STANDPUNKTE • Vorsicht Kamera. Überwachung oder Sicherheit? (Podcast)

Das digitale Zeitalter und seine Hürden.

Ein Standpunkt von Sean Henschel.

Die heftige Erregung im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Start-up Clearview AI hat gezeigt, dass genügend Bürger der unkontrollierten und unwissentlichen Totalüberwachung eher negativ und skeptisch gegenüberstehen. „Daten sind das neue Öl“ schrieb Bernhard Loyen in seiner Tagesdosis „Clearview Al. George Orwell würde herzhaft lachen“ vom 23.01.2020. Wer sich tiefer mit der Materie beschäftigen möchte, ist eingeladen die Tagesdosis inklusive Quellen nachzulesen, bzw. nachzuhören. Der Beitrag ist verlinkt (1).

Ja, wir leben in Zeiten der Kontrolle. Die Stadt London führt in Europa, wenn es um die Anzahl der Überwachungskameras je 1.000 Einwohner geht (2). Insgesamt an die 627.000 Kameras sind in der britischen Metropole vorzufinden. Berlin hat sich mit knapp 40.000 Überwachungskameras auf Platz 2 der europäischen Rangliste avanciert. Wer durch die Straßen Londons flaniert, wird es schwer haben, die ganzen Kameras aufzuzählen, die einen umgeben.

Die Kameras sind überall und zeigen in alle Richtungen. Egal ob man in der U-Bahn sitzt, vorm Kiosk steht oder einfach nur auf einer öffentlichen Bank Platz nimmt. Selbst in der Universität, beispielsweise in der Kantine oder in den Gemeinschaftsräumen des King’s College London, können die Studenten und Besucher sich der dauerhaften Überwachung nicht entziehen. Ist das freie Denken im modernen Panopticon noch möglich? Der einzige Weg sicher zu sein, dass man nicht gefilmt wird, ist sich auf die Toilette zu verabschieden.

Die Frage lautet: Wie können wir damit umgehen? Und auf Loyen zurückzukommen, geht es um Orwells Big-Brother-Staat oder Huxleys Schöne neue Welt? Oder vielleicht um eine Kombination aus beiden? Entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft, in der ein Teil der Bürger die Überwachung und Kontrolle als unterdrückend und totalitär empfinden, während ein anderer Teil diese sogar zu lieben gelernt hat und aus Bequemlichkeit oder Sicherheitsgefühl die Privatsphäre gerne aufzugeben bereit ist?

In Deutschland besitzt fast jeder Bürger ein Smartphone, Computer oder Fernseher. Die Geräte ermöglichen problemlos den Zugang zur digitalen Welt. Wer Teil dieser digitalen Welt wird, hinterlässt Spuren, die sorgfältig von Privatunternehmen und Geheimdiensten analysiert und ausgewertet werden. Die freiwillige Nutzung von Sprachassistenten nimmt ebenfalls kontinuierlich zu.

Der Sprachassistent übernimmt im Privathaushalt schon die Rolle eines Familienmitglieds und fungiert als direkter Schlüssel zum Kauf von Waren und Dienstleistungen jeglicher Art. Die Kunden können sich über die Einfachheit der neuen Systeme freuen, während die Anbieter beachtliche Gewinne einstreichen. Die digitale von der analogen Welt zu unterscheiden wird in der Zukunft eine immer schwierigere Herausforderung werden. Die Vorteile, die solche Systeme mit sich bringen, werden selten zu den Gefahren in Relation gesetzt.

Die fortschreitende Digitalisierung zielt darauf ab, den Bürgern Zeit zu ersparen und Verantwortung abzunehmen, mit der Hoffnung das Geschäft des Jahrhunderts zu machen. Verantwortlichkeiten abzubauen bedeutet aber auch neue Abhängigkeitsverhältnisse zu schaffen und zu einer Infantilisierung der Gesellschaft beizutragen.

Wenn alle Lebensbereiche immer mehr auf das Bedienen von Knöpfen reduziert wird, ist die zwanghafte Verwandlung vom unabhängigen zum passiven Vollzeitkonsumenten nicht mehr weit.

Davon abgesehen, dass die tägliche Blaulichteinwirkung gesundheitliche Risiken birgt, bietet die digitale Welt viele Vorteile im Rahmen einer grenzüberschreitenden Kommunikation und Informationsbeschaffung, vorausgesetzt man lernt damit umzugehen. Generell bereit ist sich die Digitale Kompetenz auch aneignen zu wollen. (gestrichen)

Überwachungssysteme sind für eine freiheitliche demokratische Gesellschaftsordnung eine ernst zu nehmende Bedrohung und eine kritische Auseinandersetzung mit diesen ist dringend notwendig. Was die Installation von Überwachungskameras mit Gesichtserkennungssoftware anbetrifft, bleibt wohl nur noch der öffentliche Protest und Boykott. Sich in einer Großstadt der Kameraüberwachung zu entziehen ist kaum noch möglich.

Ob der Weg der „CamOver“ Bewegung (3) der richtige ist, kann dahinstehen, aber er ist auf jeden Fall nachvollziehbar. Unter dem Slogan „CamOver“ (4) haben sog. Aktivisten 2013 in England und Deutschland (hier als Protest zum damals stattfindenden Polizeikongress) hinsichtlich der generellen Massenüberwachung im öffentlichen Raum zur Zerstörung von Überwachungskameras aufgerufen.

Zum Thema Tracking ein praktischer Hinweis, am Beispiel Youtube. Wer dort bei den Datenschutzeinstellungen einfach unbedacht weiterklickt wird feststellen, dass man Videos vorgeschlagen bekommt, mit denen man irgendwie in Verbindung steht oder die Themenbereiche abdecken, mit denen man herkömmlicherweise konfrontiert wird.

Dies kann manchmal nützlich sein, aber führt auch unmittelbar zur Schaffung sogenannter Filterblasen. Der User fühlt sich besonders gut informiert und merkt nicht, dass sein Digitalverhalten effektiv manipulierbar ist.

Die eigenen Meinungen und bekannten Vorlieben bestätigt zu bekommen mag sich schön anfühlen, kann aber auf Dauer die Einseitigkeit des Denkens zur Folge haben und die Möglichkeit, der digitalen Welt neugierig zu begegnen erheblich einschränken.

Unter den Datenschutzeinstellungen gibt es drei verschiedene Kategorien:

  1. Sucheinstellungen bearbeiten. Dort geht es um die Suchanpassung. Zitat: „Deine Suchanfragen über google.de in diesem Browser werden verwendet, damit Google dir relevantere Ergebnisse und Empfehlungen zur Verfügung stellen kann.“
  2. Einstellungen für Werbung bearbeiten. Hier geht es um die personalisierte Werbung in der Google-Suche und der personalisierten Werbung im Web. Zitat: „In der Google-Suche relevantere Werbung sehen“ und “Relevantere Werbung auf YouTube und über zwei Millionen Websites sehen, deren Betreiber bei der Einblendung von Werbeanzeigen mit Google zusammenarbeiten“.
  3. YouTube-Personalisierung. Hier geht um die Beeinflussung der YouTube Empfehlungen basierend auf  YouTube-Suchanfragen und Wiedergabeaktivität.

Wer diese Datenschutzeinstellungen entsprechend nutzt, also dreimal deaktiviert, wird merken, dass die YouTube Erfahrung sich offenkundig verändert. Auch wenn die Überwachung im World Wide Web nicht ohne weiteres verhindert werden kann, ist die ungewollte Beeinflussung, manuell zu einem gewissen Grad regulierbar.

Dies ist zumindest eine Möglichkeit die man vorerst ergreifen kann.

Quellen:

  1. https://kenfm.de/tagesdosis-23-1-2020-clearview-ai-george-orwell-wuerde-herzhaft-lachen-2/
  2. https://de.statista.com/infografik/19247/top-10-staedte-in-europa-nach-anzahl-der-ueeberwachungskameras-je-1000-einwohner/
  3. https://www.youtube.com/watch?v=9GCsd2TJKjQ
  4. https://www.heise.de/tp/news/Cam-over-Geraten-in-Berlin-nach-den-Autos-jetzt-die-Kameras-ins-Visier-2017952.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:  Nadya So/ Shutterstock

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Ein Kommentar zu: “STANDPUNKTE • Vorsicht Kamera. Überwachung oder Sicherheit? (Podcast)

  1. Es gibt auch eine Erweiterung für Firefox mit der man Vorschläge und Kommentare bei Youtube ausblenden kann.
    Youtube UnHooked heißt sie. So wird man nicht mit ständig neuen Video's abgelenkt. Kann ich jedem nur wärmstens empfehlen.

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