gegen eine überschaubare, profitierende Elite.

Politische Erkenntnis holt Probleme und Menschen aus der Vereinzelung. Sie verortet Ängste und schafft dauerhafte Solidarität dort, wo heute Spaltung herrscht. Spontane Gefühle und Ängste kommen und gehen, sind leicht zu manipulieren und zu steuern. Politische Erkenntnis hingegen kann größere Teile einer Gesellschaft zum Klassenkampf befähigen.

Wer will es heute noch bestreiten?: Die von Sozialdemokraten gepredigte »Sozialpartnerschaft« zwischen Bonzen und Malochern ist gründlich gescheitert. Es herrscht Klassenkampf von oben. Dagegen gilt es sich zu stemmen. Doch ohne fortschreitenden Erkenntnisprozess über die realen Verhältnisse wird es keine revolutionäre Situation geben, die dies ermöglicht.

Die Parole muss letztendlich heißen: Enteignet die Reichen, gründet Gremien, um Produktion, Arbeitsteilung und Verteilung gemeinschaftlich zu verwalten. Wirtschaft kann nur allen dienen, wenn sie allen gehört. Andernfalls wird der Kapitalismus auf seinem zerstörerischen globalen Siegeszug weiter triumphieren und Opfer ohne Ende produzieren.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

 

12 Kommentare zu: “Probleme vergesellschaften, Frust politisieren

  1. Brauche eure Hilfe bei diesem Problem.

    Wählerwanderung für die PIRATEN-PARTEI – aber wohin ? Nicht unerheblich, denn sie hatten in den Landtagen in SH, Saar, NRW immerhin ca. 8% – nun 0,8%

    die Landtagswahlen 2017 haben für mich keine Überraschungen gebracht, da
    Wählerwanderungen innerhalb der Einheitsparteien CDU/CSU-SPD-FDP-GRÜNE
    stattgefunden haben. Eine Kurskorrektur ist somit ausgeschlossen.
    Doch eine Sache macht mich wirklich nachdenklich. Vielleicht können ihr mir helfen, das
    aufzulösen ?
    Wohin sind die Wähler der PIRATEN-Partei abgewandert ? Zur FDP ? Zur CDU ? Zur AfD ?
    Immerhin verloren die PIRATEN bei der Landtagswahl
    im Saarland 6,7%
    in Schleswig-Holstein 7%
    in NRW 6,8 %
    So wie ich die Leute einschätze die bisher diese Piranten-Partei wählten, wäre es für diese
    unmöglich, eine der Einheitsparteien zu wählen.
    Aus diesem Grund habe ich mittlerweile erhebliche Zweifel am Zustandekommen von
    korrekten Wahlergebnissen.
    Denn selbst wenn alles per Hand in den einzelnen Wahllokalen gezählt wurde, sind doch
    diese Wahllokale mit zentralen Wahlämtern und der Wahlzentrale per Internet verbunden.
    Niemand kann garantieren, dass einst richtig ausgezählte Stimmen im Netz verfälscht
    werden.
    Sorry, das ist wirklich hart an der Verschwörungstheorie. Doch sieht man sich weltweit um,
    könnte da nicht was dran sein ?
    Doch alles nur bits & bytes ?
    Und ist hier das eigentliche Wahlstudio ?
    http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/gchq-manipuliert-laut-greenwald-internet-inhalte-a-981030.html

  2. Als ich letzten Sonntag in der Wahlkabine stand, hab ich wirklich mit mir gerungen, ob ich eine ungültige Stimme abgebe, weil ich das System mittlerweile für eine Verarschung halte, oder doch besser meine Stimme der Linken gebe, da ich keine Mitschuld an einem Aufstieg der „Affen für D-Mark“ (Volker Pispers) haben wollte. Am Ende hab ich mich dann für die Linke entschieden…

  3. Wie ja der CDU-Generalsekretär Peter Tauber bereits völlig zu Recht anmerkte, redet der FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen, Christian Lindner, meistens selbst wie ein Rechtspopulist. Es ist also die Frage, wie liberale bzw. neoliberal die FDP aktuell ist, besonders die in Nodrhein-Westfalen.

    Unabhängig davon ist es aber ganz logisch, dass arbeitende Leute Neoliberale wählen. Erstens hat sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren geändert. Wenn es wirklich nach Markt gehen würde, würden die Löhne stark steigen, viel stärker als das, was die versagenden DGB-Gewerkschaften „aushandeln“ (wenn man das so nennen will).
    Und zweitens steht Liberalismus, wenn er richtig verstanden wird und nicht als Freibrief für Ausbeutung, ja gerade für die Rechte und die Anliegen derer, die sich individuell engagieren. Und das sind eben auch die Leute, die in ’normalen‘ Jobs arbeiten. Aufgrund der geänderten Arbeitsmarktlage und der flacheren Hierarchien haben auch einfache Arbeiter und Arbeiterinnen viel mehr Verantwortung als früher und verstehen dadurch, dass sie eben auch individuell gefordert sind.

    Liberale Politik hat darauf die richtigen Antworten, und das gilt auch für die von Linken grundloss gehasste neoliberale Politik.

    Gemessen daran sind die Ergebnisse der FDP weiter unterirdisch schlecht, trotz des knappen Erfolgs in NRW (der eher eine Abwahl der Kraft-Regierung war), da können sich die deutschen Linkspopulisten „trösten“. Wie es anders geht, hat Emmanuel Macron gezeigt.

  4. Schaun mer mal, was da alles steht an Weisheiten…

    „Beamten, Selbständigen und Rentnern. 81%
    Bei den Arbeitern 59% (+17% AfD)
    Bei den Erwerbslosen 63%“

    Dies sind NUR die SPD/CDU Wähler, die FDP oder AfD ist da noch nicht mal dabei!

    Noch ein Zitat:
    „Das politische Bewusstsein der Lohnabhängigen tendiert gen Null. In Scharen haben sie Vertretern des Kapitals Posten beschert. Nichts liegt ihren Interessen ferner.”

    Und so war es immer und so wird es immer bleiben.

    Die Ursache?
    Zum Teil durch die Medien verursachte Manipulation und Meinungsmache, abr auch dafür ist etwas anderes Voraussetzung: Die unerschütterliche Blödheit des Urnenpöbels!

    Und dann wird zehn Zeilen weiter unten so getan als da etwas Untergründiges, Geheimnisvolles, eine Verschwörung daran Schuld:
    „Warum kommt das Geld nicht unten an?“

    Weil in einer Demokratie die Vertreter der Mehrheit bei Wahlen entscheiden was mit dem Geld passiert!
    Da ist keinerlei Esoterik im Spiel, man mujss auch nicht Albert Einstein sein, das ist ganz banal.

    „Politische Erkenntnis holt Probleme und Menschen aus der Vereinzelung.”

    Ja, wie man an den Wahlergebnissen unschwer ablesen kann funktioniert das ganz, ganz toll!

    Nun ja, die Parole mag so heissen: „Enteignet die Reichen, gründet Gremien, um Produktion, Arbeitsteilung und Verteilung gemeinschaftlich zu verwalten. Wirtschaft kann nur allen dienen, wenn sie allen gehört. Andernfalls wird der Kapitalismus auf seinem zerstörerischen globalen Siegeszug weiter triumphieren und Opfer ohne Ende produzieren.”

    Nur.. leider haben Parolen noch nie was an der Realität, du vor allem an der dem Kapitalismus zu Grunde liegenden Habgier ALLER geändert.

    Womit wir wieder bei der fehlenden „politischen Erkenntnis“ wären gegen die es leider, leider kein Mittel gibt. Denn Intelligenz kann man nicht fressen, noch nicht mal mit guten Willen geht das.
    Daher die ungeheure, verblödete riesige Masse der rechten und auch linken Spiesser.

    • Hallo Urnenpöbel, du schreibst:

      „Nur.. leider haben Parolen noch nie was an der Realität, du vor allem an der dem Kapitalismus zu Grunde liegenden Habgier ALLER geändert.
      Womit wir wieder bei der fehlenden „politischen Erkenntnis“ wären gegen die es leider, leider kein Mittel gibt. Denn Intelligenz kann man nicht fressen, noch nicht mal mit guten Willen geht das.“

      Doch es gibt ein Mittel, das ist ganz einfach und nennt sich Bildung.

  5. Liebe Susan Bonath, ich teile Ihre Meinung bezüglich ungezügelter Kapitalakkumulation, einer entfesselten und teilweise entkoppelten Finanzsphäre, sowie deren privater Aneignung. Man kann es auch kurz zusammenfassen als den Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion (ich würde heute in Anbetracht von Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften von Wertschöpfungsstrukturen sprechen) und der privaten Aneignung ihrer Mehrwerte.
    Was ich nicht so einfach sehe wie Sie ist die Architektur eines neuen Gesellschaftsentwurfs und den Weg ihn zu verwirklichen. Der Klassenkampf im historisch Marxistischen Sinn ist für moderne entwickelte Gesellschaften aus meiner Sicht kein geeigneter Weg zur Umwandlung der Gesellschaft. Das ich nicht falsch verstanden werde, ich gehe auch im Sinne von Marx schon davon aus, das es im derzeitigen Kapitalismus eine die Produktionsmittel besitzende und damit bestimmende Klasse gibt und eine Klasse der abhängig Beschäftigten. Diese ist jedoch objektiv stark differenziert und mithin subjektiv keine revolutionäre Klasse, die eine strukturelle Veränderung des Systems trägt oder herbeiführt. Das sogenannte Klassenbewusstsein war sowohl im historischen Verlauf als auch in seinen spezifischen Ausprägungen jeweils nur eine Ausnahme. Es gab leider auch keinen prophezeiten autonomen Prozess eines Übergangs vom Kapitalismus zu einem Sozialismus, es war bestenfalls eine schöne Illusion. Das bedeutet für mich nicht, dass es nicht wert ist, über einen neuen Gesellschaftsentwurf mit Sozialistischen Merkmalen nachzudenken. Allerdings muss so ein Gesellschaftsentwurf von einem breiteren Spektrum von Protagonisten aus der Gruppe/Klasse der abhängig Beschäftigten und wahrscheinlich auch einem Teil von aufgeklärten Vertretern der besitzenden Klasse (Engels lässt grüßen) entwickelt werden. Es besteht dabei schon die Grundfrage, gibt es auch gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln (anders als jetzt) und wie wird es organisiert, bzw. welche Rechtsformen stehen dafür zur Verfügung. Das Sozialistische Volkseigentum zum Beispiel in der DDR war noch keine hinreichend gute Adaption. Es ist allerdings nicht so, wie heute gerne behauptet wird, dass es grundsätzlich nicht funktioniert hat, das ist Quatsch und plumpe antikommunistische Ideologie. Nichtdestotrotz waren bestimmte zentrale Fragen im Zusammenhang mit diesem Eigentum überhaupt nicht oder nicht gut gelöst. Das alles zu beleuchten würde den Rahmen dieser Diskussion sprengen.
    Bei einem neuen Gesellschaftsentwurf muss man sich zum Beispiel überlegen, was ist mit einem Markt, wieviel Raum will man ihm geben, bzw. was kann man an seine Stelle setzen. Ähnlich verhält es sich mit der Möglichkeit von bedingtem Privateigentum auch an Produktionsmittel. Ich denke da nicht an die großen Unternehmen, die sind vergesellschaftet und müssen auch so organisiert sein. Hier geht es um Fragen wie Demokratie in der Arbeitswelt, aber auch um den Deckungsbeitrag für die übrige Gesellschaft, damit das Unternehmen lebensfähig bleibt, aber Akkumulationsgewinne nicht nach Gutsherrenart ausschließlich in private Taschen fließen oder Manager einem Millionärsverdikt unterliegen. Allerdings sind bei kleineren Unternehmen andere Strukturen denkbar, so lange sie nicht die Grundarchitektur der Gesellschaft gefährden und einem gesellschaftlich akzeptierten Zweck dienen. Der Wertekanon einer Gesellschaft wird stark durch seine mediale Äußerung beeinflusst und kann in einem geänderten Gesellschaftstyp anders daherkommen als es heute scheint und vorstellbar ist. Momentan haben wir ja nur einen geringfügigen demokratischen Diskurs, der nicht bis in die Etagen der Macht vordringt, dafür aber eine sehr breit gefächerte Unterhaltung.
    Sie haben recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass sich Gruppen bilden, die sich an zentralen Themen sammeln, wie zum Beispiel der Friedensbewegung oder dem öffentlichen Bewusstmachen, dass wir mit unseren glänzenden Stiefeln durch den Sumpf des noch unterentwickelten Teils der Welt waten und Schuld auf uns laden. Es gilt sich darüber klarzuwerden, dass unser System so nicht auf die Dauer funktionieren kann. Lösungswege für einen neuen Systementwurf müssen aber im Dialog mit den Menschen erzielt werden, die den größeren Überblick haben, denen aber dabei ihr soziales Bewusstsein nicht verloren gegangen ist. Das war übrigens auch in der Vergangenheit nicht anders. Marx, Engels, Lenin, Luxemburg,… alles Europäische Intellektuelle.
    Ich glaube nicht an eine Veränderung über Parallelgesellschaften oder lokale Initiativgruppen, die können Impulse geben und stellen kleinteilige Angebote dar, sie sind aber keine tragfähige Lösung für die gesamte Gesellschaft. Schon der Kauf eines T-Shirts ist verräterisch, von komplexeren Produkten nicht zu reden. Ich habe zur Berlinale einen interessanten Film über die Kibbuz Bewegung in Israel gesehen. Eine großartige Initiative ihrer Zeit, von der es heute nur noch Rudimente gibt, sie wurden im Neoliberalen Strom Israel westlicher Prosperität aufgerieben.
    Ich denke, wir sind aktuell in einer Phase, Widersprüche aufzudecken und Schieflagen zu thematisieren, der Humus, auf dem neue zukunftsweisende Ideen wachsen können. Wir sollten nicht allzu eilfertig sein mit unausgereiften Angeboten zur Umgestaltung der Gesellschaft, die am Ende nicht funktionieren. Das sollte uns nicht daran hindern, den Herrschenden, da wo erforderlich kräftig auf die Hühneraugen zu treten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen auch weiterhin eine spitze Feder, die uns sichtbar macht, wo es weh tut.

    • Ich muss noch eine Berichtigung anfügen. Meine Einschätzung zur subjektiven Selbstwahrnehmung der abhängig Beschäftigten als Mitglieder einer Klasse ist durch die Neoliberale Agenda als bewusster Prozess extrem ausgehöhlt worden. Das ist mir beim Nachhören der Vorträge von Rainer Mausfeld deutlich geworden. Man selbst ist auch Objekt der Diversion ohne sich dessen immer bewusst zu sein.

  6. „Enteignet die Reichen, gründet Gremien, um Produktion, Arbeitsteilung und Verteilung gemeinschaftlich zu verwalten.“
    Das geht schon eher in die Richtung von konstruktiver Problemlösung.

    Ich versuche den Gedanken von Erkennung und Solidarisierung weiter zu denken: Was machen wir (ich) danach, nach dem wir (ich) das Problem erkannt haben und uns gemeinschaftlich versammelt haben? Wie konkret soll der „Befreiung-Prozess“ aussehen?
    Ein Konflikt ist nicht „programmiert“, er ist da. Bin ich bereit die Konsequenzen des „Befreiung-Prozess“ zu realisieren und akzeptieren.
    Ich sehe da folgende Gefahr:
    Die Jahrzehnte lange kapitalistische Erziehung ist nicht von heute auf morgen aus den Köpfen zu ersetzten bzw. zu entfernen. Jedoch nur bei denjenigen, die nicht ein vollständiges Mitglied des Systems sind, wird der Denkprozess zum Teil umgelenkt: „Sind Arbeiter schon abgestürzt in die Erwerbslosigkeit, könnte man meinen, setzt ein partielles Denken bei manchem wieder ein.“ Stimme ich Großteils zu. Diese haben in den meisten Fällen nicht viel zu verlieren. Und sind ein gefundenes Fressen für die Radikalisierung.
    Den im schlimmsten Fall findet eine Umverteilung der „Güter“ mit dem Recht des stärkerem statt. Was wiederum denjenigen, die für den Wutausbruch verantwortlich sind, nur in die Hände spielt, dass wir uns gegenseitig die Köppe einschlagen.

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