Rostock – eine Stadt an der Sollbruchstelle der deutschen Geschichte

von Dirk C. Fleck

Vor dreißig Jahren, kurz nach dem Fall der Mauer, schickte mich die Redaktion von Merian für das geplante Heft über Mecklenburg-Vorpommern nach Rostock. Ich sollte ein Stadtporträt über die Stadt schreiben. Hier sind Auszüge aus dem Artikel, der ein Stück Deutschland an einer historischen Sollbruchstelle beleuchtet und daher nicht nur für Nostalgiker interessant ist.

Städte sind wie Personen, sie können zickig sein und freundlich, arrogant und charmant. Rostock war beleidigt, als ich kam. Die Stadt hatte mir mehr Taktgefühl zugetraut. Was sollte ein Porträt der Diva zu diesem Zeitpunkt, da sie sich am liebsten in der Garderobe verkrochen hätte nach dem vierzigjährigen Drama mit seinen ästhetischen Missverständnissen, die ihr nicht so einfach weg zu schminken waren?

Ich näherte mich über die Satower Straße. Es war ein drückend schwüler Tag. Die Menschen stierten teilnahmslos aus Straßenbahnen und Autos, als hätten sie nichts weiter zu erwarten, als den sanften Hitzschlag. Aus unerklärlichen Gründen war ich aus dem blau gefärbten Gifttunnel geraten, der hier jede Hauptstraße mit Abgasen verhüllte. In den wenig befahrbaren Gassen abseits der kontaminierten Verkehrsadern musterten mich Mopedfahrer unter monströsen Rennbrillen wie Geschöpfe der Tiefsee. 

Einige Tage später habe ich noch einmal nach diesem Viertel abseits der Satower gesucht, in dem die Katzen starren Blicks an den bis auf die Knochen abblätternden Häuserwänden entlang schlichen. In dem es merkwürdig still war und der graue Himmel auf den Schornsteinen lastete, als sei er eigens dafür geschaffen worden, das Universum zu verschleiern. Ich fühlte mich an Jean Cocteaus Zwischenreich aus seinem Film „Orphee“ erinnert – nur fehlten die umherirrenden Glasverkäufer zwischen den Trümmern. Ich habe das Viertel nicht wiedergefunden, vermutlich existierte es gar nicht, vermutlich war es nur eine Halluzination, wie sie eine gekränkte Stadt für den ungebetenen Gast als Abschreckung bereithält.

Die Nacht war heiß und laut. Ich stieg auf den winzigen Balkon meines Hotelzimmers und stand Auge in Auge mit einem neonblauen Schriftzug: HAUPT…..OF. Diese Buchstaben, die auch als Aufforderung an einen Henker gedeutet werden konnten, hatte der Zahn der Zeit dem Bahnhofsgebäude gelassen. Es sah aus wie der Aufschrei einer Stadt, die sich in ihrem Stolz aufs tiefste verletzt fühlte. Rostock trägt den Greif im Wappen. Diese fabelhafte Kreatur ist eine Mischung aus Adler und Löwe, sie ist das Synonym für Stolz und Stärke. Zudem scheint die Stadt eine intime Beziehung zur magischen Sieben zu haben. Sieben Straßen mündeten einst in den Markt, durch sieben Stadttore durfte man passieren, das Rathaus ist mit sieben Türmchen bespickt, sieben Anleger gab es früher an der Warnow und der Marienkirche gestand man sieben Türen und sieben Glocken zu.

Jahrhundertelang waren die Konturen klar, waren Größe und Einwohnerzahl Rostocks konstant geblieben. Über 500 Jahre, bis weit ins 19. Jahrhundert, lebten nie mehr als zwölf- bis fünfzehntausend Menschen innerhalb der fest umrissenen Grenzen. Die Steintor-Vorstadt, jenes verstaubte Villenviertel zwischen südlicher Stadtmauer und Bahnhof, in dem ich gelandet war, wurde erst vor hundert Jahren von wohlhabenden Bürgern errichtet, denen die Wohnverhältnisse in der Altstadt zu eng geworden waren. Zur selben Zeit entstand westlich des historischen Stadtkerns das erste Rostocker Arbeiterviertel, die Köpelinertor-Vorstadt. Altstadt, Steintor-Vorstadt und Köpelinertor-Vorstadt bilden heute das urbane Zentrum eines Gemeinwesens, das eine auf die Wiese gestellte Südstadt im Nacken hat und deren geschachtelte Bettenburgen den Horizont verstellen. Sie unterscheiden sich in nichts von denen anderer „Stadtteile“ wie Dierkow im Nordosten, Reutershagen I und II im Westen oder Lichtenhagen, Lütten, Groß Klein Schmarl und Evershagen im Nordwesten. Das hier könnte auch Sofia sein oder Wladiwostok. 

Von 250.000 Rostockern leben zwei Drittel hinter Plattenbeton. Wie ein überdimensionales Lego-L ziehen sich die Klötze an der Warnow entlang. Bis vor dreißig Jahren war zwischen Warnemünde an der Ostsee und der Altstadt an der Unterwarnow nichts als saftiges Mecklenburger Land. Wie konnte man erwarten, dass das gewachsene Ensemble des alten Rostock den angemästeten, ohne Infrastruktur dahin vegetierenden sozialistischen Megakörper durchbluten würde, ohne selbst Schaden zu nehmen?

„Rostock ist immer noch eine Kleinstadt,“ sagt Gerhard Weber (42) und winkt einem Gemüsehöker in der Waldemarstraße, der sich gerade an einer kunstvollen Knorr-Dosenpyramide versucht. Sie nennen Weber hier respektvoll den Stadtfotografen. Der ehemalige Zahntechniker ist jedoch kein Hofberichterstatter, kein Schönfärber. Weber nähert sich der Stadt und ihren Menschen vorurteilsfrei, seine Schwarzweißmalereien mit der Kamera gewichten eine schräge Teppichklopfstange in einem Hinterhof genauso, wie einen aufrechten Zeitgenossen. Jetzt, da alles so schön bunt wird in Rostock, trauert der Künstler den absurden Motiven der Mangel- und Misswirtschaft gelegentlich nach.

Die Momente der Melancholie verfliegen allerdings, sobald sich Gerhard Weber die Stadtplanungs- und Sanierungspolitik der SED in Erinnerung ruft. Er sieht sie noch bei der Arbeit, die Sprengkommandos, die das Petritor aus dem Stadtteil feuerten, ihm dröhnen noch die Detonationen in der nördlichen Altstadt im Ohr und das Rattern der Presslufthämmer an der Jacobikirche, er sieht die gotischen Giebel an der Badüberstraße und am Hornschen Hof fallen. Wegrationalisiert, hieß das. „Am schlimmsten waren ihre Bauvorhaben,“ lacht er. Das 140 Meter hohe Haus „Wissenschaft, Bildung und Kultur“ zum Beispiel, das im Plan wie eine Sprungschanze aussah, welche die unter ihr liegende Altstadt zur Spielzeugkulisse degradiert hätte. „Zum Glück scheiterte das sozialistische Rostock immer wieder am Geld,“ lässt sich Weber vernehmen.

„Wir wollen ein wenig Stadt in die reinen Wohngebiete bringen“, erklärt mir Rostocks Chefarchitekt Christoph Weinhold, „Kinos, Cafés, Freizeitzentren etc. Reiner Plattenbau ist out.“ Eine städtebauliche Vision habe er nicht, „aber immerhin haben wir dafür gesorgt, dass in Warnemünde zwei Jahre lang nichts verändert werden darf. An unserer Küste sollen nicht die gleichen Fehler gemacht werden wie bei Euch.“

Er sagte „bei Euch“. Das habe ich häufiger gehört, dieses „unser“ und „euer“. Gerhard Weber hat das gesagt und Eva auch. Eva ist neunzehn, sie hat eine Baumschullehre absolviert und sieht aus, wie eine besonders gelungene Veredelung zwischen Mensch und Engel. Mit vierzehn hatte sie ihren ersten festen Freund, mit sechzehn wollte sie sich das Leben nehmen und mit siebzehn war sie Bezirksmeisterin in der Leichtathletik. Sie lebt mit ihrer Mutter in der Plattenbausiedlung Groß Klein. Die Haustür ist eingetreten, die wenigen verbliebenen Bodenfliesen im Treppenhaus sind locker und unter der Treppe im Parterre stinkt es nach Urin. Evas Mittwoch gehört der Kunst, da nimmt sie bei Falko Unterricht. Falko hat früher auf der Warnowwerft malocht, bis er 1981 aus der SED ausgetreten ist, anschließend hat man ihn „im gegenseitigen Einvernehmen“ gefeuert. Er ist Künstler geworden, ein Autodidakt. Heute hockt er in einem beengten Atelier „Am Strande“, kämpft um den richtigen Ausdruck in seinen Bildern und weist Eva in die Technik der Radierung ein. Während vor dem Fenster ein nicht endenwollender Strom von Autos eine penetrante Gestanks- und Lärmspur legt, stichelt und ätzt sie ihr Lieblingsmotiv in die Kupferplatten: die Dächer der Altstadt.

Sie sind nur einen Steinwurf vom Atelier entfernt, man braucht nur die Faule Straße hinauf zu laufen und schon befindet man sich auf verwunschenem Terrain. Die flachen Häuserzeilen passen sich den Unebenheiten des Bodens an wie riesige Raupen, das Pflaster ist mit Moos durchzogen, und um abgestellte Autowracks tanzen die Sommerblumen Ringelrein. Aus den Mauerritzen der Petrikirche sprießen Birkenstämmchen. Vögel riskieren hier eine genauso kesse Lippe wie die Kinder, die durch die Große Goldstraße, die Diebsstraße und die Pferdestraße toben. Es duftet nach Tischlerwerkstatt und Lindenblüten. Sicher, irgendwann wird auch diese Gegend hinter dem Rathaus unter Fliesen und Platten liegen, es wird Boutiquen, Kaffeestuben und Parkplätze für Touristenbusse geben. Aber noch findet man die Bank hinter der Petrikirche leer. „So bestehet nun in Freiheit und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch zwingen!“ lautet die Inschrift des wenige Meter entfernt gelegenem Denkmals, das dem Magister Joachim Slüter gewidmet ist, der 1523 durch die Glut seiner Predigten dem Luthertum in Rostock zum Durchbruch verhalf. Ob seine Botschaft noch greift, wenn demnächst die D-Mark kommt?

Es war nie die Kultur, die in Rostock den Ton angab, sondern immer der Kommerz. Die Lage an der Warnow war strategisch zu günstig, als dass hier etwas anderes hätte blühen können, als ein potenter Krämergeist. Auch im Sozialismus war das nicht anders, obwohl das Volkstheater mit mutigen Inszenierungen (Rolf Hochhuth, Peter Weiss, Hans Werner Henze) vor ausverkauften Häusern glänzte, obwohl der hier ansässige Hinstorff Verlag die Speerspitze der zeitgenössischen DDR-Autoren bildete (Ehm Welk, Jurek Becker, Ulrich Plenzdorf u.v.a.). Seit der Wende kämpft das Volkstheater jedoch ums Überleben, manche Vorstellungen finden vor der Minuskulisse von zehn Zuschauern statt. Tja, die Freiheit ruft …

Worauf sich die Stadt wirklich etwas einbildet, sind die zwei großen B´s. Das erste steht für den Bildhauer Ernst Barlach, der 1932 in einer Rostocker Klinik verstarb und dessen mit flatterndem Hemd und erhobenem Schwert vorwärts stürmender „Rächer“ im Kulturhistorischen Museum zu besichtigen ist. Das andere B ist das des Feldmarschalls Blücher, der 1742 in Rostock geboren wurde.

Die Stadt, das muss man unumwunden gestehen, hatte es nicht immer leicht. Nach Auflösung der Hanse im Jahre 1669 erlebte Rostock ein Fiasko nach dem anderen. 1677 legte ein Brand große Teile der Stadt in Schutt und Asche, mehr als siebenhundert Speicher fielen den Flammen zum Opfer. Als Mecklenburg sich zu allem Überfluss im Siebenjährigen Krieg den Feinden Friedrich des Großen anschloss, wurde Rostock von den Preußen durch Kontributionen völlig ausgeplündert. „Die Stadt ist wie ein Mehlsack,“ fand Friedrich, „wenn man drauf haut staubt`s!“

Heute würde es nicht einmal mehr stauben. Die Öffnung der Grenzen hat Rostocks Wirtschaft bis ins Mark getroffen. Die unumstößliche Stellung als Schiffbaumetropole und als „Tor zur Welt“ in der auf Autonomie bedachten DDR ist mit dem Fall der Mauer ins Wanken geraten. Die Warenströme beginnen sich zu verändern. Hamburg hat sein Hinterland wieder und selbst für den Ostseeraum ist durch Lübeck Konkurrenz erwachsen. Eine der wenigen Chancen, die Rostock hat, ist der Tourismus. Für die Skandinavier wird die DDR in Zukunft zum wichtigsten Transitland werden. Die Fährreeder haben das bereits erkannt. Und noch etwas: In den nächsten Jahren werden zur „Restaurierung“ der ehemaligen DDR ungeheure Mengen an Baustoffen ins Land fließen. Auch über Rostock.

Die Ostsee war eisengrau und spiegelglatt. Rund ein Dutzend Schiffe lagen vor Warnemünde auf Reede. Sie schienen über dem Wasser zu schweben, so stark war die Luftspiegelung. Ein dicker Algenteppich schwappte an den Strand. Eltern stippten ihre Kinder hinein, als sei das ein Gesundbrunnen. Eva führte mich über einen schmalen Weg die Steilküste hinauf. Wir durchstreiften einen wilden Wald, über uns lästerten die Möwen. Plötzlich standen wir vor einem verlassenen Wachturm. Wenige Meter weiter steckten die Beton-Trümmer einer ehemaligen Flakstellung im blumenübersäten Boden. Die Fenster des Turms waren eingeworfen, seine Tür stand offen, der Kippschalter für die Außenscheinwerfer zeigte auf Null. Und die Sprossen, die an der steilen grauen Innenwand auf die Beobachtungsplattform führten, waren in Kopfhöhe abgesägt. Eva sah mich an, als hätte Sie das hier alles aus dem Hut gezaubert.

„Na?“ fragte sie, „habt ihr das bei Euch auch…?“

Es gibt ein Buch von Henry Miller: „Das Lächeln am Fuße der Leiter“. Ich habe es nicht gelesen, aber ich denke mal, es ist ein Roman aus Rostock.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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2 Kommentare zu: “Rostock – eine Stadt an der Sollbruchstelle der deutschen Geschichte

  1. Lieber Dirk C. Fleck,
    dieses Rostock-Bild schreit geradezu nach einer Ergänzung
    durch ein heutiges Bild der Stadt und ihres Umfeldes,
    wobei Achtsamkeit und Empathie die Begleiter sein müssen.
    Um es deutlich zu sagen, ich sehe da eine Bringschuld.

  2. Mein erster Reflex beim Lesen dieses Textes war, meine monatliche Unterstützung für kenFM ab sofort einzustellen, denn ich fühle mich als in der DDR aufgewachsener Mensch hier einfach nur mit Dreck beworfen. Menschen wie dieser Autor hießen gleich nach der „Wende“ Besserwessis – Leute, die mit ihrer maßlosen Arroganz die Menschen im Osten wahlweise mit Hohn oder Mitleid überzogen und sich keinerlei Mühe machten, mal hinter die – gewiß auch bröckelnden – Fassaden zu schauen. Das Wohnungsbauprogramm des Staates in den 70er und 80er Jahren war nicht vordergründig von ästhetischen Maßstäben geprägt (mal ganz abgesehen davon, daß es solche Satellitenstädte wie hier beschrieben genau so im Westen gab), aber die Menschen haben sich in diesen Neubauten durchaus auch wohl gefühlt, nicht zu vergleichen mit dem Heute, da in diesen Wohnstädten vor allem der abgehängte Teil der Gesellschaft seinem Hartz-Schicksal überlassen leben darf und vom einstigen Zusammenhalt der Menschen kaum noch etwas zu spüren ist – das hat der goldene Westen diesem Land gebracht.
    Dass die „auf Autonomie bedachte DDR“ dies keinesfalls aus freien Stücken war, sondern dies schlicht Teil und Ergebnis des Kampfes der Systeme war scheint der Autor genauso wenig zu kapieren wie die Tatsache, dass der Wirtschaftskrieg mit dem Westen genauso zur „Mangelwirtschaft“ beigetragen hat wie innere Probleme des Landes (u.a.). Schließlich sei vielleicht noch erwähnt, dass die DDR – während der Westen mit dem Marshall-Plan aufgepäppelt wurde – die Reparationen gegenüber der Sowjetunion praktisch alleine bewältigen musste.
    Die Gehirnwäsche durch die westlichen Meinungsmachermedien hat inzwischen leider auch viele Menschen im Osten vergessen lassen, dass sie mal in einem Land ohne Existenzängste und Armut gelebt haben, auch wenn die Fassaden nicht überall bunt waren.

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