Tagesdosis 08.05.2018 – Die Skripal Kabale (Podcast)

Ein Kommentar von Dirk Pohlmann.

Der Fall Skripal ist kriminalistisch, zwei Monate nach dem Nervengiftangriff auf den russischen Doppelagenten, so unklar wie zu Beginn. Trotzdem hat er dafür gesorgt, dass die Beziehungen zwischen Russland und den NATO Staaten so schlecht sind, wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Möglicherweise, nein wahrscheinlich, weil das die Absicht dahinter ist.

So rasant und rabiat, wie sich die britische Regierung ein Loch gegraben hat, aus dem sie jetzt nicht mehr herauskommt, kann man zu keinem anderem Schluss kommen. Der Außenminister Boris Johnson hatte gleich zu Beginn der Ermittlungen allen Ernstes behauptet, dass nur Russland dahinter stecken könne, weil nur Russland das „Motiv, die Fähigkeit und den Leumund“ für so ein Verbrechen hätte. Diese Beschreibung trifft zwar auf Großbritannien und die USA noch mehr als auf Russland zu, insbesondere was die Motive betrifft, aber auch die Fähigkeiten und erst recht was den Leumund angeht, aber zu solch feiner Ironie ist Johnson nicht fähig. Er ist ein Mann für´s Dumme und Grobe.

In vieler Weise erinnert der Fall Skripal an die Dreyfus Affäre. 1894 war der französische Hauptmann Alfred Dreyfus von einem Kriegsgericht in Paris wegen Landesverrats verurteilt worden. Die Beweislage war mehr als dünn und die Indizien wiesen auf einen anderen Schuldigen, den Major Esterhazy. Der Fall Dreyfus hatte die Bevölkerung Frankreichs in zwei Lager gespalten.

Die einen waren sicher, dass der jüdische Elsässer Dreyfus schuldig sein musste, weil ihr „Blut“, ihr Gefühl, ihre Liebe zum Vaterland ihnen das sagte. Und sie hatten die zeitgenössischen McMedien auf ihrer Seite. Die Sache war klar, weil nur der Jude Dreyfus das Motiv, die Fähigkeit und den Leumund für einen Verrat hatte.

Dagegen stand das Lager, die seine Unschuld nachzuweisen versuchte, mit Logik, kriminalistischer Akribie und unter Verweis auf die Ideale der Aufklärung. Ihre Betonung des Rationalen in dem Skandal ließ einen neuen Begriff entstehen: Sie nannten sich selbst und wurden von den Gegnern als „Intellektuelle“ bezeichnet und verleumdet. Intellektueller war damals ein Kampfbegriff wie heute „Verschwörungstheoretiker“.

Die „Intellektuellen“ waren gehirngetriebene Wesen, denen die Vernunft wichtiger war als Blut und „Rasse“. Das einige der klügsten Köpfe Frankreichs Dreyfus’ Unschuld verteidigten und auf die skandalöse Berichterstattung der bürgerlichen und „patriotischen“ Presse hinwiesen, darunter zuvorderst Emile Zola, der mit seinem berühmten Artikel „J’Accuse…!“ die Unschuld des  Alfred Dreyfus und Schuld des französischen Majors Ferdinand Walsin-Esterházy beteuerte, fachte die Wut auf den Verräter und seine Trollarmee nur weiter an. Dadurch wurde Zola selbst zum Ziel der juristischen Hetzjagd gegen Dreyfus. Auch er wurde vor Gericht verurteilt. Zu Zolas Unterstützern gehörten die Schriftsteller Anatole France, der Maler Claude Monet, der Soziologe Emile Durkheim, die Schauspielerin Sarah Bernhardt, der Mathematiker Henri Poincare, der Politiker Georges Clemenceau und viele andere, eben die „Intellektuellen“.

Wie schwer sich ein Staat und seine Institutionen damit tun, die Wahrheit einzugestehen, auch das demonstriert der Fall Dreyfus. Obwohl Dreyfus 1906 freigesprochen wurde, hat die französische Armee erst 1995 offiziell die Unschuld des Alfred Dreyfus öffentlich bestätigt.

Ganz ähnlich wie im Fall Dreyfus wird auch im Fall Skripal von einer Fraktion gefordert, ohne Beweise auf der Grundlage einer angeblichen Plausibilität, eines angeblichen Gesamtbildes im Sinne der staatlichen Anklage zu urteilen und die Indizien zu übersehen, während die Gegenseite fordert, mit kühler Sachlichkeit zu ermitteln und die Verurteilung nicht vor der Beweisaufnahme durchzuführen.

So sind Skripal und seine Tochter nach offizieller Lesart durch Einschmieren des Türknaufs seiner Wohnung vergiftet worden. Wie soll man sich das vorstellen? Hat Skripal die Tür seines Hauses verschlossen und seine Tochter hat dann noch mal an den Türgriff gefasst? Machen Sie das auch so, wenn sie ihr Haus verlassen? Ihr Partner fasst noch mal an die Tür? Wirklich? Immer? Weil sonst wäre das ja keine gute Methode, um zwei Menschen umzubringen. Und wenn man nicht Skripal und seine Tochter umbringen wollte, warum wartet man dann, bis Julia ihren Vater besucht? Das ist nur ein Beispiel für die löchrige Logik dieses Falles.

Es sind nicht nur die kriminalistischen Details der angeblichen Nervenkampfstoff-Vergiftung, die genauso zum Himmel stinken, wie die kriminalistischen Details in der Dreyfus-Affäre. Die Regeln des Rechtsstaates, die Unschuldsvermutung, werden von den Mitgliedern der modernen Anti-Dreyfus Fraktion wie Theresa May und Norbert Röttgen als Unsinn bezeichnet,  sie sagen allen Ernstes, dass jedem NATO-Patrioten klar sein müsse, dass „der Russe“ schuld sein müsse, weil es nur der Russe gewesen sein könne – so wie damals der Jude schuld war.

Die neueste Volte in diesem Fall führt noch tiefer in die Leichenkeller der westlichen Wertegemeinschaft. Der tschechische Präsident Milos Zeman hat in einem Fernsehinterview gesagt (4), dass tschechische Militärchemiker im letzten Jahr (!) einen Nervenkampfstoff des Typs „Nowitschok“ hergestellt hätten. Zeman ist eher russlandfreundlich. Der tschechische Putin- und Russland-Feind Premierminister Andrej Babis hat ihm jetzt widersprochen (5). Erstens seien es nur minimale Mengen für Tests gewesen, noch dazu eines anderen Nowitschok Giftes, nicht des „britischen“, die überdies sofort zerstört worden seien, zum anderen schade solcher Geheimnisverrat den Beziehungen zu Großbritannien und anderen NATO Staaten.

Nun wurde dem erstaunten Publikum ja zu Beginn der Skripal-Kabale versichert, dass bereits der Name des Giftes ein Beweis für die  Urheber des versuchten Mordes im Kreml sei, weil nur Russen Nowitschok hergestellt hätten und herstellen könnten.

Kabale, auch das sei erwähnt, ist ein altertümliches Wort für Intrige und Verschwörung und damit ein Hinweis, dass es Verschwörungen tatsächlich bis in die jüngste Vergangenheit gegeben hat. Bevor sie rückstandsfrei ausstarben und von der florierenden „Verschwörungstheorie“ abgelöst wurden.

Die einzig mögliche russische Urheberschaft des Nervenkampfstoffes war und ist kompletter Unsinn, wie einige „intellektuelle“ Chemiker und andere Intellektuelle nicht müde wurden zu beteuern, die Formel hatte einer der Urheber der Nowitschok genannten verschiedenen Nervengifte in einem Buch veröffentlicht und jeder akademisch ausgebildete Chemiker, dem ein Forschungslabor mit Abzugshaube zur Verfügung steht, also so gut wie jeder Chemiker, könnte es herstellen.

Ganz sicher jeder Militär Chemiker der ehemaligen Tschechoslowakei. Denn die waren im Warschauer Pakt, neben den Sowjets, die unangefochtenen Spezialisten für Chemiewaffen. Wie ich bei den Recherchen für meine Arte/ZDF Dokumentation „Mengeles Erben“ (1)feststellen musste. Die CSSR war im Kalten Krieg nicht nur der weltgrößte Produzent von LSD, seine Geheimdienste und das Militär experimentierten und nutzten analog zu den MK-Ultra Versuchen der USA die damals in Entwicklung befindlichen Psychopharmaka für militärische und geheimdienstliche Zwecke, setzten sie als Verhördrogen ein, sie setzten Raketenoffiziere unter LSD und filmten die Effekte, die tschechoslowakischen Militärchemiker beschäftigten sich dezidiert mit der Anwendung von chemischen Waffen gegen Individuen und feindliche Streitkräfte. Ich fand sogar Material, dass von einer Untersuchungskommision der USA stammte, die sich mit tödlichen Versuchen an US Kriegsgefangenen des Vietnamkrieges beschäftigte, die in die CSSR gebracht worden waren, wie auch der tschechosolwakische Überläufer General Jan Sejna 1968 in den USA ausgesagt hatte. Die Untersuchungskommission hatte einen Zeugen gefilmt, der unter Drogen gesetzte US Soldaten im Todestrakt eines Gefängnisses gesehen hatte. Vor Ort, in dem Gefängnis, in dem der Zeuge als politischer Gefangener inhaftiert war.

Das Material war mir zugespielt worden, weil es nie in einer offiziellen Untersuchung verwendet wurde, sondern beseitigt werden sollte.

Denn zwischen den ehemaligen Chemiewaffenexperten der CSSR und den USA gab es, wahrscheinlich, einen Deal. Beweisen kann ich es nicht, es ist nur plausibel. Die tschechischen Chemiewaffen Spezialisten hatten sehr schnell die Seiten gewechselt. Sie waren bereits 1991 im ersten Golfkrieg als Mitglieder der „Koalition der Willigen“ im Einsatz gegen Saddam Hussein im Irak. Der Wert der tschechischen Truppen war immens, denn CSSR Experten hatten weltweit befreundete Militärs in der Produktion, der Lagerung und im Einsatz von Chemiewaffen ausgebildet und wussten besser als irgendjemand sonst, womit im Irak zu rechnen war, sie hatten die Analysemethoden und Detektoren für die entsprechenden Kampfstoffe.

Ähnliche Deals gab es nach dem zweiten Weltkrieg mit den Kriegsverbrechern der Einheit 731 (3), die unter Shiro Ishii vor allem Bio- aber auch Chemiewaffen- und andere Versuche mit etwa 3.000 Gefangenen (2), meist Chinesen, durchgeführt hatte. Insgesamt fielen den Biowaffenversuchen 300.000 Menschen zum Opfer. So akribisch wissenschaftlich wurden die 3000 Gefangenen von den japanischen „Ärzten“ sadistisch als Meerschweinchenersatz verbraucht, mit Pest und Milzbrand in Labor und Freilandversuchen infiziert und teilweise bei lebendigem Leib seziert, darunter auch einige US Bomberbesatzungen, dass die US Geheimdienstler von der Exaktheit der Ergebnisse völlig begeistert waren. Solche validen Ergebnisse hatten die deutschen KZ-Ärzte nicht zu bieten.

Man beschloss, die japanischen Mengeles gegen Übergabe ihrer Daten straffrei davonkommen zu lassen. Ein entsprechender Deal fand statt, während in Deutschland etwa ein Drittel der in den Nürnberger Ärzteprozessen angeklagten KZ-Ärzte gehängt wurden.

Ähnliche Deals gab es aber auch mit deutschen Wissenschaftlern, die wertvolle Ergebnisse zu Verhördrogen weitergeben konnten. Diese Experten bauten übrigens auf Wissen auf, dass bereits vor dem Krieg in der Tschechoslowakei erworben worden war – und führten skrupellos weitere Versuche durch. Es wurde z.B. mit Meskalin und anderen natürlichen Drogen experimentiert.

Man kann also getrost davon ausgehen, dass insbesondere in der ehemaligen CSSR Experten sitzen, für die Nowitschok kein Buch mit sieben Siegeln ist. Man sollte aber nicht davon ausgehen, dass die moralischen und  menschenrechtlichen Wahrheits-Standards westlicher Regierungen den Anforderungen entsprechen, die sie an Russland oder Syrien anlegen. Oder den eigenen Anforderungen an sich selbst.

Und Geheimdienste sind Geheimdienste sind Geheimdienste.

Quellen

(1) –  https://www.youtube.com/watch?v=3o4dNQh62KY

(2) –  http://www.chinadaily.com.cn/china/2017-11/13/content_34464722.htm

(3) –  https://de.wikipedia.org/wiki/Einheit_731

(4) –  http://praguemonitor.com/2018/05/07/experts-challenge-release-secret-information-zeman

(5) –  https://deutsch.rt.com/europa/69374-prasident-zeman-auch-tschechien-hat-nowitschok-geforscht/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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