Sehnsucht Kaufhaus

Zwischenwelten – von Sofia Lux.

Es ist jedes Mal dasselbe: ich betrete die Hallen geschmackloser Kaufhäuser, aus Zeiten, die längst vergangen sind und atme tief ein.

Diese Kaufhäuser, sie stehen noch immer. Und man spürt, dass ihr Dasein nicht mehr lange währen wird. Die Mega-Malls von heute besiegeln ihr zögerndes Verschwinden.

Ein Ereignis aus vergangenen Jahrzehnten, dessen funkelnde Pailletten längst im Irgendwo verloren gegangen sind. Wie eine erloschene Sternschnuppe stehen diese Türme aus Beton der goldenen Zeiten da. Zu tausenden stürmten die Mütter der 80er Jahre die Abteilungen zwischen den Rolltreppen: Porzellanideen reihten an Bettwäschezauber. Kochtöpfe und Elektroartikel im unteren Stockwerk. Die Kinderspielwaren gleich neben dem Restaurant mit Aussicht über die roten und blechernen Dächer, die im Nebel von Hannover bis München noch heute stillstehen.

Die Parfümerie neben den Schokoladen-Pralinen. Heute warten ältere Damen, die Mütter von damals, an den süß-gefüllten Glasvitrinen und lassen sich die als „exquisit“ ausgewiesenen süßen, braunen und weißen Kugeln, für den kleinen Genuss am Abend verpacken. Man lässt sich ein auf das Versprechen von damals. Obwohl da draußen längst bekannt ist, was exquisit in seinen Einzelheiten bedeutet. Man weiß heute ja viel. Und vor allem mehr als damals. Man ist informierter, meint reflektierter und bildet sich ein, ein maßloses Stück schlauer zu sein, als die Menschen von damals. Die ihre Wege in den alten Kaufhäusern noch heute gehen, als würden sie das Draußen abwehren müssen, um ein kleines bisschen der Blase von damals einatmen zu dürfen.

Denn hier dominiert sie nicht, die Aufklärung von heute. Bio oder Fair-trade, die Frage muss man sich hier nicht stellen. Weil man in die Vergangenheit reist und sie für einen Moment in der Gegenwart festhalten kann. Und es scheint wie ein Kosmos der Verständigkeit, der sich zwischen den Tagträumern und Pfennigfuchsern in diesen alten Fassaden einstellt. Als wären sie alle auf der Suche nach dem gleichen, alten, vergangenen Gefühl.

Jedes Mal suche ich danach. Nach dem Gefühl, das ich nie ganz zu greifen bekomme. Es überkommt mich und trägt mich wie in Watte durch die hellerleuchteten Stockwerke. Vorbei an Strickwaren und Kalenderbüchern. Ich weiß nicht, was ich dort suche. Ich weiß nur, dass etwas von Damals in mir aufflutet. Wie das Wasser in den Prielen, wenn die Ebbe noch sichtbar, aber die Gezeiten längst im Untergrund die Flut vorbereiten. Man hört das Wasser rascheln und rauschen, man spürt die sanfte, gewaltige Welle, die ganz bald schon das Wattenmeer verwandeln wird. In einen See, in ein Meer, in einen Ozean von Weite. So bahnt sich dieses Gefühl von früher im Kaufhaus, seinen Weg durch den nassen Sand. Die Welt darunter, ihr Geflecht aus Phantasie und Rhythmus, das die Gezeiten seit jeher walten lässt, bleibt unbekannt. Lässt sich nicht durch Bohrungen im Sand enttarnen. Der Zauber bleibt unklar, diffus und doch hüllt er mich ein in seine Partitur aus Leben und Vergänglichkeit, in diesem elektrischen Raum aus Konsum und Sehnsucht.

Es ist das Leben meiner Mutter, das ich hier wiederzufinden suche.

Das Kaufhaus wie ein Anker, der ihr für einen Moment Zuflucht schenkte. Vor einem Leben, dass sie nicht erden konnte. Beständig auf der Flucht zog es sie hinein in die Welt, die feststand. Die studierbar für Sie war- dem Mädchen aus der Arbeiterklasse, dem Flüchtlingskind. Das Porzellan, das in verlässlichem Rhythmus preislich reduziert wurde. Pullover aus Kaschmir im Winterschlussverkauf für die Kinder. Hier fand sie die Welt statisch, in berechenbarer Bewegtheit. Woche für Woche. Monat für Monat.

Und, wenn ich diese Kaufhäuser betrete, ist es als würde ich sie suchen. Meine Mutter. Die Sehnsucht meiner Mutter verbindet sich hier mit mir.

Und ich kann ihn fühlen, diesen Irrweg, den sie gelaufen ist, mit jeder Stufe, die ich mit der Rolltreppe hinauf fahre. Wie sie umherlief, um dieser Angst, die sie immer unglücklicher machte, davonlaufen zu können. Dem Leben, das sie führte, zu entkommen.

Hier kann ich sie spüren. Die Traurigkeit darüber wie meine Mutter war- keine Wut mehr. Wie sie lebte, wie sie irrte. Und Jahr um Jahr, das echte Leben da draußen vor den Schaufenstern der Glitzerhalle, mehr und mehr aus dem ihrigen ausschloss.

Und ich spüre zwischen weißen Hemden, bunten Socken und Ledertaschen zum halben Preis: Sie konnte nicht anders.

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

8 Kommentare zu: “Sehnsucht Kaufhaus

  1. Wie lange Zählt die Frau als relevant? Von wann bis wann ist sie attraktiv und begehrenswert. Ab wann nimmt das ab und sie wird unwichtig. Frauen werden auf Aussehen reduziert, haben Politisch keine wirklich grosse Wahl sich zu etablieren. Ist es vieleicht das was den Konsum so attraktiv macht. Sich etwas zu gönnen. Wo die Werbung mich verführt. Ein Produkt mir sagt: Ich mach dich besser, schöner, schneller. Ein schöner Text. Macht mich sehr melancholisch. Genau das richtige zur kalten Jahreszeit.

    • „Frauen werden auf Aussehen reduziert, haben Politisch keine wirklich grosse Wahl sich zu etablieren.“

      Ich finde das ist ein stark eingeengtes Bild. Welche Frau sieht nicht gerne hübsch aus?
      Ich sehe darin keine Reduktion, sondern Erweiterung der Natürlichkeit.

      Auch Männer reduzieren Frauen keineswegs auf’s Aussehen. Auch Männer haben/hätten gerne Frauen die schlau/intelligent sind, fleißig sind, gut Kochen können UND gut Aussehen.

      Übrigens wünschen sich auch Frauen Männer die mit derartigen Attributen ausgestattet sind – und vielleicht noch einiges mehr…

  2. Ein Beitrag, der gut geschrieben ist und nachdenken lässt. Über Gesellschaftskritik, Konsumkritik, Selbstkritik. Der aber auch Verständnis zeigt für menschliche Schwäche. Es ist eben nicht leicht, sich vom Systemsumpf zu befreien, wenn man bis über beide Ohren darin steckt.

  3. Das ist ein sehr schöner Text, der zeigt, dass die wirtschaftlichen Umstände immer großen Einfluss auf unser Leben haben, während sie allein doch nicht immer alles darin bestimmen können.
    Ich persönlich kann den Text und auch die Beziehung zur Mutter komplett nachempfinden.
    Diese Rotz-Kaufhäuser waren einmal der Stolz von Neuwied am Rhein, einem eleden, kulturlosen Nest. Dort standen in einer „Einkaufsstraße“ der 80ger, 90ger diese Gebäude von Kaufhaus Claus bis Kaufhof usw. Hier befand sich das Zuckerbrot des Kapitalismus und auch für meine Mutter war es immer ein ganz tolles Ereignis hier einzukaufen. Sie sagte dann immer zu diesem Industrieabfall „Das ist was ganz feines“ – eben! Weil sie wie die Mutter oben gar nicht wusste, was was „ganz feines“ war, weil „ganz fein“ für sie ein abstrakt Begriff war, den andere für sie füllten, der sich ihr nicht kraft ihrer eigenen Bedürfnisse erschloss, weil es nun mal die Knechtschaft ihres Lebens war, nicht nach ihren Bedürfnissen leben zu dürfen.
    Sie hatte es schwer – denn auf der einen Seite offenbarte sich dieses System ihr in der Unterdrückung durch die Stammtischweisheiten ihrer Eltern über „Erziehung“, Schäden, die in unserer Arbeiterfamilie Kontinuität haben. Dann forderten Religion und Lohnarbeit ständig Verzicht und Askese von ihr, die Medien taten ihr Übriges. Auf der anderen Seite standen dann diese Drecksdinger, in denen sie sich – naiv wie sie war – dann „etwas ganz feines gönnte“.
    Sicherlich hat auch gewirkt, dass sie dort meinte auch den feinen Herren und Damen ebenbürtig zu sein – sie glaubte mit vermögenderen Menschen einzukaufen höbe die Verdammnis zwischen ihnen auf und war sich mehr wert. „Weil sie es sich wert sind“ – sagen die ja nicht ohne Grund.

    Und auch ich habe gemerkt, dass sie als Symptom des Kapitalismus im Verschwinden begriffen sind. Sie sterben tatsächlich aus – in den größeren Städten weniger schnell, als in den kleineren, aber immerhin.

    Man darf sich nur nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies auf Anstrengung der erwachenden Massen geschehen ist. Es geschieht, weil es eben lukrativere Arten gibt, dem Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. „Bio“ ist ja immernoch kein Grund für wirtschaftliche Versklavung, trotzdem können sich die gesunden Sachen nur die Reichen leisten, weswegen in diesem sogar ein guter Einfall, wie die „Bio-Landwirtschaft“ in ihr Ggeenteil verkehrt wird, durch die Exklusivität, die sie mit sich bringt.
    Ok das weicht langsam auf, aber eben zu langsam. Ein Schluck Bio Zitronensaft für 2 € im Rewe, das ist jetzt noch nicht das, was sich Suleyman und Kalle aufm Bau genehmigen würden, obwohl gerade sie die Vitamine nötig hätten.

    Letztendlich finde ich aber die Betrachtung bis ins Psychologische in diesem Falle super. Hier wird der Kapitalismus im Geist von uns Arbeitern, was er für Realitätsverschiebungen anrichtet usw. seziert und das fehlt KenFM, weil sich KenFM größtenteils auf die Stars und Promis konzentriert, auf die intellektuellen Redeführer der politischen Lager usw. Das ist schade, denn auch KenFM proklamiert ja, dass es um die kleinen Leute geht – dann müssen viel mehr solcher schöner Texte her.

    Als Ausblick möchte ich noch schnell empfehlen, dass sich die Menschen in Konsumgenossenschaften zusammenschließen müssen, wenn sie dem kapitalistischen Markt – mit „Bio“Feigenblatt oder ohne – entkommen wollen. Das ganze System von Eigentum an Produktionsmitteln und dem Markt muss gekippt werden, wenn man wirklich die Probleme der Welt über den Tellerrand hinaus lösen will. Dazu müssen die Menschen nicht die Organisation der Produktion, sondern auch der Dienstleistungen und des Konsums in dei eigenen Hände nehmen. Sie müssen die Entscheidungen in den Betrieben und in basisdemokratischen Börsen selbst fällen, je nachdem, wer und welcher Personenkreis betroffen ist. Nicht der Besitz, Rang oder Titel sollten entscheidet sein, sondern die Bedeutung der jeweiligen ökon. / polit. Entscheidung für das Leben der Betroffenen. Das wäre Demokratie, alles andere ist Fremdgesteuertsein. So wie unsere Kaufhausmütter. Und wenn der Autor / die Autorin des Textes eine / einer ist, die dieses Leben nicht mehr will, dann sind es mit mir schon zwei. Aber ich ergehe mich hier nicht in pazifistischen, szene-virtuosen Künstlerphrasen der Politik, sondern sage klip und klar, dass die Lösung aus der Klassengesellschaft heraus nur auf dem Weg der Selbstverwaltung funktionieren wird.
    Die Geschichte hat es vorgemacht: Alle zentralistischen Revolutionen sind innerlich gescheitert.
    Die föderalistischen (zB Ukraine 1916/17, Spanien 1936) Revolutionen mussten erst mit einer barbarischen Übermacht von Außen zerschlagen werden, haben also innerlich die Kraft gehabt eine neue Gesellschaft aufzubauen.
    Jetzt heißt es von diesem Umstand zu lernen.
    Es heißt daher selbst in die Hände zu nehmen, was die Mächtigen für uns bisher seit tausenden von Jahren nicht entsprechend bewerkstelligen wollten und konnten: Unser Leben miteinander.
    Dieses Dasein als „Untote im Kaufhaus“ geben wir nur dann auf, wenn wir unseren Konsum zu einem gesellschaftlichen Erlebnis machen und den gemeinsamen Konsum selbst in die Hände nehmen.
    Wir Kunden zählen, wenn wir ins Kaufhaus gehen. Nicht der, nachdem das Kaufhaus benannt wurde – was wäre der ohne unser Geld? Und wieviel Menschen mit logistischer Ausbildung gehen wohl in einem Kaufhaus ein und aus? Die könnten gemeinsam in einer Woche erarbeiten, was der Kaufhausdirektor an guten Plänen und Ideen nicht in zehn Jahren alleine fertig bekommen würde. Nicht mehr die Einzelnen Machthaber und Eigentümer sollen zählen, sondern eben jene Mütter, die still ihr Leben lang erdulden, dass diese Parasiten auf ihren Schultern reiten!

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