STANDPUNKTE • Wir müssen uns jetzt entscheiden. (Podcast)

Ein Standpunkt von Sean Henschel.

Der Homo sapiens tötet gegenwärtig mehr Tiere als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Der Fleischkonsum steigt weltweit stetig an, mit rasant steigender Tendenz in Asien. Jedes Jahr schlachtet die Gattung Mensch über 75 Milliarden Tiere ab (1), (2), (3).

Es sind nicht nur die Zusammenhänge zwischen dem exzessiven Fleischkonsum und dem Klimawandel, der eine Debatte über die Rechtfertigung einer massenhaften Domestizierung anderer Lebewesen immer mehr in den Fokus gesellschaftspolitischer Debatten rückt, sondern zunehmend auch die Infragestellung der gängigen Moralvorstellungen durch die neue Generation @.

Der bis heute mehrheitlich befürwortete Speziesismus (5), der schon in der griechischen Antike und später durch die katholische Kirche stark beworben wurde, gerät immer mehr ins philosophische Straucheln. Wie kann der Mensch die Tötung eines nichtmenschlichen Tieres zum Eigennutz rechtfertigen? Darf der Mensch ganze Wälder abholzen, um Platz für Viehfutter zu schaffen, Millionen von Tonnen Wasser verbrauchen, nur um ein Stück Fleisch zu verzehren? Darf der Mensch Millionen von Tieren durch künstliche Besamung züchten, um diese später für Tierversuche zu nutzen (4) ? Können wir uns unter diesen Umständen immer noch als moderne und zivilisierte Lebewesen betrachten, ohne als Heuchler dazustehen? Führt der Mensch nicht regelrecht einen Krieg gegen die Tierwelt?

Der Kaiser ist nackt. Mit dem Internet werden die Menschen immer schneller und einfacher an die tatsächlichen Zustände der industriellen Massentierhaltung herangeführt. Der Glaube an die glückliche Kuh, die auf der Wiese grast, oder das nette Schweinchen, das glücklich herumturnt, ist ein durch die Werbung sehr gerne propagiertes Kindermärchen. Nur bei knapp 1% der weltweiten Tierhaltung trifft dies wirklich zu. Alle anderen Tiere werden in sogenannten „factory farms“ gehalten, wo sie mittels hochentwickelter Technik bis ins kleinste Detail maximal ausgebeutet werden (6), (7).

Ziel ist es, mit dem allergeringsten menschlichen Aufwand, den allermeisten Ertrag aus dem Tier herauszuholen. Profitmaximierung um jeden Preis. Tiere werden vorsätzlich verstümmelt, auf engstem Raum gehalten und regelmäßig mit Hormonen und Antibiotika Spritzen versorgt. Wer nicht nach der menschlichen Pfeife tanzen möchte, wird auf brutalste Weise zusammengeschlagen und misshandelt. Nicht nur die dort lebenden Tiere werden wissentlich krank gehalten und ständigem Leiden ausgesetzt, sondern auch die Peiniger dieser Farmen selbst, die meist nur ein Jahr aushalten und später mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen haben. Nur wer emotional abgestumpft ist und seine natürliche Empathie Fähigkeit zuhause im Keller gelassen hat, überlebt dieses Massaker.

Am 08.06.2019 fand in Paris am Platz der Republik eine von der Tierschutzorganisation L214 organisierte Demonstration für die Abschaffung der Schlachthöfe statt. Knapp 3600 Menschen kamen zusammen und füllten den Platz (8). Darauf folgend hielt die Mitbegründerin der Organisation Brigitte Gothière einen längeren Vortrag, in dem sie das Leid der Tiere aufs Schärfste anprangerte und für mehr Menschlichkeit und weniger Barbarei warb. Es war ein klares Statement an die lokale Bevölkerung und an die ganze Welt. Es folgte ein dreistündiger Marsch der Entschlossen durch die Pariser Straßen, vorbei an vielen Schaulustigen und Interessierten, denen Informations-Flyer ausgeteilt wurden.

Zudem versammelten sich diverse französische Tierschutzorganisationen und vegane Unternehmer am Platz der Republik, um vegane Alternativen anzubieten und schmackhaft zu machen. Ein Pendant zur bekannten VeggieWorld (9).

Es gibt wohl kaum ein Thema, welches so kontrovers diskutiert wird, wie die eigene Ernährungsweise und die eigene Beziehung zu Tieren. Um eine konstruktive Debatte in Gang zu setzen, müssen wir zuerst unsere Vorurteile bei Seite legen und anfangen, ganz einfache Fragen zu stellen. Vielleicht ist es hilfreicher auf die Gemeinsamkeiten zu achten, als auf die Unterschiede. Wer Tiere zum Eigennutz isst oder an ihnen Tierversuche ausübt, kommt früher oder später nicht an der folgenden Frage vorbei: Wie lässt sich dies moralisch rechtfertigen?

Der Philosoph und Ethiker Peter Singer (10), der von Jeremy Bentham beeinflusst wurde, macht, wenn es um die Rechtfertigung der Tötung von Tieren zum Eigennutz geht, auf eine Problematik aufmerksam. Wer behauptet, der Mensch sei das einzige Lebewesen auf dem Planeten, das vernunftbegabt ist und somit von Natur aus besser und höher einzustufen sei als jedes andere nichtmenschliche Tier, stößt auf folgendes Problem.

Wenn nur die Vernunft entscheidend sein soll, was tun mit den Menschen, die keine Vernunft im Sinne einer funktionierenden Urteilskraft besitzen? Die Rede wäre dann von geistig schwerbehinderten Menschen und von Säuglingen. Heißt dies, dass wir das Recht darauf haben müssten zu Gunsten der rationalen Menschen geistig Schwerbehinderte und Säuglinge zu töten, um diese anschließend zu verzehren oder an ihnen Menschenexperimente auszuführen? Würde man dann nicht zwangsläufig in einen Widerspruch verfallen, wenn man die Tötung eines Schweins oder eines Schimpansen bevorzugen würde, obwohl allgemein bekannt ist, dass Schweine und Schimpansen einen höheren Intelligenzgrad haben als Säuglinge oder geistig schwerbehinderte Menschen?

Wie man sieht, gerät man schnell in ein ethisches und philosophisches Dilemma. Wir können heute auf die Menschenwürde verweisen und somit die Tötung von geistig schwerbehinderten Menschen oder Säuglinge als moralisch verwerflich einstufen. Die Menschenwürde ist ein moralisches Konstrukt, das besagt, dass der Mensch einen inhärenten Wert besitzt, der unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Alter ist. Peter Singer zeigt zudem, dass das Thema Tierrechte und Tierschutz eine starke Parallele mit dem Thema Rassismus oder Feminismus aufweist.

Kein Mensch ist gleich und es wäre absurd zu denken, alle Menschen müssten die gleichen Rechte haben. Das Recht der Abtreibung kann logischerweise nur eine Frau innehaben und ein Recht auf Asyl nur ein ausländischer Staatsbürger. Das Recht auf Gleichbehandlung ist ein vom Menschen geschaffenes Konstrukt, auf dessen Einhaltung sich eine Gesellschaft geeinigt hat.

In Deutschland besagt der Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 GG, (11)) um es einfach zu formulieren, dass wesentlich gleiche Sachverhalte gleich behandelt werden müssen und wesentlich ungleiche Sachverhalte unterschiedlich. Es geht darum, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Dass das Recht auf Gleichbehandlung eine Idee ist und keine natürlich Tatsache beweist schon der Umstand, dass man auf der Welt grundlegend verschiedene Zustände vorfindet. Wo hierzulande Frauen alle Rechte zugesprochen werden, werden anderswo Frauen rechtlich regelrecht unterdrückt und offiziell als minderwertiges Geschlecht eingestuft.

Wir haben uns also darauf geeinigt, dass die Vernunft beim Menschen nicht herangezogen werden darf, um die Menschenwürde zu bewerten. Wenn es unter uns Menschen nicht um die Vernunft geht, warum sollte dies bei nichtmenschlichen Tieren anders sein? Die Anerkennung der Menschenwürde basiert auf der Akzeptanz einer grundlegenden Gemeinsamkeit aller Menschen.

Als Jeremy Bentham bemerkte, dass die menschliche Vernunft als maßgebliches Unterscheidungsmerkmal im Rahmen einer philosophischen Debatte nicht wirklich überzeugen konnte, sowie einfache Fragen nicht erfolgreich abzuwehren vermochte, suchte er nach Tatsachen, die allen Menschen und allen Tieren grundsätzlich gemein ist.

Nach seiner Auffassung war diese Tatsache im Leiden zu finden. Jeder Mensch und jedes nichtmenschliche Tier hat die Fähigkeit zu leiden und strebt von Natur aus ein schmerzfreies Leben an.

Das ist die grundlegende Gemeinsamkeit. Die entscheidende Frage war somit nicht, ob ein Tier Vernunft besitzt oder ob ein Tier eine Sprache hat, sondern ob ein Tier leiden kann. Nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand, verfügen Tiere auch über ein Nervensystem und haben die Fähigkeit, in ähnlicher Weise wie wir Menschen Schmerz zu empfinden. Die Möglichkeit Schmerz zu empfinden und somit zu Leiden, wird als grundlegendes Bewertungskriterium für das eigene moralische Handeln herangezogen.

Nach dieser Auffassung wäre es moralisch inkonsequent, nichtmenschlichen Tieren unnötig Leiden zuzufügen. Wer bei Menschen die Zufügung von unnötigem Leid moralisch ablehnt, müsste dies ebenfalls bei mitfühlenden Tieren ablehnen. Es geht um die Einhaltung einer argumentativen Stringenz. Wenn der Mensch im Rahmen seiner privaten Lebensführung nicht gelernt hat seine doppelmoralischen Handlungsweisen zu hinterfragen, wie lässt sich dann die Erwartung aufrechterhalten derselbe Mensch besäße die Fähigkeit dies auf einer außenpolitischen Ebene zu tun?

Es geht hier nicht darum, für Vegetarismus oder Veganismus zu werben oder gar anderen Menschen diese Lebensweise aufzuoktroyieren. Das Ausmaß der Massentierhaltung hat sich jedoch seit dem letzten Jahrhundert derart ausgeweitet, dass die Leugnung philosophischer und ethischer Fragestellungen nicht ohne Weiteres ignoriert oder gar verdrängt werden kann. Es geht vielmehr darum, die elementaren Fragen erneut zu stellen und wieder in den Vordergrund rücken zu lassen. Zudem gilt es zu verstehen, dass die Beziehung des Menschen mit dem nichtmenschlichen Tier auch Auswirkungen auf die Beziehung des Menschen mit anderen Menschen entfaltet. Zudem rückt der Klimawandel immer näher, sodass eine Auseinandersetzung mit der heutigen Lebensführung zur Pflicht werden wird, wenn der Homo Sapiens noch ein Jahrhundert auf dieser Erde überleben will.

Leo Tolstoi soll mal gesagt haben, dass solange es Schlachthöfe gibt, es auch Schlachtfelder geben wird. Über die Stichhaltigkeit dieser Aussage lässt sich durchaus streiten. Eines wollte Tolstoi aber klarmachen: Solange der Mensch nicht in der Lage ist, gegenüber den hilflosesten Lebewesen genügend Achtung zu zeigen und über elementare Werte wie Menschlichkeit und Mitgefühl nachzudenken, wie kann man von ihm erwarten, dies gegenüber Seinesgleichen zu tun?

Unser Glaube an etwas bestimmt unser Handeln. Über die Jahrhunderte sind genügend Menschen gestorben und es haben genügend Menschen gelitten, damit wir heute einen gewissen Standard an Menschenrechten vorfinden. Der Glaube an die Menschenrechte reicht für deren Weiterbestehen jedoch nicht aus. Wir müssen immer wieder aufs Neue die Durchsetzung dieser Rechte einfordern und für deren Einhaltung kämpfen. Ansonsten bleibt es bei einfachen Sätzen, geschrieben auf ein Stück Papier.

Wer das Thema Tierrechte, Tierschutz und Umweltschutz in den Mund nimmt, kommt nicht herum, diese Werte auch aktiv zu leben und ihnen zur tatsächlichen Geltung zu verhelfen. Aktivist zu sein bedeutet sein Handeln zu steuern und wohlbewusst Entscheidungen zu treffen. Entweder man tut etwas oder man tut etwas nicht. Egal wofür man sich schlussendlich entscheidet, eine Entscheidung bleibt es trotzdem. Diese Entscheidung muss jeder für sich alleine treffen. Der Mensch ist regelrecht zur Freiheit verurteilt!

Bildquelle: S.Henschel /privat

Quellen:

  1. http://www.db.zs-intern.de/uploads/1541755718-2018FAOOutlookNov.pdf
  2. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/02/PD19_043_413.html
  3. https://faunalytics.org/global-animal-slaughter-statistics-and-charts/
  4. https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/infos/statistiken/22-tierversuchsstatistik
  5. https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/speziesismus/62560
  6. https://www.youtube.com/watch?v=LQRAfJyEsko&feature=youtu.be
  7. https://vimeo.com/209647801
  8. https://france3-regions.francetvinfo.fr/paris-ile-de-france/paris/manifestation-paris-fermeture-abattoirs-1271069.html
  9. https://veggieworld.de
  10. https://www.haraldfischerverlag.de/hfv/buecher/befreiung-der-tiere.php
  11. https://dejure.org/gesetze/GG/3.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Ein Kommentar zu: “STANDPUNKTE • Wir müssen uns jetzt entscheiden. (Podcast)

  1. Danke für den Artikel. Eine weitere Zusammenfassung des Thema habe ich hier gefunden:

    So wie es ethisch nicht vertretbar ist, Rechte nur Menschen einer bestimmten ethnischen Gruppe, eines bestimmten Geschlechts oder Alters zuzugestehen, ist es ebenfalls inakzeptabel, Rechte wie das auf Leben, physische und psychische Unversehrtheit und Freiheit nur auf Angehörige einer bestimmten Spezies zu beschränken.

    Quelle:

    Ich möchte noch einen Zugang, der den genannten nicht so fern ist, ergänzen:

    Viele Parteien (besonders vor Wahlen) und Menschen geben an, für soziale Gerechtigkeit zu sein. Liest man sich Informationen zur Lebensweise sogenannter Nutztiere durch – z.B. auf der Seite der Albert Schweitzer Stiftung – wird klar, dass nicht nur Menschen soziale Lebewesen sind. Soziale Gerechtigkeit zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man keine Gruppe sozialer Individuen ausklammert, sondern alle, die unter ungerechter (etwa gewalttätiger) Behandlung leiden, berücksichtigt.

    Zum Abschluss noch eine unvollständige Gedankensammlung:
    Jede Menge unter Menschen übliche (wenn auch nicht konsequent umgesetzte) Konzepte werden für z.B. „essbare“ Tiere ignoriert: Frieden, Zivilcourage und Schutz von Schwächeren, besonderer Schutz von Familien/Kindern (In der Nutztierhaltung werden viele Tiere nach einem Bruchteil der Lebenserwartung getötet, aus sozialen Gefügen/Familien gerissen), Liebe/Freundschaft (viele Menschen bezeichnen sich als tierlieb, Tierfreund), Gewaltlosigkeit, Bedürfnisse anderer berücksichtigen, Gleichbehandlung von Interessen (Hunde werden umsorgt, Schweine eingesperrt, getötet – obwohl beide ein Interesse an körperlicher Umversehrheit und gutem Leben haben), die eigene Freiheit endet dort, wo die des/der anderen beginnt/verletzt würde…

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