Stalingrad

Ein Brief nach Wolgograd.

Weitergegeben von Wolfgang Bittner.

Der ehemalige Präsident des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge und Regierungspräsident i.R. Karl-Wilhelm Lange hat aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung von Stalingrad durch die Rote Armee an die Museumsdirektorin Valentina Sorokoletova in Wolgograd, ehemals Stalingrad, einen berührenden Brief geschrieben. Karl-Wilhelm Lange pflegt intensive Beziehungen zu Russland, insbesondere zu den Veteranenorganisationen in Wolgograd, Rshew und Sankt Petersburg.

Traurig und skandalös, dass die deutsche Regierung zu den Feierlichkeiten in Wolgograd keine Delegation geschickt hat! Ein Armutszeugnis und zugleich ein weiteres Zeichen der Aggressionspolitik einer von den USA dominierten westlichen Allianz einschließlich Deutschlands in dem erneuten Kalten Krieg. Den Brief von Karl-Wilhelm Lange möchte ich mit seinem Einverständnis als Dokument des guten Willens und der Völkerverständigung der Öffentlichkeit zugänglich machen:

Karl-Wilhelm Lange
Regierungspräsident i.R.

Hann. Münden, 3. Februar 2018

Wolga-Don-Kanal-Museum
Frau Museumsdirektorin
Valentina Sorokoletova
Volgograd.  Russia  400082

Liebe Valentina,

heute vor 75 Jahren kapitulierten die Reste der 6. Armee unter General Paulus in Stalingrad nach monatelangen schweren Kämpfen, bei denen auf beiden Seiten fast 500.000 Soldaten, Zivilisten – auch viele Kinder unter ihnen – ihr Leben verloren. Ich wäre heute gern bei Euch, unter den Zehntausenden gewesen, die sich zum Trauern und Gedenken in Wolgograd versammelt haben. Denn ich weiß um die Gefühle der Veteranen und Veteraninnen, die an diesem Tage nicht nur einen Sieg über die deutschen Aggressoren feiern, sondern sich auch an das Leiden, an das Sterben und den Tod erinnern, der keinen Unterschied machte zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Frauen und Kindern und auch nicht zwischen Russen und Deutschen.

Du hast zahlreiche Briefe der jungen deutschen Soldaten aus dem Wolgograder Militärmuseum veröffentlicht, die ihren sicheren Tod vor Augen einen letzten Gruß an ihre Mutter richteten, Briefe die die Heimat nicht mehr erreichten. Ihre Abschiedsworte klingen in ihrer Trauer, ihrem Mut und in ihrem Trost für ihre Mütter nicht anders als die Briefe ihrer russischen Kameraden, die ebenso unschuldig in diese Kämpfe gezogen waren und ihr Leben opferten, weil der militärische Befehl ihnen keine andere Wahl ließ.

Und ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit russischen Generälen, Offizieren und einfachen Soldaten, die ihren deutschen Gegnern mit Respekt begegneten und ihnen die Hand zur Versöhnung reichten, weil sie sehr wohl zu unterscheiden wussten zwischen der faschistischen Führung unter Adolf Hitler und seiner Aggression gegen die Sowjetunion und den deutschen Soldaten und dem deutschen Volk.

Ich fühle mich an diesem Tag in tiefer Trauer Dir, den Wolgogradern und den Veteranen verbunden, erinnere mich an unsere Zusammenarbeit beim Bau der Soldatenfriedhöfe in Wolgograd/Rossoschka und bin dankbar für die Brücken der Versöhnung, die wir hier für unsere beiden Völker geschaffen haben, Brücken auf denen wir uns – Alte und Junge – begegnen konnten, uns umarmten und gelobten, dass Nichts und Niemand uns jemals wieder von diesem Weg der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit würde abbringen können.

Die Ansprache von Präsident Putin im Jahre 2001 vor dem deutschen Bundestag, dessen Mitglieder ihm für diese große Rede zu den deutsch-russischen Beziehungen im gerade begonnenen 21. Jahrhundert stehend dankten, bildete den symbolischen Eckstein dieser neuen Friedensordnung zwischen unseren Völkern und für Europa. Für uns schien sich damals ein Traum zu erfüllen.

Doch heute, am 75. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad stehen wir vor den Trümmern dieses allzu kurzen Traums, mitten in einem neuen kalten Krieg, der allein den Interessen der USA/NATO dient und die Kräfte der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland durch Hochrüstung, durch Manöver an der Grenze zu Russland sowie durch wirtschaftliche Sanktionen zu zerstören versucht.

Trotz alledem, liebe Valentina, wollen wir nicht verzweifeln, sondern an unserem Traum festhalten und mit allen Kräften dafür arbeiten, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung den Sieg erringen werden über diese aus den Tiefen der Hölle wieder hervorgestiegenen Gespenstern der Vergangenheit. Zu dieser beharrlichen Arbeit verpflichten uns die Erinnerung an die Schlacht und die Soldatenfriedhöfe in Stalingrad, das Gedenken an die Millionen Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und unsere Verantwortung für die jungen Menschen in unseren Völkern, die unser politisches Wirken zu Recht eines Tages vor Allem daran messen werden.

In Freundschaft und Verbundenheit sowie mit herzlichen Grüßen an alle Freunde in Wolgograd

Dein Karl-Wilhelm

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Danke an alle Beteiligten für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Fotohinweis: German prisoners, among the 90,000 taken by the Soviets at the end of the Battle of Stalingrad in February 1943.

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10 Kommentare zu: “Stalingrad

  1. Hallo Deutschlands…. (länger ging der Name nicht?)
    Der einzige Punkt worin ich dir Recht geben ist, Pazifismus ist die einzige Lösung, dann aber auf allen Seiten, ansonsten kann man sich als Opfer einer Aggression direkt zur Schlachtbank führen lassen. Ich Frage dich aber, wie hält’s du es denn mit den Paraden und Gedenkfeiern in Frankreich zum Sieg über Nazi-Deutschland oder zum DDay, wo die heldenhaften Amerikaner ihre Soldaten verheizt haben. Sind diese auf ihrem Land von den Deutschen überfallen worden? Oder ist das komplett was anderes?

    • Leider hatte Stalin in Deutschland viel su suchen
      Bogdan Musial, ‘Kampfplatz Deutschland, Stalins Kriegspläne gegen den Westen’, Berlin 2008
      Deshalb versuchte Hitler die Rote Armee zu vernichten.

  2. **“Die Soldatenfriedhöfe sind für mich einfach nur Objekte wo Grabschändung erlaubt seien sollte und jedes Grab einzeln ein Bombenanschlag verdient hat. Um die Verbrecher nicht der Unschuld zu überlassen.“**

    Das ist undifferenziert und damit völlig falsch. Wenn überhaupt, kann das nur für die Soldatenfriedhöfe des Aggressors gelten.

    Auch die über alle Maßen wichtigen und richtigen Rachefeldzüge, sind ausschließlich! in das Schuldbuch des Aggressors einzutragen. Denn, ALLE Taten und Handlungen im Krieg konnten nur aufgrund des Angreifers entstehen. Somit zeichnet dieser eben für ALLES Geschehene alleinige Schuld.

  3. Herzlichen Dank an Wolfgang Bittner, dass er diesen wichtigen Brief öffentlich gemacht hat. Karl-Wilhelm Lange spricht sicherlich nicht nur mir aus dem Herzen. Es gilt Brücken für Frieden und Versöhnung zu bauen. Und es gilt auch, diejenigen, die das Glück haben, nie einen Krieg hautnah miterlebt zu haben, die nicht ihren Sohn, ihren Vater, ihren Bruder oder Ehemann, ihren Freund oder Geliebten durch eine solche sinnlose Schlacht (Schlacht von Abschlachten!) verloren haben, an das unsägliche Leid zu erinnern, das jeder Kriege mit sich bringt.

    In der Schlacht um Stalingrad hätte ein Sieg der deutschen Armee zur Versklavung der russischen Bevölkerung geführt. Deutschen Soldaten kämpften entsprechend der Nazi-Ideologie, um „Lebensraum im Osten“ zu erobern. Die russischen Soldaten verteidigten ihre Heimat.

    Es wäre gut, wenn eine Friedensbewegung, die sich nicht auseinanderdividieren ließe, angesichts einer neuen Regierung als erstes und wichtigstes Ziel Entspannungspolitik einfordern würde. Raus aus dem von den USA und der NATO veranstalteten Kalten Krieg, für die Reduzierung des Rüstungsetats, gegen die gegen Russland unter einem Vorwand verhängten Sanktionen und gegen das unerträgliche Putin-Bashing der Medien …

    • Es ist traurig, und für mich nicht zu verstehen, wie wenig Deutsche wissen von Geschichte.
      Es gibt inzwischen genügend Bücher von Historiker die etwas ganz anders erzählen als was die Medien bringen.

    • Habe noch was nachgedacht.
      Sie schreiben über was Hitler wollte.
      Versklaven, wahr is das Partei Leute usw. als Untermenschen sahen.

      Aber was glauben sie das die USSR mit Deutschland wollte, wenn es gelungen wäre ganz Deutschland zo erobern; oder dort eine kommunistische Revolution zu verursachen ?
      Wäre Deutschland, und die Deutschen, anders behandelt worden als die ost Europäische Völker, die sich erst 1990 befreit fühlten ?

      Ich war 1965 in die Tsjechoslovakei, ein Land, in meinem Augen mit Armut, die PKW’s aus den dreiziger Jahre waren sehr interesssant.
      Bei einem Spaziergang in Prag zeigte mich jemand traurig lächelnd wie das Dach seines PKW, keine Ahnung wie alt genau, sagen wir 1935, was durch gerostet war.

      In die Laden, nichts zu kaufen, ausserhalb Schallplatten, ich kaufte zwei, die ich noch immer habe.
      Und fast einn jeder trug dieselbe Kunststoff Mantel.
      Dan ganze, eine traurige Anblick.

  4. Angesichts der Tatenlosigkeit der Bundesregierung zur Feier in Stalingrad, die eigentlich eine ungeheure Unverschämtheit ist, ist dieser Brief von Karl-Wilhelm Lange zunächst einmal eine begrüßenswerte Reaktion, denn sie ist auf Versöhnung ausgerichtet.

    Natürlich waren die deutschen Soldaten nicht unschuldig, sie waren Beteiligte am Überfall auf Rußland. Klar, sie waren durch die heimische Nazi-Propaganda geprägt und ich habe mich manchmal gefragt, was ich getan hätte, wäre ich ca. 30 Jahre früher geboren worden. Das entschuldigt aber nichts und letztlich hat die Masse der deutschen Wehrmacht auf dem Rückzug nicht grundlos „Angst vor dem Russen“ gehabt, denn sie wußten fast alle, was sie getan hatten.

    Auf die russischen Soldaten paßt die Kategorie Schuld/Unschuld überhaupt nicht. Letztlich haben sie Ihre Heimat verteidigt. Daß sie häufig Opfer der eigenen unfähigen Führung wurden, ändert nichts daran, daß sie Opfer waren, so oder so.

    Wenn man jetzt – sozusagen beinahe im Umkehrschluß – Grabschändung auf Soldatenfriedhöfen vorschlägt, so frage ich mich, wohin das führen soll. Wem nützt das? Was soll damit bewirkt werden außer Kopfschütteln und im schlimmen Falle erneute, sinnlose Aggression.

    Wir müssen uns darüber klar werden, daß wir uns in einem Klassenkrieg befinden. Das berühmte Zitat von Warren Buffett kennt hier wohl mittlerweile jeder Leser. Dazu gehört auch, daß man uns auch als Kanonenfutter gegen irgendeine andere Nation schicken will. Da wird es höchste Zeit, daß wir uns auf Verteidigung gegen die Buffetts dieser Erde einrichten. Wann immer möglich, gewaltlos. Wenn’s gar nicht anders geht, auch mit Gegengewalt, denn wir haben das Recht zum Widerstand. Das ist die einzige Lehre, die man aus Stalingrad ziehen sollte.

  5. Möchte mich Gabriele Birmilis Dank an Herrn Lange anschließen.
    Danke auch Stefan Liebich und Heike Hänsel.
    Ich habe gezögert, den beiden zu danken, weil es ja eine
    Selbstverständlichkeit sein müsste, an den Gedenkfeierlichkeiten
    teilzunehmen.
    Weil das die Abgeordneten unseres ‚Hohen Hauses‘ offenbar
    nicht so sehen, gehörte wohl Mut dazu, dafür jedenfalls Dank
    & Respekt.
    Was aber auch einmal gesagt werden muss:
    Wenn ein Vertreter unseres Landes in dieser Eigenschaft
    irgendwo auftritt – oder dies unterlässt – gelten die Symbole
    wie Hymnen, Fahnen, auch der öffentliche Händedruck, in
    erster Linie dem Amt, nicht der Person und das Verhalten
    gegenüber dem Repräsentanten eines Staates ist ebenfalls
    kein ‚rein privates‘.
    Kann es sein, dass unsere Volksvertreter das vergessen haben?
    Wenn ich in den Farben meines Vereins irgendwo auftrete,
    ist mir jeden Moment bewusst, dass ich mich tadellos zu
    verhalten habe, denn alles andere schädigt den Ruf des
    gesamten Vereins.
    Und die Mitgliedschaft im Verein ist ehrenamtlich. Unsere
    Volksvertreter werden aber fürstlich belohnt! Da ist es nicht
    zuviel verlangt, uns in Würde und Anstand zu vertreten.

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