Tagesdosis 1.9.2018 – Lehman Brothers: 10 Jahre danach

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

In wenigen Tagen jährt sich zum zehnten Mal der Zusammenbruch der US-Großbank Lehman Brothers auf dem Höhepunkt der Finanzkrise von 2007/ 2008.

Ausgelöst hatte die Krise der Kollaps des US-Subprime-Hypothekenmarktes. In den Jahren vor dem Lehman-Crash hatten amerikanische Banken immer mehr Hauskredite an nicht kreditwürdige Kunden vergeben, diese zu „Wertpapieren“ gebündelt und in alle Welt verkauft. Als die US-Häuserpreise, die jahrelang gestiegen waren, zu sinken begannen und Kreditgeber ihr Geld einforderten, entpuppten sich diese Papiere großenteils als wertlos.

Finanzinstitute in aller Welt mussten riesige Summen abschreiben und gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Daraufhin sprangen die Regierungen ein, erklärten die größten Institute für „too big to fail“ („zu groß um sie zusammenbrechen zu lassen“) und retteten sie mit Steuergeldern. Auf diese Weise wurden die Verursacher der Krise nicht etwa für ihre Verfehlungen (den Handel mit zweifelhaften Wertpapieren) zur Rechenschaft gezogen, sondern für ihre selbstverschuldeten Verluste entschädigt und dazu noch mit einem Freibrief für weitere riskante Geschäfte belohnt.

Anders sahen die Folgen für die arbeitende Bevölkerung aus: Da die zur Rettung der Banken eingesetzten Steuergelder riesige Löcher in die Staatshaushalte rissen, wurde ihr die Last der Krise unter dem Schlagwort der „Austerität“ in Form von Lohnkürzungen, Entlassungen und Sozialabbau aufgebürdet.

Alle Einsparungen aber reichten zur Deckung der Defizite nicht aus. Außerdem kam ein weiteres Problem hinzu: Das globale Finanzsystem ist kreditgetrieben und verlangt daher nach ständigem Wachstum und einer kontinuierlichen Zunahme der Geldmenge. Da sich die globale Wirtschaft jedoch nach 2008 nicht mehr erholte, geriet sie in die Lage eines Patienten, der zu verbluten droht.

Um den Tod des Patienten zu verhindern, sprangen die Zentralbanken ein und taten etwas, das sie in diesem Ausmaß nie zuvor getan hatten: Sie schöpften Unmengen neuen Geldes („Quantitative Easing“) und vergaben es zu immer niedrigeren Zinssätzen. Der Löwenanteil dieses Geldes floss allerdings nicht in die Realwirtschaft, sondern ging an Finanzinstitute und Großinvestoren, die es mehrheitlich wieder zur Spekulation einsetzten und so aufs Neue genau den Kreislauf anheizten, der in die Krise geführt hatte.

Das blieb nicht ohne Folgen: Die ausufernde Spekulation schuf riesige Blasen an den Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkten, die seit Längerem zu platzen und das System zu sprengen drohen. Um das zu verhindern, versuchen die Zentralbanken gegenwärtig, ihre Geldpolitik zu „straffen“, d.h. weniger Geld ins System zu pumpen und die Zinsen wieder zu erhöhen.

Damit aber treffen sie auf ein weiteres – selbst geschaffenes – Problem, das in den vergangenen zehn Jahren historische Ausmaße angenommen hat: die globale Verschuldung. Investoren wie auch Regierungen und Privathaushalte in aller Welt haben aufgrund der niedrigen Zinsen in nie dagewesenem Ausmaß Kredite aufgenommen.

Die Zentralbanken stehen also vor einem unlösbaren Dilemma: Schränken sie die Geldmenge weiter ein und erhöhen gleichzeitig die Zinsen, erschweren sie die Bedienung der Kredite und treiben zahllose Schuldner in die Zahlungsunfähigkeit. Kehren sie zur „lockeren“ Geldpolitik zurück, wachsen die Blasen an den Märkten zwangsläufig weiter und reißen das System irgendwann in den Abgrund.

Zehn Jahre nach dem Lehman-Crash ist damit klar: Das System, das nur durch die  Manipulation der Zentralbanken am Leben erhalten wurde, ist historisch am Ende. Egal, welchen Kurs die Zentralbanken in der vor uns liegenden Periode einschlagen, sie werden mit Sicherheit scheitern.

Das aber heißt, dass wir uns auf dem Weg in eine Situation befinden, die zugleich eine riesige Gefahr, aber auch eine historische Chance in sich birgt: Die Gefahr besteht darin, dass die Verantwortlichen rund um den Globus einmal mehr auf ein Mittel setzen, das es ihnen in der Vergangenheit bereits des Öfteren ermöglicht hat, ihre Herrschaft zu sichern – den Krieg. Die Chance dagegen liegt darin, dass die fortschreitende Verschlechterung der Lebensverhältnisse immer mehr Menschen gegen dieses System aufbringt und sie für die Aufklärung über sein zerstörerisches Wesen zunehmend empfänglicher macht.

Ob es gelingen wird, diese Chance zu nutzen, kann niemand voraussagen. Da ein Scheitern aber verheerende Folgen hätte, sollte jeder versuchen, seinen Teil zur wichtigsten Aufgabe unserer Zeit beizutragen – der Aufklärung über ein System, das der Mehrheit der Menschen keine menschenwürdige Zukunft mehr zu bieten hat.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildhinweis: New York City – June 8, 2007: Lehman Brothers Headquarters in midtown Manhattan at night.

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7 Kommentare zu: “Tagesdosis 1.9.2018 – Lehman Brothers: 10 Jahre danach

  1. Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“

    Henry Ford

    Der Grund, weshalb unser Geld nicht funktioniert, ist völlig simpel.

    Geld hat nicht schlechthin deshalb einen Wert, weil dort eine Zahl aufgedruckt bzw. aufgeprägt ist. Die Autorisierung des Geldes durch die Regierung ist zudem nicht der wirkliche Grund dafür, dass Geld eine Kaufkraft hat.

    Vielmehr hat Geld deshalb einen Wert, weil man damit grundsätzlich seine Schulden bezahlen kann. Damit sich daran nichts ändert, leisten die Banken zudem in erheblichem Maße Geldspenden, vor allem an die großen politische Parteien, die sie gleichzeitig mit Finanzlobbyisten unterwandern. Daher dürfte es auch kaum verwundern, dass nicht wirklich eine Politik im Interesse der Bürger gemacht wird.

    Schließlich könnten Banken es sich unter keinen Umständen leisten, dass jemals eine Regierung gewählt wird, die ohne Wenn und Aber mit ihnen kooperiert.

    Finanzlobbyisten sorgen ferner mit einer entsprechenden Gesetzgebung dafür, dass sie ihren eigenen Finanzbetrug in vollem Umfang legalisieren. Schließlich hat der Gesetzgeber auch das Gesetzgebungsmonopol. Außerdem hat man doch als Nicht-Lobbyist kaum Chancen jemals ins Parlament gewählt zu werden. Es kommt auch selten vor, dass der Bundestag sich um kompetentes Personal bemüht. Stattdessen üben die alteingesessenen Politiker die Spitzenämter lieber selbst aus.

    Hier könnte man sich jetzt mal Gedanken machen, ob man mit Geld wirklich alle seine Schulden bezahlen kann.

    Jedenfalls entsteht Geld als Schuld bei den Banken, die doch gar nicht viel mehr für ihre Leistung tun, als die Recheneinheiten des Geldes bereitzustellen und zu verwalten. Mit der heutigen Datenverarbeitung ist das auch kein großer Aufwand.

    Die Art und Weise der Geldentstehung hat jedenfalls zur Folge, dass man mit jedem Besitz einer Geldeinheit quasi die exklusive Möglichkeit hat eine der Schuldeneinheiten im Finanzsystem zu tilgen. Schließlich gibt es in etwa genauso viele Schulden wie Geldeinheiten:

    Sobald aber jemand sein Geld spart und nicht konsumiert, benötigt man wieder neues Geld, das jedoch nur als Schuld zu bekommen ist. Wenn man also gerade kein Geld hat, dann kann man seine Schulden nur dann begleichen, wenn man sich wieder neues Geld besorgt, das jedoch nur als Schuld zu bekommen ist.

    Weil sich aber das Unternehmenskapital im Besitz vergleichsweise weniger Personen befindet, werden die wirklichen Unternehmensgewinne nur von einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung erzielt.

    Die Bevölkerung ist nicht hinreichend in Kenntnis, dass man schließlich mit reinem Sparen gar nicht an den vielen Gewinnen beteiligt wird. Schließlich ist Sparen nur mit anderweitiger Verschuldung möglich und daher ein Nullsummenspiel.

    Das fehlende Geld wird ständig viel zu bequem von der Politik mit dem Sozialisieren von Schulden nachgelegt. Wir leihen uns dafür wieder Geld bei den Banken aus, die das Geld aus dem Nichts schöpfen. Weil wir ständig neue Pro-Kopf-Staatsschulden angelastet bekommen, diese aber niemals zurückzahlen können, werden wir von der Regierungspraxis regelrecht versklavt.

    Obwohl dies so ist, fordert doch der IWF von Deutschland, dass noch mehr Staatsschulden gemacht werden. Beispielsweise soll Deutschland mehr investieren.

    Der wirkliche Grund für das fehlerhafte Funktionieren des Geldes ist, dass es von der breiten Bevölkerung nicht hinreichend verstanden wird, wie der Schneeballeffekt des Geldes funktioniert. Die Banken tricksen uns nach Strich und Faden aus und täuschen uns eine Demokratie vor.

    Das Eigentumsrecht ist zudem nicht durchdacht. Es kann nicht funktionieren, wenn sich das Unternehmenskapital im Besitz vergleichsweise weniger Personen befindet. Die Ungleichheit hat es jedenfalls zur Folge, dass man sich ständig wieder Geld bei den Banken ausleihen muss, die das Geld doch dermaßen bequem aus dem Nichts schöpfen. Das viele Geld landet dann ständig wegen der extremen Ungleichheit tendenziell in den Besitz vergleichsweise weniger Personen, die mit der Zeit immer weniger konsumieren werden, weil sie auch immer mehr leistungslose Einkommen kassieren.

    Außerdem dürften auch die Zinseinnahmen exponentiell ansteigen, wodurch die Kurven mit dem gesamten volkswirtschaftlichen Geldvermögen und den Schulden wie bei einer Exponentialfunktion immer schneller auseinanderdriften.

    Dies ist jedoch insofern gefährlich, weil Geld in keiner Weise den wirklichen Wert von Gütern und Dienstleistungen abbildet. Wir sparen uns Geldwerte an, die gar keine Kaufkraft hätten, wenn alle Geldbesitzer ihr Geld gleichzeitig konsumieren wollten.

    Insgesamt ist es zudem problematisch, dass Geld gleichzeitig eine Schuld ist. Dies bedeutet irgendwo, dass die Schulden wegen des ständig ansteigenden Nichtkonsums immer schneller als der eigene Geldbesitz ansteigen müssen. Mit dem Prinzip „Gewinne privatisieren – Verluste sozialisieren“ werden wir ständig unseren Schulden hinterherlaufen müssen und können sie niemals tilgen. Könnten wir dies, dann wäre eine Hyperinflation die Folge, weil es ohne Schulden auch kein Geld gibt.

    Obwohl es doch beim Geld eine dermaßen gefährliche Fehlfunktion gibt, werden keine geeigneten Reformen angestrebt, was man von den Finanzlobbyisten auch kaum erwarten kann. Stattdessen wird immer mehr aufgerüstet. Schließlich hat es uns die mit Bankenlobbyisten unterwanderte US-Regierung doch dringend empfohlen, dass wir wieder mehr aufrüsten.

    Es ist schon wieder der Fall, dass ich mich insofern maßlos über die Rüstungsabsichten der Bundesverteidigungsministerin ärgere. Das ist eine unglaubliche Dreistigkeit. Wir machen also wieder genau dieselben Fehler wie vor den letzten beiden Weltkriegen.

  2. Danke für den Beitrag!
    Zu diesem Thema ist alles gesagt: Gier frisst Hirn und das Geldsystem ist Lüge und Sklaverei sowie eine Waffe, die nur Vernichtung anderer kennt. Wer sind die Verbrecher? Wir, die jeden Tag dieses System befeuern und es am Leben erhalten mit Gier und Hass! Es könnte ja mal einer besser haben als wir…Selbsttötung nennt man das!

  3. Ebenfalls nochmals zusammengefaßt, von Herrn Schreyer. Gebieter und Domestiken für alle Fälle:

    Auf dem Weg in die Kleptokratie

    30. August 2018 — Als Kleptokratie bezeichnet man eine Staatsform in der die Plünderer, die Diebe über die Gesellschaft herrschen. Es ist die Steigerungsform der Plutokratie, der Herrschaft der Reichen. Die Übergänge sind fließend und laut dem Börsenmakler und Buchautoren Dirk Müller („Mr. Dax“) sind wir inzwischen schon ein gutes Stück auf dem Weg vorangekommen. Müller, bekannt sowohl für seinen ökonomischen Sachverstand wie für seinen politischen Klartext, hat diese Woche ein neues Buch vorgelegt, in dem er diese These nicht nur anschaulich belegt, sondern zudem eine Fülle brisanter Informationen zusammenträgt.

    Ich habe bislang die ersten hundert Seiten seines Buches „Machtbeben“ gelesen und nach dieser Lektüre kann ich das Werk, das dieser Tage auf Platz 7 der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen ist, nur jedem empfehlen. Von besonderem Interesse war für mich Kapitel 2, im Grunde ein 50-seitiges „Buch im Buch“, betitelt mit der Überschrift „Die Macht der Plutokraten“. Hier kommt der Autor zu ganz ähnlichen Analyseergebnissen wie ich in meinem Buch „Die Angst der Eliten“.

    Bei einer so deprimierenden Diagnose stellt sich die Frage nach möglichen Auswegen und hier gibt der Autor eine fast schon philosophische Antwort: „Widerstand beginnt mit Achtsamkeit und Respekt, nur gemeinsam sind wir stark“. Müller betont, dass das derzeitige System seine Macht auf einer immer weiter vorangetriebenen Spaltung der Menschen begründe, wogegen jeder im Kleinen, in seinem persönlichen Umfeld eine ganze Menge ausrichten könne. Es ist dies für ihn auch eine der Lehren aus dem weitgehenden Scheitern von organisierten Widerstandsbewegungen wie Occupy.

    Anonyme Einschüchterungsversuche

    In diesem Zusammenhang erinnert er an Wolfram Siener. Der damals 20-jährige hatte im Oktober 2011, auf dem Höhepunkt der Occupy-Bewegung, medial Furore gemacht. In der ZDF-Talksendung von Maybrit Illner stahl er damals den versammelten Politprofis die Show und ging den anwesenden Vertreter des Bankenverbandes frontal an:

    https://youtu.be/VI4SB9mFOCA

    Danach stürzten sich die großen Medien auf ihn, durchaus mit Sympathie. Im Spiegel hieß es, Siener „bewege“ die Menschen, „weil seine Wut aufrichtig erscheint“. Er sei der „Hoffnungsträger der Generation Occupy“:

    „Man kauft ihm die Rolle des Revolutionsführers gerne ab. Weil seine Wut ehrlich wirkt. Weil er sich so aufrichtig über die kaputte Welt empört, dass es plötzlich nicht mehr naiv wirkt, das zu tun. Weil man ihm abkauft, dass es ihm wirklich um die Sache geht und nicht nur darum, ins Fernsehen zu kommen. Am Samstag rissen sich die TV-Teams trotzdem um ihn: Tagesschau, Sat1, ZDF. Dutzende Male erklärt er ihnen in seinem schnellen, gepressten Duktus seine Vision. ‚Es geht um direkte Demokratie‘, sagt er, ‚darum, dass die Bürger sich das Wirtschaftssystem nach ihren Vorstellungen formen und nicht umgekehrt.‘ Verwirklichen sollen diese Vision nicht Parteien, sondern die Bürger selbst: im Internet.“

    Viele waren voll des Lobes für den jungen Mann, der eloquent das aussprach, was die meisten fühlten: Das (Geld-)System lenkt die Bürger und nicht umgekehrt. Doch wenig später tauchte Siener ab, verschwand von der Bildfläche, äußerte sich nicht mehr öffentlich. Was war passiert, hatte sich ein junger Mann da vielleicht einfach übernommen?

    An die beunruhigende, wenig bekannte Wahrheit erinnert nun Dirk Müller in seinem neuen Buch. Eine Mitarbeiterin Müllers hatte 2013, also zwei Jahre später, Siener erneut interviewt und dabei erfahren, dass der 20-jährige auf dem Höhepunkt seiner Popularität massive Todesdrohungen erhalten hatte, am Telefon, und zwar regelmäßig und über Wochen hinweg:

    https://youtu.be/6_mWqmf6-oA

    Solche Einschüchterungsversuche sind tatsächlich häufiger, als viele glauben mögen. Ein mir bekannter Geisteswissenschaftler, der kaum in der Öffentlichkeit steht, und vor einiger Zeit als Referent an einer wissenschaftlichen Tagung teilnahm, in der es auch um Herrschaftskritik ging, berichtete mir vertraulich, dass er am Tag seines Auftritts einen Anruf erhalten hatte, in dem ihm der Mitschnitts eines gerade von ihm geführten privates Telefongesprächs mit einem Familienmitglied nochmals abgespielt wurde. Die Botschaft war kaum misszuverstehen: Wir beobachten Dich, pass auf, was Du gerade tust. Diese Methode schilderte im vergangenen Jahr auch ein CIA-Whistleblower, dem das gleiche passiert war. So etwas scheint zum Standardrepertoire zu gehören.

    Gegen solche Einschüchterungsversuche hilft nur Transparenz. Dass Dirk Müller diesen Vorgang nun noch einmal in einem Bestseller hervorhebt, kann daher nur dabei helfen, die wirkenden Kräfte und Methoden vielen Menschen noch bekannter zu machen.
    Demokratie als Fassade

    In seinem Kapitel über die Plutokraten zitiert Müller mehrfach den adligen Vordenker Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (1894-1972), der bereits in den 1920er Jahren für eine europäische Einigung geworben hatte, mit erheblicher finanzieller Unterstützung durch die Großindustrie. Er gehörte zur obersten Elite der Gesellschaft und war 1950 der erste Träger des Karlspreises, welcher seither vor allem an Staatsführer und Spitzenpolitiker verliehen wird. In seinem 1925 erschienenen Buch „Praktischer Idealismus“ kam Coudenhove-Kalergi dabei zu Schlussfolgerungen (S. 39f), die zeitlos aktuell sind und die Dirk Müller nun zitiert:

    „Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maßgebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist.“

    „Die Klasse, die heute herrscht“, so Coudenhove-Kalergi, „ist bar allen Verantwortungsgefühles, aller Kultur und Tradition“. Ein Zufall, dass im selben Jahr, in dem diese Worte veröffentlicht wurden, 1925, die SPD ihr radikales Heidelberger Programm beschloss? In diesem Grundsatzprogramm, das über 30 Jahre lang, bis 1959 gelten sollte, hatte der Philosoph Karl Kautsky die entscheidenden Passagen formuliert:

    „Die Beherrscher der entscheidenden Großbanken und der entscheidenden Monopole schweißen industrielles und Bankenkapital immer mehr zu einer höheren Einheit zusammen, dem sogenannten Finanzkapital. Dank ihm wird das ganze ökonomische und politische Getriebe im Staate der Botmäßigkeit einiger weniger Finanzmagnaten unterworfen. (…) Ihre Herrschaft ist weniger beschränkt als die der noch übrigbleibenden Monarchen in Europa. (…) Diesen Monopolen gegenüber gibt es nur eine Alternative: Entweder die Gesellschaft fügt sich ihnen und lässt sich von ihnen unterjochen, oder sie bemächtigt sich ihrer. Das letztere wird eine dringende Forderung nicht bloß der von ihnen beschäftigten Arbeiter, sondern der ganzen Gesellschaft.“

    Womit wir wieder bei „Occupy“ wären, und den Versuchen, aus der Dunkelheit heraus solche Initiativen – und überhaupt jede ernsthafte Änderung am System – schon in ihren Ansätzen zu verhindern. Man darf gespannt sein, wie die „Aufstehen“-Bewegung, die kommende Woche, am 4. September, offiziell starten soll, noch medial und anderweitig in die Zange genommen werden wird.
    https://paulschreyer.wordpress.com/2018/08/30/auf-dem-weg-in-die-kleptokratie/

    Dazu noch ein Lied von Ken Saro-Wiwa, welches er im Gefängnis vollendete:

    Das wahre Gefängnis

    Es sind nicht die Löcher im Dach
    Und nicht die sirrenden Moskitos
    In der feuchten, elenden Zelle.
    Es ist nicht das Rasseln des Schlüssels
    Wenn der Wärter dich einschließt.
    Es sind nicht die schäbigen Essensrationen
    Ungenießbar für Mensch und Tier
    Und es ist nicht die Unausgefülltheit des Tages
    Der in die Leere der Nacht eintaucht
    Das ist es nicht
    Das ist es nicht
    Das ist es nicht.
    Es sind die Lügen, die man seit Generationen
    In eure Ohren getrommelt hat
    Es ist der Sicherheitsagent, der Amok läuft
    Und gefühllose, katastrophale Befehle ausführt
    Für ein armseliges Mahl am Tag
    Die Richterin, die in ihr Buch schreibt
    Und ihre Strafen wider besseres Wissen verhängt
    Der moralische Verfall
    Die geistige Unfähigkeit
    Was der Diktatur eine trügerische Legitimität verleiht
    Die Feigheit, die in der Maske des Gehorsams
    In unseren in den Schmutz gezogenen Seelen lauert
    Die Angst macht unsere Hosen naß
    Wir wagen es nicht, unseren Urin abzuwaschen
    Das ist es
    Das ist es
    Das ist es
    Mein Freund, was unsere freie Welt
    Zu einem trübseligen Gefängnis macht.
    (Ken Saro-Wiwa)

    • Passend dazu:
      „Das Geld zieht nur den Eigennutz an und verführt stets unwiderstehlich zum Missbrauch.“
      und
      „Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.“
      (Albert Einstein)

    • Direkte Demokratie und Vollgeld sind tatsaechlich der Schluessel
      aus dem faulen Zauber der „Blutokraken“.
      Das muss auf den Schirm des gesellschaftlichen Bewusstseins.

  4. Lieber Nashika
    Es ist doch schoen seinen Namen tanzen zu koennen.
    Nicht so schoen ist wenn unserer innerer Ego-Affe tanzt.
    Dann tanzt naemlich auch oft der Baer.
    Komischer weise produziert er jene Energie die fuer die Herrschenden
    am besten verwertbar ist.
    Das erinnert mich an den Kinderfilm „die Monster INC“und
    KenFm an das kleine Kind das die „Geldtenen“Regeln unterlaeuft.

    Ernst Wolf moechte ich zu seiner forensischen Analyse gratulieren.
    Es bringt den Zustand des Systems (Krake,Hydra) auf den Punkt.

    Wir sollten aber dabei nicht vergessen das die Herrschenden mit diesem System
    nicht nur aufschlagen sondern oben auf wie Phonix aus der Asche in gewandelter Form
    (mit Krieg!?)durchschlagen wollen.

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