STANDPUNKTE • Der Katalonien Konflikt – Vorsicht, Falle! (Podcast)

Ein Standpunkt von Pere Grau.

Am 26.10.2019 ist bei KenFM ein Artikel über den Konflikt zwischen Katalonien und Spanien erschienen. Dieser “Standpunkt” hat mir erneut vergegenwärtigt, wie leicht und wie oft eigentlich gut meinende deutsche (und auch sonstige) Journalisten in die Falle tappen, die ihnen die spanisch-nationalistische Propaganda stellt.

Viele Ausländer können einfach nicht begreifen, dass die meisten spanischen Medien, die sie als Quellen benutzen, einfache Sprachrohre der Machthaber sind. Deren Inhaber und Mitarbeiter (oder beide) huldigen stets derselben Denkweise und stellen das Dogma der spanischen Einheit über alle anderen Kriterien, ganz egal wie sehr die Wahrheit darunter leidet. Und da die Katalanen gegen dieses geheiligte Dogma entschieden auftreten, werden sie bombardiert mit Diffamierungen, Wahrheitsverdrehungen und kruden Unterstellungen.

Ich werde nachfolgend nur eine kleine Auswahl davon kommentieren, in der Hoffnung, dass diese Beispiele zu verstehen helfen, wie wenig die spanische Berichterstattung über den katalanischen Konflikt als seriös und wie wenig die spanische Demokratie als vorbildlich betrachtet werden kann.

Fake 1: falsche Korruptions-Vorwürfe.

Korruption  ist ein Phänomen, das – leider – überall zu finden ist. Auch in Katalonien. Niemand versucht das unter den Teppich zu kehren. Aber Korruptionsvorwürfe sind leider allzu oft benutzt worden, um katalanische Politiker ungerechtfertigt zu diskreditieren. Beispiele hierfür sind der frühere Ministerpräsident Artur Mas und der ehemalige Bürgermeister von Barcelona Xavier Trias.

Gegen beide wurden Gerüchte gestreut, dass sie Schwarzgeld in Millionenhöhe auf schweizer Konten “geparkt” hätten. Dies kostete Xavier Trias die Wiederwahl zum Bürgermeister. Seriöse Recherchen haben später jedoch erwiesen, dass diese Vorwürfe aus der Luft gegriffen waren. Trotzdem hat sich keiner der Verursacher jemals hierfür entschuldigt.

Ein anders gearteter Fall ist der des früheren Ministerpräsidenten Jordi Pujol. Da er während der Franco Diktatur inhaftiert, gefoltert und verbannt gewesen ist, hat sein Vater (um die Familie abzusichern falls wieder ähnliches passieren sollte) ein Konto in Andorra eröffnet, welches seiner Schwiegertochter und seinen Enkeln notfalls zur Verfügung stehen sollte. Es wurden darauf 10 Millionen Peseten eingezahlt (was heute in etwa 60.000 € entsprechen würde), die wohlbemerkt schon versteuert waren. Kein Schwarzgeld also.

Der Fehler von Jordi Pujol (er selbst sagte “ich bin ein Esel gewesen”) war -nach dem Tod seines Vaters-  dieses Geld nicht deklariert und Erbsteuer dafür gezahlt zu haben. Der ganze Vorgang war anscheinend den spanischen Behörden schon lange bekannt, aber erst als Pujol sich der Unabhängigkeitsbewegung anschloß, wurde das zu einem Korruptionsfall von vielen Millionen Euro hochgebauscht, um Pujol, leider erfolgreich, bei der Bevölkerung zu diskreditieren. Jeder, der Pujol kennt, weiss, dass er ein integerer Mensch ist, der sogar oft die Familie wegen seiner Ideale um den  Aufbau des Landes vernachlässigt hat. Er war und ist nicht korrupt. Wer hingegen korrupt war, sind zwei seiner Söhne, die bereits entlarvt wurden. Gegen die beiden laufen seit langem entsprechende Justizverfahren. Das alles ist bewusst benutzt worden, um eine katalanische Ikone, wie Jordi Pujol eine war, bewusst zu zerstören.

Fake 2: Die Katalanen hassen die Spanier und die spanische Sprache.

Das ist, mit Verlaub, falsch. Man sollte Äpfel nicht mit Birnen verwechseln. Abgesehen von einigen möglichen Fällen (die absolute Minderheit) “hassen” die Katalanen  nicht die Sprache von so vielen ihrer Mitbürger. Die Katalanen wollen lediglich, dass die eigene Sprache die Rolle im eigenen Land spielt, die ihr gebührt. Gewiss, spielt jetzt Spanisch in vielen Feldern nicht mehr eine so stark dominierende Rolle wie früher, auch wenn es weiterhin die meist gesprochene Sprache auf der Strasse und in den Medien ist. Dennoch haben die katalanischen Schüler – bei der spanischen Sprache – oft bessere Schulnoten als jene in manch anderen Gegenden Spaniens. Und nicht zu vergessen: die Ausdrücke des Hasses vieler Spanier gegen Katalonien sind sehr zahlreich und ausreichend dokumentiert (1).

Fake 3:  Oriol Junqueras (Vorsitzender der Katalanischen republikanischen Linken und willkürlich sowie unrechtmäßig zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt) wird sehr oft als Rassist attackiert.

Diese Unterstellung ist peinlich bis lachhaft. Bemerkungen von Junqueras über genetische Ähnlichkeit  oder Unähnlichkeit mit Spaniern, Franzosen oder wem auch immer, haben nichts mit Rassismus zu tun, da Junqueras nie gesagt hat, dass deswegen andere Völker minderwertiger wären. Man kann die Sätze von Junqueras, ob man nun damit einverstanden ist oder nicht, besser verstehen, wenn man weiss, dass die moderne Archäologie und Geschichtswissenschaft festgestellt hat, dass entgegen früherer Theorien die Völkerwanderungen im Paläolitikum aber besonders in der Bronzezeit anders verliefen, als bis dahin vermutet. Und auf der iberischen Halbinsel hat die Forschung eine klare Grenze beim Tal des Flusses Ebro gefunden. Südlich davon, wurde das Land von den Völkern besiedelt, die womöglich aus Afrika kamen. Nördlich davon (also auch in dem heutigen Katalonien) wurde das Land von Menschen der indoeuropäischen Hallstattkultur besiedelt, was sich in den genetischen Merkmalen, in welchem Ausmaß auch immer, niedergeschlagen haben könnte.

Das Standardwerk darüber ist “Les arrels de Catalunya” (“Die Wurzel Kataloniens”) von dem Archäologen Miquel Tarradell (Ediciones Vicens Vives, Barcelona 1982), mit zahlreichen bibliographischen Hinweisen.

Das Phänomen wiederholte sich gleichsam im Mittelalter. Nach der Rückeroberung des Landes von den arabischen Invasoren wurden viele oft entvölkerte Landstriche mit Menschen aus dem heutigen Languedoc und der Provence besiedelt, was sich heute noch in der Ähnlichkeit von Katalanisch und Okzitanisch widerspiegelt.

Also: Junqueras hat nur (mehr oder weniger klug) auf einem Tatbestand hingewiesen, der nichts mit Rassismus oder Völkerverachtung zu tun hat.

Auch ein weiterer Satz von Junqueras wurde absichtlich den spanischen Lesern falsch übermittelt. Es heißt, ganz nach der Diffamierungsstrategie, dass Junqueras gesagt habe, dass alle Spanier Raubtiere und Hyänen seien. Er hat diese Bezeichnungen aber sehr konkret nur für jene Spanier angewendet, die falsche Nachrichten über Katalonien verbreiten und willkürlich Hass gegen die Katalanen schüren. Wie hirnverbrannt diese  Rassismusvorwürfe gegen Junqueras sind, kann man daran erkennen, dass er vier Jahre Bürgermeister seines Wohnortes Sant Vicenç dels Horts war, ein kleines Städchen (ca. 17.000 Einwohner) in der Umgebung von Barcelona.

In dem Ort gibt es eine klare Mehrheit von spanischsprechenden Bewohnern, und Junqueras hat ihre Stimmen gewonnen, indem er ständig die Nähe zu den Bürgern, zu ALLEN Bürgern, gesucht hat und sein Amt so ordentlich verwaltet hat, dass er wieder gewählt worden wäre, wenn er nicht 2015 ins katalanische Parlament gewechselt wäre. Unter den Stimmen, die gegen den Rassismusvorwurf gegen Junqueras protestiert haben, sind auch insbesondere die Vereine der spanischsprechenden Bürger von Sant Vicenç dels Horts dabei.

Fake 4:  Es werden auch weiter Äpfel mit Birnen mit einer anderen unsinnigen Behauptung verwechselt, nämlich dass “die Separatisten” nicht nur die Unabhängigkeit Kataloniens fordern, sondern noch andere Territorien in Spanien, Frankreich und Italien beanspruchen, die man zu den “Katalanischen Ländern” zählt.

Was wahr daran ist, ist dass es nicht nur die Katalanen sind, sondern auch viele Menschen in Valencia, auf den Balearen und im Roussillon, die sich zu einer katalanischen Nation als zugehörig betrachten, dies aber nur in kultureller Hinsicht, was nichts mit staatlichen oder politischen Ansprüchen zu tun hat. Von jeher war das Gebiet der katalanische Sprache eine politische Konföderation. Und Ziel der katalanischen Kulturpolitik ist es gewesen, die katalanische Sprache in diesen Gebieten, wenn notwendig, zu fördern.

Politisch ist man aber der Auffassung, dass egal ob Valencia oder die Balearen sich eine andere Zukunft wünschen, dies ihre ureigene Sache ist und dabei die Katalanen nichts zu melden haben. So haben auch viele Valencianer und Mallorquiner immer wieder klargestellt, dass sie die Bevormundung durch Madrid nicht gegen eine durch Barcelona tauschen wollen.

Wenn also in einer fernen Zukunft ein “Groß-Katalonien” entstehen sollte, dann nur deswegen, weil alle es so möchten und nicht nur ein paargroßkotzige Katalanen.

Fake 5: Es wird den katalanischen Regierungen nach 1977 vorgeworfen, dass sie mit Subventionen die “separatistische Presse” unterstützt hätten und dass sie durch das manipulierte  katalanische Fernsehen und durch die Schulen die Jugend umfassend “indoktriniert” hätten, unter anderem mit Mythen und Geschichtsfälschungen.

Wenn das wahr ist, dann sind die beständigen finanziellen Schwierigkeiten der wenigen katalanischen Zeitungen mehr als unverständlich.

Spanische Ultranationalisten, die so etwas sagen, sollten sich bei diesem Thema lieber an die eigene Nase fassen. Denn nichts anderes als Mythen, Geschichtsfälschung und Indoktrinierung ist das, was die spanischen Machthaber in den letzten 300 Jahren betrieben haben.

Was in Wirklichkeit getan worden ist, ist den Kindern die tatsächliche Geschichte des Landes vorzuenthalten, die viele katalanische Historiker von makellosem internationalen Ruf seit mehr als 100 Jahren recherchiert haben. Es handelt sich dabei um Historiker wie Rovira i Virgili,  Soldevila, Vicens i Vives und andere, die in den europäischen Gelehrtenkreisen hoch geschätzt gewesen sind.

Fake 6: Die Separatisten haben in Katalonien eine Sprachdiktatur zugunsten des Katalanischen etabliert, wie Franco eine zugunsten des Spanischen etabliert hatte.

Man sollte wissen, dass das Katalanische immer noch der Gefahr ausgesetzt ist, ohne öffentliche Förderung allmählich  zu einem residualen Phänomen mit noch weniger Bedeutung als Okzitanisch in Frankreich oder Plattdeutsch in Deutschland zu werden. Das ist das Ergebnis von jenen Perioden seit 1714 bis heute, in denen Katalanisch verboten worden ist, oder in irgendeiner Form in seinem  Gebrauch und seiner Entwicklung behindert worden ist. Die Periode unter Franco war nur die Letzte und Härteste gewesen, aber beileibe nicht die Einzige. Ein paar Fragen an die geschätzten Leser: ist es so verwerflich, dass in Katalonien die Restaurants verpflichtet sind, ihre Speisekarte auch auf Katalanisch anzubieten? Das heisst außer auf Spanisch, Englisch, Russisch oder meinetwegen Japanisch? Ist es so verwerflich, dass die Katalanen ihre Sprache, die einen unverzichtbaren Teil ihrer Identität darstellt, auch im Verkehr mit den Behörden benutzen möchten?

Dies ist nämlich sehr oft nicht möglich, weil die meisten spanischen Beamten, die in Katalonien vom spanischen Staat eingesetzt werden, das Katalanische nicht einmal verstehen. Und das betrifft Richter, Staatsanwälte, die Polizei oder Finanzbehörden. Die katalanische Regierung hat mehrmals darum  gebeten, dass die in Katalonien eingesetzten Beamten, die von Amt aus Kontakt mit den Bürger haben müssen, das Katalanische zumindest ausreichend verstehen sollen.

Das ist aber  abgelehnt worden, weil es angeblich “eine Diskriminierung” bedeuten würde. Könnte man sich vorstellen, dass es in der Schweiz Beamten gäbe, die in Zürich kein Deutsch, in Genf kein Französisch oder in Lugano kein Italienisch verstehen?

Man könnte noch Seiten um Seiten damit füllen, doch möchte ich es hierbei belassen. Es war mir ein wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass man, bevor man über den katalanischen Konflikt schreibt, gründlich recherchieren und sich der Fallen in der spanischen Presse bewusst sein sollte.

Es gibt, Gott sei Dank, auch Journalisten, die nicht naiv hier rein tappen. Einer von ihnen antwortete mir einst auf einen lobenden Kommentar: “Es ist eigenartig gelobt zu werden, bloß weil man seinen Beruf ordentlich ausübt…”. Man wünscht sich viel mehr Berichterstatter dieser Art.

Quellen:

  1. https://peregraurovira.wordpress.com/2016/07/11/wenn-der-unsinn-alltaegliches-brot-wird/
  2. https://peregraurovira.wordpress.com/2016/07/15/einstein-hatte-recht-und-wie/

Eigene Webseite über das katalanische Konflikt: https://peregraurovira.wordpress.com/eine-seite/  

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

Bildquelle:  Vjacheslav Shishlov/ Shutterstock

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse:18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

Ein Kommentar zu: “STANDPUNKTE • Der Katalonien Konflikt – Vorsicht, Falle! (Podcast)

  1. Das Interessante an diesem ganzen sehr komplexen Thema ist, dass ganze viele Europäer ihrer Region (inkl. Sprache, Landschaft und Gebräuche) näher stehen als dem Staat zu dem sie gehören. Insofern ist es keine "rechtskonservative" These, dass ein Europa der Vaterländer von den Menschen bevorzugt wird. Es ist in der Tat so, dass die unterschiedlichen Europäer das Diktat EU von oben nicht mögen, egal, wo man mit ihnen spricht. Es ist in der Tat so, dass sie nicht die vereinigten Staaten von Europa nach dem Vorbild der USA werden wollen. Es ist in der Tat so, dass sie es bedauern, dass sie ihre Wirtschaft nicht mehr über die Auf- und Abwertung ihrer Währung selbst regulieren können. Sie verstehen das als Teil ihrer Individualität, die ihnen der Superstaat EU nehmen will. Die sind nicht rechts- oder linksradikal. Die wollen niemanden kasernieren, vergasen oder töten. Das ist nur ein Totschlagargument des Mainstream, wenn die Deutschen auf ihre Unterschiedlichkeit aufmerksam machen. In der Tat haben die Bayern mehr mit den Österreichern gemeinsam und die Flensburger mehr mit den Dänen. Nationen, die miteinander reden, haben damit kein Problem.
    Siehe hier Dennis Kuchinich "War with Iran! Are you kidding me? (Youtube) an der Stelle, wo er sagt (frei übersetzt):
    Es gibt Leute, die glauben Krieg ist Diplomatie mit anderen Mitteln. Nein, Krieg ist Krieg. Diplomatie ist Diplomatie.
    Dieses Kurzinterview hat übrigens über 800.000 Aufrufe (vgl. G.P. – Ökodiktatur)
    Nur, das macht den "Eliten" – den heimlichen Verschwörern schrecklich Angst zu reden mit Menschen. Da verdienen sie ja nicht am Krieg. Deshalb wird den Jungen suggeriert, sie seien durch ein Mobiltelefon der Marke XY individuell und könnten ihre anderweitigen Individualisierungsversuche daher aufgeben. Die erwachsenen Männer erinnern sich sicher, wie ihnen das Auto als Individualitätssymbol verkauft wird. Die Südländer gehen mit ihrer regionalen Identität anders um. Deshalb ist auch manchen/ vielen egal, welches Auto sie fahren, weil es ja sowieso vom Meersalz angegriffen wird. usw. usw.
    An diesen innerspanischen Konflikten zwischen Katalonen, Basken und anderen sieht man sehr gut, welchen Irrwitz "Elite NWO – EU" da vor hat, aber es soll ja angeblich der letzte Olivenbauer einen RFID Chip bekommen.

Hinterlasse eine Antwort