STANDPUNKTE • Die Ballerina

Von Majd Abboud.

Ihre Stimme kommt durch das Telefon aus einer vertrauten Welt herüber; wie ein Lichtstrahl lockt sie mich aus meiner Lethargie; eine ausgestreckte Hand, wie die Nachrichten dieser Tage aus Syrien, vielversprechend und hoffnungsvoll. Mein Land wird wieder eins, das Zusammenleben wird wieder möglich.

„Onkel, wann ist der Krieg endlich zu Ende?“

Ich denke: Wenn Menschen aufhören, sich gegenseitig zu hassen. Wenn sie weniger egoistisch, weniger mit Ideologien gesättigt wären. Wenn sie sich mit ihrer Menschlichkeit wieder versöhnen würden.

Was ist das für eine Welt, in der unsere Kinder groß werden müssen.

Als ich ein Kind war, hab ich das Jahr nach den feierlichen Anlässen datiert, in denen ich Geschenke bekam. Weihnachten feierte ich mit einem Teil meiner Familie, Zucker- und Opferfest mit dem anderen Teil. Am meisten freute ich mich auf Silvester, da feierten wir das neue Jahr mit der gesamten Familie.

Ein besonderer Tag, auch für meinen Vater. Versteckt hinter einem lachenden Gesicht und weißem langem Bart zog er mit einer großen Tüte voller Geschenke aus seinem Geschäft durch die alten Gassen und verteilte Freude in der ganzen Gegend.

Jahre vor dem Krieg schloss er die Augen und ist in Frieden eingeschlafen. Das Leiden des Krieges ist ihm erspart geblieben.

Ich sage ihr – Bald, meine Liebe, bald.

Das sage ich ihr aber schon seit Jahren. Ob sie mir das noch glaubt?!

„Ach, der Winter ist wieder gekommen, hier ist es ziemlich kalt geworden, der Strom fällt die ganze Zeit aus. Ich kann auch deshalb nur selten Musik hören. Warum hassen uns die anderen so sehr?“

Der Strom fällt aber nicht nur in den zerstörten Gebieten aus, sondern auch in manchen Gehirnen. Das Kleinhirn ist von Hass schwarz verfärbt, das Herz ist von Feindseligkeit zerfressen.

„Kennst du meine beste Freundin Hiba? Sie ist immer traurig, sie vermisst ihren Vater. Sahra vermisst ihre Cousinen auch. Sie kommen aber wieder wenn der Krieg vorbei ist.“

Hibas Vater wurde Anfang des Krieges von den Rebellen in Homs entführt. Für seine Befreiung wurde eine hohe Summe verlangt. Und tatsächlich bekam ihn die Familie zurück, allerdings nur in Stücken. Das Video seiner Enthauptung wurde ins Internet gestellt. Sahras Onkel hat seine Familie und dann sich erschossen, als die Rebellen die Arbeiter-Stadt Adraa einnahmen, um der Familie die Versklavung und Vergewaltigung zu ersparen. (1)

Man erzählte aber Sahra die Wahrheit nicht, denn sie war zu klein, sie wartet immer noch auf die Rückkehr ihrer Cousinen.

Menschen, die mit dem Krieg weggingen, werden aber nie wieder zurückkommen. Hinterlassen haben sie unerfüllbare Lücken in den Familien und ebenso im Gewissen dieser Welt.

Khaled, der Archäologe (2), Samir, der Briefträger. Nidal, der Bauer, dessen Frau gerade schwanger war (3). Mohammed Ramadan, der Imam, der in der Moschee ermordert wurde (4). Von ihnen sind nur Wandbilder und ihre leeren Plätze beim Abendessen übrig geblieben. Ihre Namen werden jahrelang die Glocken der Trauer in unseren Erinnerungen schlagen.

Mir gehen plötzlich Bilder von Kindern durch den Kopf, Kinder in Idlib, die von Terroristen rekrutiert wurden, die in Syrien vor dem Terror fliehen, die im Krieg im Jemen verhungern.

Wenn ich nur etwas daran ändern könnte. Ich würde alles dafür geben. Doch im Krieg hab ich schon fast alles verloren.

Ich versinke in Hilflosigkeit.

Ihre Stimme holt mich wieder zurück: „Bist du da?“

Ich sage nur – „Dich kann niemand hassen, meine Kleine“.

Sie lacht und mein Herz schlägt ein paar Takte schneller.

„Ist Europa schön, Onkel?“

„Ja ist es, aber nicht so schön wie du, Kleine.“

Sie lacht wieder, und macht damit die Welt schöner.

„Onkel, hassen uns die Europäer? Ich hab Papa sagen hören, dass sie die Terroristen unterstützen, dass sie uns bestrafen.“

Ich denke, man muss immer zwischen Politik und dem Volk unterscheiden.

Die Europäer sind in ihrem eigenen Hamsterrad gefangen.

Manche sind mit sich selbst zu beschäftigt, um sich über uns Gedanken zu machen. Manche sind davon besessen, dem Geld hinterherzurennen, sodass sie überhaupt keine Zeit haben sich über etwas Anderes Gedanken zu machen. Manche denken, sie sind uns überlegen und wollen uns Vorschriften machen. Manche sind von ihrer eigenen Geschichte zu belastet. Manche denken: Syrien!! Ach, das ist weit weg…

Den Fehler haben wir auch gemacht, als der Krieg in Afghanistan und später an unseren Grenzen im Irak ausbrach. Wir dachten, sicher zu sein.

Krieg ist wie eine schlimme Krankheit. Man denkt, das passiert nur den Anderen.

Ich sage: „Sie  hassen uns nicht, sie kennen uns nur noch nicht so gut.“

„Na dann lernen sie uns durch dich kennen, Onkel. Erzähl ihnen von uns.“

„Darum bemühe ich mich, Kleine. Ich habe hier auch viele wunderbare Menschen kennengelernt.“

„Eines Tages möchte ich auch nach Europa kommen und sie kennenlernen.“

Bei uns ist Europa seit langem hoch angesehen. Doch das heutige Europa der militärischen Einsätze ist nicht mehr das aus den 70er Jahren. Einen großen Fehler macht man zudem, wenn man die Europäer idealisiert, da erwartet man von ihnen zu viel. Auch sie können manipuliert werden und auf Propaganda reinfallen. Gerade in Europa ist die Täuschung groß, denn die Europäer sind eine wichtige Zielgruppe der Kriegsmaschinerie.

Vor vier Jahren legte ich eine strapaziöse Strecke zurück, um das Übel hinter mir zu lassen, und stellte dabei fest, wie verbreitet seine Freunde und Förderer sind. Nun sitze ich allein in meinem Zimmer und mir fehlt die Kraft, dagegen weiter zu kämpfen.

Ich bin müde, ich lege mich hin.

Ihre Stimme unterbricht meine Gedanken wieder:

„Du, ich muss jetzt tanzen gehen! Pass gut auf dich auf! Mama macht sich Sorgen um dich, sie sagt: Die Welt ist nicht ungefährlich.“

Die Kleine tanzt auf Zehenspitzen, während die Welt auf einer heißen Platte tanzt.

Die Nachrichten meldeten: „50 Atombomben hat die NATO in der Türkei gelagert“ (5).

Pass auf dich auf, Kleine, der Planet ist mit Sprengstoff gespickt.

Ein kalter, angenehmer Zug gelangt durch das gekippte Fenster, zieht langsam die Wärme aus einem erschöpften Körper, verführt mich zum Schlaf und verspricht meiner Seele Frieden. Doch bevor ich die Augen schließe werde ich mich einmal zusammenreißen und mir etwas ausdenken. Ich werde alles für dich regeln.

Ich habe eine Zeitmaschine, ich stelle sie um acht Jahre zurück. Gerade haben wir ein schön verziertes Paket geschickt bekommen (6), in dem der 3. Weltkrieg steckt.

Ich sage: Nein danke, wir lassen uns nicht für dumm verkaufen.

Ich male ein lachendes Gesicht darauf  und schicke es dorthin zurück,wo es geschnürt wurde, nach London (7) (8), nach Washington (9) (10), nach Riad , nach Ankara  und Tel Aviv (11) (12) (13).

Ich schließe die Tür und beobachte sie von Weitem, während sie vor Wut platzen.

Nun wird alles wieder gut.

Gute Nacht Kleine.

Quellen:

  1. Islamisten-Massaker in Adra: „Menschen bei lebendigem Leib verbrannt“
    https://katholisches.info/2013/12/18/islamisten-massaker-in-adra-menschen-bei-lebendigem-leib-verbrannt/
  2. Mord in Palmyra: IS-Henker köpfen 82-jährigen Chef-Archäologen:
    https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_75107884/islamischer-staat-koepfen-chef-archaeologen-khaled-asaad-von-palmyra.html
  3. Nidal Ali Jannoud: https://truthsyria.wordpress.com/2011/07/07/nidal-ali-jannoud/
  4. https://www.thenational.ae/world/mena/thousands-grieve-for-murdered-syrian-imam-who-supported-assad-1.285732
  5. Bei Erdogan lagern noch 50 US-Atombomben (Bild Zeitung)! https://www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/tuerkei-bei-erdogan-lagern-noch-50-us-atombomben-trump-regierung-ist-besorgt-65355678.bild.html
  6. KenFM über: Syrien als Spielball geopolitischer Interessen: https://kenfm.de/syrien-spielball-geopolitischer-intressen-wege-ins-archiv-2014/
  7. London unterstützt Rebellen mit Millionenbetrag (der Spiegel)! https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-grossbritannien-unterstuetzt-rebellen-mit-millionen-euro-a-849346.html
  8. Die Lügen der „Weißhelme“ Rubikon: https://www.rubikon.news/artikel/die-lugen-der-weisshelme
  9. US-General Wesley Clark – Syrienkrieg seit 10 Jahren geplant: https://www.youtube.com/watch?v=kkE8Gp-nWEs
  10. Syrien: Die USA, der Schattenstaat und eine NATO-Invasion: http://www.konterrevolution.at/syrien-die-usa-der-schattenstaat-und-eine-nato-invasion/
  11. Ex-Mossad head on Israel medical aid to al-Nusra Front: https://www.aljazeera.com/programmes/upfront/2016/05/mossad-head-israel-medical-aid-al-nusra-front-160531081744269.html
  12. Al-jazeera YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=vweHtxqnh-Y
  13. Israel hat seit Jahren syrische „Rebellen“ mit Waffen und Geld unterstützt. Heise.de: https://www.heise.de/tp/features/Israel-hat-seit-Jahren-syrische-Rebellen-mit-Waffen-und-Geld-unterstuetzt-4164876.html

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Bildhinweis: © privat

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8 Kommentare zu: “STANDPUNKTE • Die Ballerina

  1. Assad ist nicht so schlimm wie Gaddafi, der seinem Volk kostenloses Wohnen, kostenlose medizinische Versorgung, kostenlose Bildung, kostenloses Essen ermöglichte, aber er fing auch schon mit kostenloser Bildung an. Gut, dass die US-Konzerne, die US-Oligarchen mit ihrer Nato- Streitmacht schlimmeres verhinderten. Und Deutschland half und hilft mit.
    https://www.youtube.com/watch?v=SxLeMB4Y3PY

  2. Dieser Beitrag berührt ein ganz elementares Thema, nämlich dem Nachwuchs
    einerseits die Regeln und Grundsätze aus den eigenen kulturellen Wurzeln und
    bewährten Aneignungen (kulturellen Erweiterungen durch Lernen, Erfahren
    anderer Gewohnheiten und Lebensmuster/grundsätzen) mitgeben,
    in der Hoffnung, dass er sich daraus einen eigenen selbstbestimmten, zuverlässigen
    inneren Kompass zimmert
    und ihm andererseits und gleichzeitig Techniken des Überlebens in einer eher feindlich gesonnenen Umgebung an die Hand zu geben.
    Die einfachste Konsequenz wäre wohl, keine Nachkommen mehr in diese Welt zu setzen
    und diese den "Menschenfressern" (ein Ausdruck von Dorothee Sölle) zu überlassen.
    Diese Verweigerungshaltung führt dann aber auch zu 100% ins Nichts (Aussterben
    seinesgleichen), während alle anderen Strategien immerhin Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 100 % an Teilaspekte eines guten Weiterlebens möglich machen.

  3. Herzberührend aus dem Trauerland der heutigen Seelen. Erst wenn die letzte Hoffnung uns abhanden gekommen ist "Mein Gott warum hast Du mich verlassen!", werden die Menschen ihr Selbst im Anderen Menschen erkennen. Vom Herzverstehen über Herzverstand zur Herzensschöpfung.

  4. Schaurig schön und tieftraurig! Aber eins ist auch klar, solche Pakete kommen immer zurück, dazu braucht es keine Zeitmaschine! Sie verfärben die Kleinhirne schwarz und zerfressen die Herzen. Oder die Leber, wenn man das Ungeheuerliche nur noch im Suff erträgt…

  5. Danke für den Beitrag!
    Hat mich sehr bewegt. Tut weh und wirkt trotzdem hoffnungsvoll und wie eine warme Decke gegen die Verzweiflung. DANKE!!!

    Auch wenn das Thema sehr traurig ist, ich mag den Stil sehr. Gibt es mehr von diesem Autor? Buch?

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