STANDPUNKTE • TIBET – Ein politischer Reisebericht (Podcast)

Ein Standpunkt von Wilhelm Reichmann.

In diesem Artikel werden Eindrücke sowie Erinnerungen an Diskussionen verarbeitet, die ich im September 2018 während einer Reise durch West- Tibet sammeln konnte.

In einer Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, begleitet von einem örtlichen Reiseleiter, ging es mit einem großen geländegängigen LKW mit Bus-Aufbau der Süd– und Westgrenze Tibets und Xinjiang’s folgend durch eines der eindrucksvollsten, aber auch unwirtlichsten Gebiete unserer Erde – 18 Tage von Lhasa bis an die Grenze zu Xinjiang. Übernachtungen erfolgten meist im Gefährt, bei Siedlungen, einige Nächte in der freien Natur.

Es war vor allem eine einmalige Gelegenheit, die grandiose Landschaft des westtibetischen Plateaus und seiner Gebirgsketten zu erleben.

Die Hauptrouten und alle wichtigen Sehenswürdigkeiten sind normaler- weise mit PKWs gut zu erreichen. Vor unserer Reise waren die Monsun- Niederschläge außerordentlich stark, Brücken wurden weggerissen und Straßenstücke unterspült, Engstellen und Umwege waren die Folge. Die Entwicklung des Tourismus wird von der zentralen und der tibetischen Autonomie-Regierung als wichtiger Hebel der Wirtschaftsentwicklung gesehen.

Unterwegs……. 

Die Dörfer am Weg unterschieden sich nach Alter und Zustand der Häuser, wobei auch viele Siedlungen mit neueren Häusern auffielen. Überall ist der ordentlich auf Hof- und Hausmauern aufgeschichtete Yak-Dung, der als Heizmaterial verwendet wird, zu sehen.

Die Motorisierung hat im Land schon längst Einzug gehalten. Traktoren, Pick-ups, Einachs-Elektro-Schlepper, Elektro-Motorräder sieht man vor den Bauernhäusern und auch vor den Zelten von Viehzüchtern. Die Gerste, die auch noch auf über 4.000 m Höhe angebaut wird, wird von den Dorfgemeinschaften mit Motorsensen geschnitten, die Ährenbündel auf den Feldern zum Trocknen zusammengestellt. Wäsche wird noch zum Trocknen auf von der Sonne erwärmte Steine am nahen Bach aufgelegt. Gemeinschaftliche Feldbewirtschaftung scheint, der Tradition entsprechend, üblich zu sein.

Die Felder sind klein, oft durch Terrassenbildung an den Flanken von Flüssen der Natur abgerungen. Die Dörfer bieten oft genug ob ihrer Lage, dem traditionellen Baustil, dem überwiegend guten Zustand idyllische Anblicke. Für den Ackerbau sind die Flächen knapp, die zusätzliche Haltung von Vieh für die Selbstversorgung ist daher begrenzt aber wichtig. Beeindruckt war ich vom Straßenbau in Tibet. Die geologischen Bedin- gungen sind dafür so schwierig wie kaum woanders auf der Welt.

Die Anlage der zahlreichen Pass-Straßen, die oft genug in Regionen über 5000 m führen – zweispurig und für große Lastwagen angelegt – sind Meisterleistungen. Gleiches gilt für den Ausbau der Bahnverbindungen – die zweite Linie nach Zentralchina wird fertiggestellt, weiter die Verbin- dung der Städte auf der Ost-West Achse. Neugebaute Stromleitungen, Umspannstationen, Stauseen und Fotovoltaik-Kraftwerke waren überall am Weg zu sehen. Desgleichen neue Wohnbauten und Investitionen in die Infrastruktur von größeren Siedlungen bzw. Städten. Lhasa hat sich zu einer modernen Stadt entwickelt. Teile, die ich bei meinem ersten Besuch als verfallen wahrgenommen hatte, waren nicht wiederzuerkennen.

Dort gab es jetzt neue Wohn- und Geschäftshäuser und sanierte Straßen. Positiv fiel auf, dass die alten Stadtteile um die historischen und religiö- sen Stätten jetzt denkmalschutzgerecht restauriert und erhalten werden. Dafür haben wir viele schöne Beispiele gesehen, die ein neues Verständ- nis für die Erhaltung des Alten und Schönen zeigen.

In den Städten und kleineren Siedlungen ist die Versorgung mit Lebens- mitteln, selbst mit Gemüse und frischem Obst kein Problem. Sie wird außerhalb der großen Städte durch kleinere Geschäfte und Restaurants bzw. Garküchen gewährleistet.

Die Erwachsenen erlebt man als freundlich, aber eher distanziert und si- cher nicht aufdringlich. Auch Kinder begegnen den Fremden nicht in der Erwartung von Geschenken. Bettelei habe ich in ganz Tibet nicht erlebt. Wie gern hätten wir uns mit ihnen unterhalten und nicht nur über Gestik und Mimik Smalltalk gemacht! Sprachbarrieren sind in solchen Situatio- nen regelrecht schmerzhaft.

Für Tibet war die Verschiebung der Perspektiven der Politik der VR China hin zu einer Betonung „ausgewogeneren Wachstums“ und allgemei- nen Wohlstands positiv. Daneben ist das Argument nicht von der Hand zuweisen, dass sich die Zentralregierung und die Regierung der Autonomen Region Tibet (ART) umso mehr der Verbesserung des Lebens in Tibet widmen, da es auch darum geht zu zeigen, dass die bessere Zukunft im Verband der chinesischen Volksrepublik liegt.

Die laufende Kampagne zur „Ausmerzung extremer Armut“ hat für Tibet besondere Bedeutung. Parteikader und Verwaltung werden verpflichtet, nachhaltige Entwicklungen anzustoßen, die den Menschen eine bessere, eigenständige wirtschaftliche Existenz ermöglichen. Manches davon wird vor dem verklärend-romantischen Blick einiger Tibet-Freunde nicht be- stehen können. So werden seit einiger Zeit für Hirten-Familien Winterquartiere in Siedlungsnähe gebaut.

Die können bezogen werden, wenn Vieh und Menschen vor den tiefen Temperaturen auf den Hochebenen fliehen müssen. „Dient alles nur der Kontrolle und ist eine verdammenswerte Zerstörung alter Kultur“ unterstellen die Kritiker. Für die direkt Betroffenen ist es aber möglicherweise eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Ökologie 

In Tibet ist unmittelbar erfahrbar, wie sich Klima-Ereignisse auswirken. Überschwemmungen und Erdrutsche durch heftige Monsunregen, Rückgang der Gletscher und eine sich ausbreitende Wüste sind Belege dafür. Auf unserer Reise konnten wir sehen, wie das wissenschaftlich begleitete Projekt „Grüne Mauer“ in die Tat umgesetzt wird. Es ist ein gigantisches Aufforstungsprogramm mit dem Ziel, die Versteppung von Weideland aufzuhalten. Kilometerlange Anpflanzungen auf beiden Seiten der Stra- ßen und zum Teil schon hohe, grünende Bäume ließen darauf schließen, dass die angelegte Bewässerung gut funktioniert. Ein spürbarer Kontrast zur sonst baumlosen Landschaft. Besonders eindrucksvoll waren die Anpflanzungen vor der Stadt Ali am Sengge Zangpo. Wer in einigen Jahren dorthin aufbricht, wird vermutlich einen großen Wald vorfinden.

In Tibet werden die ungeheuerlichen Spuren der Gebirgserosion besonders sichtbar – das noch junge Gebirge steigt, wird wieder abgewaschen und in breite Schwemmtäler abgetragen. Dem muss Rechnung getragen werden und die Bemühungen konzentrieren sich auf den Schutz von Siedlungen und das Wegleiten des Wassers von Verkehrswegen. Fotovoltaik-Anwendungen sind überall anzutreffen. Die Straßenlaternen ganzer Städte und Dörfer sind entsprechend ausge- stattet. Photovoltaik-Kraftwerke als Zeichen eines gut ausgebauten E- Netzes sieht man öfter. Innerhalb der Städte sind auch in Tibet elektri- sche Zweiräder die Regel.

Das alte Tibet 

An dieser Stelle erscheint es mir angebracht, einen kurzen Blick in die Geschichte Tibets zu werfen, um seine Entwicklung richtig einzuschätzen.

Wie waren die alten gesellschaftlichen Zustände vor der Befreiung Chinas? Dazu ein längeres Zitat aus meinem Dumont Reise-Führer:

An der Spitze der sozialen Pyramide standen die Adligen, es folgten die Hörigen und am Ende der Skala die Verarmten bzw. Ungeachteten. … Das Sozialgefüge war … im Kern ein zweigleisiges, ein weltliches und ein klerikales. Die Funktions- und Würdenträger des hierarchisch aufgebauten Mönchstums vermochten klerikale Positionen einzunehmen, die in ih- rer politischen Bedeutung und sozialen Stellung den Rängen und Klassen der Laienbevölkerung gleich geordnet waren. 

Der Status des Mönchstums, das seine Sonderstellung schon durch eine eigene Gerichtsbarkeit zum Ausdruck brachte, erwies sich jedoch in der Praxis als ungleich stärker, sodass der Klerus zumindest seit der Zeit des 5. Dalai Lamas die eigentlich herrschende Klasse war. 

Weniger als 1% der Bevölkerung gehörte dem Adel an. Diese Ober- schicht leitete ihre Stellung aus den privilegierten amtlichen Funktionen und den ihnen staatlicherseits verpachteten Landgütern ab. Ausdruck fand die Vorrangstellung des Adels schon darin, dass er auf seinen Gü- tern von den Gemeinen aufzubringende Steuern festsetzte und die Recht- sprechung ausübte….. …… Die ‚Hörigen‘ verdienten als Bauern, Handwerker, Händler oder Noma- den ihren Lebensunterhalt … Diese Gruppe stellte die große Masse der Bevölkerung, die nach Rechtsauffassung des tibetischen Staates die ihnen nach Geburt zufallenden gesellschaftlichen Aufgaben zu erfüllen und da- durch zum Gedeihen des Landes beizutragen hatten. So waren die Bauern verpflichtet, die Felder zu bestellen. 

Bevor sie sich längere Zeit aus ihrem Steuerbereich entfernten, hatten sie stets ihren Lehensherren um Genehmigung zu ersuchen. Im Falle der Einheirat in Distrikte oder Familien, die einem anderen Lehensherrn un- terstanden, wurde häufig ein Mitglied des anderen Steuerbereichs in den Sozialbereich des Aussiedelnden überführt. Wer sich unerlaubt davon- machte, hatte im Falle seiner Ergreifung mit Bestrafung und der Forde- rung nach Wiedergutmachung des Produktionsausfalles zu rechnen. … 

An anderer Stelle, in Albert Ettingers Buch ‚Freies Tibet?‘ findet man folgende Schätzung der sozialen Zusammensetzung der tibetischen Bevölkerung bezogen auf 1959

5% Adel, 15 % Kleriker (adlige Lamas und einfache Mönche), 20 % no- madisierende Hirten und 60 % Leibeigene bzw. Sklaven. 

Die Lebensbedingungen in der alten Zeit waren katastrophal. Die Behau- sungen der Bevölkerung waren elend. Eine versuchte sanfte und friedliche Lösung zur Verbesserung der politischen und sozialen Situation der armen Klassen, die 17 Punkte-Vereinbarung von 1951 zwischen der Zen- tralregierung und der tibetischen Regionalregierung, vertreten durch den 14. Dalai Lama, hat nicht funktioniert.

Lamaismus als politisches System und als Teil von feudalen Strukturen war von Anfang an mit den sozialen Zielen der Neudemokratischen Revolution unvereinbar. Lamas und weltliche Grundherren hatten den Weg des Widerstands gegen die notwendigen sozialen Veränderungen durch einen abenteuerlichen Aufstand gewählt, an dem die große Mehrheit der Bevölkerung von Beginn an nicht teilgenommen hat.

Unterstützt wurde der Aufstand vor allem durch die USA. Nach der ge- scheiterten Erhebung von 1959 bis zu Beginn der 70er Jahre wurden von der CIA exiltibetische Guerilla-Gruppen mit Waffen ausgerüstet und nach Tibet geschleust. Letztlich scheiterten diese Versuche an der mangelnden Unterstützung durch die Bevölkerung im Lande. Die Menschen wollten nicht die alten gesellschaftlichen Verhältnisse verteidigen.Wen wundert’s?

Sind die Tibeterinnen und Tibeter unterdrückt und diskriminiert? 

Die„Free Tibet“ Bewegungen behaupten, die Tibeter seien als Nation un- terdrückt und hätten das Recht auf Selbständigkeit und Abspaltung von der VR China. Ohne im Detail auf die viele Jahrhunderte alte Geschichte des Verhältnisses zwischen dem chinesischen Zentralstaat und dem Königreich Tibet einzugehen, sei so viel festgehalten: In der jüngeren Geschichte (19. und 20. Jahrhundert, zuletzt vor dem 2.Weltkrieg) haben Vorstöße der jeweiligen tibetischen Regierung zur Erlangung internatio- naler Anerkennung als unabhängiger Staat keine nennenswerte interna- tionale Unterstützung erhalten.

Das gültige Völkerrecht kennt durchaus das Recht auf Loslösung von nationalen Minderheiten mit den von ihnen bewohnten Territorien. Dies ist für den Fall vorgesehen, dass sie Opfer von schwerer Diskriminierung und Unterdrückung bis hin zur Bedrohung ihrer physischen Existenz geworden sind.

Gibt es für die Tibeter also eine Diskriminierung als eine vom Mehrheits- volk, den Han, dominierte Ethnie? Wird die Sprachausübung, die Entfaltung ihrer kulturellen und religiösen Praktiken unterdrückt? Sind die Tibeter im Rahmen Chinas als nationale Minderheit ökonomisch benachteiligt, wird ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Fort- schritt, an der Entwicklung der Menschen- und Freiheitsrechte verwehrt? Meine Beobachtungen in Bezug auf diese Fragen werden im Folgenden wiedergegeben.

Erstens: Diskriminierung und Unterdrückung müsste sich auch in einem wirtschaftlichen Niedergang der Region zeigen. Das Gegenteil scheint der Fall.Tibet ist ein armes Land, der allgemeine Lebensstandard ist si- cher niedrig. Aber auch in vielen zentralen, südlichen und westlichen Teilen der Volksrepublik ist es so. Innerhalb der Volksrepublik sind die Ent- wicklungsunterschiede zwischen den einzelnen Regionen groß. China ist nach wie vor ein Entwicklungsland, wenn auch auf raschem Aufholkurs und mit einem ehrgeizigen Programm, die Lage aller Bevölkerungsteile in allen Regionen zu verbessern.

Bei aller Zurückhaltung hinsichtlich der Beurteilung der individuellen Lebensumstände lässt sich feststellen: der Reisende erlebt einen beein- druckenden Aufbau und sichtbare Fortschritte in den allgemeinen Le- bensbedingungen der Menschen. Davon auf die Lebensumstände im gan- zen weiten Land zu schließen, ist sicher nicht richtig. Das Leben in abge- legenen Regionen, wie z. B. für die Hirtenfamilien in den Weiten der nördlich gelegenen Hochweiden des Jantang-Plateaus, ist wohl nach wie vor sehr hart.

Heute profitiert Tibet von der Akkumulationskraft des ganzen Landes. Zentralregierung und östliche, wohlhabendere Provinzen tragen zum Aufbau der Autonomen Region bei. Der Tourismus in Tibet wird geför- dert. Als wir in Gyangtse waren, fand gerade die 4. Internationale Tagung für Tourismus und Kultur in China-Tibet statt. Über die Umverteilung der Mittel des zentralstaatlichen Amtes für die Erhaltung historischer Gebäude – Einnahmen aus Eintrittsgeldern und staatliche Zuwendungen – kann Tibet viel für seine Kulturstätten tun. Dass dies auch getan wird, war überall zu sehen. Wenn von exiltibetischer Seite moniert wird, den Tibetern werde ihre Identität genommen und es gäbe eine Gleichschaltung mit den Han-Chinesen, kann dies am Baustil und den neuen Siedlungen nicht abgelesen werden. Die neuen Wohnhäuser sind der Tradition eher angepasst, auch oft genug gelungene Beispiele der Vereinigung von Modernität (Bauqualität, Wohnkomfort) und tibetischem Baustil.

In den Wohnungsbau wird auch in den Dörfern viel investiert. Das ist si- cher ein Indikator für die Verbesserung des Lebensstandards der gesam- ten Bevölkerung. Wer behauptet, das alles geschehe nur für die zuwan- dernden Han-Chinesen, ist weit weg von der Realität vor Ort . In den Dörfern und selbst in den kleineren Städten der Provinz fallen kaum Zuwanderer, „nicht-tibetische Gesichter“ auf. Das Tibet-Plateau ist keine Gegend, die Menschen aus dem tieferliegenden Osten anzieht.

Für Menschen, die das Leben im Hochland nicht gewohnt sind, ist es schwer, sich dort einzugewöhnen. Aber Tibet benötigt eine größere Zahl von Experten, als in Tibet selbst in der Vergangenheit ausgebildet werden konnten. Das betrifft vor allem Lehrer, Ärzte und technisches Fachpersonal. Die Regierungsstellen haben es nicht leicht, genügend gut ausgebil- detes Personal für den Aufbau Tibets aus anderen Landesteilen zu gewinnen. Es gibt dafür Zulagen und kürzere Arbeitszeiten für manuell Arbei- tende.

Ein wichtiger Schwerpunkt für die Entwicklung Tibets ist daher die Ver- besserung des Schulwesens mit dem Ziel einer höheren Ausbildung der tibetischen Kinder und Jugendlichen, wobei die Schulbildung von Noma- denkindern sicherlich eine besondere Herausforderung darstellt. Auffallend ist jedenfalls, dass in den Städten ein nicht zu beziffernder An- teil von nicht-tibetischen Kleinhändlern und Restaurant-Betreibern anzutreffen sind. Leute aus anderen Teilen Chinas versuchen ihr Glück in Ti- bet. Wenn das spontan und unkontrolliert erfolgt, kann es durchaus zu Ressentiments und Spannungen führen, wenn sich Einheimische um ihre Chancen gebracht fühlen.

Ein Blick in die Statistik: 2016 wohnten in der Autonomen Region 3,31 Millionen Menschen, davon sind nur 6,06% Han-Chinesen.

Zweitens: Ich habe auf meinen Reisen in allen Gebieten der VR China, in denen Minderheiten leben, zwei- und manchmal sogar dreisprachige Ortstafeln, Aufschriften auf öffentlichen Gebäuden, selbst auf Restaurants etc. gesehen. Es wurde zur Selbstverständlichkeit, dass Minderheiten- sprachen im Straßenbild, in der Verwaltung, bei Behörden verpflichtend sind. Ich hatte weder in Tibet noch Xinjiang je den Eindruck, dass Bewohner sich gescheut hätten, ihre Muttersprache zu sprechen. In manchen Restaurants in Tibet hatte ich eher den Eindruck, dass die Beherrschung von Mandarin für die Kommunikation mit den Inhabern nicht viel helfen würde.

Auch Englisch half nicht, da sie nur ihre eigene Sprache sprachen. In den Familien wird grundsätzlich Tibetisch gesprochen und in den Grundschulen wird angestrebt, Tibetisch und Mandarin zu lernen mit je 6 Lerneinheiten pro Woche, sofern es genügend Lehrerinnen und Lehrer gibt.

Drittens: Religiöse und andere kulturelle Denkmäler werden mit großem Aufwand restauriert und erhalten. Das war nicht immer so.

Exiltibeter beschuldigen die VR China, in der Vergangenheit viele Klös- ter zerstört zu haben oder Zerstörungen und Verfall zugelassen zu haben. Zerstörungen von Klosteranlagen haben in der Vergangenheit durch Kämpfe der Feudalen und Lamas untereinander sowie durch Einfälle von außen, so im 19. Jahrhundert durch eine Gurka-Armee in Guge, stattgefunden.

Zerstörungen hat es auch 1959 im Zuge des Aufstands der tibetischen Herrscher gegen die neue Ordnung gegeben. Wiewohl die Kämpfe schnell vorbei waren und etwa 120.000 Angehörige der geistlichen und weltlichen Macht samt Familien nach Indien abzogen, hat es noch über ein Jahrzehnt Guerilla-Aktivitäten gegeben. Diese wurden nachgewiesenermaßen von westlichen Geheimdiensten unterstützt und am „köcheln“ gehalten.

Die Hauptschäden an den religiösen Stätten werden der Zeit der Kulturrevolution 1966 – 1973 zugeschrieben. Im revolutionären Fieber jener Zeit, im für notwendig erachteten Kampf gegen die Kräfte und den Einfluss der alten Ordnung und gegen den Aberglauben, wurde z. T. rücksichtslos gegen religiöse Traditionen und Klöster vorgegangen. So wurden die religiösen Gefühle auch der einfachen Menschen verletzt und be- stehende Widersprüche unnötig verschärft.

Das nutzten die ehemals Herrschenden für ihre Propaganda und Politik, die durch den Westen unterstützt wurde, weil sie sich gegen den Sozialismus, gegen die VR China richtete. Der Wiederaufbau und die Restauration religiöser Zentren ist eine Voraussetzung dafür, dass die Tibeter ihren Glauben weiter leben können.

Religiosität und Religionsausübung 

Auch diesmal besuchte ich das Hauptheiligtum des tibetischen Buddhis- mus, den Jokhang-Tempel in Lhasa. Vor 5 Jahren war der Platz belebter, feierlicher und bunter. Das war allerdings an einem Feiertag, diesmal war ich an einem normalen Werktag dort. Dennoch war der Platz um den Tempel belebt, zahlreiche Menschen umkreisten ihn und drängten dann ins Innere. Von ihrem Aussehen her waren es meist Menschen vom Land in typisch tibetischem Feiertagsgewand, mit Schmuckbehang auch bei Männern. Verheiratete Frauen waren leicht an ihren gestreiften Schürzen zu erkennen. Auf einer Seite des Vorplatzes praktizierten viele Gläubige dicht gedrängt das traditionelle Niederwerfen. Das Geschehen machte ei- nen durchaus unverfälscht gläubigen Eindruck.

An anderen Orten/Klöstern waren die Besucherzahlen, von den Touristen abgesehen, bei weitem nicht so groß. Man bekam leicht den Eindruck, dass sie vor allem für die Touristen offen gehalten wurden. Das mag an Feiertagen anders sein. Klöster mit ihren Mönchen erhalten sich heute durch Spenden und durch Zuwendungen aus Fonds der Provinz- und Zentralregierung. Der Tourismus ist eine willkommene Quelle von Einnah- men auch für die Klosterwirtschaft.

Unter Religionsfreiheit wird Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfrei- heit verstanden. Das sind „die Freiheit und das Recht des Einzelnen, reli- giöse, weltanschauliche und moralische Überzeugungen zu bilden, zu äußern und zu befolgen.“

Diese Freiheit beinhaltet gemeinhin auch, Gebäude, die der Religions- ausübung dienen, zu errichten und zu erhalten. Religionsfreiheit der einen darf nicht andere in ihrem Glauben oder Nicht-Glauben behindern oder verletzen. Die Freiheit aller bedingt dann, dass der Staat gegenüber Religionen neutral zu sein hat und die Staatsmacht nicht zur Förderung reli- giöser Vorstellungen missbraucht werden darf.

Widersprüche zwischen bestimmten religiösen Praktiken und der gesellschaftlichen Entwicklung sind in der Welt immer wieder aufgetreten. Man muss sich dabei nur die Geschichte Europas mit dem Kampf der emanzipatorischen Kräfte gegen die Kirche vor Augen halten, die eine Abfolge von gesellschaftlichen Umwälzungen seit 1500 bewirkte. Paral- lelen zur Beseitigung des lamaistischen Mönchs-Staates in Tibet sind nicht zu übersehen. In Tibet hat die chinesische Revolution den Fortbe- stand der feudal-klerikalen Ordnung unmöglich gemacht. Der Aufstand der Eliten des lamaistisch-feudalen Staates im Jahre 1959 war ein Aufbäumen gegen die soziale Revolution, nachdem klar geworden war, dass der „Sturm über Asien“ vor ihrer Herrschaft nicht Halt machen würde.

Es gibt aus meiner Sicht keine offensichtliche Einschränkung der persön- lichen Religionsausübung. Die staatliche Kontrolle darf man sich nicht so vorstellen, dass sie in den Bereich der persönlichen Religiosität eingreift. Die Hauptrichtung staatlicher Kontrolle und Lenkung betrifft die Unterdrückung der Versuche, über die Religion von außen im Interesse alter Eliten und deren Nachfahren auf Tibet Einfluss zu nehmen.

Dahinter werden unvermeidlich sezessionistische Tendenzen vermutet. Alte gesellschaftliche Zustände und Besitzverhältnisse lassen sich im Verbund mit China nicht wieder herstellen. Für Tibet und die Einheit der Nationalitäten Chinas wäre es ein großer Segen, wenn sich durch soziale Fortschritte und durch Zurückdrängung unrealistischer politischer Ambitionen unter den religiösen Kreisen im Exil in Zukunft eine Chance auf weitere Versöhnung auftun würde, die auch auf Religionsfreiheit basieren muss.

Resümee 

Nach den vielen Eindrücken dieser Reise hatte ich am Ende das Gefühl, dass die politischen Vertreter der Exiltibeter und ihre westlichen Sympathisanten „out of touch“ mit dem wirklichen Leben in Tibet sind.

Wie ist es sonst zu erklären, dass sie die neuen Verkehrsverbindungen als Zerstörung tibetischer Kultur und Verschärfung der „chinesischen Okkupation“ brandmarken? Ist Armut das, was die tibetische Kultur ausmachen soll? Arm, nichtwissend aber zufrieden? Viehzucht, Tourismus, Leichtindustrie benötigen gute Anbindungen an bevölkerungsreiche Märkte.

Wirtschaftliche Entwicklung geht mit kultureller Entwicklung Hand in Hand, die sich vor allem auf eine höhere Bildung und moderne soziale Einrichtungen bezieht. Das „unverfälschte“ Tibet ist aus meiner Sicht eine Vorstellung, die sich an Religion, alten sozialen Beziehungen, Klös- tern und gläubigen, bedürfnislosen Bauern festmacht. Wenn es das je gegeben haben sollte, jetzt gibt es ein solches Tibet nicht mehr und ich bezweifle, dass die Tibeter von heute das Rad der Geschich- te zurück drehen wollten, so sie es könnten. Warum sollte sich ein Bauer oder Nomade nach dem Alten sehnen? Warum dem neuen, freieren Leben abschwören? Entwicklung schließt immer Veränderung und Bewahren ein. Die gegebenen Bedingungen zu nutzen und sich aktiv einzubringen in die Gestaltung ihres Tibet – dazu sollten sie auch von der internationa- len Politik ermutigt werden.

Der Traum vom alten Tibet ist nur für diejenigen attraktiv, die sich eine Rückkehr als Elite und Großgrundbesitzer erwarten und für westliche Romantiker als Projektionsfläche für ihr privates Shangri-La.

Bildquelle:  / shutterstock

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Ein Kommentar zu: “STANDPUNKTE • TIBET – Ein politischer Reisebericht (Podcast)

  1. In Tibet soll also mehr oder weniger alles mit guten Dingen zu und her gehen. Im Bericht wird die chinesische Besatzungsmacht sozusagen als Wohltäter für das Land dargestellt.
    Ja, dem Land geht es so prächtig unter dieser Herrschaft, dass sich seit 1998 nicht weniger als 150 Bhuddistische Mönche selbst verbrannt haben, aus Protest gegen die Besatzungsmacht. Davon kein Wort im Artikel.
    KenFM lebt sozusagen von der Kritik am einseitigem Journalismus durch die Mainstream-Medien, was ich persönlich gut finde.
    Leider habe ich zugleich das Gefühl, dass alles, was „auf der anderen Seite von Nato und USA ist“, also eben z.B. China, einfach schon aus dem Grund als „gut“ durchgewunken wird, weil es eben auf der anderen Seite ist.

    Tja, der einseitige Journalismus hat eben mehr als eine Seite zum Neigen…

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