STANDPUNKTE • Rufer in der Wüste oder die Realität der Alternativen (Podcast)

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

Heute will ich einmal über die Gedanken eines alternativen Autoren berichten, wie er sonst kaum wahrgenommen wird. Wir Menschen müssen ja immer wieder als stark und entschlossen wirken, dürfen uns keine Blößen geben, und wollen Irrtümer selten zugeben. Ich habe in meinem Alter beschlossen, mit diesen Vorgaben abzuschließen. Ich brauche das nicht mehr. Fehler? Na und, jeder macht Fehler, aus Fehlern kann man lernen. Stark und entschlossen wirken?

Warum?

Ich will ja keine „Führer“position ausfüllen, weder in Politik, noch Wirtschaft und auch nicht in der „Wahrheitsvermittlung“. Weshalb muss ich da stark und entschlossen sein? Keine Blößen geben? Na und, wenn jemand meine Schwächen ausnutzen will, wird es letztlich auf ihn zurückfallen. Aber da ich kein Problem damit habe, sie zuzugeben, wie soll man sie da ausnutzen? Und so beschloss ich diesen PodCast einmal der inneren Psyche eines die Wahrheit Suchenden und Vermittelnden zu widmen.

Als ich Mitte der 1960er Jahre zur Schule ging, war ich etwa eine Stunde mit Bus und Straßenbahn unterwegs. Meine Eltern gaben mir das Geld für eine Wochenkarte, aber ich nutzte es manchmal, wenn das Taschengeld nicht gereicht hatte, um die neueste Ausgabe des Spiegels zu kaufen. Ich verschlang jede Ausgabe bis auf die letzte Zeile, einschließlich der Leserbriefe. Und ich dachte: „Man müsste der Welt nur die Wahrheit sagen, dann wird sich alles zum Besten wenden“. 50 Jahre später ist mir nicht nur die Achtung vor dem Spiegel, sondern auch dieser Glaube abhanden gekommen.

Nun hatte ich schon länger nicht mehr gedacht, dass die Menschen wirklich daran interessiert sind, eine Erklärung zu erhalten, die möglichst nahe an der „objektiven“ Wahrheit ist, soweit es die überhaupt gibt. Aber von den Bundestagsabgeordneten, die sich ja im politischen Kampf haben durchsetzen müssen, war ich der Meinung, dass sie zumindest teilweise dieses Interesse hätten, wenn sie auch aus ideologischen Gründen nicht immer danach handelten.

Der 17. Mai 2019 war dann aber eine Zäsur in meiner Einschätzung der Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Da waren dann auch noch E-Mails von Abgeordneten (2), (3), die so viel Unwissenheit oder bewusste Irreführung ausstrahlten, dass ich zunächst nicht wusste, wie man das einordnen sollte. Die Statements allgemein waren so voller Verdrehungen, Halbwahrheiten und schlicht Unwahrheiten, dass ich kurz fassungslos war.

Und durch die Diskriminierung der BDS-Bewegung als „antisemitisch“ wurde vorhersehbar die Tür geöffnet, jedwede Kritik an der rechtsextremen Politik Israels, die nun droht ins faschistoide abzugleiten, in Deutschland zu verhindern (4). Wie konnte das passieren? Ich schrieb ein Buch (1), das auch als Nachschlagewerk für jene dienen könnte, die auf die immer wieder auftretenden Behauptungen zionistischer Politiker in Deutschland oder Israel Antworten suchen. Aber die Resonanz war minimal.

Um mich nicht von dem Thema „auffressen“ zu lassen, um Abstand zu gewinnen, fokussierte ich mich auf die Hintergründe von Greta Thunberg und die Klimabewegung, woraus ein Buch entstand, und daraus vielleicht bald eine PodCast-Serie. Aber danach entschloss ich mich, doch noch einmal die Situation in Israel genauer zu beschreiben. Ich wollte anhand von Medienmeldungen nur aus dem Jahr 2019 darstellen, welche Art von Regime in Israel herrscht, und wozu die Bundestagsabgeordneten ihre bedingungslose Unterstützung erklärt hatten, indem sie jede Kritik an seinem Vorgehen in Deutschland abwürgen.

Daraus wird wohl ein dickes Buch im Format A4-Quer mit 600 Seiten werden. Wobei die Größe alleine durch die Druckmöglichkeiten limitiert wird. Ich will das Buch bis zum März fertig bekommen. Aber es fällt mir immer schwerer, mich darauf zu konzentrieren. Die Menge an Informationen über Verbrechen gegen die Würde des Menschen, gegen die Selbstbestimmung des Menschen, gegen die Menschenrechte und das Völkerrecht allgemein sind atemberaubend. Wer in der Schule und im Elternhaus noch zu Empathie erzogen wurde, und nicht für diese Ellenbogengesellschaft, die im Laufe der neoliberalen „Reformen“ entstand, muss zwangläufig anfangen, an grundsätzlichen Dingen zu zweifeln. Und so muss ich immer häufiger Abstand gewinnen, tief durchatmen, um mich nicht von dieser Realität überwältigen zu lassen.

In diesen Momenten geht mir immer wieder die Szene aus dem Film „Matrix“ durch den Kopf, in der dem Hauptprotagonisten die Auswahl zwischen Roter und Blauer Pille gegeben wird. Und ich glaube, dass dieser Film näher an der Realität ist, als alle anderen kritisch-politischen Science Fiction Filme oder Bücher. Nur suggeriert der Film, dass man nach der Wahl der Roten Pille etwas bewirken könne. Und hier setzt meine Kritik an. In der Realität wird niemand, der die Rote Pille genommen hat, sich am Ende wie Supermann in die Lüfte erheben und erklären, die Menschheit zu retten.

Der Grund liegt in der Widerstandskraft des Status Quo, der in Deutschland ganz besonders groß ist. Und so dienen die „Alternativen“ nicht dazu „die Menschen zu retten“, sondern denjenigen, welche die Blaue Pille genommen haben als Beispiel, dass alles ja demokratisch und frei wäre. Der Status Quo braucht nur zu erreichen, dass diejenigen welche die Blauen Pillen schluckten, daran zweifeln, dass diejenigen der Roten Pille näher an der Wahrheit sind. Der Status Quo braucht nicht zu überzeugen, dass er Recht hat, nur dass die anderen vielleicht auch Unrecht haben. Was mit unerschöpflichen Geldmitteln und den klügsten Köpfen der Eliteuniversitäten ein leichtes Spiel ist. Und so wird im Zweifel der Blaupillenjunkie lieber beim „Bewährten“ bleiben, egal wie sehr er es kritisiert. So geht er, jedenfalls glaubt er das, das geringere Risiko ein.

So war es tausende von Jahren, und so wird es noch viele Generationen nach uns sein. Aber wie kommt man aus dieser psychologischen Zwickmühle, nichts verändern zu können, als Alternativer heraus, ohne Zynismus zu entwickeln oder zu verzweifeln? Mir hilft da eine Einstellung, die ich in meiner Studienzeit gewonnen habe, und die aus Neigung zu Albert Camus stammt, und insbesondere zu seiner Arbeit über den Mythos des Sisyphos.

Schon kurz nach dem letzten Weltkrieg hatte Camus beschrieben, dass der Mensch sich in einer absurden Situation befindet. Die Absurdität ergibt sich nach Camus aus der Tatsache, dass der Mensch die Welt als widersinnig empfindet, und sie ist ja auch tatsächlich unglaublich verrückt, andererseits aber „der Mensch“, sagen wir hier „der Alternative“, einen Sinn sucht. Machen wir es kurz. Camus erklärt, dass man mit dieser Absurdität in drei Stufen klar kommen kann.

  • Man erkennt die Absurdität an
  • Man nimmt sie an als unabänderlich
  • Man erklärt seine permanente Rebellion dagegen.

Und das wäre die Lösung für das Rätsel, wie Sisyphos, der von den Göttern verurteilt worden war, einen Felsbrocken den Berg hoch zu rollen, nur damit er auf der anderen Seite wieder runterrollen kann, sein Schicksal bezwingen kann. Es ist der ewig währende Kampf gegen den Gipfel, der den Sinn ergibt, der Sisyphos entgegen den Absichten der Götter nicht zu einem verzweifelten, sondern glücklichen Menschen macht. Wenn der Felsbrocken den Berg hinunterrollt, oder das Buch oder der Artikel des Alternativen veröffentlicht ist, dann gibt es den Moment der Rebellion, das Aufblitzen des Aufbegehrens. Und so lange Sisyphos atmet oder der Alternative sich ausdrücken kann, so lange währt dieser Kampf an, und ist letztlich was für beide den Sinn des Lebens ausmacht.

Das ist jetzt alles etwas kurz gefasst, und Philosophen werden die Stirn runzeln. Aber es ist nichts anderes, als den Weg als Ziel zu erkennen. Auch wenn keine Chance besteht, ein Ziel zu erreichen, kann das Überwinden des Weges, das Begehen des Weges, die Überwindung des eigenen Schicksals, den Sinn des Lebens ausmachen. So dass der „Alternative“ am Ende, wenn er aufhört zu atmen, seinem Leben einen Sinn gegeben hat.

Nun ist so eine Einstellung für jemanden wie mich, in meinem Alter und meiner Position, relativ einfach zu realisieren. Deshalb bewundere ich jene Bundestagsabgeordneten, die jeden Tag aufstehen, und den Kampf, die Rebellion erneut beginnen. Es gibt sie, in fast allen Parteien. Es sind Wenige, aber es gibt sie. Sie werden vom System geduldet, weil es für das System der Beweis ist, wie frei und demokratisch das System ist.

Zurück zu meiner augenblicklichen Arbeit über Israel. Ich werde das Buch noch fertig stellen. Aber dann will ich mich wieder auf andere Themen konzentrieren. Ich kann mir nicht die Last der Palästinenser immer schwerer auf die Schultern heben, sonst schaffe ich es nicht mehr, den Felsen weiter den Berg hinauf zu rollen.

Das Jahr neigt sich dem Ende

Aber zuerst kommt wieder die Zeit, in der Spitzenpolitiker zum Mikrofon greifen, und erhabene Worte von sich geben. Hören Sie diesmal nicht einfach weg, weil sie die Heuchelei leid sind. Sondern hören Sie gut zu.

Denn man wird von Verantwortung reden und Angriffskriege meinen (6). Man wird von Demokratie reden und das Primat der Parteien (5) meinen. Man wird von Freiheit reden, und die Unterordnung unter den Willen der NATO meinen. Man wird von „mehr Verantwortung in der Welt“ reden, aber damit ankündigen, dass der normale Bürger noch mehr Opfer bringen muss, weil dafür natürlich Geld ausgegeben werden muss, und man wird damit meinen, dass man mehr dafür tun müsse, um Ressourcen für die in Deutschland noch tätigen Konzerne zu Niedrigpreisen sichern.

Und wenn man von Mitgefühl, Empathie oder Leiden der Menschen redet, denkt einfach dran, wie sie kaltlächelnd Menschen durch Sanktionen traktieren und töten (7), während sie andererseits einen Heiligenschein von Ihresgleichen verliehen erhalten, weil sie mit Steuergeldern Wohltaten verteilten.

Und denkt immer daran, dass die Aufklärung ungefähr 90 Jahre bis zur französischen Revolution brauchte, aber noch hundert Jahre später nicht vollständig umgesetzt worden war. Und wenn wir uns derzeit in einer Phase der Gegenaufklärung befinden, wird es wohl noch viel länger dauern, bis unsere Erkenntnisse von heute einmal politische Wirkung entfalten. Und so ist der Kampf episch. Trotzdem gilt, was Bertolt Brecht einst singen ließ:

Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.

Und so kämpfe jeder wie er kann. Der eine als „alternativer“ Autor, der andere als Agitator, der dritte als Unterstützer, jeder wie er kann.

Auf ins Neue Jahr!

Quellen:

  1. http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26320
  2. https://kenfm.de/standpunkte-%E2%80%A2-die-abgehobenheit-der-volksvertreter/
  3. http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25963
  4. https://www.haaretz.com/israel-news/.premium.MAGAZINE-neither-israel-s-nor-germany-s-slide-into-fascism-was-accidental-1.7338787
  5. https://kenfm.de/standpunkte-%E2%80%A2-das-primat-der-politischen-parteien/
  6. https://www.kopp-verlag.de/a/deutschlands-angriffskriege
  7. https://jomenschenfreund.blogspot.com/2016/10/todliche-sanktionen.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: / Shutterstock

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