Projekt „Bärensuppe“: Eine Begegnung zwischen Alicia und Bilbo Calvez

„ ‚Wie soll eine Gesellschaft ohne Geld entstehen? Die Reichen wären schließlich nicht bereit, sich von ihrem Geld zu trennen!‘
Dieser Einwand ist berechtigt. Aber noch interessanter ist die Frage: ‚Werdet IHR bereit sein, EUER Geld abzugeben?‘

In der Kommune in der Nähe von Kassel habe ich Alicia getroffen. Wer in dieser Kommune einsteigen möchte, muss sein gesamtes Vermögen der Kommune geben.

Diese Kommune funktioniert intern ohne Geld. Wenn ich ohne Geld meine, geht es nicht um „eine Hand wäscht die andere“, sondern um ein bedingungsloses Miteinander. Es wird weder verglichen noch gezählt. Jeder bringt mit was er kann und benutzt was er braucht.

Das klingt doch total utopisch? Ja, erstmal schon. Vor allem, wenn es großflächig sein soll. Wie soll es gehen, wenn es sich nicht um 50 besonders ‚intelligente‘ und emphatische Menschen handelt, sondern um Millionen ‚normale‘?

Wenn es sich um eine Kommune handelt und sich jeder kennt, kann man es sich eventuell noch vorstellen. Die Probleme, die entstehen, bleiben übersichtlich und sie können direkt von Angesicht zu Angesicht gelöst werden.

Eine einzelne Kommune kann jedoch niemals komplett autark sein. Für komplexere Bedürfnisse und aufwendigere Anschaffungen müssen weitere Netze gebildet werden. So wie Zellen, die zusammen ein Organ bilden; mehrere Organe einen Organismus und mehrere Organismen eine Gesellschaft.

Noch müssen diese Kommunen mit Geld handeln, weil der Rest der Welt weiterhin monetär funktioniert. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Weg hin zu einer geldlosen Gesellschaft nicht von Oben, sondern von Unten stattfinden muss. Dass man sich so organisiert, dass man das Geld von den Reichen nicht mehr braucht und nicht mehr annimmt. Also autark werden, unabhängig von der Macht von Konzernen, Regierungen und Banken.

Vor einem knappen Jahr habe ich im Internet nach solch einer Kommune gesucht. Und fand jene Kommune in der Nähe von Kassel, die ich als besonders empfand. Besonders, weil deren Richtlinien einerseits radikal sind, und zugleich sehr undogmatisch. Vor allem funktionieren sie ohne Hierarchie, also nach Konsens. Im Grunde wird Anarchie im kleinen Rahmen ausgeübt. Anarchie, ein Wort, das leider in Verruf geraten ist, obwohl das Wort nur bedeutet, dass es keinen Chef gibt.

In dieser Kommune habe ich Alicia getroffen und versucht, herauszufinden, wie es ist, in so einem Projekt zu leben, und bin nach dem Interview von dem Projekt noch mehr begeistert als zuvor! Lasst euch inspirieren!“
– Bilbo Calvez

Dieses Gespräch ist Teil des Kunstprojektes „Die Bärensuppe“.

Die Auseinandersetzung mit der Vision einer geldlosen Gesellschaft, genauer beschrieben einer dezentralen, nicht monetären Open-Source-Anarchie, bildet den Kern des Projektes.

Die Suppe, der Topf, das Zusammenkommen an einer sozialen Feuerstelle ist dabei die Metapher für eine Gesellschaft, die wieder Empathie statt Ellbogen zum Ziel hat. In die Bärensuppe gibt man, was man will und kann. Herausnehmen darf man, was man braucht und möchte. Gezählt, verglichen oder bewertet wird nicht. Alle „essen“ von der gleichen Suppe, also soll sie schmecken und sie soll für alle ausreichend hergeben. Es geht um das Wiederentdecken des Urvertrauens und um das Erfahren, dass wir alle in unserem tiefsten Inneren miteinander verbunden sind, auch wenn wir es vergessen haben.

Das Projekt „Die Bärensuppe“ besteht zuerst aus einem visuellen Anteil, Interviews mit Menschen, die anders mit Geld umgehen als gewöhnlich. Pioniere dieser in den Augen vieler dringend notwendigen Wende, oder Menschen, die durch ihr Handeln diese Transition ankündigen, vorbereiten, einleiten oder schon leben.

Der andere, analoge Teil, in Form einer Kunstausstellung, ist für September 2016 in der Planung. Die Besucher werden durch das Agieren in zwei interaktiven Installationen dazu geführt, sich dem Impact des Geldes in ihrem eigenen Leben bewusst zu werden. Die interaktive Hauptinstallation, in dem geldlosen Bereich des Ausstellungsortes, wird den Besuchern die Möglichkeit geben, gegenseitiges Vertrauen zu beobachten und dieses auch selbst zu üben.

Die Ausstellung soll darüber hinaus einen schützenden Rahmen bieten, wo man sich mit diesem Thema, was allergische Reaktionen bei den meisten Menschen auslöst, in Ruhe annähern kann.

Das Gespräch mit Alicia wurde am 2. Mai 2015 in Hessen aufgezeichnet.

Weiterführende Links:
www.baerensuppe.berlin
http://www.bilbo.calvez.info/publik_p…
https://www.facebook.com/groups/14326…
https://www.youtube.com/watch?v=j4vtI…
https://www.youtube.com/watch?v=3QjhY…
https://www.youtube.com/watch?v=ci0Uz…

11 Kommentare zu: “Projekt „Bärensuppe“: Eine Begegnung zwischen Alicia und Bilbo Calvez

  1. Habe den Beitrag schon gesehen, bevor Ken in Me, Myself..nochmal drauf einging.

    Ich fand ihn sehr angenehm, interessant, und hoffnungmachend.

    Zwar wäre das nicht das System, in dem ich persönlich leben möchte, dazu fehlt es mir trotz aller berechtigter Kritik am Finanzsystem doch ein wenig an Privatsphäre, und, ich muss es eingestehen, auch an Privatbesitz. Wenn ich ein Auto habe, es putze und pflege, so behandle wie ich es für richtig halte, möchte ich auch die alleinige Gewalt darüber haben. Ist nur ein Beispiel, und vielleicht nicht das Beste, denn gerade beim Auto könnte ich am ehesten Abstriche machen.
    Aber es muss ja auch nicht mein System sein.

    Toll finde ich, dass sich hier Menschen zusammengefunden haben, die etwas anderes versuchen, und dabei niemandem schaden, was jede Menge Respekt verdient. Muss ja nicht heißen, dass nach dem Crash alle so leben/leben müssen, es ist ein Anfang, darum geht es.
    Und es scheint gut zu funktionieren.

    Auch Alicia ist mir sehr sympathisch, wie ein Ruhepol in all dem Chaos um uns herum. Zu den negativen, teils rassistischen Kommentaren, die hier gestanden haben sollen…tja, was soll man dazu sagen, einige sind einfach nicht so weit, andere werden es nie sein, aber dabei dürfte es sich um die klare Minderheit handeln.
    Ich könnte mir vorstellen, dass evtl. auch der ein oder andere bezahlte Bot darunter war. So ein Thema auf solch einer Seite mit Rassismus zu bedenken, stellt sicher eine willkommene Gelegenheit zur Diffamierung dieses Portals dar.

  2. Wenn ich dort Kommunade werden würde, hätte ich sofort ein Problem. Ich kann nämlich gar nicht sagen, was mein Vermögen ist. Ich habe in den letzten Jahrzehnten mehrmals ein paar tausend Euro Freunden gegeben. Müsste ich das dann anfordern, um es an die Kommune abzugeben?
    Was geschieht, wenn jemand in dieser Kommune, obwohl er es nicht haben soll, 500 Gramm Gold hat? Kommt so etwas nicht vor? Wird so etwas, wenn es bemerkt wird, verschwiegen?

    Hat diese Kommune schon mal die Polizei gerufen, weil es intern Probleme gab?

    Am meisten würde mich in dieser Kommune wohl der Quoten-Wahn stören. Es interessiert mich nicht, wie viele von den Köchen Männer sind. Es sollen die kochen, denen das Spaß macht.

  3. Danke, sehr guter Beitrag. Ich habe mir schon viele Beiträge zu ökologischen Lebengemeinschaften angesehen, und finde die Kompromisse gegenüber unserer fortgeschrittenen Gesellschaft bemerkenswert. Insbesondere: Reisen ohne Flugzeug, aber in Ausnahme eines Amerikabesuches dann doch mit Flugzeug. Es zeigt, dass ein ökologischer Lebenswandel nicht dogmatisch geführt werden muss. Sondern eine Diskussion über die Nutzung und den Konsum bestimmter Technologien geführt werden muss. Somit wird klar, dass die Belastung der Umwelt einen nicht unerheblichen Wert darstellt, nämlich die Konsequenz für unser Ökosystem. Dank auch an Alicia, wie offen Sie über ihre Entwicklung in der Gemeinschaft spricht, tolle Persönlichkeit.

  4. Ist es nicht schön immer wieder fest zustellen, das es hier so viele Menschen im Forum gibt die ähnlich fühlen u denken wie man selbst.
    Vielen Dank auch für eure Beiträge Spooky, Frank u Fantastin. Besser kann man meine Erfahrungen und Wünsche nicht beschreiben!
    Ein sehr befruchtender Beitrag von Kenfm, ich finde es immer sehr wichtig den Menschen auch Alternativen aufzuzeigen auch wenn man selber vielleicht einen anderen weg wählt.
    Vergesst mir nur nicht die Alten u Schwachen mit einzubeziehen, denn ihre Lebenserfahrung u Wissen ist uns leider über die Jahre verloren gegangen.
    Krisen Vorsorge, eigener Anbau, gesunde Ernährung usw. brauchst du alles nicht zu lesen wenn du Oma und Opa auf dem Sofa sitzen hast! LG René

  5. sehr interessantes Interview.
    Ob eine geldfreie Gesellschaft erstrebenswert ist, da hab ich Zweifel.

    Bernd Hückstädt hat 200x das Komplementär-Währungs-System GRADIDO erdacht und einige Teilnehmer aktivieren können. Ich meine, Dirk Müller / Cashkurs sagte mal, dass wäre (2012) die durchdachteste Variante aller KW.
    GRADIDO hat einiges von den Komunarden, baut allerdings auf ein bedingungsloses Grundeinkommen in Form von monatlichen GRADIDOs, die man regelmäßig auf seinem Konto wiederfindet, wenn man Mitglied ist.
    Verbrauchen des BGE / Gradido ist angesagt, der Schwund ist bewusst geplant. Niemand kann sparen.
    Eurovermögen wird in GRADIDO verrechnet. Es gab m.E. eine bundesweite Fan-Gemeinde.
    Bilbo, schau mal ob das ein interessantes Video werden kann.

    http://wissen-ist-macht.tv/interviews/gradido-die-natuerliche-oekonomie-des-lebens-interview-mit-bernd-hueckstaedt/

    • Interessant, ich werde es mir genau anschauen, da ich unbedingt etwas über der BGE machen wollte und noch keinen Interview Partner habe.
      Lg, Bilbo

  6. Das war ein hochinteressantes und sehr aufschlußreiches Gespräch, das mich intensiv an meine Wohngemeinschaftszeiten erinnern ließ, die ich schon fast vergessen hatte. Allein schon dafür sei euch beiden, Alicia und Bilbo, aufrichtig gedankt. Unverhofftes und heftiges Lachen bis kurz vor dem Husten befiel mich, als Alicia den Vorfall mit der Kinderblockade beschrieb: Die Kinder protestierten mit der Blockade des Essens gegen die Entscheidung der Erwachsenen, einen Urlaub ausfallen zu lassen, weil sich zu wenig Männer gemeldet hatten. Die Kinder trugen den Sieg davon und mußten später, wenn dieses Problem wieder auftauchte, nur daran erinnern, was passiert, wenn dieser Kinderurlaub wieder mal gestrichen werden sollte.

    Schon vor 35 Jahren – ich arbeitete gerade für eine hiesige Landvermessungsbehörder als Hilfsarbeiter im Feld – wurde mir klar, daß ganz „normale“ Leute keinen blassen Schimmer davon hatten, wie es in einer Wohngemeinschaft zuging, dafür aber umso mehr Vorurteile. Der studierte Landvermesser fragte mich eines Tages während der Fahrt zum Einsatzort, ob wir’s in der WG denn auch alle miteinander treiben würden, das sei ja bekannt von WGs. Irgendwie brachte er Wohngemeinschaften auch immer mit Kommunismus und seiner ausgeprägten Angst, man könne ihm sein Häusle wegnehmen wollen, in Verbindung. Dabei waren die allermeisten WGs, in denen ich gelebt hatte, Zweckgemeinschaften vor allem von Studenten, um mit geringerer Miete pro Kopf ein wenig komfortabler wohnen zu können. Es gab auch WGs mit diversen Zwängen wie diese Öko-WG, in die ich einst geriet. Der WG-Chef, ein junger Student aus gutem (=wohlhabendem) Hause, machte die Gesetze, denen sich alle anderen unterzuordnen hatten. Zwar lernte ich dort Brot zu backen und fleischlose Gerichte zuzubereiten, aber einiges wurde mir dann doch zuviel: Wir durften nämlich nur einmal die Woche baden, duschen war gänzlich verboten. Der Gag war aber, daß erst der Chef badete, danach im selben Badewasser (um Wasser zu sparen) die anderen. Seife war auch verboten, wir mußten so ein Ton-Sand-Gemisch verwenden. Kurz nachdem ich wieder ausgezogen war, erfuhr ich von einem ehemaligen WG-Mitglied, daß der WG-Chef alle paar Wochen von seinen Eltern zum Steakessen eingeladen wurde und das auch freudig annahm.

    Aber zurück zum Ernst der Lage: Ich sehe noch immer als größte Mauer, die es zu überwinden gilt, die Resultate anhaltender Verdummungs- und Desinformationsbemühungen der herrschenden Klasse wie auch der tradierten Dressurmethoden (Erziehung). Die Leute sind so auf ihr Geld und ihren Konsum, auf die Geltung durch Geld (man bemerke die auffallende Wortähnlichkeit) und das Beharren auf ihrer Person (=Maske), die nach außen etwas darstellt, was innen gar nicht oder nicht so existiert, fixiert, daß man sich kaum vorstellen kann, sie würden auch nur im Ansatz einmal loslassen wollen. Für mich ist das alles wahnhaftes Verhalten. Ich muß das aber weitgehend für mich behalten, weil sonst ich als der Verrückte gelte und eventuell lebenslang weggesperrt werde. 🙁

    Geld, aus dem Mittel- und Althochdeutschen gelt = „Belohnung, Entgelt“, verwandt mit gild (Steuer), im Nordischen gjald (Bezahlung, Gabe, Tribut). Das Wort als Zahlungsmittel ist seit dem 14. Jhd. eine Ableitung vom germanischen gelda (entgelten) Quelle: Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache

    Bereits Sigmund Freud hat in seiner Schrift „Charakter und Analerotik“ [1] auf den analen Charakter des Geldes hingewiesen:

    Am ausgiebigsten erscheinen die Beziehungen, welche sich zwischen den anscheinend so disparaten Komplexen des Geldinteresses und der Defäka­tion ergeben. Jedem Arzte, der die Psychoanalyse geübt hat, ist es wohl bekannt geworden, daß sich auf diesem Wege die hartnäckigsten und lang­dauerndsten sogenannten habituellen Stuhlverstopfungen Nervöser beseiti­gen lassen. Das Erstaunen hierüber wird durch die Erinnerung gemäßigt, daß diese Funktion sich ähnlich gefügig auch gegen die hypnotische Suggestion erwiesen hat. In der Psychoanalyse erzielt man diese Wirkung aber nur dann, wenn man den Geldkomplex der Betreffenden berührt und sie veran­laßt, denselben mit all seinen Beziehungen zum Bewußtsein zu bringen. Man könnte meinen, daß die Neurose hierbei nur einem Winke des Sprachge­brauchs folgt, der eine Person, die das Geld allzu ängstlich zurückhält, »schmutzig« oder »filzig« (englisch: filthy = schmutzig) nennt. Allein dieses wäre eine allzu oberflächliche Würdigung. In Wahrheit ist überall, wo die archaische Denkweise herrschend war oder geblieben ist, in den alten Kulturen, im Mythus, Märchen, Aberglauben, im unbewußten Denken, im Traume und in der Neurose das Geld in innigste Beziehungen zum Drecke gebracht. Es ist bekannt, daß das Gold, welches der Teufel seinen Buhlen schenkt, sich nach seinem Weggehen in Dreck verwandelt, und der Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten unbe­wußten Trieblebens. Bekannt ist ferner der Aberglaube, der die Auffindung von Schätzen mit der Defäkation zusammenbringt, und jedermann vertraut ist die Figur des »Dukatenscheißers«. Ja, schon in der altbabylonischen Lehre ist Gold der Kot der Hölle, Mammon = ilu manman. Wenn also die Neurose dem Sprachgebrauche folgt, so nimmt sie hier wie anderwärts die Worte in ihrem ursprünglichen, bedeutungsvollen Sinne, und wo sie ein Wort bildlich darzustellen scheint, stellt sie in der Regel nur die alte Bedeutung des Wortes wieder her.

    Um vieles ausführicher hat Ernest Borneman in seinem Buch „Psychoanalyse des Geldes – Eine kritische Untersuchung psychoanalytischer Geldtheorien“ [2] (Zur demokratischen Idee des dialektisch aufgehobenen Privateigentums: Non avaro divitiae, sed divitiis servit …) Geld in Beziehung zur menschlichen Psyche gesetzt:

    Dieses Buch unternimmt den Versuch, einige der Hauptwerke der psychoanalytischen Literatur über den Ursprung und die Natur des Geldes zum erstenmal zusammenzutragen und kritisch zu kommentieren. Manche dieser Arbeiten sind schon seit vielen Jahren nicht mehr im Druck, andere sind bisher nur in schwer zugänglichen Zeitschriften veröffentlicht worden, wiederum andere, ursprünglich auf englisch oder französisch verfaßt, sind bisher nie ins Deutsche übersetzt worden. Bei der Auswahl habe ich mich nicht von meinen eigenen Überzeugungen dessen, was richtig oder falsch ist, leiten lassen, sondern von dem Wunsch, die Hauptrichtungen der psychoanalytischen Geldanalyse vorzustellen. Dabei bin ich so weit gegangen, selbst solche Arbeiten einzuschließen, die ich vom klinischen Standpunkt als zweifelhaft betrachte, denn auch sie gehören zur unwiderruflichen Geschichte der Psychoanalyse. Ich hoffe, daß ich mir mit dem Streben nach vorurteilsfreier Auswahl das Recht der reflektierenden Kritik erworben habe.

    Freud hatte den Analcharakter damals so beschrieben:

    Er braucht in seiner Kindheit verhältnismäßig lange, um der infantilen incontinentia alvi [=Stuhlinkontinenz: Die Unfähigkeit, den Stuhlgang willkürlich zurückzuhalten] Herr zu werden und leidet auch in späteren Kinderjahren unter vereinzeltem Mißglücken dieser Funktion. In der Zeit der Reinlichkeitsdressur weigert er sich, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird.

    Bornemann meint dazu:

    Das hört sich so an, als ob das Problem der späteren Jahre ausschließlich an der ererbten Triebstruktur liege. In Wahrheit ist aber die Art der Reinlichkeitserziehung in mindest gleichem Maße für die späteren Symptome der Analneurose verantwortlich. Indem der Erzieher von dem Kinde neben Reinlichkeit auch eine strenge Regelmäßigkeit in den Exkretionen fordert, setzt er den Narzißmus der Oralphase einer harten Belastungsprobe aus. Die Mehrzahl der Kinder paßt sich früher oder später dieser Forderung an. Im günstigsten Falle gelingt es dem Kinde, sich mit der Forderung des Erziehers zu identifizieren und auf das Erreichte stolz zu sein. Die primäre Verletzung des Narzißmus wird dann kompensiert, das ursprüngliche Gefühl der Selbstherrlichkeit ersetzt durch die Befriedigung an der gelungenen Leistung, am »Bravsein«, am Lob der Eltern. Aber oft geschieht es in dieser Phase, daß die Eltern dem Kinde eine Gewohnheit aufzwingen, zu der ihm noch die psychische Reife fehlt. Denn diese tritt erst ein, wenn das Kind anfängt, die ursprünglich narzißtisch gebundenen Gefühle auf Personen (Mutter, Vater) zu übertragen. Ist das Kind hierzu bereits fähig, so wird es reinlich dieser Person »zuliebe«. Wird die Reinlichkeit aber zu früh verlangt, wie es in der bürgerlichen Kultur fast stets geschieht, so gewöhnt sich das Kind allein aus Furcht. Der innere Widerstand bleibt bestehen und die Libido verharrt mit Zähigkeit in narzißtischer Fixierung. Resultat: Eine nachhaltige Störung der Liebesfähigkeit.

    Die volle Bedeutung der verfrühten Reinlichkeitsdressur wird erst dann klar, wenn man den Entgang narzißtischer Lust im einzelnen verfolgt. Erkennen wir in dem Entleerungsstolz des Kindes ein berechtigtes Machtgefühl, so wird uns das eigentümliche Gefühl der Ohnmacht verständlich, das wir bei neurotisch obstipierten Opfern verfrühter Reinlichkeitsdressur finden. Ihre Libido hat sich von der Genitalzone auf die Analzone verschoben, und nun betrauern sie die Hemmung der Darmfunktion, als wäre es eine Art Impotenz. Bezeichnenderweise kann man die habituelle Verstopfung manchmal beseitigen, indem man den Geldkomplex solcher Neurotiker enthüllt und bewußtmacht.

    Ich will jetzt an dieser Stelle nicht das gesamte Buch durchnehmen, das kann der Leser für sich allein im stillen Kämmerlein ebenso gut. Zumindest kann ich euch versprechen: In diesem Buch warten allerlei erhellende Erkenntnisse und erschütternde Aha-Erlebnisse auf den Leser. Mir ging es vor allem darum aufzuzeigen, wie sehr das Geld als Gegenstück zu gelebter Empathie und gegenseitiger Hilfsbereitschaft zu werten ist, weil es sehr tief in der menschlichen Psyche verankert ist und daher an der Konstitution der Person, als der Maske, die nach außen gezeigt wird und von der die meisten überzeugt sind, sie stelle ihr wahres Wesen dar, grundlegend beteiligt ist. Man muß sich also schon eher mehr als weniger von diesen Prägungen befreit haben, um es überhaupt wagen zu können, an eine weitgehend geldlose Gesellschaft oder Gemeinschaft zu denken.

    [1] http://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-charakter-analerotik.html
    [2] http://www.irwish.de/PDF/Borneman_Psychoanalyse_des_Geldes.pdf

  7. Ein guter Beitrag. Alternativ.

    Mir fallen spontan 6 verschiedene Themen dazu ein, die ich für kombinationswürdig und kommunikationswürdig halte. Evtl. auch einige gute Impulse mit der Kommune in Kassel denkbar:

    – Tamera, ( z. B. eigene Stromerzeugung)
    – „O Topos Mou“ ( z.B. gute Verwaltung – wow… was da geleistet wird – „ohne Zwischenhändler“)
    – Gerald Hüther, beim Hof – Pente z.B.
    – Heidemarie Schwermer – Leben ohne Geld ( auch interessante Denkart)
    – Tamanga – eigenständige Lebensgemeinschaft, die z.B. mit Photovoltaik, Biogarten ( also auch Selbstversorgung zu einem größeren Teil )
    – Systelios : eine Klinik, die einen ganz neuen Behandlungsansatz ( unabhängig ) verfolgt.

    Tamera und Kenfm:
    https://www.youtube.com/watch?v=IncMaTHM3qs

    „O Topos Mou“
    https://www.youtube.com/watch?v=ci0UzkWGAQQ

    „Wir brauchen Gemeinschaften, deren Mitglieder einander einladen, ermutigen und inspirieren, über sich hinauszuwachsen.“

    Gerald Hüther

    z.b Hof Pente:

    https://www.youtube.com/watch?v=5VZj8U4vP3s

    http://www.akademiefuerpotentialentfaltung.org/vorzeigeprojekte/

    Leben ohne Geld / Heidemarie Schwermer

    http://www.nexworld.tv/talk-shows/gegen-den-strom/story/news/gib-und-nimm-ein-leben-ohne-geld/

    Tamanga : alternatives Projekt von Rüdiger Dahlke

    https://www.youtube.com/watch?v=fA7Ya0qfi8Q

    Systelios

    https://www.youtube.com/watch?v=ISC51Q4u9BU

    Vielleicht lässt sich ja das Eine oder andere vernetzen… oder ist interessant für Andere hier.

  8. Ein wirklich sehr bereichernder Beitrag von Bilbo und dem KenFM-Team. Ich habe mich bisher nie mit diesem Thema auseinandergesetzt, finde es allerdings super interessant und hätte gern noch viel mehr über die Strukturen innerhalb der Kommune erfahren. Da es aber womöglich keinen weiteren Beitrag zu diesem Projekt geben wird, fände ich es toll, wenn es eventuell ein Video zum Video geben würde, in dem Bilbo und Ken diesen Beitrag reflektieren.

    Danke KenFM-Team, danke Bilbo. <3

Hinterlasse eine Antwort