STANDPUNKTE • Geistige Neuausrichtung in der Arabischen Welt (Podcast)

Vor allem junge Menschen, in der arabischen Welt immer noch die Mehrheit, haben von den Revolten in ihren Ländern kaum profitiert. Einige haben sich radikalisiert, andere denken an Auswanderung, andere werden ökonomisch initiativ. Rezente Umfragen ergeben Erstaunliches: Immer mehr Menschen distanzieren sich in der arabischen Welt von Religion, aus verschiedenen Gründen, wie hier analysiert.

Ein Standpunkt von Hanan Abdul Razak.

Während des arabischen Frühlings gingen Millionen Menschen auf die Straße, vor allem junge. Denn viele sind arbeitslos oder arbeiten unter prekären Bedingungen. Nach diesen Umbrüchen vor rund 10 Jahren sind die meisten enttäuscht. Sie haben Krieg und Repression erlebt und spielen mit dem Gedanken, sich anderswo eine Zukunft aufzubauen. Ist der arabische Frühling aus Sicht der Jugend gescheitert?

Die arabische Welt ist jung.

In vielen dieser Länder sind mehr als die Hälfte der Menschen jünger als 24 Jahre alt. Die Chancen auf Arbeit stehen schlecht. Eine Gefahr, weil viele junge Männer in den Dschihad ziehen, oder ein Risiko für Europa, weil viele junge Leute die Flucht wagen? Oder eine Katastrophe für die Region, weil nur die jungen Menschen ihre Heimat umkrempeln könnten. Im Jemen etwa, sind über 70 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahre alt; und selbst im Katar – dem arabischen Land mit der ältesten Bevölkerung – sind noch über 40 Prozent in dieser Altersgruppe. Die anderen arabischen Länder liegen irgendwo dazwischen. Zum Beispiel Syrien mit 66 Prozent, Jordanien mit 62 Prozent oder Tunesien mit 51 Prozent.

Sarah Arbi, Unternehmerin aus Tunesien sagt hierzu: „Wir haben unsere Türen für viele junge Leute geöffnet, die an irgendeinem Punkt von hier weg wollten. Denn hier gibt es keinen Platz für Träume, Wandel oder was auch immer. Also wollen sie das Land verlassen“. Arbi kennt die Sorgen junger TunesierInnen gut. Arbeit ist hier auch Jahre nach der Revolution nur schwer zu finden. Der Frust ist entsprechend groß. Mit ihrem Marketingunternehmen in der Hauptstadt Tunis schafft Arbi zwar Jobs, doch Initiativen wie ihre sind nur ein Tropfen auf den heißen Steinen.

Wir müssen weiter gegen Armut kämpfen, gegen Arbeitslosigkeit. Wir müssen Tunesien wieder ins Rennen um wirtschaftliche Entwicklung schicken, weil Tunesien mit anderen Ländern um Investoren, Touristen und Besucher konkurriert“, so der tunesische Ökonom Hichem Elloumi. Er spricht aus, was vor allem jungen TunesierInnen auf dem Herzen liegt: die fehlende Aussicht auf eine gesicherte Existenz.

Wer keine Hoffnung in seiner Heimat sieht, den zieht es woanders hin: etwa nach Europa.

Viele AraberInnen haben ihre Freunde fortziehen sehen. Es überrascht nicht, dass eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation eine Kernforderung der DemonstrantInnen des Arabischen Frühlings war. Fakt ist, in den Jahren vor den Protesten stiegen die Lebenshaltungskosten in fast allen Ländern der Region deutlich. Gleichzeitig waren Quoten von 20 Prozent Jugendarbeitslosigkeit keine Seltenheit. Und entsprechend hoch war der Anteil derjenigen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten. Bei der Willkür der Behörden, Korruption und der starken Einschränkung politischer Rechte wie Rede- und Demonstrationsfreiheit, wuchs die Wut stetig. Besonders bei denjenigen, die ihr ganzes Leben vor sich haben.

Die gemeinsame Stimme als Vermächtnis.

Moritz Behrendt, Nahost-Journalist hierzu: „Es gibt weiterhin sehr viel Wut; bei vielen ist auch Frustration dazu gekommen, weil sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt haben, weil sich zwar einiges geändert hat, aber nicht unbedingt zum Besseren und weil die jüngere Generation ganz im Allgemeinen auch nicht profitiert hat von den Veränderungen. Andererseits haben die jungen Leute erlebt, dass sie nicht mehr überhört werden können, wenn sie gemeinsam ihre Stimme erheben und das ist ein Vermächtnis des Arabischen Frühlings, das nicht unterschätzt werden sollte.“

Jugendliche prägten den Arabischen Frühling mit ihren Forderungen und Ausdrucksformen. Immerhin hatten viele keine Arbeit und deshalb viel Zeit, sich zu engagieren. Es war der Aktivismus einer neuen Generation, die über ihre Zukunft selbst bestimmen wollte. Das weiß auch Ayten Amin. Die ägyptische Filmemacherin hat die Proteste in ihrer Heimat begleitet. „Die Menschen sind liberaler geworden. Das ist etwas, das man noch heute sehen kann, besonders bei der jungen Generation. Auch, wenn sich ihr Leben nicht verbessert hat. Die Jugend ist heute kühner und mutiger, aber es gab keine Reform auf der anderen Seite. Das hat sich in jedem Fall verändert. Ganz egal, ob das allen passt oder nicht.“

Junge Menschen mit schlechten wirtschaftlichen Perspektiven sind eher bereit, Risiken einzugehen.

Davon profitieren allerdings auch extremistische Gruppen, wie der tunesische Imam Mohamed Ben Hamouda beobachtet. „Es gibt viele Gründe für Extremismus. Etwa Armut oder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Für viele Jugendliche werden Terroristen zu Helden, die die Welt retten.“

Ob nun Mobilisierung bei den Protesten oder Radikalisierung durch Extremisten danach, das Internet ist ein Schlüssel, denn dem Arabischen Frühling ging eine globale Kommunikationsrevolution voraus. Blogs, Facebook, Twitter. Auch immer mehr AraberInnen kommunizierten und informierten sich im Netz. Die ältere, analoge Generation schien in einer anderen Welt zu leben und das galt auch für die herrschenden Politiker.

Es heißt immer, ohne die sozialen Medien hätte es die Proteste nicht gegeben. Könnte es gar eine Facebook-Revolution gewesen sein?

Behrend stimmt dem nur bedingt zu: „Die sozialen Medien haben eine entscheidende Rolle gespielt. Ohne Facebook und Twitter hätten sich die Aktivisten im gleichen Maße vernetzen können und wahrscheinlich auch nicht hunderttausende Menschen für Demonstrationen mobilisieren können. Dennoch würde ich nicht von einer Facebook-Revolution sprechen. Denn erstens waren die Forderungen ganz analog; es ging um Arbeitsplätze, um bezahlbare Lebensmittel, um Würde, und zweitens wären die langjährigen Machthaber, etwa in Tunesien oder in Ägypten, nie abgesetzt worden, wenn sie nicht die Rückendeckung des Militärs verloren hätten und das war wiederum eine ganz konkrete Folge der wochenlangen Proteste auf der Straße und nicht im Netz.“

Die junge Generation ist im Aufbruch und der Arabische Frühling hat vielen gezeigt, dass sie etwas bewegen können, auch bei den Protesten in Algerien im Frühling 2019 waren es vor allem junge Menschen, die sich gegen das Regime auflehnten und selbstbewusst Forderungen stellten. Dabei wissen auch die jungen Algerier, dass die Demonstranten der ersten Welle des Arabischen Frühlings nicht immer die Früchte ihres Mutes ernten konnten. Und so fragen sich Millionen von Jugendlichen in der Region, wie es für sie nun weitergeht.

Identitätsfindung mittels Arbeit

Der Anteil der Kinder in der Region geht langsam zurück. Dafür gibt es heute besonders viele junge Männer und Frauen zwischen 14 und 29 Jahren. Sie wollen arbeiten und eine Familie gründen. Sie suchen ihren Platz in der Gesellschaft. Ein Problem für viele arabische Gesellschaften, die den nötigen Wohlstand oft nicht bieten können. Viele dieser Jugendlichen sind noch gut ausgebildet und in Ländern wie Deutschland oder Österreich leben immer mehr Ältere und werden Fachkräfte händeringend gesucht.

Könnte man da nicht eine Win-Win-Situation schaffen?

Behrend: „Bis die europäischen Staaten eine Einwanderungspolitik haben, die diesen Namen wirklich verdient, ist die jetzige junge Generation in der arabischen Welt wahrscheinlich längst nicht mehr jung. Außerdem wäre es politisch in Europa kaum zu vermitteln, gezielt AraberInnen für den Arbeitsmarkt in Europa anzuwerben. Es kommt ein weiterer Punkt dazu: zwar haben viele junge AraberInnen einen Hochschulabschluss, aber der Praxisanteil an Universitäten ist häufig recht gering; das heißt, noch kommen die arabische Jugend und der europäische Arbeitsmarkt nicht ganz zusammen.“

Das Engagement der Hinterbliebenen.

Inzwischen schauen auch EuropäerInnen verstärkt auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit und geringen Löhne in der arabischen Welt. Eine Sorge, die natürlich nicht nur europäische Politiker haben, sondern auch viele Menschen in der arabischen Welt. Denn wenn die jungen AraberInnen gehen, wer bleibt dann? Eine Frage, die sich auch der jordanische Buchhändler und Gastronom, Madian Al Jazerah, stellt: „Ich wünschte, die Jungen würden genauso gerne hier bleiben wollen, wie sie heute von Erfahrungen außerhalb des Landes träumen. Wer nicht gehen kann, der kann doch auch hier viel erleben.“

Und genau das wollen Startup-Gründer und Gründerinnen. Immer mehr junge Menschen in der Region bauen eigene Unternehmen auf und schaffen Arbeitsplätze. Im Jahr 2016 wurden über 750 Millionen Euro in Startups in der arabischen Welt investiert. Im gleichen Jahr gab es in der Region laut einem Branchendienst bereits 3000 dieser jungen Unternehmen.

Ist es nicht eine Chance für die Wirtschaft, dass so viele junge Araber den digitalen Raum erobern?

Ayad Al-Ani ist deutscher Zukunftsforscher und absolut der Meinung: „Auf alle Fälle! Es zeigt sich ja, dass die arabischen Jugendlichen affin sind mit den neuen sozialen Medien, mit allen Tools, genauso wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen, und es zeigt sich auch, dass die arabischen Jugendlichen sich organisieren, das heißt, sie gründen Firmen; sie gründen soziale politische Organisationen und nutzen dabei digitale Möglichkeiten und es entsteht auf einmal ein Bild, das so ganz anders ist, als das, was man gewohnt ist von der arabischen Welt.“

GründerInnen beweisen in allen Ländern der arabischen Welt, dass sie ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen wollen und können. Dass der Arabische Frühling nichts ist, auf dem man sich ausruhen könnte. Ein weitreichender Umbruch hat begonnen. Und den wollen sie mitgestalten.1

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Wut und Frustration auf die Regierungen in den arabischen Ländern und dem Nicht-Praktizieren der Religion?

Denn immer mehr Menschen der arabischen Welt sagen zunehmend, sie seien nicht mehr religiös, so Ergebnisse einer Umfrage im Nahen Osten und Nordafrika im Auftrag der BBC, erhoben von der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey. Befragt wurden die Teilnehmer nicht nur bezüglich ihrer Religiosität, sondern zu verschiedenen Themen, unter anderem Frauenrecht, Migration, Sicherheit bis hin zur Sexualität2.

25.407 Bewohner arabischer Länder wurden für die Studie direkt befragt3sie erstreckte sich über 10 Länder und den palästinensischen Gebieten im Zeitraum von Ende 2018 bis Frühling 2019. Befragt wurden die Teilnehmer von den Forschern in einem privaten Umfeld und über 45 Minuten. Nicht alle Länder der Regionen sind erfasst4. Die Ergebnisse wären in diesen Ländern aber wohl ähnlich ausgefallen, vermutet der Göttinger Ethnologe Roman Loimaier: Syrien beispielsweise war in der arabischen Welt immer schon ein Land, in dem es relativ große Bevölkerungsgruppen gegeben hat, die sich nicht als religiös definiert haben. Und auch in Saudi-Arabien haben sich in den letzten Jahren erstaunliche Entwicklungen ergeben. Es gibt eine ganze Reihe von Dissidenten, die sich auch öffentlich zur Religion äußern und zwar kritisch. Und das ist in dieser Studie eben noch nicht berücksichtigt. Aber gut: Keine Studie ist perfekt.5

Grobe Entwicklung der Religiosität

Im Gesamten ist seit 2013 der Prozentsatz von acht auf 13 Prozent der Menschen gestiegen, die sich als nicht religiös“ ansehen. Am meisten sichtbar ist dieser Anstieg bei den unter 30-jährigen 18 Prozent bezeichneten sich so. Den größten Wandel durchliefen Tunesien, dicht gefolgt von Libyen. 2013 waren es in Tunesien noch etwas über 10 Prozent, die angaben, nicht religiös zu sein, während es im Jahr 2018/19 über 30 Prozent sind. Minimal bis hin zu kaum ein Unterschied besteht in der Religiosität der Befragten im Libanon, im Irak und in Palästina. Lediglich im Jemen wurde ein Zuwachs an Religiosität festgestellt.

Frauenrechte und die Vorherrschaft des Mannes

Die meisten Menschen dieser Regionen unterstützen Frauenrechte insofern, dass sie MinisterInnen oder PräsidentInnen werden können. Die Ausnahme stellte Algerien dar: mehr als 50 Prozent der Befragten finden es nicht akzeptabel, dass eine Frau Staatsoberhaupt wäre oder sich in einer ähnlichen Position befände.

Beim Thema „häusliches/familiäres Leben“ herrscht viel Einigkeit, denn die meisten Befragten – darunter eine Mehrheit von Frauen – sind der Meinung, dass der Mann das letzte Wort bei Familienentscheidungen haben sollte. Auch hier wieder eine Ausnahme: Marokko! Weniger als die Hälfte der Interviewten gaben an, dass der Mann der ultimative Entscheidungsträger sein sollte, gefolgt vom Libanon, Jordanien und Palästina.

Homosexualität

Akzeptanz von Homosexualität variiert, ist allerdings über den arabischen Raum verteilt noch immer eher gering bis hin zu extrem gering. Im Libanon, das immerhin den Ruf hat, sozial wesentlich liberaler zu sein als seine Nachbarn, beträgt die Akzeptanz lediglich sechs Prozent. Erschreckend ist, dass Ehrenmorde eher akzeptiert werden als Homosexualität.

Einstellung zu ausländischer Politik

Des Weiteren erkundigten sich die Forscher nach der Sichtweise auf die Politik der Staatsoberhäupter Trump (USA), Erdogan (Türkei) und Putin (Russland) in der Region. In jedem Land rangierte Trumps Nahost-Politik auf dem letzten Platz, hinter der Politik Putins und Erdogans. In sieben von elf Ländern – darunter Sudan, Jordanien, Palästina, Algerien, Marokko, Tunesien und Jemen – billigte die Hälfte oder mehr als die Hälfte die Vorgehensweise Erdogans. Im Libanon, Libyen und Ägypten fand die Politik Putins mehr Anklang als die Erdogans, während im Irak Putin und Erdogan als gleichwertig eingeschätzt werden.

Bedrohung durch andere Staaten

Auf die Frage hin, welches Land die größte Bedrohung für die Stabilität und die nationale Sicherheit der Befragten darstelle, landete Israel auf Platz eins, gefolgt von den USA und dem Iran. Im Libanon, Ägypten und Palästina sieht man Israel sogar als eine gewaltige Bedrohung. Interessanterweise empfindet man in Algerien mit 47 Prozent keinen Staat als Bedrohung.

Migration

Zu Migration ergab die Befragung, dass in jedem Land mindestens eine von fünf Personen gerne emigrieren würde, wenn sie könnte. Im Sudan wäre es jede zweite Person. Grund für den Auswanderungswunsch sind schlechte Wirtschaftsfaktoren. Allerdings ist Europa nicht jedermanns Ziel. In den letzten Jahren ist Nordamerika als angestrebtes Land im Ranking gestiegen, während Europa nicht mehr so populär ist.6

Warum stellt der Jemen eine Ausnahme dar?

Jemen ist bereits als Ausnahme beschrieben worden. Dort hat die Religiosität zugenommen, anders als in allen anderen untersuchten Ländern. Im Jemen sind es gerade einmal fünf Prozent, die sich als nicht-religiös bezeichnen.7 Bekanntlich herrscht dort seit Jahren Bürgerkrieg, der Staat, die Gesellschaft sind zusammengebrochen. Die Religion ist die einzige Konstante, die Halt gibt. Wer Hunger hat, verletzt oder verwundet ist, findet bei ihren Institutionen Hilfe.

Auch Roman Loimeier sieht die Erklärung im Krieg, der in dem Land seit einigen Jahren herrscht und in dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten: Was im Jemen festzustellen ist, ist natürlich eine religiöse Polarisierung oder eine religiöse Radikalisierung auf unterschiedlichen Ebenen, weil es nicht nur eine verstärke Mobilisierung im Nord-Jemen für die sogenannten Huthi-Rebellen gegeben hat, sondern weil es auch in anderen Teilen des Jemen eine vergleichsweise starke Mobilisierung für ganz radikale islamistische Bewegungen gibt, die gegen die Huthi kämpfen. Von daher findet im Jemen die Auseinandersetzung um die Zukunft des Staates eben auch sehr stark auf einer religiösen Ebene statt. Und deswegen ist es nicht erstaunlich, dass religiöse Fragestellungen sich anders entwickelt haben als in anderen Ländern der Region.8

Aufklärung sei nötig

Traditionsverhaftet, rückständig und modernitätsfeindlich. Die islamische Welt brauche dringend eine Aufklärung. So wird der Islam von vielen betrachtet.

Besonders bei jungen Menschen scheint Religion allerdings aus der Mode zu geraten. Hierfür gibt es u.a. zwei Erklärungen:

  1. Der „politische Islam“ als abschreckendes Beispiel: IslamistInnen waren in den letzten Jahren allgegenwärtig. In der Öffentlichkeit wird derart viel über den politischen Islam gesprochen, dass er die Alltagsfrömmigkeit der Menschen thematisch überwölbt, auch Musliminnen und Muslime sind zum Teil abgestoßen. Hinzu kommen die vielen Niederlagen des politischen Islam in den letzten Jahren, beispielsweise die Zurückdrängung des „IS“ aber auch Misserfolge gemäßigter islamischer Parteien, wie Ennahdah in Tunesien, Hamas im Gaza-Streifen oder Hisbollah im Libanon.

  2. Die sozialen Medien und das Internet: Die religiösen Autoritäten verlieren an Gewicht, da Oberhäupter zumeist ältere Männer sind, die keinen Zugang zu den Jugendlichen mehr finden. Die Jugendlichen suchen sich im Internet ihre eigene Religion zusammen.

Findet eventuell eine Säkularisierung statt?

Säkularisierung (einer bestimmten Religion) lässt sich verschieden definieren, gängige Definitionen umfassen drei Elemente:

  1. Trennung von Staat und Religion, Trennung von Politik und Konfession, die (nicht notwendigerweise) eine Säkularisierung der Gesellschaft zur Folge hat;

  2. Schwindender Einfluss religiöser Institutionen auf die Gesellschaft;

  3. Die „Entzauberung der Welt“ nach Max Weber:9 die Bedeutung der Religion im Leben und Alltag der meisten nimmt ab, während man sich weiterhin als Glied einer religiösen Gemeinschaft definiert. Säkularisierung ist dann eher eine Marginalisierung als ein Ausschluss der Religion.

Alle diese Tendenzen existieren in arabischen Ländern. Ob das auch zukünftig so bleibt und sich gar immer mehr Menschen von der Religion abwenden, ist natürlich offen. Der tunesische Soziologe Mounir Saidani glaubt, dass die Menschen schon bald wieder ganz anders antworten könnten, wenn es um die Religion geht.10

Dieser Text erschien zuerst im Heft I/2020 von INTERNATIONAL

Quellen und Anmerkungen:

1 Bundeszentrale für politische Bildung

2 Im Folgenden wird auf keine Religion im Speziellen eingegangen, da in den aufgeführten Ländern unterschiedliche Religionen praktiziert werden und die Studie auch keinen Bezug auf eine explizite Religion nimmt.

3 Bei Vorliegen rechtlicher oder kultureller Motive baten die Befragten in einigen Ländern, diese Fragen nicht zu beantworten und zu überspringen. Dieser Ausschluss wurde bei der Auswertung berücksichtigt.

4 Israel und der Iran sind, da nicht arabisch, ausgenommen. Ebenso Saudi-Arabien und die Golfstaaten, da deren Regierungen der Befragung nicht zustimmten. Kuwait fehlt, da die Ergebnisse zu spät vorlagen. In Syrien konnte nicht ermittelt werden.

5 Röther, Christian, “Abschied vom Islam?”, in: Deutschlandfunk, 23.7.2019.

6 „The Arab world in seven charts: Are Arabs tuning their backs on religion?”, in: BBC News, 24. 6. 2019.

7 Freudiger, Nicole, „Verliert die arabische Welt den Glauben an die Religion?“, in: SRF, 26.6.2019.

8 Röther, Christian, “Abschied vom Islam?”, in: Deutschlandfunk, 23.7.2019.

9 Deutscher Soziologe und Nationalökonom.

10 Röther, Christian, “Abschied vom Islam?”, in: Deutschlandfunk, 23.7.2019.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Yulia Grigoryeva / Shutterstock

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