STANDPUNKTE • Wenn Totschlagargumente nutzlos werden (Podcast)

Die Waffen des Establishments verlieren ihre Wirkung.

Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

Dass die CIA den Begriff „Verschwörungstheorie“ eingeführt hatte, um die Diskussionen über die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy abzuwürgen, dürfte inzwischen jeder wissen. Trotzdem wird der Begriff immer noch vom Establishment und seinen Anhängern gerne benutzt. Um den Begriff immer mal wieder neu zu gewichten, werden dafür auch gerne absurde Geschichten von irgendwelchen Spinnern besprochen. Von diesen Absurditäten, so der Wille der Macher von „Dokumentationen“, soll der Medienkonsument dann den Schluss ziehen, dass alles, was den Stempel „Verschwörungstheorie“ vom Mainstream erhält, dem gleichzusetzen ist. Eine etwas aufwendigere Weise, um Thesen, die dem üblichen Narrativ widersprechen, als „Verschwörungstheorie“ abzuwerten, und damit aus dem weiteren Diskurs zu entfernen, ist die selektive Widerlegung der schwächsten Argumente in einer These, ohne den Zusammenhang und die Antwort auf die Widerlegung ebenfalls zu benennen. Aber dieses und andere Totschlagargumente verlieren langsam an Macht.

Verschwörungstheorie

Denn immer mehr Menschen verstehen oder spüren instinktiv die Hintergründe, und der Begriff, wie andere, haben sich nicht nur abgenutzt, sondern in ihr Gegenteil verkehrt. Alternative verwenden den Begriff Verschwörungstheorie schon spöttisch, selbstironisch oder einfach als witzige Bemerkung. Meist dann, wenn es um Thesen geht, die sich gegen ein, manchmal lächerlich schlecht begründetes, Narrativ des Establishments richtet. Damit werden auch gerne Thesen benamt, welche zwar nicht bewiesen, aber von den Begründungen her besser sind als die offiziellen Aussagen.

Eng verbunden mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“ ist der des „Truther“. Damit soll der Eindruck erweckt werden, dass derjenige, der so bezeichnet wird, zu einer Sekte gehört, die an religionsähnlichen Mythen festhält. Zuerst in Verbindung mit den Zweiflern an dem offiziellen Narrativ der 9/11 Geschichte genutzt.

Truther sind also angeblich solche, die daran glauben, dass Aliens Menschen verschleppt haben um Versuche mit ihnen zu veranstalten, die an Echsenmenschen glauben, und die behaupten, dass die CIA die Twin-Towers in New York gesprengt hat, nicht Agenten von Al-Kaida-Chef Bin Laden. Wie gesagt, man sucht Beispiele für Extreme, um grundsätzliche Fragen zu unterbinden. So wie die Frage, warum in dem offiziellen Bericht zu 9/11 kein Wort von dem dritten Hochhaus, das im freien Fall zusammenbrach stand. Oder warum dort schlicht wesentliche Fakten fehlten, oder warum wichtige Seiten insbesondere was die Attentäter angeht, unter Geheimhaltung gestellt wurden. Aber mit Truthern braucht man ja gar nicht über solche Dinge zu diskutieren. So wie man nicht über Israel mit „Antisemiten“ diskutieren muss.

Antisemitismus

Was die Entwertung solcher Totschlagargumente angeht, gilt das inzwischen auch für Begriffe wie „Nazi“ oder „Antisemit“. Wobei die Verwässerung dieser Begriffe, zum Beispiel durch den Bundestagsbeschluss vom 17. Mai, der die BDS-Bewegung als antisemitisch brandmarkt, zu einer gefährlichen Verharmlosung des ursprünglichen Begriffes führt.

Ein Beispiel, warum die BDS-Bewegung antisemitisch wäre, so wird behauptet, wäre die Tatsache, dass der Boykottaufruf dem Boykott der Nazis „Kauft nicht bei Juden“ ähneln würde. Weshalb also angeblich eindeutig der nationalsozialistische Hintergrund erklärt wäre. Die meisten Abgeordneten des Deutschen Bundestages beten diese Behauptung vor, ohne sich offensichtlich über die Absurdität ihrer Aussage klar zu werden. Ich will nun nicht jüdische Wissenschaftler, Historiker, anführen, welche die Vergleiche zwischen dem NAZI-Boykott „Kauft nicht beim Juden“ und der BDS-Bewegung für schlicht absurd halten. Sondern schauen wir uns die Tatsachen an:

  1. Der Boykott der Nazis war ein Kampf gegen Menschenrechte und sollte dabei helfen, die Vernichtung der Juden in Deutschland vorzubereiten.
  2. Der Boykott gegen israelische Waren und Dienstleistungen, die in den besetzten Gebieten Palästinas (und Syriens) produziert werden, ist das Gegenteil, nämlich der Versuch der DURCHSETZUNG von Menschenrechten und Völkerrecht. Der Versuch, die Vernichtung des palästinensischen Volkes zu verhindern.

Da die israelische Regierung sich aber bisher erfolgreich unter der stillschweigenden Komplizenschaft deutscher Politiker, weigert, solche Waren völkerrechtskonform zu deklarieren, bleibt bisher keine andere Wahl, als eben Waren aus Israel generell zu boykottieren, da sie möglicherweise in Verbindung mit Leistungen aus den besetzten Gebieten stehen. So lange eben, bis alle Waren und Dienstleistungen aus den besetzten Gebieten entsprechen klar deklariert sind, und man gezielt nur gegen solche vorgehen kann.

Statt der Forderung des EU-Generalanwaltes nachzukommen, und die seit Jahren geforderte Deklaration des Ursprungs regelkonform auf die Waren zu drucken, wird nun also der Versuch, mit dem Menschenrechte und das Völkerrecht gewaltlos durchgesetzt werden sollen, mit der Antisemitismuskeule beantwortet. Und der Antisemitismusbeauftrage des Landes Hessen bewirbt sogar solche Güter, die in den besetzten Gebieten durch Israel herstellt werden auf seiner Facebook-Seite. Geht es absurder?

Da ich noch auf mehr Totschlagargumente eingehen will, hier nur noch die Bemerkung, dass man nur hoffen kann, dass eine der politischen Parteien in Deutschland den Mut hat, wie auch von Andreas Zumach gefordert, gegen den Lobbyismus einer rechtsextremen israelischen Regierung und der Medienmacht von Springer, eine Klage wegen Grundgesetzverletzung einzureichen (1). Auch wenn die Aussichten gering sind, weil auch das Oberste Gericht Deutschlands vom Parteienkonsens bestimmt wird (2).

Querfront

Die Hochzeit dieses Totschlagargumentes „Querfront“ war zur Zeit des Aufkommens der „neuen“ Friedensbewegung. Nachdem die Partei „die Grünen“ es durch den Jugoslawienkrieg und folgende Kriegsbeteiligungen geschafft hatte, die „alte“ Friedensbewegung zu zerstören und in die Bedeutungslosigkeit zu manövrieren, waren unter dem Eindruck des gewalttätigen Putsches gegen die gewählte Regierung der Ukraine (3) und der Terrorunterstützung und des immer offener zu erkennenden Angriffskrieges gegen Syrien eine neue Bewegung entstanden. Darin waren Konservative ebenso wie Progressive, Linke und Rechte. Was sie getrennt als Heuchelei und Kriegstreiberei identifiziert hatten, war die Gemeinsamkeit. Aber die Tatsache, dass sie die gleiche Kritik äußerten, führte zum Totschlagargument „Querfront“.

Schauen wir uns die Definition dieses Totschlagargumentes auf Wikipedia an:

„Im historischen Sinn werden als Querfront anti-demokratische Strategien bezeichnet, welche die gegensätzlichen Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus verbanden, um in der Weimarer Republik die politische Macht übernehmen zu können.“ Gerne wird der Vorwurf, gegen die Demokratie vorzugehen, ähnlich wie bei Wikipedia, noch verstärkt durch die Behauptung von „verschwörungstheoretischen antisemitischen Welterklärungen“. Also soll mit drei Totschlagargumenten verhindert werden, dass man sich überhaupt mit Diskussionen und Gesprächen auseinandersetzt. Querfront, Verschwörungstheoretiker und Antisemit sind die Schlüsselworte.

Natürlich hatten die Macher der Friedensdemos keinerlei Absicht „die Macht im Staat“ zu übernehmen. Es war eine ganz offensichtlich absichtlich lancierte „Verschwörungstheorie“ mit dem Ziel die Bewegung gegen Krieg und Regime-Change zu spalten. Und es war erfolgreich.

War es zuerst die angeblich linke „Friedenspartei“ die Grünen, welche durch ihre Begeisterung für den Jugoslawienkrieg die alte Friedensbewegung erfolgreich zerstört hatten, so war es nun, im 21. Jahrhundert, die angeblich linke und friedensbewegte Part „Die Linke“ welche an vorderster Front gegen eine wirksame Friedenspolitik kämpfte.

„Innerhalb der Partei Die LINKE gibt es ein Netzwerk von Mitgliedern, das gezielt an der Demontage linker Positionen arbeitet und zu dem Spektrum der sogenannten ‚Antideutschen‘ gehört. Die ‚Antideutschen‘ sind eine nach der Wiedervereinigung aus der radikalen Linken hervorgegangene Strömung, die angesichts einer Welle fremdenfeindlicher Gewalt und eines erstarkten Nationalismus eine Art ‚Viertes Reich‘ befürchtete. Antisemitismus sei ‚den Deutschen‘ wesentlich und daher als Hauptwiderspruch zu begreifen. Als Gegenentwurf bezieht man sich auf die ‚antideutsche‘ Koalition der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und auf den Staat Israel als Konsequenz aus dem Holocaust. Dies führte zu ungewohnten Bildern: ‚Linksradikale‘ liefen nun auf einmal mit USA-Fahnen auf Demonstrationen herum und forderten ‚unbedingte Solidarität‘ mit Israel ein. (…) ‚Antideutsche‘ haben sich dann im Laufe der Jahre immer stärker den Positionen der Neokonservativen angenähert und können mittlerweile als eine mit einem linken Habitus agierende Variante des Neokonservatismus betrachtet werden.“  (4) So Jens Mertens schon am 17. März 2010 im Hintergrund.

Und auch 2017 sah es nicht anders aus, wie Wolfgang Jung in Rubikon feststellte. Er zeigte auf, wie die Linke von der Forderung nach Auflösung der NATO zurück rudert, und wie der Kasseler Friedensratschlag, Friedensdemo-Watch und der Parteivorstand der LINKEN die Montagmahnwachen diskreditierten, indem sie diese als „rechtslastig“ stempelten, weshalb man nicht daran teilnehmen sollte. Und er beschreibt eindrucksvoll, wie „teile und herrsche“ perfekt funktionierte, um eine beginnende Welle von Demonstrationen gegen Krieg und Regime-Change zu verhindern (5).

Allerdings läuft auch diese Bemühung, keine gemeinsame Front gegen das Establishment entstehen zu lassen, nun langsam ins Abseits. Die schlimmsten Befürchtungen der politischen Aristokratie, welche viel Mühe in die verfolgte „teile und herrsche“ Politik steckt, könnten langsam Realität werden.

Immer mehr Alternative weigern sich, nicht mit dem Vertreter einer anderen politischen Ideologie zu reden, nur weil die Verleumdung „Querfront“ droht. Vielmehr gibt es auf verschiedenen Ebenen immer wieder Versuche, gemeinsame Ziele zu definieren und Unterschiede zu tolerieren.

FakeNews

Dieses Argument hat eine ähnliche Zielrichtung wie „Verschwörungstheorie“, soll aber noch aggressiver wirken, weil es die Option der absichtlichen manipulativen Falschinformation beinhaltet, während Verschwörungstheoretiker nur dumme Spinner wären.

Zuerst wird erklärt, dass eine bestimmte Organisation über den Medien stehen würde, und in der Lage wäre, Fake-News eindeutig zu identifizieren. Eine solche Organisation ist zum Beispiel Correctiv. Das Vorgehen ist ähnlich wie im Fall von „Verschwörungstheorien“. Einige offensichtliche Falschinformationen werden „aufgedeckt“ um das Gefühl zu erzeugen, dass in bestimmten ideologischen Kreisen oder ausländischen Medien, bewusst Falschinformationen gestreut werden. Interessant ist aber, wenn man genau hinschaut (6), stellt sich das Ganze eher als „Gesinnungsprüfung“ heraus und als das Madigmachen von potentieller Konkurrenz. Nicht nur der Konkurrenz von Correctiv, welche ja selbst als Anbieter von Medienprodukten auftritt, sondern auch der Konkurrenten, welche die Organisation mitfinanzieren, und niemals in den Fokus des „Wahrheitsministeriums“ geraten, weil dort angeblich „genügend Selbstreinigungskräfte“ am Werk wären.

Und so ist es erklärlich, dass so genannte „Faktenchecker“ niemals die Fehler der „Qualitätsmedien“ beleuchten, obwohl diese mitverantwortlich für Massenmord, Angriffskriege und Chaoserzeugung in vielen Ländern sind. Wer hat die Lügen der Bundesregierung Deutschland vor dem Jugoslawienkrieg ohne ernsthaft zu hinterfragen, und ohne kritischen Stimmen Reichweite zu geben, verbreitet? Wer hat willig die „Brutkastenlüge“ vor dem ersten Irakkrieg verbreitet? Wer die Behauptungen über Massenvernichtungswaffen vor dem zweiten Irakkrieg? Wer die Fälschungen, welche zu den ersten Sanktionen gegen den Iran wegen angeblicher Kernwaffenentwicklung führten? Wer hat die Lügen über Gaddafis angeblich geplante Massenmorde an Zivilisten seines Landes verbreitet? Wer hat begeistert den Kriegseinsatz gegen Afghanistan kommentiert, obwohl absehbar war, dass der Krieg weder gerechtfertigt, noch zu gewinnen war? Wer berichtet heute noch offensichtliche Falschmeldungen über Syrien, und verklagt auch den Blogger, wenn der diese Geschichten aufdeckt (7) ?

Fazit

Wenn ein Gesprächspartner beginnt, mit Totschlagargumenten zu arbeiten, fehlen ihm Sachargumente, oder er ist einfach zu faul und eingebildet, um sich intellektuell anspruchsvoller als auf Bild-Niveau auseinander zu setzen. Trotzdem ist es immer noch wirksam. Gerade die Alternativen sollten sich weigern, dadurch beeinflusst zu werden, und den Spieß umkehren. Wer sich versucht aus einer Diskussion zu retten, indem er die Diskussion mit Totschlagargumenten abwürgt, sollte nicht straflos aus der Situation entkommen. Man sollte ihm offen sagen, dass es fachlich uninformiert, intellektuell armselig, politisch lächerlich und persönlich Angst oder Faulheit demonstrierend ist, sich auf Totschlagargumente zurückzuziehen.

Quellenhinweise:

  1. https://www.jungewelt.de/artikel/356866.widerstand-gegen-zensurversuche-es-muss-%C3%BCber-bds-geredet-werden-k%C3%B6nnen.html
  2. gewaltenteilung.de und https://www.nibe-versand.de/Essays-Jochen-Mitschka/Politicum-Illustrati-Finis-Germania-oder-Deutschlands-Demokratie-ist-verloren::105.html
  3. https://www.nibe-versand.de/Politik/Schattenkriege-des-Imperiums-Das-Ukraine-Narrativ::120.html
  4. https://www.hintergrund.de/politik/inland/die-linke-von-innen-umzingelt/
  5. https://www.rubikon.news/artikel/die-ganz-reale-querfront
  6. http://tertium-datur.com/wer-die-wahrheit-beansprucht-das-wahrheitsministerium-correctiv-org/
  7. https://www.rubikon.news/artikel/fakten-spielen-fur-renommierte-medien-keine-rolle

Bildquelle: bfk / Shutterstock

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