STANDPUNKTE • Ein Zuckerguss, der nichts besser macht

Ein Standpunkt von Maria Sanchez.

Die Welt braucht mehr Liebe. Diesen Satz haben Sie bestimmt auch schon oft gehört. Viele spirituelle und psychologische Strömungen weisen auf die Notwendigkeit hin, dass Menschen mehr Liebe in die Welt bringen sollten. Das klingt zunächst sehr einladend, unterschätzt aber gewaltig die versteckten Dynamiken unserer menschlichen Psyche.

Um diese Dynamik verstehen zu können, möchte ich mit Ihnen gern an den Anfang unseres Lebens gehen. Dorthin, wo und wie sich unsere Persönlichkeit entwickelt hat.

Als Kind haben wir das seelische Grundbedürfnis, so angenommen zu werden, wie wir sind. Mit all unseren Facetten – den hellen und den dunklen. Das ist nicht einfach nur ein Wunsch, sondern eine seelische Notwendigkeit. Jedes Kind braucht die Erfahrung, dass es mit seinem ganzen Wesen seinen Platz in der Welt finden kann. Fehlt sie, hat dies weitreichende Folgen. Da unsere Eltern und andere enge Bezugspersonen in unserer Kindheit für uns die Welt repräsentieren, sind die Erfahrungen, die wir in unserer Familie und in unserem engeren sozialen Umfeld zu Beginn unseres Lebens machen, von großer Bedeutung.

Wie wir die Welt als Erwachsene sehen und erleben – zum Beispiel ob wir sie als sicher oder unsicher, für oder gegen uns wahrnehmen –, entscheidet sich in den ersten Jahren unseres Lebens.

Um uns im Leben willkommen zu fühlen, brauchen wir Erwachsene, die uns helfen, uns unsere innere Welt zu erschließen und diese vertrauensvoll in die äußere Welt einzuordnen. Erfahren wir, dass unsere Eltern und andere enge Bezugspersonen uns vor allem dann Liebe und positive Aufmerksamkeit schenken, wenn wir bestimmte Persönlichkeitsseiten von uns zeigen und andere nicht, geraten wir emotional stark unter Druck.

Als Kinder sind wir vollkommen abhängig von der Zuwendung unserer Bezugspersonen. Ohne ihre Liebe wären wir existenziell bedroht. Deshalb tun wir alles, um sie zu erhalten. Werden bestimmte Ich-Seiten von uns akzeptiert und andere nicht, geraten wir in Seelennot. Das geschieht auch dann, wenn unsere Eltern uns sehr lieben und aus ihrer Sicht die besten Absichten haben. Denn wohin sollen wir mit den Persönlichkeitsseiten in uns, die von unseren Bezugspersonen nicht gutgeheißen werden? Die Erwachsenen repräsentieren für uns die Welt. Aber wie können wir in einer Welt leben, die uns so, wie wir als Ganzes sind, nicht will?

Wenn wir als Kinder spüren, dass unsere Bezugspersonen eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie unsere Persönlichkeit sein soll, und damit entsprechende Erwartungen an uns stellen, geschieht in uns etwas Elementares: Wir verlieren unsere Ganzheit. Wir versuchen, uns von den Persönlichkeitsseiten in uns zu trennen, die von den Erwachsenen als nicht gut oder nicht erstrebenswert angesehen werden. Nur so können wir Zuwendung erhalten und in der Gemeinschaft leben. Dieser seelische Amputationsversuch ist ein schmerzhafter, mächtiger und leider auch folgenreicher Prozess. Denn er nimmt uns das Urvertrauen, uns so annehmen zu können, wie wir tief in unserem Inneren sind.

Die Folge ist: Wir fühlen uns innerlich unverbunden und haltlos. Und wir haben Angst. Angst davor, jederzeit aus der Gemeinschaft herausfallen zu können, wenn wir den Erwartungen von außen nicht entsprechen. Der Verlust unserer Ganzheit hinterlässt in uns eine Wunde, die ich die Urwunde nenne. Sie geht einher mit einem existenziellen Schmerz und einer existenziellen Angst. Um einen Ausweg aus der damit verbundenen inneren emotionalen Spannung zu finden, vollziehen Kinder eine unbewusste Meisterleistung. Sie entwickeln in ihrem Inneren ein geliebtes und ein ungeliebtes Kind. Sie helfen sich, indem sie in Bezug auf sich selbst zutiefst parteiisch werden und danach streben, dem geliebten Kind zu entsprechen. Dieses Verhalten wird für sie zum Dreh- und Angelpunkt. Das Trachten nach einem bestimmten Vorstellungsbild ermöglicht es ihnen, den Schmerz und die Angst, die mit dem Verlust des Urvertrauens einhergehen, überdecken zu können.

Das geliebte Kind umfasst alle Eigenschaften, die wir in unserer Kindheit als erstrebenswert eingestuft haben – zum Beispiel leistungsstark zu sein, sympathisch, hübsch, schlank, zuvorkommend, schlau oder fröhlich. Unsere Erfahrungen mit unseren engen Bezugspersonen – auch denjenigen in Kindergarten und Schule – haben uns davon überzeugt, dass wir nur dann in Ordnung sind, wenn wir dem geliebten Kind in uns entsprechen. Aus den Anforderungen wie wir sein sollen, entwickeln wir, ohne es zu merken, eigene Wunschbilder, wie wir sein wollen. Diese Wunschbilder werden uns auch in unserem späteren Leben in den unterschiedlichsten Lebensbereichen lenken. Das Ziel unseres geliebten Kindes besteht darin, einen Platz in der Welt zu finden und dadurch Sicherheit zu erlangen, indem es die Vorstellungsbilder und Erwartungen von außen erfüllt.

Das ungeliebte Kind hingegen steht für die Persönlichkeitsseiten in uns, die von den Erwachsenen abgelehnt oder als nicht erstrebenswert angesehen werden – zum Beispiel wenn wir schwach sind, depressiv, übergewichtig, aggressiv oder ängstlich. Das ungeliebte Kind steht damit für alles, was wir nicht sein wollen. Da wir danach streben, das geliebte Kind zu sein, fühlen wir uns vom ungeliebten Kind gestört und manchmal auch bedroht. Aufgrund unserer frühen Erfahrung glauben wir, dass es uns daran hindert, in der Gemeinschaft willkommen zu sein. Deshalb lehnen wir es ab und versuchen uns so weit wie möglich von ihm zu distanzieren. Im Lauf der ersten Lebensjahre bauen wir eine Ich-Identität auf, die sich über das geliebte Kind definiert, während wir das ungeliebte Kind in uns zurückweisen. Wir wollen so sein, wie unsere Bezugspersonen uns haben wollen, und verurteilen uns, wenn wir anders sind. Das ist die einzige Chance, die wir haben, um unter Menschen leben zu können, die ebenfalls ihre Ganzheit verloren haben.

Auch wenn wir während unserer Kindheit keine zusätzlichen emotionalen Verletzungen erleben, blutet unsere Urwunde in uns. Es ist wie ein Urtrauma, das wir unbewusst in uns tragen. Da die Dynamik des geliebten und des ungeliebten Kindes bereits seit Generationen weitergegeben wird, sind wir uns in der Regel dieser tiefen Verwundung gar nicht bewusst. Normalerweise gehen wir davon aus, dass erst offensichtlichere Verletzungen – wie Vernachlässigung oder Übergriffe – geschehen müssen, damit sich in uns Leid entwickeln kann. Aber die durch den Verlust unserer Ganzheit entstandene Urwunde legt bereits den Grundstein für Leiden. Kommen im Lauf des Lebens weitere Verwundungen oder Traumata hinzu, potenziert sich die Leidensdynamik entsprechend.

Dass das Phänomen der Urwunde in unserer Gesellschaft bisher noch so wenig Beachtung findet, liegt daran, dass wir sie als Erwachsene fast alle in uns tragen. Wir haben sie als normalen Zustand anerkannt. Dadurch fällt es uns schwer, die Wunde bei uns oder anderen zu erkennen. Woran wir dennoch den Verlust unserer Ganzheit wahrnehmen und wie wir spüren können, dass uns etwas sehr Elementares fehlt, ist unsere Verführbarkeit durch Glück versprechende Situationen oder Substanzen. Eine tragende Säule unserer Wirtschaft und damit auch unserer Gesellschaft fußt zum großen Teil auf dieser Verführbarkeit und damit auf unserer Urwunde.  Unsere Werbung ist voll davon, wie wir dem geliebten Kind mehr entsprechen und das ungeliebte Kind in uns verbannen können.

„Wenn du erst schlank bist, dann …“, „Du musst nur dieses Auto fahren, dann …“, „Hast du erst den richtigen Partner, dann …“. Wir nehmen diese Verführbarkeit als menschlich normal hin, aber das ist sie nicht. Nur wer sich selbst in seiner Ganzheit verloren hat, ist verführbar.

Jeder Versuch, den wir unternehmen, um dem geliebten Kind in uns zu entsprechen und das ungeliebte Kind zu verbannen, wiederholt unsere „erste“ Kindheit. Damit meine ich die emotionalen Verwundungen, die wir als Kind erlebt haben, allen voran unsere Urwunde. Heute sind es nicht mehr unsere Bezugspersonen von damals, die bestimmte Persönlichkeitsseiten von uns gutheißen und andere ausgrenzen. Heute sind wir es selbst. Das soll kein Vorwurf sein. Niemand begibt sich freiwillig in eine Situation, die ihm Leiden bringt. Solange wir nicht das Zusammenspiel zwischen unserem geliebten und ungeliebten Kind in uns entdecken, bleiben wir auf einer tiefen emotionalen Ebene im Verwundungskreislauf unserer „ersten“ Kindheit gefangen, ohne überhaupt davon zu wissen.

Die unbewusste Identifikation mit dem geliebten Kind hat eine Selbstoptimierung in Gang gesetzt. Dem geliebten Kind entsprechen zu wollen bedeutet, dass wir zwangsläufig glauben, noch anders werden zu müssen – nämlich besser –, als wir gerade sind. Noch erfolgreicher, noch hübscher, noch schlanker usw. Wir reichen nie. Oder wir müssen, falls es uns gelingen sollte, dem Vorstellungsbild zu entsprechen, viel Disziplin und Kontrolle aufbringen, um diesen Status quo zu halten. In beiden Fällen führen wir einen Kampf gegen uns selbst. Wir strengen uns an, damit unser ungeliebtes Kind nicht die Oberhand gewinnt oder behält. Und wir hoffen darauf, Anerkennung und Liebe zu erfahren, wenn wir dem geliebten Kind entsprechen. Nur dann, so glauben wir, können wir unseren Platz in der Welt finden und uns sicher fühlen. Das wird auf diesem Weg jedoch nie möglich sein, weil Kampf und Frieden nicht gleichzeitig existieren können. Sie schließen sich gegenseitig aus. Bestenfalls könnten wir durch viel Kontrolle eine Waffenruhe erlangen, doch das bedeutet etwas völlig anderes als Frieden. Sie lässt eine tiefere Entspannung nicht zu. Der Kampf ist bei einer Waffenruhe nicht vorbei, sondern nur zeitweilig ausgesetzt.

Die dauerhafte Selbstoptimierung führt dazu, dass wir innerlich nie zur Ruhe kommen können. Nicht weil wir uns auf eine gesunde Weise entwickeln – wie uns viele Optimierungsangebote weiszumachen versuchen –, sondern weil wir uns innerlich auf der Flucht befinden. Sehr häufig, ohne überhaupt davon zu wissen. Wir meinen dann, durch bestimmte Bemühungen unser inneres Potenzial leben zu können.

Aber die Quelle einer gesunden Potenzialentfaltung ist Freude, während die Quelle von Flucht Angst ist. Flüchten wir und ist daher Angst der Ursprung unseres Antriebs, sind wir davon überzeugt, uns in eine bestimmte Richtung entwickeln zu müssen. Wir empfinden Stress, wenn uns das nicht gelingt. Ein übergroßes „Du musst …“ peitscht uns dann bewusst oder unbewusst voran. „Du musst noch mehr an dir arbeiten!“, „Du musst leistungsstärker werden!“, „Du musst Dich noch mehr lieben, Dich noch mehr transformieren.“ kurzum „Du musst anders sein, als du jetzt bist!“.

Da wir uns zu Beginn unseres Lebens auf unser geliebtes Kind ausgerichtet haben, fußt unsere Ich-Identität – also wer wir glauben innerlich zu sein – unbewusst ebenfalls auf diesen Persönlichkeitsseiten. Aufgrund dieser Ausrichtung teilen wir unsere inneren Facetten in „gute“ und „schlechte“ ein. Haben wir beispielsweise ein Ich-Empfinden, das uns als kraftvolle Person definiert, fühlen wir uns von unserem wiederkehrenden erschöpften ungeliebten Kind gestört. Kraftvoll zu sein ist gut, erschöpft zu sein ist es nicht. Es ist diese Bewertung, die uns immer wieder aufs Neue unser inneres Gefängnis, errichten lässt, in dem wir gegen uns selbst kämpfen.

Dem geliebten Kind entsprechen zu wollen und gegen das ungeliebte Kind in uns anzugehen ist, wie ich eben kurz schon erwähnte, stark in unserer gesellschaftlichen DNA verwurzelt. Daher bemerken wir entweder gar nicht, dass wir uns im ständigen Kampf gegen uns selbst befinden, oder empfinden dies als einen natürlichen Zustand. Es erscheint uns normal, weil sich fast alle in unserer Gesellschaft bewusst oder unbewusst so verhalten. Aber normal ist etwas anderes als natürlich. Wie stark wir von dieser Normalität beeinflusst sind und wie loyal wir uns dabei unserem geliebten Kind gegenüber verhalten, zeigen Begriffe, die wir tagtäglich verwenden, beispielsweise der des „inneren Schweinehundes“. Alles, was nicht in die Vorgabe des geliebten Kindes passt, wird als etwas Negatives deklariert, gegen das wir angehen müssen. Aber haben wir uns jemals die Mühe gemacht, unsere Vorurteile uns selbst gegenüber beiseitezuschieben und diesen angeblichen Schweinehund in uns genauer zu erkunden? Und was sagt das Verwenden solcher Begriffe eigentlich über das Menschenbild aus, dass wir innerlich vertreten?

Ich habe in der Arbeit mit Menschen nie einen inneren Schweinehund entdecken können. Was ich stattdessen fand – und zwar ohne Ausnahme –, waren verwundete Persönlichkeitsseiten. Um dies zu verdeutlichen, möchte ich die Dynamik veranschaulichen, die sich hinter der Verwendung des Begriffes „innerer Schweinehund“ verbirgt.

  • Die unaushaltbaren Erfahrungen unserer Kindheit, nicht in unserer emotionalen Ganzheit angenommen worden zu sein, hat die Angst in uns entstehen lassen, im Kern nicht richtig zu sein. Um diese Urwunde nicht spüren zu müssen, gehen wir in einen Kampf gegen uns selbst.
  • Dies erreichen wir, indem wir unserem geliebten Kind die Vormachtstellung einräumen. Die Hoffnung ist, dass wir doch noch „richtig“ werden und unseren Platz in der Welt finden können, wenn wir den Eigenschaften des geliebten Kindes ganz entsprechen.
  • Das ungeliebte Kind kann die Vorgaben des geliebten Kindes nicht erfüllen. Deshalb muss das geliebte Kind das ungeliebte Kind als Feind sehen, den es zu bekämpfen und zu kontrollieren gilt (sogenannter innerer Schweinehund). Die Sicherheit, die das geliebte Kind zu erreichen versucht, wird durch das ungeliebte Kind gefährdet.
  • Das Konzept des inneren Schweinehundes befeuert die emotionale Grunddynamik unserer Kindheit: das Weglaufen vor unserer Urwunde durch den Kampf gegen uns selbst. Die Urwunde ist jedoch in uns. Und vor uns selbst können wir nicht fliehen. Deshalb gilt: Durch den Glauben an einen Schweinhund halten wir den Krieg gegen uns selbst immer weiter am Laufen. Die Leidensschleife kann so nie enden.

Wir haben kein Monster oder Teufelchen in uns, sondern emotionale Wunden, die unserer Aufmerksamkeit fordern. Lassen wir nicht zu, dass uns eingeredet wird, mit uns würde etwas nicht stimmen und wir könnten nur wieder in Ordnung kommen, wenn wir unseren Schweinehund besiegen, indem wir unserem geliebten Kind folgen, zum Beispiel durch Disziplin. Dem ist nicht so. Was wir tun, hat einen Sinn. Auch wenn wir ihn mit dem Blick durch die Brille des geliebten Kindes nicht leicht erkennen können.

Durch das Kämpfen mit uns selbst kann das psychologische Überlebensprogramm eines seiner wichtigsten Ziele kontinuierlich erreichen: niemals innerlich anzuhalten. Nur so vermeiden wir den Kontakt zu unserer Urwunde. Und nur so können wir unsere Geliebte-Kind-Identität aufrechterhalten. Aber Vorsicht! Nun zu glauben, uns zu verurteilen oder mit uns zu kämpfen, wäre schlecht, gießt nur weiterhin Benzin ins Feuer der Dynamik zwischen unserem geliebten und ungeliebten Kind.

Jetzt mit dem Satz: „Du darfst Dich nicht verurteilen!“ oder „Du darfst nicht mit Dir kämpfen!“. Es geht nicht darum, eine Pseudoakzeptanz zu entwickeln. Es geht darum, aus diesem biografischen Schutzprogramm grundsätzlich aufzuwachen.

Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft in Hinblick auf das Ineinandergreifen von Urwunde, geliebtes und ungeliebtes Kind, macht auch vor der Psychologie oder Spiritualität nicht halt. Es gibt großartige spirituelle Ausrichtungen, vor denen ich mich nicht nur verbeuge, sondern verneige. Aber das Problem besteht darin, dass sie von Menschen angewendet werden, die unbewusst in ihren biografischen Überlebensprogrammen kreisen. In Bezug auf die Liebe bedeutet dies, dass wir unser Verhältnis zu ihr überprüfen müssen. Es sagt sich zum Beispiel sehr leicht, dass Liebe alles willkommen heißt. Aber wie viele der psychologischen und spirituellen Ansätze geben unseren sogenannten negativen Emotionen tatsächlich ein echtes Daseinsrecht? Viele von ihnen beruhen darauf, etwas mit diesen Emotionen zu machen oder sich von ihnen zu distanzieren.

So werden sie zum Beispiel ins Licht geführt, es wird versucht, sie ins Positive zu verkehren, es wird meditiert, um uns von ihnen zu distanzieren und es werden Affirmationen aufgesagt, um ihnen die Kraft zu nehmen; manchmal werden sie auch weggeklopft oder weggeatmet. Die Liste der Behandlungsmethoden ist lang. Dabei nehmen die meisten Menschen nicht wahr, wie gewaltvoll dieses Vorgehen eigentlich ist. Uns bei schwierigen Emotionen mit Übungen zum Beispiel der Liebe zuzuwenden, damit wir uns besser fühlen, lässt uns schnell glauben, wir hätten eine innere Akzeptanz für uns gewonnen. Uns geht es ja vermeintlich besser. Aber wir sagen genau genommen nur Ja zu unserem geliebten Kind. Zu unserer inneren Ganzheit – zu der natürlich auch unsere schwierigen Emotionen zählen – sagen wir Nein. Wir wollen diese Emotionen in uns verändern. Das heißt im Klartext: Wir wollen sie so, wie sie sind, nicht haben.

Diese Vorstellung von Liebe ist sehr eingeschränkt. Denn wir instrumentalisieren sie, um etwas, das uns stört, wegzubekommen oder schöner ausgedrückt: um es zu transformieren. Diese Art der Annäherung scheint liebevoll zu sein, aber das ist sie nicht. Denn wir sind uns selbst gegenüber zutiefst parteiisch. Manche Seiten in uns genießen ein höheres Ansehen als andere. Wahre Liebe ergreift jedoch nie Partei. Sie existiert jenseits der Dualität, jenseits von Wertungen.

Zu sagen „Alles darf da sein“ ist leicht, aber das sind erst einmal nur Worte oder Konzepte. Es gilt zu überprüfen, ob wir tatsächlich Wut in uns genauso behandeln wie Freude. Wenn dem so wäre, bestünde in uns nicht der Wunsch, unsere Wut zu transformieren, während wir dies beim Empfinden von Freude nicht wollen. Transformation kann man nicht machen. Sie geschieht. Dürfte wirklich alles da sein, könnten wir unserer Wut vorurteilsfrei begegnen und ihrem innewohnenden Prozess folgen, statt zu versuchen, sie irgendwohin zu bewegen. Die wiederkehrende Frage ist also: Wer in uns will was in uns transformieren und vor allem warum?

In der Regel geben wir Freude mehr Daseinsrecht als anderen Emotionen. Daran ist nichts verkehrt. Uns sollte nur auffallen, unter welcher inneren Flagge wir in diesen Momenten segeln, damit wir wirklich alle Seiten von uns offen erkunden können. Ansonsten bedient diese Art der „Spiritualität“ genau genommen nur unser Überlebensprogramm – wenn auch, anders als in unserer Kindheit, in einem oberflächlich flauschigeren Kleid.

Solange wir noch irgendetwas machen müssen – selbst wenn es der Anspruch ist, loslassen oder mehr Liebe leben zu müssen –, werden wir vom geliebten Kind in uns gelenkt. Das Angebot an Übungen, etwa im Internet, die liebevoll wirken, aber mit einem feineren Blick gewaltvoll sind, ist riesig. Emotionsarbeit zu machen, die das geliebte Kind in uns bedient, wirkt für den Anbieter und den Anwender sehr attraktiv. Eine echte Begegnung mit unseren inneren Schattenseiten ist viel herausfordernder. Es erscheint leichter und deshalb reizvoller, sich stattdessen dem Licht zuzuwenden, denn das tut zunächst weniger weh. Dieser Weg führt uns aber nie in eine tiefe Freiheit. Wir haben lediglich begrenzten Auslauf in einem Innenhof und versuchen zu ignorieren, dass wir auf einer unteren Etage weiterhin im Gefängnis unseres biografischen Schutzprogramms sitzen. Negative Emotionen mit Zuckerguss zu überziehen, bis alles süß schmeckt, befreit sie nicht. Wir nehmen ihre Bitterkeit dann nur weniger gut wahr.

In diesem Zusammenhang möchte ich den berühmten Psychologen Carl Gustav Jung zitieren. Er sagte: „Man wird nicht erleuchtet, indem man sich Lichtfiguren vorstellt, sondern indem man sich der Dunkelheit bewusst wird!“ Ich möchte von Herzen dafür aufstehen, nicht nur einen vordergründigen Umgang mit unseren Emotionen zu finden. Uns nicht mit so wenig zufriedenzugeben. Denn das wird unserem Potenzial als Mensch in keinster Weise gerecht. Ganz abgesehen davon, dass unsere hartnäckigen leidbringenden Symptome uns daran erinnern werden, dass hier etwas nicht stimmt.

Wir brauchen eine Psychologie und eine Spiritualität, die nicht weiter unser biografisches Schutzprogramm bedienen und letztlich doch nur versuchen, unserem inneren Schatten zu entkommen. Ob diese Flucht auf „liebevolle“ oder „disziplinierte“ Art geschieht, spielt keine Rolle. Geben wir ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit, werden sich unsere Schatten bei uns persönlich und auch in der Welt an anderen Stellen zeigen.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Welt nicht deshalb an einem kritischen Punkt steht, weil wir ihr zu wenig Liebe zukommen lassen, sondern weil unsere bisherige Form von Liebe zu begrenzt ist. Sie spart das Dunkle aus, aber genau dadurch behält es seine Macht. Wir brauchen keine weiteren Weltmeditationen im Licht, wir brauchen ehrliche Emotionsarbeit.

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Dies ist eine Zusammenfassung verschiedener Passagen aus dem Buch Die revolutionäre Kraft des Fühlens von Maria Sanchez.

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Bildquelle:  shutterstock

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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14 Kommentare zu: “STANDPUNKTE • Ein Zuckerguss, der nichts besser macht

  1. Danke, Frau Maria Sanchez, sehr schlüssig und wichtig! https://youtu.be/ACA4Ly0PmvI

    Das Fühlen (wieder…) lernen lehrt auch auf eine ebenso anspruchs- und liebevolle Weise Safi Nidiaye in ihren Büchern, Videos und Seminaren:
    “ Herz öffnen statt Kopf zerbrechen – Wieder fühlen lernen“ https://youtu.be/Y7dv9r2Vbgo

  2. Danke für den interessanten Beitrag über die revolutionäre Kraft des Fühlens. Ein Kind erkennt nicht bewusst die Wirkung und Dimension der elterlichen Liebe und Sorge. Für ein Kind sollte Geborgenheit und Zuneigung ein Bestandteil der elterlichen Liebe und selbstverständlich sein, was es aber nicht immer ist, damit es sich selbst akzeptiert und keinen „inneren Schweinehund“ überwinden muss. Eltern die Kinder zu kleinen ferngesteuerten Marionetten heranzüchten gehören eigentlich bestraft.

  3. >>Die Welt braucht mehr Liebe. Diesen Satz haben Sie bestimmt auch schon oft gehört. Viele spirituelle und psychologische >>Strömungen weisen auf die Notwendigkeit hin, dass Menschen mehr Liebe in die Welt bringen sollten. Das klingt >>zunächst sehr einladend, unterschätzt aber gewaltig die versteckten Dynamiken unserer menschlichen Psyche.
    Ich sehe hier keine „gewaltige Unterschätzung“ der Dynamiken unserer menschlichen Psyche. Und ich frager mich nach dem Lesen ihres Artikels, warum Sie so pauschalisierend spirituelle Praktiken herabwürdigen.

    >>Ich bin davon überzeugt, dass unsere Welt nicht deshalb an einem kritischen Punkt steht, weil wir ihr zu wenig Liebe >>zukommen lassen, sondern weil unsere bisherige Form von Liebe zu begrenzt ist.
    Begrenzte Liebe – was ist das? Vielleicht eine, die keine ist?
    >>Sie spart das Dunkle aus, aber genau dadurch behält es seine Macht.
    Das mag sein, aber auch der Ausschluss des „Hellen“ kann ja Schatten sein, oder nicht?
    >>Wir brauchen keine weiteren Weltmeditationen im Licht, wir brauchen ehrliche Emotionsarbeit.
    Die Integration des Schatten ist ganz gewiss eine Methode, die dazu führen kann lieben zu lernen, aber was hat dies mit „Weltmeditaionen“ zu tun. Wollen Sie unterstellen, das Meditierende nicht zur Liebe fähig sind oder das Meditationen die sich darauf ausrichten Liebe in die Welt zu bringen, ihre Schattenseiten „gewaltig zu unterschätzen“?
    Spieglein, Spieglein an der Wand?
    >>wir brauchen ehrliche Emotionsarbeit.
    Dem stimme ich zu.

  4. Ein wirklich interessanter Artikel.

    Mich würde interessieren, was man denn konkret als Eltern tun kann, um dem Kind das Gefühl zu geben, ganz geliebt zu werden. Einige Dinge sind mir schon klar, z.B. dass man nicht zu viel Leistungsdruck aufbauen soll.

    Aber was ist z.B., wenn das Kind einen – vermeintlich unbegründeten – Wutanfall hat? Auch da ist es sicher keine gute Idee, es niederzubrüllen oder drakonisch zu bestrafen. Aber dass man darüber als Erwachsener in dieser Situation nicht gerade erfreut ist, ist ja wohl auch klar. Also: Was tun?
    Ich denke, hier benötigt man auch Zeit, die leider im Alltag häufig fehlt. Denn in dieser Situation würde ich dem Kind sagen, dass es bitte alleine in seinem Zimmer brüllen soll, damit nicht alle anderen terrorisiert werden. Wenn es sich einigermaßen beruhigt hat, kann es gerne wieder kommen. Und dann würde ich dem Kind auch zeigen, dass ich mich freue, dass es wieder kommt (und es somit quasi immer noch liebe) – ohne viele nachtragende Belehrungen.

    • @Benjamin Reloaded
      Wenn Sie das so hinbekommen, dass es nicht in den guten alten Stubenarrest ausartet, d.h. in Isolationfolter im Frühstadium, würde ich sagen: o.k.😉
      Nein, im Ernst: Bei allen klugen Erkenntnissen und Ratschlägen für Erwachsene fehlt es leider oft an konkreten, praktischen Handlungsanleitungen für den ganz normalen elterlichen Alltag, damit es erst gar nicht zu solchen frühen Deformationen kommt, wie sie Maria Sanchez zweifellos richtig analysiert. Allerdings würde das wohl hier den Rahmen ihres Artikels sprengen.

    • Ich meine auch, dass die Gedanken, die Maria Sanchez in ihrem Artikel ausbreitet interessant und bedenkenswert sind.

      Ich glaube allerdings nicht, dass die menschliche Psyche so angelegt ist, dass sie in einer normalen Umgebung Schaden nimmt. Ebenso glaube ich nicht, dass wir alle Opfer von Traumen sind, den wir mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind. Dafür glaube ich, dass sich bei uns die Situation für Kinder über die letzten Generationen im allgemeinen immer weiter verbessert hat und unser Verständnis, unsere Achtsamkeit und auch unsere Handlungsspielräume als Eltern immer größer geworden sind.

      Vor allem aber meine ich, dass wir bei allem, was wir uns an persönlichen und gesellschaftlichen Zielen setzen, die Kirche im Dorf lassen müssen: Eltern wenden heute vergleichsweise viel Zeit, Aufmerksamkeit und Mühe für ihre Kinder auf. Sie haben aber auch noch viele andere Verpflichtungen und Bedürfnisse im Leben, denen sie – um ihrer selbst und auch um ihrer Kinder willen – gerecht werden müssen. Ich nehme die Gedanken von Maria Sanchez daher auch nur als eine von vielen Anregung, wie wir es bei der nächsten Generation noch ein bisschen besser machen könnten.

      Ich habe den Eindruck, dass viele Autoren (m/w/d) ihr Steckenpferd reiten und ihren Lesern einreden wollen, dass sie noch viel mehr Zeit für die Befassung mit ihrem Steckenpferd aufwenden müssen. Ich vermute, dass bei vielen Autoren die Aufarbeitung der eigenen Geschichte als Motivator dahintersteckt und/oder der Wunsch, als Experte für genau dieses einen isolierten Steckenpferds anerkannt zu werden. Leser, die sich der Flut solcher fremden Steckenpferde ergeben, sehen sich in eine emotionale Schuldfalle getrieben, die sie beim besten Willen nicht bewältigen können. Bei Lichte betrachtet, ist der Verantwortungsbereich des einzelnen ohnehin enger begrenzt, als wir uns das gerne eingestehen wollen. Der kürzlich beim Rubikon erschienene Artikel von Roland Rottenfußer »Die Verantwortungslüge« führt meine Gedanken recht gut weiter aus.

      Was bei Artikeln über die Steckenpferde der jeweiligen Autoren regelmäßig fehlt, sind praxistaugliche konstruktiv-handlungsleitende Hinweise, die über die jeweils interessanten theoretischen Überlegungen hinausgehen. Ebenso fehlen regelmäßig Hinweise, wie sich die Handhabung des jeweiligen speziellen Steckenpferds in die der übrigen Steckenpferd aus der großen Herde der Steckenpferde integrieren lässt.

      Ich halte Artikel, die ohne solche Hinweise enden, für im doppelten Sinne energieverschwendend – sowohl beim Schreiben bzw. Lesen als auch beim Umgang mit dem induzierten Schuldgefühl. Mittlerweile halte ich solche Artikel, auch wenn sie einen interessanten Gedanken ausbreiten für kontraproduktiv, wenn sie im beschriebenen Sinne an der Oberfläche bleiben.

    • @cyberzaurus zu

      „Was bei Artikeln über die Steckenpferde der jeweiligen Autoren regelmäßig fehlt, sind praxistaugliche konstruktiv-handlungsleitende Hinweise, die über die jeweils interessanten theoretischen Überlegungen hinausgehen. Ebenso fehlen regelmäßig Hinweise, wie sich die Handhabung des jeweiligen speziellen Steckenpferds in die der übrigen Steckenpferd aus der großen Herde der Steckenpferde integrieren lässt.“

      Zu den gewünschten Hinweisen fällt mir ein, dass es sich bei Artikeln wie diesem oben von Maria Sanchez letzlich um Verlags-Werbung für ihr Buch handelt. Eventl. sogar vom Verlag zu KenFM gesandt…

      Ist ja auch in Ordnung, denn sonst wären wir vielleicht niemals auf diese Psychologin und ihren Ansatz (den Hunderte anderer Psychologen teilen und so oder ähnlich praktizieren) gestoßen, um uns ggf. damit zu befassen.

      Mir ging es vor einigen Monaten so, als ich an anderer Stelle im Netz auf Frau Sanschez und ihre Seminare aufmerksam wurde (sie hat wohl eine sehr rührige PR in ihrer Praxis… ;-)) und dann ihre Methode und Arbeit kennenlernen uind vergleichen konnte.

      Dabei fiel mir z.B. auf, wie mir die Vorgehensweise von Safi Nidiaye zum Thema „Wieder fühlen lernen“ (oben verlinkt) besser gefällt, aber das geht warscheinlich jedem anders.

      Aber auf jeden Fall scheint mir, dass man – gerade auch mit den Anregungen in Portalen wie diesen – ziemlich schnell und einfach weitere kostenfreie Hinweise zu den jeweiligen Themen (oftmals zu Gesundheit) finden kann. Sei es in Form von Artikeln, Videos oder auch Termine zu Vorträgen, Adressen der Praktizierenden etc.

      Das ganze Paket der betreffenden Methode mit praxistauglicher Anwendungsanleitung vorgesetzt zu bekommen, ist mir eher zu langweilig und vorgekaut, lieber suche ich mir bei Interesse die einzelnen Komponenten selbst heraus und kann mir dadurch oftmals zuhause mit neuen Denkanstöße selbst helfen.

      Wenn ich das komplette Paket will, mit allen Details und Anweisungen, muss ich mir einen Termin & Behandlung bei Frau Sanchez holen und dafür bezahlen.

      In diesem Sinne bin ich dankbar, über diese – wenn auch begrenzten – Anregungen bei KenFM, die sicher Vielen helfen und obendrein einiges an Ausgaben ersparen können.

    • Das Psychologiestudium ist ja bekannt dafür, dass viele es vor allem ergreifen, um mehr über sich selbst zu erfahren. Aber warum sollen bei dieser Selbsterforschung nicht auch nützliche Erkenntnisse für andere abfallen? Und diese Erkenntnisse sind wichtig, wenn man sieht, welch seltsames Verhalten manche an den Tag legen, Aggression z.B., andererseits Unterwürfigkeit und Manipulierbarkeit usw. Dem sollte man schon nachgehen, finde ich, und nach den Ursachen für Fehlentwicklungen suchen – aber dann eben auch, richtig, „praxistaugliche konstruktiv-handlungsleitende Hinweise“ geben zur Verbesserung, „die über die jeweils interessanten theoretischen Überlegungen hinausgehen“.
      Rottenfußer sagt doch in dem von Ihnen genannten Artikel: „Ja, die Veränderung muss bei jedem Einzelnen anfangen. Aber sie darf nicht dort aufhören. Wir haben Verantwortung, aber sie besteht zunächst darin, zu erkennen, wofür wir nicht verantwortlich sind“.
      Dem stimme ich durchaus zu insofern, als jeder zunächst unterscheiden muss zwischen dem, was er selbst zu Verbesserungen beitragen kann, und dem Bereich, für den er nicht mehr verantwortlich ist. Er soll eben gerade nicht alles auf andere schieben, sondern das tun, was er selbst tun kann, und ändern, was er an sich selbst als änderungsbedürftig und änderbar erkennt.
      Dann bin ich aber schon dankbar für Anleitungen, was ich ändern sollte und was ich auch ändern kann. Doch an wirklich praktikablen Anleitungen fehlt es leider nur allzu oft.

    • Benjamin Reloaded: „Aber was ist z.B., wenn das Kind einen – vermeintlich unbegründeten – Wutanfall hat? Auch da ist es sicher keine gute Idee, es niederzubrüllen oder drakonisch zu bestrafen. Aber dass man darüber als Erwachsener in dieser Situation nicht gerade erfreut ist, ist ja wohl auch klar. Also: Was tun?“
      Erstens: wird ein Kind nicht unbegründet wütend, nur weil wir den Grund nicht kennen. Zweitens: Warum kann ich den Wutanfall nicht aushalten – was „triggert“ das in mir? Fühle ich mich hilflos und ohnmächtig, wenn mein Kind z.B. den Supermarkt zusammenbrüllt, weil ich aus welchen Gründen auch immer ihm nicht das kaufen kann oder will, was es sich wünscht? Die Reaktion mit einem Wutanfall ist für ein kleines Kind völlig normal, die Frage ist doch, wie gehe ich damit um? Fühle ich mich bedroht? Fühle ich mich nicht respektiert? Habe ich Angst vor der Bewertung anderer Menschen. z. B. im Supermarkt, als „erziehungsunfähig“ gebrandmarkt zu werden?

      Wichtig: Wutanfälle von Kindern bedrohen nicht unsere Existenz, sollte sich das so anfühlen, dann wäre es hilfreich in Erfahrung zu bringen, wie die eigenen Eltern mit uns umgegangen sind, wenn wir „vermeintlich unbegründete“ Wutanfälle hatten…

      Keine Lösung: dem Kind die Wut nehmen zu wollen, indem versucht wird, jeden Wutanfall im vorneherein zu vermeiden – funktioniert sowieso nicht 😉. Versuchen, es trösten zu wollen – funktioniert auch nicht… Ihm zusagen, dass es keinen Grund hat wütend zu sein und ihm drohen oder was auch immer… oder im schlimmsten Fall zurückzubrüllen oder handgreiflich zu werden!
      Lösung: Ich bestätige mein Kind in seiner Wut, weil ich die Perspektive wechseln kann – ich fühle mit ihm.
      Hier eine Situation, die ich vor kurzem in einem Supermarkt erlebt habe:
      Ich war einkaufen und hörte wie eine Mutter immer wieder sagte: Nein, das gibt es nicht, bring das sofort wieder weg! Das Kind: Es gehört doch aber mir! Die Mutter: Nein, das gehört dir nicht, bring‘ es sofort weg! Das Kind: Nein. Die Mutter immer aggressiver werdend: du bringst das jetzt sofort weg! Das Kind: Nein, es gehört doch mir! Die Stimme der Mutter wurde wütend und ich hörte, wie sie das Kind zwingen wollte, den Gegenstand, den es hatte, wieder dort hinzuhängen, wo er ihrer Meinung nach hingehörte. Doch das Kind weigerte sich immer noch.
      Da wurde ich neugierig und wollte wissen, was diesem Kind so wichtig ist, dass es sich dermaßen verweigert.

      Also schaute ich um die Ecke und sah einen kleinen süßen Jungen. Ich fragte ihn: zeig mal, was hast du denn da, was dir so wichtig ist? Er zeigte mir eine Packung mit zwei Playmobil-Piraten-Figuren. Ich fragte ihn: „Warum möchtest du die unbedingt haben“? Der kleine Mann: „mein Freund, mit den struppigen Haaren, hat die auch und gibt sie mir nie“. Die Mutter musste lachen, als sie den Grund hörte und vor allen Dingen darüber, dass ihr Sohn seinen Freund beschrieb „der mit den struppigen Haaren“ – das Eis war gebrochen. Ich sagte zu der Mutter: Sie haben ein wundervolles und mutiges Kind mit einem starken Willen, da müssen sie ganz viel, ganz richtig gemacht haben. Die Mutter strahlte mich an und sagte: „Oh ja, Janis hat mit seinen 3 Jahren einen sehr, sehr ausgeprägten eigenen Willen. Ich zu Janis: „Ich kann total verstehen, dass du diese beiden Piraten haben möchtest, die sehen wirklich toll aus“. Janis: „Ja, schau mal, die haben ein Schwert und eine Pistole und der hat einen Bart“. Ich: „Hast du denn auch das Piratenschiff dazu?“ Meine Enkel waren in dem Alter auch ganz verrückt nach dem Piratenschiff von Playmobil, was sie auch bekommen haben. Maxi: „Ja, Schiff habe ich auch“. Inzwischen kam eine andere Mutter auf mich zu und zeigte mir ein Kinderbild: „Das ist Paul, mein Sohn und Janis Freund mit den struppigen Haaren“ und lachte herzhaft. Ich zu Janis: „Hm, was machen wir jetzt?“ Er zuckte die Schultern. „Weißt du was, ich frage deine Mama, ob wir uns das Geld für die Piraten einfach teilen, ich zahle die Hälfte und die andere Hälfte deine Mama?“ Er strahlte seine Mama und die sagte: „Ach, das kommt ja gar nicht in Frage, klar bekommt Janis seine Piraten – jetzt, da ich weiß, warum sie ihm so wichtig sind“.

      Wir sprachen noch einen Moment miteinander und ich erzählte ihr von meinen Enkelkindern und von meinen Erfahrungen mit den beiden. Und, dass ich inzwischen als Omi gelernt habe, sie immer zu fragen, warum etwas so total wichtig für sie ist. Und dass sie auch immer verstehen, wenn es gerade nicht geht: weil z.B. nicht genügend Geld übrig ist – was bei Kleinigkeiten ja eher selten der Fall ist und wir Erwachsenen kaufen uns ja auch oft Dinge, die nicht auf dem Einkaufszettel stehen 😉. Und wenn etwas zu teuer ist, dann verstehen die beiden das und sagen: Ach Omi, dann bestellen wir das beim Weihnachtsmann, der kann das bestimmt bezahlen.
      Janis Mama: „Ja, das stimmt, wenn ich Janis für eine Entscheidung von mir eine gute Begründung gebe, dann ist er auch immer einsichtig. Ach, das war wirklich dumm von mir, einfach nur „nein“ zu sagen und ohne ihn zu fragen. Und stimmt, irgendetwas gönne ich mir ja auch meistens und wenn es nur eine leckere Tafel Schoki ist“.
      Sie nahm ihren Janis auf den Arm und drückte ihn ganz dolle, küsste ihn und sagte noch: Mein Janis ist wirklich einfach toll, ich liebe ihn sehr und nun habe ich auch begriffen, wie klasse es ist, dass er so einen ausgeprägten starken Willen hat und zu Janis: Da hat diese nette Dame uns beiden geholfen! Glücklich schoben die beiden ab und Janis winkte mir noch auf dem Arm seiner Mutter zu!“

      Über „Gefühle“ habe ich vor einiger Zeit einen Artikel im Rubikon geschrieben: https://www.rubikon.news/artikel/lebendig-werden

    • @citoyen invisible: Ich finde es völlig in Ordnung, sich mit sich selbst zu beschäftigen gegebenenfalls auch vermittels eines ganzen Studiums. Ich finde es auch eine gute Sache, wenn man seine Erkenntnisse aufbereitet und mit anderen teilt. Ich habe beim Lesen des Artikels aber den Eindruck gewonnen, als wolle mir die Autorin ihr Steckenpferd »andrehen«. Es ist doch eher so, dass jeder seine eigenen Defizite hat, sich mit diesen auseinander setzen muss und dabei vielleicht auch sein eigenes Steckenpferd entwickelt. Anderen sein eigenes Steckenpferd »anzudrehen« ist in den meisten Fällen eine Lösung, die ihr Problem noch sucht. Ich finde solches Verhalten tendenziell übergriffig, erzeugt es doch Schuldgefühle, die es anschließend gleich noch instrumentalisiert.

    • @Mamomi
      Glaub ich ja nicht, die Lösung ist tatsächlich dem Kind genau die gleichen Figuren zu kaufen, die schon ein anderes Kind hat? Das der Wutanfall dann endet ist klar, Begehr wurde erfüllt.

    • Lieber Cyberzaurus,
      danke hierfür: „Ich habe den Eindruck, dass viele Autoren (m/w/d) ihr Steckenpferd reiten und ihren Lesern einreden wollen, dass sie noch viel mehr Zeit für die Befassung mit ihrem Steckenpferd aufwenden müssen.“ Ich habe mich ob der Formulierung sehr gefreut und werde sie hoffentlich behalten. Cooles Bild.

      Nach all den verständlichen Lorbeeren für den Text von Frau Sanchez, fühle ich mich aber doch gezwungen meinen Erst-, Zweit- und Finaleindruck kund zu tun.

      Frau Sanchez schreibt über Liebe (und hier meint Sie ja tatsächlich eben nicht die körperliche oder unreife, was den Fauxpas erträglich machen würde), wie ein Schwarzafrikaner über die Berge im Polarmeer. Oder besser, wie ein Psychoanalytiker über Schwingungszustände.

      Ich kann sehr gut verstehen, dass man durch das Monokel der derzeitigen Wissenschaft den Sinn des Zustandes „Liebe“ weder erfassen kann, noch ihm einen praktischen Wert aufzudrücken in der Lage ist, aber ihn deswegen solange umzudeklinieren, bis man es geschafft hat ihn abzuwerten ist ein typisches Problem der kurzsichtigen Geisteswissenschaft. Analytisch würde ich mal stammtischen: Wenn ich was nicht verstehe habe ich Angst davor und mache es schlecht. Am Besten noch in einem dicken Buch, damit man sieht, dass ich es ernst meine.

      Werte Frau Sanchez, Liebe ist kein Gefühl, wie es die Psychoanalytiker in ihrer Studienzeit scheins immer wieder glauben lernen, sie ist ein Zustand. Der ist da oder eben nicht. Fühlen oder messen können Sie den nicht.

      Wenn dieser Unterschied deutlich wird, und hier würde ich Sie bitten mal Kollegen wie Fromm (am Lebensende) zuzuhören, müssen Sie, wie soviele Kollegen ihres Faches wohl noch ein Buch schreiben, um sich bei sich selbst für das Missverständnis zu entschuldigen.

      Noch ein Tipp zu den Kindern an Benjamin: Lernen ist ein Prozess, der mindestens zu 80% vom Lernenden ausgeht. Da kannste solange versuchen an deinem Kind zu drehen wie du willst, das wird nichts helfen. Wenn du ein gutes Vorbild bist in Umgang, Zuneigung, Fairness und ja im Zustand der Liebe mit ihm agierst, wird das Kind sich schon entscheiden von dir zu lernen 🙂 Sei zuversichtlich.

      Deine geschilderte Situation klingt doch optimal gelöst. Lass das Kind seine Wut erfahren (gern auch da wo es niemanden stört und keinem weh tut) und sei da, wenn es dich braucht. Kannst ja hinterher die Situation nochmal mit ihm durchgehen und erklären, warum auch du sauer warst und wie es überhaupt zu dem Geschrei kam.

      Lieb gemeint,
      Jörn

    • @Kit2: Grundsätzlich finde ich alle Artikel in Ordnung, die dem Leser interessante Denkansätze bieten. Das Aufzeigen von Handlungsoptionen ist schon eher die Kür. Ein werblicher Charakter ist für mich solange in Ordnung, wie ich das Gefühl habe, dass ich meine Zeit und Aufmerksamkeit mehr für meine als für die Interessen des Autors eingesetzt habe.

      Was mich an dem Artikel stört, ist, dass doch jeder Mensch sein eigenes Säcklein zu tragen hat. Es gibt für jeden ein individuell zusammengestelltes Potpourri an Aufgaben. Diese reichen von der eigenen Innenwelt, über die Kindererziehung, die familiären, privaten und beruflichen Beziehungen, die Suche nach einem gelingenden Leben, die kleinen und großen Frage der Gesellschaft bis hin zu Krieg und Frieden, Zukunft der Menschheit usw. So hat jeder tausend Themen, die er bearbeiten müsste, aber nur endliche Zeit, Aufmerksamkeit und Energie sich darum zu kümmern. Jeden Tag kommen weitere Themen am Fluss des Lebens vorbeigetrieben. Jedes Thema schreit, dass es das wichtigstes sei. Einer dieser täglichen (Markt-)Schreie ist der Artikel von Maria Sanchez.

      Die Menschen versinken in diesem immerwährenden Fluss von Schreien. Was daher doch wirklich Not tut, ist der Mut zur Lücke, das Identifizieren des Wichtigsten und das konsequente Verfolgen genau dieses Wichtigsten, ohne das jeweils Dringlichste aus den Augen zu verlieren.

      Der Tenor des Artikels ist – so lese ich ihn jedenfalls – einer der alternativlosen Alleinherrschaft an der Krone der Bedeutungspyramide aller Leser.

      Es ist nicht ausgeschlossen, dass es einzelne Leser gibt, für die das Thema von Maria Sanchez wirklich so zentral ist, dass sie sich damit aktiv auseinandersetzen sollten. Nachdem der Artikel bei solchen Lesern Schuldgefühle induziert hat, lässt er sie auch noch eher ratlos zurück. Da wird dann guter Rat teuer und zwar ohne, dass Maria Sanchez eine überzeugende »Arbeitsprobe« beispielsweise in Form von konstruktiv-handlungsleitenden Hinweisen oder integrativen Ansätzen abgegeben hätte.

  5. Hervorragender, vor allem sehr leicht nachvollziehbarer, unmittelbar einleuchtender und besonders für Laien ohne weiteres verständlicher Artikel. Habe ich so klar und eingängig noch nicht gelesen. Sollte jeder, der sich mit seiner Psyche auseinandersetzen oder sich mit Meditation und Spiritualität beschäftigen will, als allerersten Einstieg lesen, um zu wissen, wohin die Reise gehen muss und wohin sie nicht gehen darf. Ich bin sicher, dass er/sie dann Irrwege und Fehlentwicklungen und damit mühsame, überflüssige Umwege vermeiden kann.

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