STANDPUNKTE • Meinungsfreiheit und alternativer Journalismus

In eigener Sache – oder ein Blick hinter die Kulissen

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

Immer wieder wird in den klassischen Medien erklärt, „in Deutschland gibt es absolute Meinungsfreiheit“. Dagegen werden die Vorwürfe von Unterdrückung und Verfälschung von Nachrichten durch die marktbeherrschenden Medien immer lauter und zahlreicher. Und das mit eindeutig nachgewiesenen Fällen. Es vergeht praktisch kein Tag, an dem nicht bewiesen wird, wie die wichtigsten Medien Interpretationen statt Inhaltsangaben von Vorfällen abgeben. Aber sind die so genannten „Alternativen Medien“ besser? Und wie sieht es mit der finanziellen Seite des alternativen Journalismus aus? Ich möchte heute meine eigene persönliche Erfahrung als Autor mit einer eigenen Meinung beschreiben.

Da gibt es zunächst die Erfahrung mit den „klassischen“ (Print)-Medien. Vor vielen Jahren, als das Internet gerade begann, sich zu entwickeln, hatte ich mit denen ein kurzes Techtelmechtel. Dabei erhielt ich aber immer wieder von den Redaktionen klare Änderungswünsche hinsichtlich Bewertung von Fakten, Länge des Beitrags, Schwerpunktlegung auf „Beispiele“ oder Zeugenaussagen zur Erhöhung von Emotionalität, dafür Weglassen von Hintergründen und Fakten, usw. Was mir nach kürzester Zeit den Spaß verdarb und ich dann für viele Jahre aufhörte zu schreiben.

Dann, in den Jahren 2016 und 2017, mit dem Ruhestand vor Augen, begann ich Beiträge für Alternative Medien zu verfassen. Das entwickelte sich am Anfang ganz gut. Anders als früher, sah ich es aber nicht als meine Aufgabe an, rein neutral zu berichten, sondern ich empfand die massenmediale Berichterstattung so einseitig, dass ich mich darauf fokussierte, diese Einseitigkeit zu durchbrechen. Aber bald stellte ich fest, dass es „Alternative“ gab, die zwar kritisch sind, aber nicht unbedingt systemkritisch, sondern dem Mainstream doch näher als gedacht.

Da gab es zum Beispiel die Internetseite, welche mir nach einigen Ablehnungen offen mitteilten, dass sie mit mir nicht mehr zusammenarbeiten wollte, weil der Redakteur festgestellt hätte, dass ich beim Kopp-Verlag Bücher veröffentlicht hatte. In einem zweiten Fall war die Erklärung eher indirekt. Wieder eine andere Seite wollte einen Artikel nicht veröffentlichen, der sich kritisch mit der Politik Israels auseinandersetzte. „Das will ich nicht riskieren“. Es ging also gar nicht um den Inhalt meiner Beiträge, sondern um die Tatsache, dass ich es gewagt hatte, in einem vom Establishment ausgegrenzten Verlag, Bücher zu veröffentlichen, oder ein Thema anzufassen, vor dem man Angst hatte, etwas „Falsches“ dazu zu veröffentlichen.

Deshalb hier ein Wort zur Zusammenarbeit mit dem Kopp-Verlag. Es war der Verlag, welcher mir anbot, zwei Bücher (1) zu veröffentlichen, ohne irgendwelchen Einfluss auf ihren Inhalt zu nehmen, während mir die etablierten Verlage entweder gar nicht geantwortet, oder die Bücher abgelehnt hatten. Die Zusammenarbeit mit dem Lektorat war gut bis sehr gut, und ich fühlte mich in keiner Weise irgendwie in meiner Arbeit beeinflusst oder behindert. Es gibt natürlich im Kopp-Verlag Bücher, für welche ich sicher keine positive Rezension verfassen würde. Aber es gibt auch sehr interessante Bücher. Nicht nur die Neuauflage von „Die einzige Weltmacht“ von Zbigniew Brzezinski, ein Buch, das bei der Erstausgabe von führenden deutschen Politikern empfohlen worden war. Nun, veröffentlich in einem „Paria-Verlag“ durfte man es natürlich nicht mehr lesen. … Einen Autor und sein Buch alleine deshalb abzulehnen, weil es in einem „gewissen“ Verlag erscheint, hat meiner Meinung nach überhaupt nichts mit den Grundprinzipien einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft zu tun. Das passt eher zu autoritären, dogmatischen und/oder faschistoiden Systemen. Sind wir denn schon wieder so weit?

Zurück zu den alternativen Internetseiten. Neben den bereits erwähnten Seiten, welche sich gerne, meinem Eindruck nach, dem politischen Mainstream annähern möchten, gibt es eine Klasse von Seiten, welche eine gesellschaftspolitische Richtung vertreten will. Und dort wurde mir einmal erklärt, dass ein Beitrag, der bereits erschienen war, überarbeitet werden müsse, man hätte ihn wieder vom Netz genommen, weil jemand Anstoß daran genommen hatte. Das mit den Änderungswünschen ging so lange, bis ich begriff, dass man wollte, dass ich den Inhalt verändern sollte, was ich nicht tat, sondern auf die Veröffentlichung verzichtete. Die gleiche Seite wollte dann einen Artikel, den ich angekündigt hatte, nicht veröffentlichen, weil man sich darauf geeinigt hatte, eine darin genannte These nicht zu unterstützen.

Trotzdem arbeite ich weiter mit dieser Seite zusammen. Denn angesichts der eindeutig einem Narrativ folgenden Berichterstattung in den Massenmedien, ist es legitim, eine Gegenposition aufzubauen, und zu versuchen, diese ohne größere Diskussionen medial zu vermitteln. Auch wenn dies nicht meiner persönlichen Meinung entspricht, wie ein solches Medium den Mediennutzer informieren und aufklären sollte.

Nun, dann gibt es noch zwei Medien, die in meinem Rückblick fehlen. Da ist zunächst deutsch.rt.com, also die deutsche Sparte von Russia Today. Dort hatte man einmal einen Artikel abgelehnt, weil man nicht zu aggressiv erscheinen wollte, und befürchtete, dass er als ein „bezahlter Meinungsartikel“ erscheinen könnte. Wer die mediale Bekämpfung und Verleumdung des Senders kennt, muss eine solche Entscheidung akzeptieren. Der Artikel erschien dann in einem anderen Medium. Alle anderen Artikel wurden ohne inhaltliche Veränderung (aber nach sorgfältiger Prüfung der Links auf Übereinstimmung mit den Behauptungen im Artikel) oder Einflussnahme auf die darin enthaltenen Fakten und Thesen veröffentlicht.

Und bleibt noch dieser Kanal von KenFM. Was ich hier erlebe ist wirklich einzigartig. Auf keinen Beitrag wurde irgendwie Einfluss genommen, auch wenn er anderen bereits erschienenen Beiträgen widersprach. Insofern realisiert KenFM in einem medialen Mikrokosmos, was ich mir eigentlich von den Massenmedien erwarten würde.

Aber was hat das alles mit Meinungsfreiheit zu tun?

Nun, natürlich gibt es immer ein alternatives Medium, in dem man seine Meinung verbreiten kann. Im Zweifel kann man ja seinen eigenen „Speakers Corner“ in Form eines Blogs aufbauen. Insofern stimmt es, dass wir in Deutschland nominell „Meinungsfreiheit“ genießen. Allerdings stellt sich die Frage, inwieweit durch die Macht der Massenmedien, und der damit verbundenen Dämonisierung und Verleumdung von Medien, diese Freiheit nicht letztlich wieder eingeschränkt wird. Wer Verlage oder Internetseiten mit der Macht von Milliarden Euro aus erzwungenen Beitragszahlungen für „öffentlich-rechtliche Medien“ bekämpft, wer sie als Feind betrachtet, statt als Ergänzung der pluralistischen Meinungsvielfalt in der Gesellschaft, der boykottiert damit auch die Meinungsfreiheit.

Etwas Ähnliches gilt auch für die „privaten“ Medien, die in der Hand weniger Konzerne sind, und die sogar nicht dafür zurückschrecken, mit ihrer finanziellen Macht zu versuchen, widerspenstige Blogger mit der juristischen Keule mundtot zu machen (2). Diese Konzerne verfügen über ein anachronistisches Recht. Denn Medien gelten in Deutschland als „Tendenzbetriebe“. Dies schränkt die Rechte der Mitarbeiter ein, und stärkt die Rechte des Eigentümers. Mit anderen Worten, der Eigentümer bestimmt, was geschrieben und gesendet wird. Je weniger unabhängige Medienunternehmen es gibt, desto einseitiger wird natürlich die Berichterstattung. Denn je größer die Unternehmen werden, desto enger sind sie in die Welt der Konzerne und des Finanzwesens eingebunden.

Die Zeit der Entstehung des Journalismus in Deutschland, als mutige Einzelkämpfer mit einer städtischen Zeitung, gegen Korruption und Obrigkeitsstaat anschrieben, ist vorbei. Und damit ist auch der klassische Journalismus gestorben, der auf der Integrität und dem gesellschaftlichen Engagement seiner Protagonisten aufbaute. Aus diesem Grund hat der Status „Tendenzbetrieb“, der einmal solche Unternehmer schützen sollte, sich in sein Gegenteil verwandelt: In eine Waffe zur Verhinderung von Meinungsfreiheit. Und dabei ist der Konformitätsdruck so weit verbreitet, dass Bewerber schon vor der Einstellung wissen, was man von ihnen erwartet. Sie brauchen gar keine schriftlichen Anweisungen mehr, wie zum Beispiel solche, welche Mitarbeiter der Springer Medien verpflichteten, nur positiv über die USA und Israel zu berichten.

Hat ein „Tendenzbetrieb“ eine kritische Masse erreicht, schränkt der Status als „Tendenzbetrieb“ eindeutig die Pluralität der Meinung ein. Solche meinungsbestimmenden Medien müssten im Gegenteil verpflichtet sein, die pluralistischen Gegebenheiten und Meinungen in der Gesellschaft wieder zu spiegeln.

Die Finanzierung der „Meinungsfreiheit“

Nur die allerwenigsten Journalisten, welche in alternativen Medien veröffentlichen, können wirklich von ihrer Arbeit leben. Obwohl ich mindestens so viel Zeit mit recherchieren, schreiben und veröffentlichen, wie viele festangestellten Journalisten oder Redakteure verbringe, und eigentlich in, für alternative Medien, gut verbreiteten Seiten, und damit auch 8 bis 12 Stunden täglich beschäftigt bin, bringen mir die Texte im Jahr höchstens 2500 bis 6000 Euro an direkten oder Einnahmen aus VG-Wort im Jahr ein. Das Finanzamt erlaubt mir dann großzügig, 25% als pauschale Kosten, abzuziehen, bevor ich die Einnahmen versteuern muss.

Bei Büchern sieht es ähnlich aus. Die bekannten Verlage veröffentlichen nur Bücher von bereits bekannten Persönlichkeiten. Die kleinen Verlage haben keinerlei Möglichkeiten Marketing oder Werbung zu finanzieren, weshalb die Umsätze in der Regel zwar die Kosten der Verlage abdecken, aber für den Autor nur Brotsamen übrig bleiben, die nicht mal die Kosten des Stroms für den Computer abdecken. Nie wird der gesetzliche Mindestlohn erreicht, wenn man den Aufwand mit dem finanziellen Ergebnis vergleicht.

Bücher kaufen, Veranstaltungen besuchen, Reisen, oder Feldforschung ist daher nur möglich, wenn man Mittel aus anderen Einnahmequellen einsetzt.

So lange, wie die Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Medien ausschließlich für diese eingesetzt werden, ist es daher unmöglich, genügend jüngere Journalisten für alternative Medien zu begeistern, denn wer bezahlt ihnen den Lebensunterhalt?

Durch diese Tatsache können „Alternative“ nur existieren, wenn sie einen zusätzlichen Hauptberuf haben, der Ihnen genügend Einnahmen verschafft, eine Lebenspartnerschaft, welche die Finanzierung der Familie übernimmt, oder wenn sie, wie ich, nach einem abgeschlossenen erfolgreichen Arbeitsleben oder auf andere Weise finanziell unabhängig sind. Aber genau das verursacht natürlich wieder Einseitigkeiten in der Berichterstattung der „Alternativen“! Jeder der medial arbeitet, tut das aus seiner persönlichen Sicht, welche von der Lebenssituation beherrscht wird. Niemand kann sich davon frei sprechen. Und deshalb fehlt bei den Alternativen die notwendige Zahl von Journalisten, welche die täglichen Nachrichten in alternativer Form aufbereiten.

Fazit

Natürlich kann also jeder seine Meinung sagen. Aber er muss damit rechnen, seinen Job zu verlieren, keine öffentlichen Räume vermietet zu erhalten (wie zum Beispiel, wenn es um Israel und die Veranstaltungen der BDS-Bewegung geht), oder von den Massenmedien verleumdet und boykottiert zu werden, wirtschaftlich zu verelenden, und in die soziale Grundsicherung zu fallen.

Um wirkliche Meinungsfreiheit zu gewährleisten, wären aber mehrere Maßnahmen erforderlich:

  1. Strikte Trennung von Nachricht und Kommentar. Eigentlich eine Grundforderung an den Journalismus, der aber heutzutage praktisch nicht mehr beachtet wird. Stattdessen erhalten Journalisten Auszeichnungen, die sich klar zugunsten eines „Erziehungsauftrages“ äußern.
  2. Pluralität der Meinungen. Durch eine angemessene Vertretung von Meinungen unterschiedlicher Richtungen der Gesellschaft. Was heute selbst medienübergreifend nicht mehr der Fall ist, wie das Beispiel der Berichterstattung über die Ukraine, Syrien oder den Iran beweist.
  3. Kontrolle der Medien durch die Gesellschaft. Durch eine Kontrolle der Medien durch die Gesellschaft, welche die Möglichkeit eröffnet, Sanktionen zu verhängen, sollten die vereinbarten Grundsätze missachtet werden ist vielleicht die wichtigste Forderung. Eine Kontrolle der Medien erfolgt nicht einmal im Fall der „öffentlich- rechtlichen“ Medien, wie man an der Geschichte von Maren Müller und dem Verein „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e.V.“ erkennen kann. Und so können „Faktenchecker“ einfach behaupten, dass „Fake-News“ nur bei den „Alternativen“ vorkommen. Und so wird die Medien-Geschichte der Kriege gegen den Irak, Serbien, Libyen, Syrien, oder den Regime-Change 2014 in der Ukraine usw., kurzerhand in ihr Gegenteil verkehrt.
  4. Trennung von Nachricht und Bezahlung. Durch eine, zumindest teilweise, Trennung von Nachricht und Bezahlung. Das heißt, so lange zum Beispiel der Staat, bzw. von den politischen Parteien kontrollierte Gremien, über die Bezahlung von Journalisten entscheiden, so lange kann es keinen unabhängigen Journalismus geben. Und das ist wohl auch gewollt. Anders lässt sich nicht erklären, dass die Bundesregierung darüber nachdenkt, Zeitungsverlage wegen der wegbrechenden Einnahmen aus dem Print-Geschäft zu unterstützen (3), statt alternative Journalisten und Medien zugunsten einer pluralistischen Informationspolitik zu unterstützen.

So ist zwar Meinungsfreiheit innerhalb der Seiten von KenFM weitgehend realisiert (wobei es sicher auch hier Fälle geben wird, über die man diskutieren könnte, weil mein Einblick naturgemäß beschränkt ist), nicht aber innerhalb der Mediengesellschaft. Denn seine Meinung sagen zu dürfen, ohne erschossen oder eingesperrt zu werden, bedeutet so wenig, Meinungsfreiheit zu genießen, wie Wahlen automatisch bedeuten, dass ein Staat eine Demokratie ist.

Quellen:

(1) https://www.kopp-verlag.de/a/die-menschenrechtsindustrie-im-humanitaeren-angriffskrieg-3

(2) https://jomenschenfreund.blogspot.com/2017/07/der-stern-fake-news-propaganda-und.html

(3) https://www.deutschlandfunk.de/subventionen-fuer-verlage-bundesregierung-foerdert.2907.de.html?dram:article_id=463450

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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15 Kommentare zu: “STANDPUNKTE • Meinungsfreiheit und alternativer Journalismus

  1. Das ist nun übrig geblieben von der Idee einer Stiftung. Was braucht es hierzu? Einen, der sich auskennt mit Stiftungsrecht, oder der Zeit hat, sich dort kundig zu machen, jemand der sich mit Journalismus auskennt und jemand, der PR kann. Ich bin nur Konsument und ansonsten Maschinenbauer i. R. Aber organisieren würde ich schon gerne auch. Wie kommen wir zusammen?

  2. Was dürfen wir uns denn vorstellen unter einem "Druck der Öffentlichkeit" und wie werden "die Reihen der "Alternativen" geschlossen"?
    Öffentlichkeit – wer ist das, der da welchen Druck wie ausüben soll und in welche Richtung?
    Wie schließt man die Reihen der Alternativen und welche Reihen sind das? Wer alles bildet welche Reihe, die sich durch welche Merkmale auszeichnet? Und was bedeutet "schließen"? Etwa wieder "wann wir schreiten Seit' an Seit'"? Oder diesmal vielleicht doch etwas Moderneres?
    Ein bisschen konkreter hätte ich es schon gerne.
    Warum nicht die Sache gleich einmal ganz praktisch angehen, jetzt sogleich, ohne "viel zu diskutieren", ohne alles erst theoretisch gründlichst auszuloten, bis man sich dann endlich einmal (wann denn?) zum Handeln entschließt? Auch auf die Gefahr hin, dass die Reihen noch nicht geschlossen sind. Vielleicht erlebt man dann ja die Überraschung, dass sich gerade durch das Handeln wie von selbst der gewünschte Druck der Öffentlichkeit aufbaut. Theoretische Erkenntnisse können gewiss viel Zustimmung ernten, aber motivieren sie immer auch gleich zum Handeln? Irgendjemand muss doch auch einmal handeln und damit den Leuten zeigen, dass das geht, dass man kluge Gedanken nicht nur toll finden sondern auch in die Tat umsetzen kann.
    Warum greift man nicht praktische Vorschläge auf wie z.B. den von cyberzaurus? Solche Vorschläge könnten nämlich zu einem Lösungsansatz für das zentrale Problem junger Journalisten entwickelt werden, nämlich die Bestreitung ihres Lebensunterhalts. Und wenn jemand wie ich als Einzelkämpfer mit wenig Startkapital seine selbstständige Existenz aus dem Nichts aus dem Boden gestampft hat, wäre man sehr wohl in der Lage, wohlstandsverwöhnten jüngeren Leuten zu zeigen, was man alles nicht braucht, auf welche Konsumartikel und Statussymbole man getrost verzichten kann, als Preis für den erheblichen Zugewinn an Freiheit und Unabhängigkeit.
    Wollen wir die Sache nicht auch mal von der praktischen Seite angehen? Worum es gehen muss, haben wir hier doch dank der hervorragenden Infomationen, auch von Mitschka, in der Theorie so ungefähr längst begriffen, da könnten wir doch jetzt zum Handeln übergehen.

    • Dieser Kommentar sollte eigentlich als Antwort unter Bertram 25. November 2019 at 15:05 stehen.

  3. Lieber Herr Mitschka,

    vielen Dank für den wiederum ausgezeichneten Artikel. Ja die wichtigste Frage ist, wie würde man sich eine wirklich die Demokratie fördernde Regelung bezüglich der Medien vorstellen?

    Es ist offensichtlich, dass es keine Demokratie geben kann, wenn es ein Leichtes ist die Massen "beliebig" zu manipulieren. Wir dürfen nicht vergessen, wir erfahren die "Wirklichkeit" da draußen NUR über die Medien, sofern sie nicht aus unserer unmittelbar erlebten Erfahrung kommt! Und von Walter Lippmann aufwärts und über so genannte Qualitätsmedien bis hin zur Einflussnahme auf die neuen Medien im Internet siehe Facebook und Cambridge Analytica, ist es klar, dass es immer um die Steuerung des Denkens der vielen Menschen geht, weil es jede Macht braucht, dass die Menschen ihr zustimmen. Das gilt schon für Diktaturen und es gilt noch viel mehr für das was wir Demokratie nennen, wo sich allerdings immer die Macht der Bereicherungs-Eliten durchsetzen sollen. Und wie Rainer Mausfeld so schön zeigt, gibt es dafür ein toll ausgefeiltes System und "unsere" Herrschaft ist durchaus erfolgreich damit.

    Wir müssen aber auch sagen es gibt keine Informationen ohne Meinung. Es gibt mehr oder weniger objektive und es gibt mehr oder wenig weniger offensichtlich verfälschte oder gelogene Benachrichtigungen. Aber immer werden hinter Nachrichten entweder Standpunkte (Ideologien) oder Interessen (auch eine Form von Standpunkt) stecken. Was wir uns wünschen müssen, ist dass vor allem jenes Interesse, jener Standpunkt zur Wirkung kommt, der sich weder am Staat noch am großen Eigentum sondern an der ganz normalen, zivilen Bevölkerung orientiert. In dem Sinn muss es ein breit aufklärender Standpunkt sein, dessen Objektivität eben diesem höchst legitimen Interesse der Bevölkerung dient.

    Wie könnten wir uns das in einer gedachten Demokratie vorstellen? Die Hauptfrage ist, wie Sie richtig herausarbeiten, wer bezahlt die Journalisten. Bezahlt sie der Staat? Dann wird dieser die Journalisten zwingen zu schreiben was der Staat will. Bezahlt sie das große Eigentum (Konzerne und Konzerne der Medienlandschaft) dann werden diese die Journalistinnen zwingen zu sagen was diese Eigentümer wollen. Was wir also bräuchten ist dass die Stimme der Zivilgesellschaft bezahlt wird. Es müssten dabei ja auch nicht nur klassische "JournalistInnen" sein.

    Wie kann man hier die Auswahl treffen, wem man Geld gibt und wem nicht? Man kann ja nicht jeden bezahlen der irgendwann irgendwo einen Artikel schreibt. Sollte man die bezahlen deren Artikel viel gelesen werden? Sollte man die bezahlen, die eine Ausbildung durchlaufen haben? Sollte man durch ein Zufalls System herausfiltern, wer bezahlt wird? Die Frage der Kontrolle wie Sie sie ansprechen, ist zweifelsohne von enormer Bedeutung. Aber die Kontrolle kann nicht aufheben was die Befehle von Staatsmacht und großen Eigentum erwirken. Wir müssen für ein System kämpfen, das von Anfang an freien Journalismus für das Interesse der ganzen Bevölkerung garantiert.

    Ihr letzter, Punkt, der Vierte, spricht die Sache an, wie sie sich heute als Frage aufdrängt: Soll man den alternativen Medien öffentliches Geld geben? Das genau wäre doch richtig. Die Gesellschaft zahlt sich selbst die von ihr gewünschte vielfältige Benachrichtigungs-Stimme der (Zivil-)Gesellschaft. Selbstverständlich spricht eine Menge dafür, die Frage so zu lösen. Die heute "alternativen Medien" verdienen öffentliches Geld zum Teil viel mehr als die offiziellen Medien. Aber es geht auch um Grundsätzliches. Wird es morgen mit den alternativen Medien auch so sein? Wie leicht können Leute in der alternativen Szene gekauft werden? Wie kann man das verhindern? Und wie kann man verhindern, dass es zur Beliebigkeit wird, was geschrieben wird? Die Inhalte müssten ja auch eine gesellschaftliche Debatte widerspiegeln. In der Gesamtheit der Gesellschaft könnten wir am ehesten sagen, dass es "reine Inhalte" ohne Meinung gibt. Insofern eben, als alle Meinung repräsentiert sind. Aber wie geht das? Und dann gibt es sicher immer noch sehr viele, sehr kluge verborgene Meinung. Wie kann die ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden und Aufmerksamkeit finden?

    Das sind alles Fragen, für die man sich mal zusammensetzen sollte und gründlich überlegen sollte. Danke für Ihren Anstoß! Und dann sollten wir einen Forderungskatalog aufstellen, einen Vorschlag nachdem man klar sagen kann: So soll das Problem im Sinne echter Demokratie gelöst werden. Ein Vorschlag, mit dem man auch an die Öffentlichkeit treten kann und sagen kann: Das wollen wir anstatt der Meinungsmanipulation, das wollen wir damit es wirklich Demokratie gibt.

    Aber natürlich ist klar unter bestehenden Machtverhältnissen, die eine Bereicherungsordnung bedienen muss, wird es einen vehementen Kampf gegen alle solche Vorschläge geben. Was eben gerade nicht heißt, dass man sie nicht formulieren soll. Gerade, um eine Perspektive zu zeigen. Demokratie ist notwendiger Weise eine Sache, die sich gegen Oligarchien und Fremdbestimmung richtet. Neue Regeln für Meinungsfreiheit im Sinne, dass Manipulation durch Mächtige ausgeschlossen wird, sind eben Teil von echter Demokratie.

    • Wie wäre es, wenn wir ein Konzept ausarbeiten, wie Juniorjournalisten ermöglicht werden kann, Qualitätsartikel zu veröffentlichen? Ich stelle mir eine gemeinnützige Stiftung vor, die Qualitätsstandards beschreibt und dann um Vorschläge von Juniorjournalisten bittet, welche Themen unter Beachtung dieser Qualitätsstandards bearbeitet und veröffentlicht werden sollen. Mit dem Stiftungsvermögen würden die interessantesten Vorschläge bezuschusst. Parallel könnte die Stiftung Seniorjournalisten auf der Basis ehrenamtlicher Arbeit ein Zuhause bieten, damit diese über die Qualitätsstandards und deren Einhaltung wachen. Ein Beirat, der das ganze Meinungsspektrum abdeckt, entscheidet über die Vergabe der Zuschüsse. Das Konzept selbst sollte möglichst auch von Senior- und Juniorjournalisten ausgearbeitet werden.

    • Danke für den ausführlichen Kommentar. Natürlich gäbe es viele Ansätze und viel zu diskutieren. Ich habe schon 2015 in zwei Artikel auch konkretere Vorschläge gemacht, nur als Diskussionsansatz https://jomenschenfreund.blogspot.com/2015/02/medien-zu-regulieren-wichtiger-als.html und https://jomenschenfreund.blogspot.com/2015/02/demokratie-versuch-gescheitert.html Aber ohne Druck der Öffentlichkeit wird sich niemand freiwillig aus seinem kuscheligen warmen Konformitätsbettchen bewegen.

      Damit es zu einer öffentlichen Diskussion kommt, müssen zuerst die Reihen der "Alternativen" geschlossen, und das "teile und herrsche" abgewehrt werden.

    • Junior oder Senior sagt nichts über die Qualität und die Objektivität von Artikeln aus. Aber die Sache mit der öffentlichen Stiftung finde ich sehr interessant. Ja es müsste irgendwo einen Topf geben aus dem Mann unabhängig Geld entnehmen kann und Qualitätsjournalismus. Keine Befehlsketten vom Staat keine Befehlsketten von großen Eigentum….

  4. „Meinungsfreiheit“ ist nicht das Problem.

    Es wird immer eine „herrschende Meinung“ geben. Selbige korrespondiert in den wesentlichen – herrschaftsrelevanten – Zügen mit der der „Herrschenden“ und damit auch der des Staates.

    Die „herrschende Meinung“ herrscht jedoch auch über die „Tatsachen“ – und das ist das Problem.

    In Phasen einer „relativ stabilen Herrschaft“, in denen vor allem objektiv deren Bestand nicht bedroht ist oder nicht in Frage steht, gibt sich die „herrschende Meinung“ beim Umgang mit „Tatsachen“ recht locker, soll heißen, auch solchen, die „herrschenden Meinung“ nicht tragenden oder selbiger gar widersprechenden, „Tatsachen“ wird der Zugang zum öffentlichen "Herrschaftsraum" mehr oder weniger ermöglicht.

    Das ändert sich naturgemäß dann, wenn „Herrschaft“ zunehmend krisenhafte Züge annimmt.
    Dabei ist eine anwachsende Renitenz der „Beherrschten“ nur die eine (sichtbare) Seite und von Fall zu Fall noch nicht einmal das entscheidende Symptom.
    Vielmehr und ganz wesentlich ist „Herrschaft" in der Krise, von einem Aufkommen vermehrter Zweifeln der „Herrschenden“ an selbiger gekennzeichnet, verbunden mit einer um sich greifenden Ratlosigkeit.
    Und gerade solches können wir heute mit etwas Sensibilität durchaus bemerken.

    Hinzu kommt heute, daß die „herrschende Meinung“ das Instrumentarium für eine Herrschaft über „Tatsachen“ in diesem völlig neuen „Herrschaftsraum“, der da durch das „www“ entstanden ist, erst noch entwickeln muß (und man arbeitet ja schon recht fleißig daran).
    Insoweit gab und gibt es z. T. noch so etwas wie „Tatsachenanarchie“, was letztendlich zumindest eine Erklärung für das manchmal schon absurde und in seiner Durchsichtigkeit geradezu hilflose Agieren der "herrschenden Meinung" sein könnte.

    • Tja, wenn ich das wüßte… dann würde ich ein Programm schreiben und eine Partei gründen.
      Die hätte dann wahrscheinlich ziemlich genau ein Mitglied und Parteivorsitzenden, Generalsekretär und Pressesprecher in Personalunion. (Auf einen Schatzmeister könnte die Partei Mangels eines Schatzes verzichten.)

  5. Wessen Brot ich ess …

    Gut zusammengefaßt. Danke! In früheren Zeiten war die abweichende intellektuelle Reflektion primär eine Domäne der mit einer gewissen Bildung versehenen Mitglieder der Kirche und/oder der Aristokratie. Später kamen die höheren Bildungseinrichtungen, die Universitäten hinzu; die gerade wieder eingehegt werden, deren Absolventen im systemkonformen Hamsterrad laufen (müssen).

    In der Tat sind es heute nicht mehr die alten, neuen, jungen 68er, sondern -von Ausnahmen abgesehen- die via ihrer solventen Einkommenssituation kaum diffamierbaren, kaum angreifbaren (jungen) Alten, welche den weiterhin notwendigen Part der kritischen Reflektion übernehmen.

    "Die" ebenfalls einzuhegen, das wird noch einiges an kreativen Restriktionen, an "guten" Sanktionen erfordern. Denen keine Räume mehr zu vermieten dürfte nicht reichen, kaum mehr als ein Anfang sein. Da sollte man sich keine Illusionen machen …

  6. Aber sind die so genannten „Alternativen Medien“ besser? JA JA JA !!!

    Aber „Alternativen Medien“ ist ein weiter Begriff. Frei ist man dort auch nicht, alles muss finanziert werden. Man dosiert und bedient halt sein Zielgruppe und will sie nicht "vor den Kopf stoßen". Auch dort wird zensiert oder erst gar nicht das Thema aufgenommen und Leserbriefe werden sortiert und bestimmte Personen gar nicht eingeladen oder es wird "unter den Teppich gekehrt", kenne da einen Fall Susan Bonath! Und sicher wissen hier viele mehr zu nennen im gesamten Spektrum der ALTERNATIVEN.

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