STANDPUNKTE • Von der Annäherung zur Distanz. Gedanken zum Menschlich sein (Podcast)

Ein Standpunkt von Sean Henschel.

Die westliche Welt war in der Vergangenheit oftmals voreilig und bleibt es bis heute noch. In der europäischen Geschichte gab es zahlreiche Versuche, den Menschen zu erklären, zu definieren und zu beschreiben aber wie weit ist der Mensch wirklich gekommen? Warum der Mensch nach Thomas Hobbes von Natur aus böse sein soll, mag bei näherer Betrachtung nicht zu überzeugen. Empfinden wir Menschen nicht eine in uns angelegte Empathie? Jean-Jacques Rousseau zeichnet in seiner Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen ein anderes Bild des Menschen und sieht den Ursprungsmenschen als ein Lebewesen, das weder gut noch böse, weder tugendhaft noch niederträchtig, weder moralisch noch unmoralisch ist.

Für Rousseau ist der natürliche Mensch ein triebhaftes, dem Instinkt nachjagendes Geschöpf, ausschließlich auf der Suche nach der Befriedigung seiner Naturbedürfnisse. Der natürliche Mensch habe kein leidenschaftliches Verlangen für materielle Güter und entwickle nichts, was man unter einer Kultur verstehen könnte.  Der Ursprungsmensch, isoliert aber unabhängig, beschäftige sich nicht mit dem Anderen.

Die bestehende Ungleichheit resultiere aus der Tatsache, dass die Bildung einer Gesellschaft zur Erlangung erweiterter Bedürfnisse und Begierden, neue nicht dagewesene Abhängigkeitsverhältnisse hervorrief. Dies brachte ebenfalls neue Kriterien der Differenzierung der in der Gesellschaft zusammenlebenden Individuen. Ob Gesellschaften wirklich mit dem Ziel gebildet wurden, die Erlangung erweiterter Bedürfnissen und Begierden zu ermöglichen oder die zufällige Gesellschaftsbildung erst Bedürfnisse und Begierden ins Leben rief, bleibt offen.

Der Ursprungsmensch ohne Vernunft WAR die Natur. Der zivile Mensch schuf die Distanz ZUR Natur. Rousseau war sich bewusst, dass seine Ansichten hypothetisch formuliert waren. Er räumt ein, dass der Ursprungsmensch vielleicht nie existiert hat und ein Weg zurück ebenfalls ausscheidet. Die Idee über die Ursprünge des Menschen nachzudenken, soll die Funktion innehaben, mehr Licht in die zivile Gesellschaft einzubringen. Rousseau wollte die Distanz, die der zivile Mensch zu seinen Ursprüngen aufgebaut hatte, besser verstehen lernen. Vielleicht war mit der Analyse der Vergangenheit die Hoffnung verbunden, die gegenwärtige Lebensverhältnisse verändern zu können und alte bewährte Verhaltensweise wieder einzuführen und das Leben wieder erträglicher und weniger entfremdet zu gestalten.

Die von Rousseau analysierten Naturbedürfnissen wie Essen, Trinken, Schlaf und Reproduktion sind bis heute feststellbar. Warum der natürliche Mensch nicht in einer Gesellschaft gelebt haben soll oder keine wirkliche Sprache zur Verfügung hatte, um abstrakte Ideen zu formulieren, bleibt noch unklar. Eines schien neben der natürlichen Empathie auch Rousseau beobachtet zu haben, nämlich der inhärente Drang zur Perfektionierung.

Wer den Blick gen Osten richtet und tiefer in die orientalische und asiatische Philosophie eindringt, wird neue Lösungsansätze die Anthropologie betreffend vorfinden. Die Erklärungsansätze sind zur westlichen Denkweise sehr verschieden und bieten den europäisch zentrierten Denkweisen die Möglichkeit des Perspektivwechsels. Wo im Westen immer eine Distanz, eine Abspaltung zum Geschehen gesucht wird, verstand man sich im Osten als Teil dieses Geschehens. Wo im Westen notgedrungen von Umwelt die Rede sein musste, sprach man im Osten von Mitwelt.

Trotz der fehlenden Gewissheit über die uns betreffenden ontologischen und anthroposophischen Fragen, bleibt es dennoch eine Notwendigkeit, darüber weiterhin nachzudenken. Wir mögen vielleicht nicht mit Sicherheit alle offenen und interessanten Fragen in näherer Zukunft beantworten können, aber wir sollten nicht in Vergessenheit geraten lassen, dass wir vielen Denkern einiges zu verdanken haben. Dass es schwer bis gar unmöglich sein würde, die Natur des Menschen zu erfassen, sorgte schon damals für intellektuelle Kopfschmerzen. Der denkende Philosoph war schon mit der Problematik konfrontiert, dass er selbst, als Beobachter, Teil einer Gesellschaft war, geprägt und beeinflusst durch die Geschichte, die Kultur und Erziehung. Ein neutraler Ausgangspunkt der Beobachtung erschien schon von vorherein aussichtslos. Es blieb und bleibt bei spekulativen Ansätzen, Vorurteilen, abstrakten Ideen, Interpretationen und Glaubenssätzen. Die Notwendigkeit akademischer Gedankengänge soll hiermit keineswegs in Abrede gestellt werden.

Einige der Propheten und Philosophen waren gewiss alles andere als unabhängige und mutige Geschöpfe, aber bietet es sich denn nicht manchmal an, das Gedachte vom Denker zu trennen? Auch wenn die Hinzuziehung des Kontextes und des Hintergrundes einer Aussage durchaus seine Berechtigung hat, kann beispielsweise ein Bild auch abseits der Kenntnisse über den Künstler schön sein? Sind den etwa die Bilder Emil Noldes nach der Kenntnisnahme seiner nationalsozialistischen und antisemitischen Gesinnung plötzlich hässlich geworden? Im antiken Griechenland wurde die Signatur teilweise vergessen und sie findet sich in der traditionellen afrikanischen Kunst ebenfalls nicht. Die Signatur und die mit einhergehende Identifikation des Künstlers ist eine kulturelle Angelegenheit und somit relativ.

Warum sollte man überhaupt Rousseau ansprechen? Die Darlegung der sogenannten Naturbedürfnisse des Menschen scheint über die Jahrhunderte nichts von ihrem Wahrheitsgehalt eingebüßt zu haben. Wir brauchen regelmäßig etwas zu essen, etwas zu trinken, gesunden Schlaf und spüren den Drang, mit anderen Geschlechtsverkehr zu haben, sei es zur Befriedigung unserer Triebe oder zur Reproduktion. Die Erstveröffentlichung dieser Schrift war im Jahre 1755, heute schreiben wir das Jahr 2020. Es sind 265 Jahre vergangen, ohne das wir positiv feststellen können, die meisten der menschlichen Probleme wirklich gelöst zu haben. Natürlich sind die Arbeitsbedingungen in den Fabriken im Westen besser geworden, Kinderarbeit wurde verboten und die 40-Stunden-Woche eingeführt. Aber wie lässt sich die Illusion einer entwickelten und modernen westlichen Zivilisation aufrechterhalten, wenn offensichtlich nicht einmal die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllt werden können? Bis heute schlafen Menschen auf der Straße und erfrieren im Winter. Bis heute muss die Mehrheit zwangsweise Vollzeit arbeiten, um ein warmes Obdach gewährleisten zu können. Bis heute können sich nur die Privilegierten gesunde Nahrungsmittel leisten. Bis heute beklagen sich immer häufiger Menschen über zunehmende Gesellschaftskrankheiten. Und ausgerechnet heute zeichnet sich eine kontinuierliche Reduktion der Fruchtbarkeit bei Mann und Frau ab, bedingt durch den sogenannten modernen und zivilisierten Lebensstil. Offensichtlich standen die Grundbedürfnisse der Menschen lange nicht mehr im Mittelpunkt der politischen Entscheidungen. Jean Ziegler hat Recht, wenn er feststellt, dass der objektive Mangel überwunden sei und es nur noch eine Frage der Umverteilung ist. Die Frage lautet: Warum schafft die industrialisierte, hochtechnisierte Welt nicht, die natürlichen Bedürfnisse ein für alle Mal langfristig zu lösen?

Was ist passiert, dass auch im 21. Jahrhundert der Mensch nicht im Mittelpunkt der auf die Zukunft gerichtete Entscheidungen steht? Der hochgepriesene Fortschritt muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, aber die Frage der Nützlichkeit und der Prioritätensetzung muss gestellt werden, wenn die Masse der Menschen nicht nennenswert davon profitiert.

Was oftmals fehlt, und dies wird im 21 Jahrhundert allzu deutlich, ist die Hoffnung auf eine zufriedenstellende Lösung der nationalen und globalen Probleme, die den Menschen als einzelnes Individuum betreffen, sowie die Menschheit als Ganzes. Es fehlt das Verständnis für die Mechanismen dieser Welt, die Ursachen von Ungleichheit und zudem der Mut zur Veränderung. In der heutigen Zeit, wie in jeder anderen Epoche, gilt es, die Hoffnung nicht zu verlieren, dass es eine bessere Zukunft geben kann. Diese Veränderung wird aber nicht von heute auf morgen passieren.

Die Perversion und Zerstörung, die überall auf der Welt zu Tage tritt, wird keineswegs von alleine verschwinden. Jeder einzelne kann schlussendlich nur im Rahmen seiner Möglichkeiten handeln. Was einen oft zurückhält, ist ein falsches Bild über die eigenen Möglichkeiten und darüber hinaus eine tagtägliche Lenkung des Geistes auf Nebenschauplätze. Es werden unzählige Güter produziert und zur seelischen Befriedigung angeboten, doch keine Güter der Welt vermögen die Unruhe, das unglückliche Herumirren zu beenden. Viel eher fördern sie noch die ruhelose Geschäftigkeit des Menschen, um ihn in einem Zustand der ständigen sinnlosen Bewegung zu versetzen, was Blaise Pascal wohl die Zerstreuung nannte.

Ein guter Neustart könnte darin gesehen werden, erstmal die von Rousseau angesprochenen Grundbedürfnisse in der näheren Zukunft schnellstmöglich erfüllt zu bekommen. Das Problem sauberen Trinkwassers bleibt global noch bestehen aber zumindest in Deutschland ist dies sekundärer Natur. Was die Ernährung anbetrifft, kann man durchaus gute Lebensmittel erwerben, aber nur im Rahmen der eigenen ökonomischen Möglichkeiten. Supermärkte bieten zahlreiche Lebensmittel an, aber wer den Versuch macht, alle Zusatzstoffe aufzuschreiben oder gar ein zuckerfreies Produkt zu finden, wird mehrere Stunden beschäftigt sein. Wie sieht es mit dem Schlaf aus? Warum sind so viele Menschen so müde und erschöpft? Die Liste an verbesserungswürdigen Tatsachen ist lang aber überschaubar.

Was vielen Menschen hierzulande fehlt, sind Alternativvorschläge und Möglichkeiten, neue Wege zu bestreiten. Für die meisten bedarf es großer Träume und Visionen, ein Gefühl der Anteilnahme an zukünftigen Prozessen und der Selbstermächtigung. Auch wenn über viele Alternativen geschwiegen wird, ändert dies nichts an der Tatsache, dass sie bereits existieren.

Es wird vermehrt über die Digitalisierung und Robotisierung gesprochen und der Bevölkerung Angst eingejagt. Bei diesen Debatten wird immer in den Vordergrund gestellt, dass Arbeitsplätze wegfallen werden, die Zukunft nicht gesichert sei und eine Produktivitätssteigerung ebenfalls nicht sicher sei. Die ganze Thematik wird wie ein nicht beeinflussbarer Trend beobachtet, eine neue Macht, der der Mensch sich unterzuordnen hat. Aber es sind noch die Menschen selbst, die die Digitalisierung und Robotisierung voranbringen. Es werden weltweit unzählige Start-ups geschaffen, um neue digitale Produkte und Robotiksysteme zu erschaffen und diese gewinnbringend an die Großindustrie zu verkaufen. Dies wird anschließend mit der Notwendigkeit weiterer Effizienz und Modernität begründet, ohne die Frage zu stellen, wer am Ende davon profitiert. Vorausgesetzt neue digitale Software ermöglicht es, „effizienter“ zu arbeiten und Menschenkraft zu reduzieren, warum wird keine Debatte über eine Korrektur der 40-Stunden Woche angestrebt?

Es gibt viele Fragen, die gestellt werden müssten. Eines lässt sich aber beobachten und dies ist ein guter Wendepunkt. Durch die heutige Technik wird das Prinzip des Crowdfundings immer populärer und ermöglicht es den Menschen, gerechte Innovationen und Projekte ins Leben zu rufen und gezielt Probleme aus der Welt zu schaffen. Neue Informationssysteme können, falls diese sachgerecht eingesetzt werden, enormes Potenzial freisetzen. Trotz aller negativen Meldungen wird schnell vergessen, wie viel Positives schon im Gange ist. Der Zusammenschluss von Bürgern mittels Crowdfundingstrukturen ermöglicht es, einen dritten Weg einzuschlagen, als Ergänzung zur Verstaatlichung und Privatisierung. Wer fokussiert und zielgerichtet bleibt, vermag viel zu bewegen.

Um es mit den Worten des französischen Rappers Ali (Yassine Sekkoumi) zu sagen:

energie positive, positive energie.“ 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis:  / IMG StockStudi0 / shutterstock

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