Tagesdosis 1.8.2019 – Deutschland, ein zerrissenes Land (Podcast)

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Sie kennen diese Redensart: das Tischtuch ist endgültig zerschnitten? Man könnte auch schreiben zerrissen. So empfinde ich die Diskussion, rund um den schockierenden Vorfall vom Montag dieser Woche.

Ein Mensch bringt einen Menschen um – richtig? Nein?

Ein Erwachsener bringt ein Kind um – richtig? Nein, zu wenig?

Ein afrikanischer Erwachsener bringt ein deutsches Kind um? Besser?

Diese Tat macht für einen Moment fassungslos. Nachvollziehbar beginnt umgehend eine bundesweite Diskussion. Große Teile der Gesellschaft sind geschockt. Wollen verstehen, Gründe erfahren, Details, auch Urteile aussprechen. Individuelle Intentionen schaukeln sich, bevorzugt aktueller Umgangsformen im Internet, in bekannte Höhen. Man übertrifft sich in ersten Einschätzungen, Mutmaßungen, Forderungen und dem Ruf nach Konsequenzen, bei jeweiligen Blickwinkeln.

Nun sind alle emotionsfrei Interessierten inzwischen etwas schlauer, als am Montag. So waren der Junge und seine Mutter gerade auf dem Weg in den Urlaub (1). Der Täter kommt gebürtig aus Eritrea, war aber aufgrund von Vorfällen in der Schweiz, wo er seit 2006 lebte, zur Fahndung ausgeschrieben. Dort lebte er, mit offizieller Duldung, Frau und drei Kindern. Er sei in letzter Zeit psychisch auffällig gewesen. Eine erste Untersuchung soll nun die kommenden Tage diese Hinweise genauer klären (2). Warum er nach Deutschland reiste ist weiterhin unbekannt:

Obliegt nun die aktuelle hitzige Diskussion dem Alter des achtjährigen Opfers? Der Tatsache, dass es in den letzten Jahren zu mehreren Ereignissen ähnlicher Tragik, d.h. mit und ohne Todesopfern kam oder erfolgt schlicht ein individueller Reflex, entsprechende Sichtweisen verteidigen, bzw. aussprechen zu müssen? Wer unterstützt, bestärkt die Meinungsbildung? Inwieweit haben die Medien erneut entsprechende manipulative Mitschuld an dem argumentativen Riss durch unsere Gesellschaft?

Das die BILD-Zeitung in den letzten Tagen schlicht ihren Job machte, weil Tod, Blut und Elend ihr elendiges Geschäft seit Jahrzehnten darstellt, sollte nun nicht überraschen. Das Die Zeit ihren Artikel: Der Todesstoß…Wer ist dieser Mann? hinter die Bezahl-Schranke legt, ihre Entscheidung. Es zeigt sich aber die Gefahr, die ausgeht von einer inzwischen einheitlichen Zeitungswelt.

Eine DPA-Meldung beherrschte die Google-Recherche Darlegung. Aufgrund eines Satzes, eines Artikels, fanden sich sage und schreibe bei dem Stern, der Saarbrücker Zeitung, RTL, der Sächsischen Zeitung, der NDZ, der Schaumburg Zeitung, der Ostfriesen-Zeitung, dem General-Anzeiger, u.a. also quer durch die Republik, der gleiche Aufmacher, die gleiche Headline. Sie lautete:

Jetzt Angst zu haben ist völlig normal (3)

Angst, wovor? Den vermeintlich mündigen Bürgern, wird über die DPA genau erklärt, wie sie sich fühlen müssen, können, also dürfen, Zitat:

Müssen wir uns jetzt also fürchten an Bahnsteigen? «Jetzt Angst zu haben oder sich unsicher zu fühlen, wenn ich am Gleis stehe, ist völlig normal», sagt Angstforscher Lüdke. «In der Psychologie sagt man, die Summe aller Ängste bleibt immer gleich bei uns Menschen.» Was das bedeute? Es gebe immer ein konstantes Angstniveau. Was sich ändere sei dagegen die Richtung oder die Objekte. «Mal haben wir Angst vor Jobverlust, mal vor einem Terroranschlag oder mal davor, dass der Partner sich trennt.» (4)

Dient diese Minimal-Darlegung menschlicher Psychohygiene wirklich dem Verständnis, der Erklärung für diese grauenhafte Tat? Wohl kaum. Zweiter Garant für halbherzige, auch unglaubwürdige Einschätzungen kommt nicht überraschend seitens der Politik.

Es musste medial betont werden, der Innenminister unterbrach extra seinen Urlaub. Dann saß er da und zeigt sich, nun ja, bemüht bestürzt und wusste auch sofort um Lösungen, hinsichtlich eines nicht neuen Phänomens. Es sei ein „kaltblütiger Mord“ gewesen, wusste Herr Seehofer. Er konnte nicht wissen, um die psychische Erkrankung des Täters. Dann kam der nicht überraschende Macher-Anteil der Pressekonferenz, Zitat: Konkret kündigte Seehofer an, dass man nun überlegen werde, wie man die Sicherheit an deutschen Bahnhöfen wirksam verbessern könne. Dazu habe er Spitzentreffen mit dem Bundesverkehrsminister und Vertretern der Deutschen Bahn anberaumt. Es gebe in Deutschland 5600 Bahnhöfe völlig unterschiedlicher Struktur, weswegen die Aufgabe sehr komplex sei. „Wir brauchen dringend mehr Polizeipräsenz, auch die Bundespolizei braucht mehr Präsenz“ (5)

Warum diese Erkenntnisse nicht nach den wissentlich zurückliegenden Ereignissen geäußert , bzw. umgesetzt wurden, wollte von den anwesenden Journalisten nicht erfragt werden, wurde daher von Herrn Seehofer auch nicht beantwortet. Gründe könnten nach jeweiligen Blickwinkeln lauten, weil sie nicht nötig waren oder weil sie nicht umsetzbar waren. Weil sie nicht erkannt wurden oder eine Mischung aus Allem. Erkennen sie die möglichen Argumentationsfreiräume?

Betreten wir die momentan favorisierte Twitter-Kampfzone. Kurz und knackig muss sie sein, die Meinung, die Behauptung, oft auch Lüge oder Dummheit. Das bringt kurzfristig Fame und wertet das bescheidene Dasein auf. Beispiele:

Katrin Göring-Eckhardt von den Grünen, Zitat: Was für eine heimtückische, entsetzliche Tat, ein unschuldiges Kind aus dem Leben zu reißen. Meine Gedanken sind bei der Mutter und den Angehörigen des Jungens. Es ist einfach nur schrecklich (6).

Diese Sätze waren hinsichtlich alter Aussagen bedingt von Nutzen. Natürlich erinnerten diverse Kommentatoren umgehend an folgende Aussage der Politikerin aus dem November 2015, Zitat: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!“. Hätte sie damals etwas weniger euphorisch z.B. gewarnt, in die Richtung…da kommen schwierige Zeiten auf uns zu, mit hunderttausenden von kriegstraumatisierten Menschen…ich spreche da aus Erfahrung als Kriegsparteimitglied der 90er….wäre der Hass und die Häme heute wahrscheinlich ausgeblieben.

Findige Twitter User posteten gestern eine alte Aussage der neuen Verteidigungsministerin, Zitat: CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer : „Die einzigen, die Schengen derzeit perfekt nutzen, sind Kriminelle“ . Diese Aussage bezieht sich auf das Schengen-Abkommen, betrifft also europäische Grenzregelungen, denn so AKK , Zitat: „Wenn wir das Sicherheitsversprechen nicht auf europäischer Ebene umsetzen, dann werden wir erleben, dass der Schengen-Raum immer mehr unter Druck kommt“ (7)

Nun nutze der, je nach Eigendefinition, Täter, bzw. Mörder diese Möglichkeiten, um von der Schweiz nach Deutschland zu gelangen. Das wiederum wussten aber am Montag die entsetzten Twitter-User nicht. Auch nicht Verena Hartmann von der AFD, Zitat: Frau Merkel, was wollen sie uns noch antun. Sie werden nie wissen, was es bedeutet Mutter zu sein, weder für ein Kind, noch für dieses Land! Aber ich verfluche den Tag ihrer Geburt. Das war dann doch etwas zu emotional, woraufhin gestern gleich der ganze Kanal verschwand. Die AFD-Reaktionen fielen sowieso durchgehend sehr, nennen wir es, wütend aus.

(Anmerkung des Autors vom 01.08.: Der Twitter Kanal von Frau Hartmann ist wieder freigeschaltet. Der erwähnte Tweet wurde entfernt)

Daraufhin meldete sich die Partei – Die Partei zu Wort, Zitat: Facebook erinnert gerade an ein Plakat, dass wir vor genau zwei Jahren geteilt haben. Wahrscheinlich wegen der geschmacklosen & unsagbar dummen Reaktionen der #AfD auf den Irrsinn von #FrankfurtHBF…(9). Darunter findet sich das Plakat mit dem Bild einer AFD-Bühne und der Überschrift: Wo Stauffenbergs Tasche heute stünde.

Alle Beispiele und viele unbenannte, dienen wenig dem gesellschaftlichen Tischtuch, den Menschen am gemeinsamen Tisch, diesem Land. Sie sind provokativ, größtenteils berechnend, daher vereinzelt schlicht dämlich und schlussendlich destruktiv, um die Bürger wieder einander näher zu bringen.

Dieses Ereignis wird Wählerentscheidungen für die kommenden Landtagswahlen mit beeinflussen. Es geht die große Angst der Parteien vor der AFD um. Jene Parteien also, die gesamtverantwortlich sind für desaströse Politik und daraus resultierender schlechter Stimmung im Land. Millionen frustrierter und enttäuschter Menschen.

Da dachte sich die FDP, wir müssen den Menschen, speziell in den fünf neuen Ländern, mal was erklären, also twittern, Zitat: Wer in Ostdeutschland die AfD wählt, um denen in Berlin eins auszuwischen, schadet sich am Ende selbst…Jeder, der die AfD wählt, muss wissen, dass das ein Risiko ist. Um Länder, in denen die AfD stark ist, werden Investoren und Touristen einen Bogen machen (9). Soll Herr Lindner so gesagt haben.

Neulich in Sachsen, Zitat: Die sächsische Tourismusbranche verzeichnete im abgelaufenen Jahr 2018 einen historischen Rekord: mit 20.086.757 Übernachtungen…Die heute veröffentlichten Zahlen bedeuten einen Zuwachs von 4,0 Prozent bei den Gästeankünften und 2,9 Prozent bei den Übernachtungen gegenüber dem Vorjahr, so Wirtschaftsminister Martin Dulig (10)

Aktuell liegt Mecklenburg-Vorpommern an Platz 1 der beliebtesten innerdeutschen Reiseziele, knapp vor Bayern (11). So betreten die Parteien ihren Weg, mit dem Unwissen der eigenen Einfältigkeit, in die Bedeutungslosigkeit, bzw. machen es den Akteuren der AFD sehr, sehr einfach.

Fassen wir sehr grob zusammen. Hätte im Jahre 2011 die UN die Resolution 1973 nicht systematisch gebrochen (12), wäre Libyen nicht mit Hilfe der Nato-Staaten komplett zerstört und auf Jahrzehnte destabilisiert worden, müsste heute nicht über Ankerzentren, über Schlepper-Banden und Seenothilfe diskutiert werden. Gäbe es u.a. nicht diesen Anreiz für Millionen Afrikaner sich auf den langen Weg nach Europa zu machen.

Hätte die Bundesregierung große Teile der Bevölkerung 2015 nicht vor vollendete Tatsachen gestellt, zumindest in den Folgejahren die Sorgen, Ängste und vor allem Alltagserfahrungen, auch vorheriger Jahre, ernster genommen, entsprechend reagiert, wäre das Tischtuch nicht eingerissen.

Es reicht, wir wollen eine andere Gesellschaft! ist keine Forderung der AFD, sondern von den Machern der #Unteilbar Demonstrationen (13). Nun wird zum großen Halali am 24.08.2019 nach Dresden gerufen. Nach dem Ereignis von Montag, dem tragischen Tod diesen jungen Menschen, den gesellschaftlichen Prozessen der letzten Jahre, ja Jahrzehnten, sollte das gesellschaftliche Tischtuch durch diesen Aufruf nicht endgültig zerrissen werden.

Spaltung zerreißt dieses Land. Wen das erfreut, wer das Grinsen nicht mehr aus seinem Gesicht bekommt, sollte doch nun langsam einem Großteil der Bürger bekannt und bewußt sein!

Nur am gemeinsamen Tisch, können wir gemeinsame Lösungen für dieses Land finden. Seitens der Politik ist da nachweislich nichts mehr zu erwarten.

Quellen:

  1. https://www.fnp.de/frankfurt/frankfurt-hauptbahnhof-kind-getoetet-neue-details-zr-12867650.html
  2. https://www.n-tv.de/panorama/Verdaechtiger-hat-psychische-Probleme-article21177121.html
  3. https://www.google.de/search?source=hp&ei=EmJAXe-wLqzKrgTwz4qACA&q=jetzt+angst+zu+haben+ist+v%C3%B6llig+normal&oq=jetzt+angst+zu+haben+ist+v%C3%B6llig+normal&gs_l=psy-ab.3…695.9084..9689…0.0..0.213.3059.35j3j1……0….1..gws-wiz…..0..35i39j0i131j0j0i67j0i131i67j0i22i30j33i22i29i30j33i21j33i160.b1HMFxsmD60&ved=0ahUKEwjvgevD-tzjAhUspYsKHfCnAoAQ4dUDCAc&uact=5
  4. https://www.ndz.de/startseite_artikel,-jetzt-angst-zu-haben-ist-voellig-normal-_arid,2561291.html
  5. https://www.tagesschau.de/inland/frankfurt-seehofer-101.html
  6. https://twitter.com/GoeringEckardt/status/1155835237873721346
  7. https://www.faz.net/aktuell/politik/denk-ich-an-deutschland/akk-kriminelle-nutzen-schengen-derzeit-perfekt-behoerden-nicht-16090743.html
  8. https://twitter.com/MartinSonneborn/status/1156465699415629824
  9. https://twitter.com/fdp/status/1155833304408629250
  10. https://www.destinet.de/meldungen/menschen-management/statistik-benchmarks/6906-sachsen-tourismus-erstmals-mehr-als-20-millionen-%C3%BCbernachtungen
  11. https://reiseanalyse.de/wp-content/uploads/2018/06/RA2018_Erste-Ergebnisse_DE.pdf
  12. http://muetter-gegen-den-krieg-berlin.de/Libyen-zentrale-Punkte-der-Libyenresolution.htm
  13. https://www.unteilbar.org/

Bildhinweis:   yt/ ss, 31.07.2019/ HRFernsehen

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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