STANDPUNKTE • Warum darf der NDR zur besten Sendezeit…

…beitragsfinanzierte Arbeitgeberpropaganda senden?

Ein Standpunkt von Norbert Häring.

Panorama vom NDR hetzt in einem aktuellen Beitrag zur Rentenpolitik sinn- und grundlos jung gegen alt und arme Rentner gegen Leute mit guter Rente auf. Erzählt wird durchgängig eine Geschichte nach dem Geschmack und mit den Argumenten der Arbeitgeber mit einem Arbeitgeberökonomen als einzigem Experten, der aber nicht als solcher erkennbar gemacht wird. Der Beitrag lässt Wichtiges weg, verzerrt die Fakten und stellt sie in falsche Zusammenhänge. Viel schlimmer geht es eigentlich nicht.

Der Rentenbeitrag in Panorama am 10.10. von Zapp-Moderator Johannes Jolmes war einfach genug gestrickt (1). Beantwortet wird angeblich die Frage (NDR-Tweet)  „Arme Rentner, reiche Rentner – Warum werden alle beschenkt?“. Die vielen Widersprüche und Verzerrungen will ich, um die Argumentation des Autors nicht zu stören, nur mit Ziffern markieren (siehe in der Textversion) und im Anschluss entsprechend nummeriert aufführen.

Die Reportage

Eine Rentnerin, die arbeiten muss, um ihre 900 Euro-Netto-Rente aufzustocken, gibt die arme (1) Rentnerin. Sie darf Dinge sagen, wie dass man Renten eigentlich nur noch für die ärmeren Rentner erhöhen sollte . Sie darf auch das Schlusswort sprechen, wonach die meisten Rentenerhöhungen nur dazu dienen, dass die Regierung bei der nächsten Wahl mehr Stimmen bekommt (2).

Der „armen“ Rentnerin gegenübergestellt werden fröhliche alte Leute, die man in einem Ostseebad am Strand interviewt und die davon berichten, dass es ihnen gut geht, und dass sie viel reisen. Damit wird die These belegt: von verbreiteter Armut bei Rentnern kann keine Rede sein. Das wird dann auch noch mit Zahlen belegt. Der Quote der Hartz-IV-Empfänger unter der Gesamtbevölkerung wird die deutlich niedrigere Quote bei den Über-65-jährigen gegenübergestellt. (3) (4) (5)

Es wird skandalisiert, dass die Regierung, obwohl Armut also bei Alten kein Problem ist, immer wieder etwas für die Alten tut, etwa bei der Mütterrente und der Rente ab 63. Ein Ökonom des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) darf sagen, dass das schlecht ist. (6) (7)

Es wird argumentiert, und der IW-Ökonom bestätigt das ebenso wie die mitfühlenden Rentner im Ostseebad, dass es den Jungen im Rentenalter später viel schlechter gehen wird als den heutigen Rentnern. Man müsse also für sie etwas tun, statt für die heutigen Rentner, die ja nicht in der Breite armutsgefährdet seien. Das Hauptproblem sei, sind sich alle einig, dass die jungen Leute kaum noch stabile, gut bezahlte Jobs bekommen, sondern sich lange mit Praktika, Leiharbeit und Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen, sodass sie keine anständigen Rentenansprüche ansammeln können. Statt also den Rentnern mehr Geld zu geben, wäre es richtig, Initiativen zu fördern, die Hauptschülern mit schlechten Noten oder sonstigen Problemen helfen, eine Lehrstelle zu finden. (8) (9) (10)

 So weit, so oberflächlichst einleuchtend. Und hier die Probleme:

(1) Mit ihrer Nettorente (nach Steuern) liegt die arme Panorama-Rentnerin etwa ein Viertel über der durchschnittlichen Bruttorente (vor Steuern) von Rentnerinnen in Westdeutschland (2) und fast auf dem Brutto-Niveau von Rentnerinnen in den neuen Bundesländern. Wenn sie die arme Rentnerin darstellen soll, heißt das, entgegen der These des Beitrags, dass die durchschnittliche Rentnerin in Deutschland arm ist, und zwar noch ärmer als sie.

(2) Es fehlt ein Hinweis auf die Rentenformel, die die jährlichen Rentenerhöhungen schon seit längerem der kurzfristigen politischen Entscheidungsfindung weitgehend enthoben hat, als Gegenstück zur weitgehend falschen These der armen Rentnerin, dass Rentenerhöhungen meistens nur ein Wahlgeschenk der Regierung sind.

(3) Arm sei, wer Hilfe vom Staat erhält, etwa Hartz-IV. Das ist eine sehr unübliche, restriktive Definition. Hartz-IV sichert nur das Existenzminimum. Üblich ist die Definition, dass arm ist, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnitts (Median) zur Verfügung hat.

(4) Bei der Gegenüberstellung der Sozialhilfequoten von Gesamtbevölkerung und Über-65-jährigen dürfte unberücksichtigt geblieben sein, dass bei den Rentnern besonders viele ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht nutzen. Unberücksichtigt ist, dass viele im Rentenalter noch arbeiten, um ihre Rente aufzubessern, was laut Anmoderation in einem reichen Land nicht sein sollte.

(5) Wichtiger aber: Obwohl vorher und nachher in der Sendung immer nur von Rentnern und Rentenpolitik die Rede ist, werden hier die Pensionäre mit eingeschlossen. Es ist unstrittig, dass die heutigen Pensionäre privilegiert und extrem gut versorgt sind. Bei ihnen gibt es praktisch keine Bedürftigkeit. Bei Rentnern, um die es in der Sendung nur geht, ist die Quote viel höher.

(6) Es gibt keine Andeutung, dass das Institut der deutschen Wirtschaft eine Arbeitgeberlobby ist. Der IW-Ökonom wird nur als Wirtschaftsexperte vorgestellt. Die Arbeitgeber betreiben seit Jahren eine intensive PR-Kampagne gegen die gesetzliche Rente – deren Beiträge sie mit finanzieren müssen – und für private Vorsorge. Jeder Hinweis darauf fehlt. Stattdessen macht sich der Autor mit seinem einseitigen und verzerrten Beitrag zum Teil dieser Kampagne, finanziert mit einem Zwangsbeitrag vor allem von Arbeitnehmern und Rentnern.

(7) Nichts von dem wird erwähnt, was es möglich macht, dass das Rentenniveau in Österreich sehr viel großzügiger ist, als bei uns (u.a. höhere Beiträge und einheitliches System, in das alle einzahlen, ohne die niedrigen deutschen Beitragsbemessungsgrenzen),  ohne dass das der Jugend erkennbar schadet.

(8) Warum die Mütterrente ein Hindernis bei der Förderung von Initiativen zur Berufsqualifizierung problembeladener Schulabgänger sein soll, wird nicht begründet.

(9) In Anbetracht des politisch geförderten und gewollten Ausbaus der Leiharbeit, der Zeitarbeit und des Niedriglohnsektors zu einem riesigen Arbeitsmarktsegment ist es fast zynisch, und mit Naivität kaum noch zu erklären, dass der Beitrag es so darstellt, als könne man mit ein paar Programmen für die kleine Minderheit von Schulabgängern mit Handicaps das Problem lösen, dass die junge Generation es in der Breite schwer hat, eine sichere und anständig bezahlte Arbeitsstelle zu finden.

(10) Alles an dem Beitrag könnte genau so aus der Feder eines Arbeitgeberlobbyisten kommen. Die offensichtliche Lösung, den jungen Leuten in der Breite wieder einen leichteren Zugang zu sichern und gut bezahlte Arbeitsplätzen zu verschaffen, indem man die Auswüchse der Leih- und Zeitarbeit und den Niedriglohnsektor zurückdrängt, wird nicht einmal thematisiert. Diese Lösung wäre auch gar nicht nach dem Geschmack von Arbeitgeberlobbyisten.

Mit Verlaub: Dieser Beitrag ist eine Schande für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Quelle:

  1. https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL25kci5kZS85MmNhZjhjZC03ODFiLTQ5ODktOGY3Ny00ZmQ4NTY5YzU1MzY/
  2. http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Alter-Rente/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVIII29_30.pdf

Anmerkung des Autors N.Häring: Änderungshinweis (11.10., 7 Uhr): Punkt 7 (Österreich) eingefügt und in der Überschrift „gebührenfinanziert“ in „beitragsfinanziert“ geändert. Ursprünglicher Punkt (2) gestrichen, weil nicht ganz einschlägig, und dafür neuen Punkt (3) eingefügt (Armutsdefinition).

Bildquelle:  Screenshot 14.10.2019 YT ARD

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Dieser Artikel erschien am 10. Oktober 2019 auf dem Blog von Norbert Häring

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6 Kommentare zu: “STANDPUNKTE • Warum darf der NDR zur besten Sendezeit…

  1. Eine klitzekleine Internetsuche bringt bereits hervor, dass der verantwortlich zeichnende Autor Johannes Jolmes im "JONA"-Programm der Konrad-Adenauer-Stiftung abgefüllt und verkorxt wurde. In einer solchen Filterkloake finden sich sicherlich jede Menge toxische Absonderungen interessierter Lobbygruppen wie z.B. der INSM. Außerdem schreibt die KAS auf ihrer Seite ganz stolz über Jolmes, er habe den <em>"RIAS Transatlantic Media Award"</em> für einen Film erhalten, <em>"der in spannenden Gespräche und Analysen die angeblichen Gefahren des Fracking (…) untersucht und den Vorurteilen Fakten entgegenstellt."</em>

    Natürlich lernt man da nicht Journalismus, sondern PR. Das aber offenbar gründlich: Wer sogar Fracking positiv verkaufen kann – der kann das auch mit Hungerrenten. Für die meisten Zuschauer reicht es wohl ohnehin, so zu tun, als sei "Panorama" eine <em>links</em>kritische Sendung.

  2. Nun…die Alten müssen weg. Wenn sie nicht sterben sollten, sollte ihnen dabei geholfen werden, eben das zu tun. Diese Gesellschaft ist darauf gebaut, die Erzeuger für den Nachwuchs zu bestrafen. Und er hat gefalligst die aufgebürdete Last der Sieger zu tragen aus Kriegen vor Jahrhunderten zu tragen und an künftige Generationen weiter zu geben, wenn er deutschstämmig ist…in alle Ewigkeit. Was sind wir hier für dumme Weicheier? Wer keine Achtung vor den Eltern von den Medien verpasst bekommt und es so hinnimmt, als sei es ein Pflicht dem Ursprung der eigenen Existenz Widerstand zu zelebrieren, der sollte an Freittod denken! Was sind wir für ein dummes Volk seit 1989!

  3. das Weltgeschehen ist so unvorhersehbar, dass die Logik vom Verbrauch der Ressourcen der Jugend durch die Alten absurd ist. Jede Generation hatte zu jeder Zeit die Probleme der Gegenwart zu lösen. Dies wird besonders deutlich, wenn man an die Generationen der Deutschen nach den beiden Weltkriegen denkt. Nach diesen Kriegen mussten sie sich aus dem Schutt, quasi aus dem Nichts mühsam heraus arbeiten. ich bin zuversichtlich, dass unsere Nachfahren genug Potential haben ihr Leben zu gestalten, sie üben ja jetzt schon zB mit ihren Aktionen f4f verändernden Druck auf die Gesellschaft aus.

  4. Und dann gibt s noch eine besonders delikate Lücke im System:
    Erwerbsunfähige Menschen.
    Wenn die Erwerbsunfähigkeit in so frühen Lebensjahren eintrat, dass in die Rentenversicherung nichts oder nur wenig eingezahlt wurde, dann kommt da auch nichts raus, sprich diese Menschen bekommen keine Rente.
    Also greift "Grundsicherung".
    "Grundsicherung" ist Hartz-IV-Regelsatz.
    Erwerbsunfähigkeit hat aber Gründe wie Krankheit oder Behinderung, weswegen erwerbsunfähige Menschen mehr Geld brauchen, einen sogenannten "Mehrbedarf" haben.
    Aber erwerbsunfähige Menschen kriegen Hartz-IV-Regelsatz gezahlt – OHNE Mehrbedarf.

  5. Die Sendung ist eine reine Farce..

    Es wird praktisch alles an Fortschritt weggelassen und die Wirtschaft, als Kapitalsammelbecken einer Minderheit, komplett ausgeblendet und dazu der Finger wieder auf die Menschen gerichtet, dass sie selbst ja im Grunde das Problem sind.

    Dazu wird der Speckgürtel einer Arbeitslosenindustrie als tolles Mittel verkauft, Probleme zu lösen.

    Die Leute die da irgendwas von sich gegeben haben, wie das blonde Mädchen, haben auch unterschwellig mitgeteilt, dass sie eigentlich ja selbst durch Blödheit für ihre Situation verantwortlich sind.

    Diese ganze Sendung war eigentlich nichts weiter, wie schon angemerkt eine reine Propagandasendung, die sich am Ende gegen die Menschen selbst gewendet hat und das eigentliche Problemkind komplett rausgenommen hat.

    Ehrlich total lachhaft und völlig an der Realität vorbei.

    Ganz ehrlich, wir müssten in Zeiten leben, durch Fortschritt und Automatisierung, bei gleichzeitiger Eindämmung von Überproduktion, Sinnlosarbeit und Obsoleszenz, wo die Menschen extrem viel Zeit hätten, weit weniger arbeiten müssten bei guten Gehältern und in einem freien menschlichen Dasein.. es wird nur aggressiv verhindert, unter anderen mit so einer cool Story wie dieser, die unter der Fassade widerwärtige Gleichschaltung und versuchter Betrug am Menschen sind…

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