RUBIKON: Im Gespräch: „Der allgegenwärtige Antisemit“ (Moshe Zuckermann)

Mit Demagogie und Stigmatisisierungen wollen die Eliten den Diskurs beherrschen und die öffentliche Meinung kontrollieren. Jens Lehrich und Florian Ernst Kirner im Gespräch mit Moshe Zuckermann.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse„, in dessen Beitrat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Von Florian Ernst Kirner.

Moshe Zuckermann ist einer der Großen unserer Zeit. Als Historiker, zweifellos. Als mutiger Bürger Israels, selbstverständlich. Als Kämpfer für die Menschenrechte der Palästinenser, klar.

Vor allen Dingen aber, das durften Jens Lehrich und ich in Frankfurt am Main erleben, ist Moshe Zuckermann eine große, große Persönlichkeit unserer an Persönlichkeiten nun nicht gerade reichen Zeit.

Dieser Mann hat eine geistige Tiefe erreicht, die sich nicht allein durch Jahrzehnte des Forschens und Denkens erklärt. Sie ist auch aus den fruchtbarsten Traditionen des Geistes- und Kulturlebens erwachsen. Und sie ist das Ergebnis eines Lebens, das Anteil nimmt, das eingegriffen hat, das nicht nur irgendwo dabei gewesen ist, sondern mittendrin stand, im Fluss der Geschichte.

Dieses Leben begann als bewusstes Wirken in Frankfurt am Main. Die Erzählungen Moshe Zuckermanns über seine Erfahrungen als jüdischer Schüler in einem Westdeutschland kurz nach der Nazizeit sind so überraschend wie berührend. Seine Mitschüler, so berichtete er uns, seien durch die Bank feine Kerle gewesen.

Die große Perspektive

Die anhebende Studentenbewegung erreichte auch den Gymnasiasten Zuckermann.

Der wurde Marxist, aber auch, und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, in dieser Zeit kurz nach dem Holocaust, zu einem jungen Zionisten. Der Traum vom neuen Judenstaat in der Ferne begann hell zu leuchten in ihm.

1970 zog er dann tatsächlich in diese vermeintlich sichere, neue Heimstatt des geschundenen Judentums – aber die Realität, die er dort vorfand, stürzte ihn in erste Zweifel. Am Ende stand der Bruch mit einem expansiven und militaristischen Zionismus, der die Rechte der Palästinenser mit Füßen tritt.

Unser Gespräch nahm viele Wendungen und Zuckermann beschrieb die ganz große Perspektive: die Situation der Juden am Ausgang des 19. Jahrhunderts, die Entstehung des Zionismus in Wien, die Gegnerschaft von Karl Kraus und Theodor Herzl, die innenpolitische Lage Israels heute, die relative Isolation der Friedensbewegung und der winzigen israelischen Linken.

Und natürlich ging es auch um den Diskurs über die Juden, den Holocaust und den Staat Israel im heutigen Deutschland. Damit beschäftigt sich zentral Moshe Zuckermanns neues Buch „Der allgegenwärtige Antisemit“, das im Westend-Verlag erschien und den Anlass unseres Interviews darstellte.

Güte und Freundlichkeit

Als er berichtete, wie Abkömmlinge des Tätervolks, vom CDU-Bürgermeister bis Jutta Ditfurth, ausgerechnet ihm das Wort verbieten wollten in seiner alten Frankfurter Heimatstadt, weil er nämlich „Antisemit“ sei, blitzte dann doch eine gewisse Bitterkeit und Verachtung, eine stille Wut in diesem Menschen auf. Aber nur für einen Moment.

Sofort fand Moshe Zuckermann zurück in sein eigentliches Weltgefühl: durchdrungen von Menschenliebe, Güte, Freundlichkeit.

Dieses Weltgefühl intakt gehalten und immer wieder neu hergestellt zu haben, sagt unfassbar viel über einen Mann, der manche Schlammschlacht auszustehen hatte und haben wird, der sich keine großen Illusionen über die Kräfteverhältnisse macht und durchaus Grund zur Resignation hätte.

Als Jens und ich uns nach dem Gespräch verabschiedeten, waren wir ganz erfüllt von dem Privileg, dieses Interview geführt zu haben. Ja, sicherlich, Moshe Zuckermann, ein bedeutender Historiker. Ja, natürlich, ein Akteur der Friedensbewegung von internationalem Rang.

Aber vor allem: was für ein Mensch!

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Dieser Beitrag erschien am 3.11.2018 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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3 Kommentare zu: “RUBIKON: Im Gespräch: „Der allgegenwärtige Antisemit“ (Moshe Zuckermann)

  1. “ Als er berichtete, wie Abkömmlinge des Tätervolks, “
    So lange Worte wie diese ohne Wiederspruch in Deutschland geschrieben werden können ist jede Diskussion unmöglich.
    In und durch der Zweite Weltkrieg kamen etwa zehn Millionen Deutsche um.
    Wie viele von den rund 45 Millionen Deutsche die am Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten hatten etwas zu tun mit Deportionen und KZ’s ?
    Wieviele von die rund zwei Millionen Deutschen, Frauen, Kinder, und alte Männer, die ermordet wurden durch sinnlose Bombardierungen, hatten überhaupt etwas mit Krieg zu tun ?
    Hat denn Niemand Taylor gelesen, das Hitler nie Krieg wollte ?
    Las denn Niemand Beard, das Roosevelt seit 1932 Krieg wollte ?
    A J P Taylor, ‚The Origins of the Second World War‘, 1961, 1967, Londen
    Charles A. Beard, ‘American Foreign Policy in the Making, 1932 – 1940, A study in responsibilities’, New Haven, 1946
    Patrick J. Buchanan, ‘Churchill, Hitler and “The unnecessary war”, How Britain lost its empire and the west lost the world’, New York, 2008
    Bogdan Musial, ‘Kampfplatz Deutschland, Stalins Kriegspläne gegen den Westen’, Berlin 2008

  2. Vielen Dank für dieses sehr wertvolle Interview mit Moshe Zuckermann. Er stellt die momentane Situation in Deutschland realistisch dar. Es ist unglaublich, dass hier Juden verboten wird, ihre Meinung zu sagen und ihnen skurile Dinge unterstellt werden. Und das Ganze unter einem hergeholten Vorwand, Juden schützen zu wollen. So ein komplett irrationales Verhalten kann wohl nur an einer schweren generationsübergreifenden Traumatisierung dieser „Antideutschen“ liegen, wie Herr Zuckermann vermutet.
    Was können wir also tun? Als erstens einmal nicht schweigend zusehen, wenn Menschen wie Moshe Zuckermann keinen Raum für Vorträge bekommen. Viele Menschen sollten die dafür Verantwortlichen anschreiben und ihren Protest kund tun. Wenn wir Deutschen Ausschwitz nicht vergessen wollen, dann sollten wir eine solche Behandlung wie die, der Herr Zuckermann ausgesetzt wird, nicht hinnehmen. Es ist aber auch nicht zielführend, die sich so merkwürdig verhaltenen „Antideutschen“ im Gegenzug zu verteufeln. Ich persönlich kenne niemanden dieser Spezies, aber vielleicht können geduldige Gespräche helfen. Was sagen denn Trauma-Psychologen dazu?

    • Neufeld and Berenbaum, editors ‘The bombing of Auschwitz’, 2000, New York
      Elie Wiesel, ‚La Nuit‘, 1958, 2007
      Was wissen die Deutschen eigentlich von Auschwitz ?
      Das Wiesel’s Vater dort im Hospital war, wenn die Russen kämen, aber nicht bleiben wollte, obwohl er bleiben konnte ?
      Also zu Fuss mit ging nach Westen.
      Das Ben Gurion Ende 1944 nicht wollte das die KZ’s bombardiert wurden ‚es konnten Juden getötet werden‘ ?

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