Tagesdosis 10.10.2019 – Die unbekannten Toten aus Halle

Glaube wenig, Hinterfrage alles, Denke selbst.

Redaktionelle Anmerkung. Der Beitrag wurde heute vormittag eingesprochen. Hinsichtlich der Opfer gibt es nun erste Erkenntnisse, Zitat: Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr.

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

09.10.2019, 16:00 Uhr, zwei Menschen wurden in Deutschland ermordet. Erschossen. Vier Menschen, zwei bei einer Nachfolgetat, schwer verletzt. Tötungsdelikte passieren nicht selten in diesem Land (letztes Jahr 386 Mal (1)), erfahren mal weniger, mal mehr Aufmerksamkeit. Die jeweilige Dynamik der Berichterstattung ergibt sich aus dem Wert der Nachricht. So sind die gegenwärtigen Parameter der Multiplikatoren, also der Medienlandschaft justiert. Je klarer zuzuordnen, entsprechend zu nutzen, besteht die unmittelbare Chance der explosionsartigen Berichterstattung.

Unsere gegenwärtigen Medien-Zeiten leben, zelebrieren das ungeschriebene Gesetz: Keiner weiß etwas genaues, aber viele können etwas berichten. Falsch, müssen berichten, denn lieber mutmaßen, als schweigen. Schweigen ist Schwäche, bzw. wird als unprofessionell abgestraft. Obwohl nichts bekannt, wird umgehend aus allen Kanälen geschossen, was das Halbwissen hergibt. Es war der lange Tag von – offensichtlich, offenbar, möglicher Weise, anzunehmen, denn time is still money und wer nichts zu bieten hat, verliert ratatafatz potentielle Leser, Hörer, Besucher, Klicks, Likes, Retweets. Der Voyeurismus muss bedient werden, getarnt als vermeintlich ehrliches Interesse, wohlwollender formuliert – Anteilnahme.

17:00 Uhr, noch immer keine Informationen über die beiden Opfer.

Während ich diese Tagesdosis schreibe, sind diverse Tabs, Liveblogs geöffnet. Nein, nicht wegen der Inhalte, mich interessieren eher die Rahmen der Berichterstattung, der Stil, wenn man bei den meisten Schlagzeilen dieses Wort überhaupt benutzen möchte. Es fanden sich kurz nach der Tat, in Zeiten von umgehend und permanent gezückten Mobilgeräten, Videos und Standbilder des Täters auf direktem Weg ins World Wide Web. Wir leben in Zeiten, wo die Polizei sich genötigt sieht, nach einem solchen Ereignis folgenden Tweet zu veröffentlichen, Zitat: Falls ihr Fotos oder Videos vom Tatgeschehen oder sonstige Hinweise habt, das BKA unterstützt uns mit einem Hinweisportal. Bitte nutzt dieses und verbreitet die Fotos/Videos nicht in sozialen Netzwerken! (2) . Man möge bitte auch nicht die Ausrüstung der Einsatzkräfte dokumentieren. Natürlich fanden trotzdem die Bilder ihren Weg.

Die Menschen gieren nach realen Bildern, nach Leid, Elend, Mord und Totschlag. Es kann Normaldenkende nur schütteln, hinsichtlich unmittelbar daraus resultierender Diskussionen, Mutmaßungen, Forderungen.

18:00 Uhr, noch immer keine Informationen über die beiden Opfer.

Man findet das Täter-Video beim MDR, die Interviews von stern.de mit Tatzeugen, das Bild des Täters bei Bild- reporter.de, der klägliche Versuch vermeintlich aufrichtiger Seriosität. RT vermeldete ein Blutbad. Die Berliner Zeitung präsentierte das ganze Paket. Das Video, den Täter und nicht nachvollziehbarer Weise, ein Bild der erschossenen Frau. Untertitelt, Zitat: Abgedeckte Leiche (3)

19:00Uhr, noch immer keine Informationen über die beiden Opfer.

Das ZDF ist sich aber um 19:20 Uhr sicher, es hätte wahrlich mehr Opfer geben können, über die zwei realen Opfer, kein Wort (4). Das Ereignis hatte nun volle Punktzahl, hinsichtlich einer breiten Anteilnahme quer durch das Land, quer durch die gesellschaftlichen Ebenen. Die vermeintlich ursprünglich anvisierte Tat, verlief aufgrund von Ereignissen anscheinend anders, als vom Täter ursprünglich geplant. Das eigentliche Ziel, eine jüdische Synagoge, blieb verschont. Die beiden Opfer waren tragischer Weise, zur falschen Zeit, am falschen Ort. Zwei Menschen starben. Die Anteilnahme, also die volle Aufmerksamkeit gilt jedoch  auf allen Kanälen, den knapp 70 Überlebenden und vor allem, dem Täter.

20:00 Uhr, noch immer keine Informationen über die beiden Opfer.

Die Tagesschau informiert die Nation, es handelte sich um eine zufällig vorbeigekommene Passantin und einen Mann, vor einem Döner Laden. Das war’s. Die Reporterin vor Ort formuliert doch irritierende Sätze, Zitat: (…) mittlerweile ist ja so gut wie sicher, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt haben soll, dem 27.jährigen aus Sachsen-Anhalt, der hier in Halle im Paulusviertel zwei Menschen getötet haben soll (5). Soll? Und die Opfer? Sind sie aus Halle, sind sie Anwohner, werden sie vermisst?

Die Kanzlerin drückte den Angehörigen der Opfer ihr tiefstes Beileid aus. Reiste sie dafür nach Halle? Nein. Es finden sich Bilder von Angela Merkel (6) und Berliner Politprominenz am Abend vor der Berliner Synagoge (7). Die Reaktionen über den Tag verteilt, galten dem Entsetzen und der Empörung hinsichtlich des misslungenen Attentatsversuchs auf die Hallenser Synagoge. Zitate :

Der Zentralrat der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei, die das Gebäude nicht gesichert habe. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Yom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös. Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt“, sagte er.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde (…), sagte, sie habe der Angriff mit „Trauer und Wut“ erfüllt. „Wenn ein schwer bewaffneter Terrorist auf offener Straße mordet, und wenn ein Zentrum jüdischen Lebens in einer deutschen Stadt am höchsten jüdischen Feiertag mit Schusswaffen und Sprengsätzen angegriffen wird, dann ist das ein Angriff auf das Zusammenleben in unserem Land.“

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) rief auf Twitter zu einem Zeichen gegen Antisemitismus auf: „Ich möchte nicht, dass Juden in unserem Land Angst haben müssen. Lasst uns gemeinsam einen Schutzschirm gegen Antisemitismus bilden.

Außenminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter: „Dass am Versöhnungsfest Yom Kippur auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz. Wir alle müssen gegen den Antisemitismus in unserem Land vorgehen. In diesen schweren Stunden sind meine Gedanken bei den Toten und Verletzten, ihren Angehörigen und der Polizei.“ ( alle 8)

21:00 Uhr, noch immer keine Informationen über die beiden Opfer.

Es gibt im Verlauf des Tages zwei Punkte die stutzig machen, bezogen auf Ereignisse ähnlicher Tragik und gesellschaftlicher Bedeutung. Hinsichtlich des versuchten Attentats, stellt sich terrorinteressierten Bürgern die schlichte Frage, warum wurde der Täter eigentlich nicht erschossen? Bitte jetzt nicht falsch verstehen, aber wenn man bei Google eingibt: Polizei erschießt Bürger, finden sich alleine sieben Vorfälle, nicht terroristischem Ursprungs, aus diesem Jahr.

22:00 Uhr, noch immer keine Informationen über die beiden Opfer.

Der größere Irritationspunkt ist jedoch, hinsichtlich der über den gesamten Tag geführten Diskussion über Rechtsterrorismus und Antisemitismus, Rechtsruck Gefahr, Rechten Tendenzen in Deutschland, den Forderungen nach mehr Sicherheit für Jüdisches Leben in Deutschland, den unbedingten Maßnahmen gegen rechte Gewalt – sofort, die Unterlassung der Medien, der Hinweis auf einen aktuellen Beschluss der Bundesregierung.

Claus Kleber fragte im ZDF  den Vorsitzenden des Zentralrat der Juden in Deutschland, Josef Schuster, Zitat: Kleber: Herr Schuster, hätten wir einen solchen Tag kommen sehen müssen? Schuster: Das eine gewisse Furcht da war, dass ich (…) vor Entwicklungen, ein Abgreifen in den Rechtsextremismus, auch in einen gewaltbereiten Rechtsextremismus gewarnt habe, …hätte ich nicht erwartet, dass es zu (…) einem Attentat (…) kommt. Dann folgt eine sehr interessante Nachfrage von Kleber, Zitat: Haben wir, hat die deutsche Gesellschaft, hat die deutsche Regierung etwas unterschätzt oder unterlassen in letzter Zeit? Herr Schuster formuliert für mich unverständlich keine Gegenfrage, er spricht von notwendiger Zivilcourage, die jetzt bei den Bürgern sich einstellen müsste (9).

Weder Herr Kleber, noch Herr Schuster informierten die ZDF- Zuschauer über die jüngst beschlossene Entscheidung der Bundesregierung im so notwendigen Kampf gegen Rechts, Zitat:

Das Programm „Demokratie leben!“, ein bundesweiter Fördertopf für zahlreiche zivilgesellschaftliche Projekte, wird laut Informationen des Deutschlandfunk im nächsten Jahr voraussichtlich mit acht Millionen Euros weniger auskommen müssen. Das Bundesfamilienministerium hat bislang noch nicht konkret Stellung bezogen. Für zahlreiche bewährte Projekte, unter anderem das bekannte Rechtsextremismus-Aussteigerprogramm „Exit“, bedeutet das abgelehnte Förderanträge. Exit“ droht nun das aus. (10)

Auch der Amadeu-Antonio-Stiftung wurden die Gelder für zwei Modellprojekte im Kampf gegen Rechts gestrichen. Der Partnerschaft für Demokratie Chemnitz wurden im sog. Kampf gegen Rechts für 2020 ebenfalls die Gelder gekürzt. Nach den Ereignissen 2018 noch von 100.000€ auf 300.000€ erhöht, nun auf 35.000€ zurückgestutzt. Alles das nachzulesen im jüngst veröffentlichten Hochglanz-Heftchen Demokratie leben! (11). Auch für SPD Mitglied Oppermann, der jedoch ließ wissen, Zitat: Thomas Oppermann, ehemaliger SPD-Fraktionschef, sprach von „antisemitischem Terror“ in Deutschland. „Das ist entsetzlich. Wir brauchen eine härtere Gangart der Sicherheitsbehörden gegen den rechten Terror!“

Diese Tatsachen werden vermieden, verschwiegen, vorenthalten. Sie passen nicht zu der gestern und sicherlich auch an kommenden Tagen zelebrierten Solidarität und den lauthals geforderten Verbesserungen des Schutzes Jüdischen Lebens in Deutschland, seitens der Bundespolitik.

Auch von 23:00 Uhr bis zum heutigen 10.09. fanden sich keinerlei Informationen zu den beiden Opfern. Die BILD präsentiert um Mitternacht Vor – und Zunamen des Täters, noch mehr Bilder. Tagessieger. Jedoch weiterhin keine Namen, keine Informationen, keine Details zu der Frau und dem Mann. Zwei unbekannte Tote. Bei BILD klingt da so, Zitat: Das Video zeigt auch den Mord an einer Frau, die Passantin am Tatort war, und von hinten kaltblütig erschossen wurde. Dann fuhr der Täter weiter und hielt bei einem Dönerladen. Dort ermordete er einen Mann…(12)

Ist die schlichte Frage des – Warum keinerlei Zusatz-Informationen? – vollkommen unangebracht?

Am heutigen Morgen findet sich in den deutschen Medien ein breites Informationsfeld über – den Täter. Wo er herkommt, das er nie grüßte, bei seiner Mutter lebte. Das Video, vom Täter gefilmt, wird minutiös aufgearbeitet, mit allen inhaltlichen Sprachdetails. Die Gedanken, Absichten. Die BILD wieder voll in ihrem Element. Voller Name, Alter und Bild des Täters, Zitat: Halle-Killer hatte kaum Freunde, saß oft am Computer (13). Es sei ein Tag der Schande für Deutschland prangt auf der Online Titelseite. Über die beiden Opfer – kein Wort. Auch bei der Städtischen Zeitung – Halle. Nichts.

Ein zehnseitiges Dokument soll der Täter im Internet veröffentlicht haben. Das berichten zahlreiche Medien. Der irritierende Hinweis, Zitat: Zuerst auf das Dokument aufmerksam geworden sind die Experten des „International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR)“ mit Hauptsitz in London. Laut „Spiegel Online“ habe eine erste Prüfung die Authentizität des Dokuments bewiesen (14).

Aha? Wozu steht in Berlin eigentlich ein güldener Prachtbau im steuerzahlerfinanzierten Wert von knapp 1 Milliarde Euro (15). Das BND Gebäude. Was machen die da, den ganzen Tag?

10.09.2019 07:30 Uhr. Ein erster Hinweis, endlich. Die Sächsische Zeitung berichtet, Zitat: Ungeklärt ist bislang unter anderem die Identität der beiden Opfer (16).

Demokratie klingt schön. Tatsächlich wird sie täglich ausgehöhlt. Wir alle werden ständig bedrängt zu denken, was andere uns vorsagen. Die meisten politischen Entscheidungen werden unter dem Einfluss massiver Propaganda getroffen.

Diese Zeilen sind aus dem unbedingt lesenswerten aktuellen Buch von Albrecht Müller: Glaube wenig, Hinterfrage alles, Denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut.

Hinsichtlich der gestrigen und kommenden Darstellungen und Analysen, zitiere ich abschließend einen Absatz aus dem Buch von Albrecht Müller. Bleiben sie, bzw. werden sie kritisch!

Zitat: Es gibt eine politische Dimension der Gedankenfreiheit beziehungsweise – unfreiheit: Wenn sich eine große Mehrheit keine eigenen Gedanken mehr macht, dann ist die öffentliche Meinung steuerbar und mit ihr sind auch die davon abgeleiteten politischen Entscheidungen steuerbar. Dabei gewinnen jene, die das Steuer für die Meinungsmache in der Hand halten. Sich ihr entgegen stellen ist die politische Dimension des Anspruchs, selber zu denken. Sie ist groß.

Quellen:

  1. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2229/umfrage/mordopfer-in-deutschland-entwicklung-seit-1987/
  2. https://twitter.com/Polizei_HAL/status/1181942982683041792
  3. https://www.berliner-zeitung.de/panorama/zwei-menschen-in-halle-erschossen-fotos-und-videos-zeigen-mutmasslichen-taeter-33290516
  4. https://www.zdf.de/nachrichten/zdfspezial/zdf-spezial—todesschuesse-vor-synagoge–amokalarm-in-halle-100.html
  5. https://www.tagesschau.de/sendung/tagesschau/index.html
  6. https://twitter.com/MissCharlez/status/1181993220982607878?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1181993220982607878&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fgesellschaft%2Fzeitgeschehen%2F2019-10%2Fhalle-saale-schuesse-synagoge-tote-live
  7. https://twitter.com/AJCBerlin/status/1182009264530972677
  8. https://www.sueddeutsche.de/politik/halle-synagoge-schuesse-angriff-reaktionen-1.4634157
  9. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/liveblog-polizeieinsatz-in-halle-102.html
  10. https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/weniger-geld-gegen-rechts
  11. https://www.demokratie-leben.de/
  12. https://www.bild.de/regional/sachsen-anhalt/sachsen-anhalt-news/halle-anschlag-vor-synagoge-mindestens-zwei-menschen-erschossen-65233386.bild.html
  13. https://www.bild.de/bild-plus/news/inland/news-inland/stephan-balliet-27-halle-killer-hatte-kaum-freunde-sass-oft-am-computer-65246022,view=conversionToLogin.bild.html
  14. https://www.fr.de/panorama/halle-zwei-tote-schiesserei-verdacht-rechtsextremes-motiv-zr-13083592.html
  15. https://www.saechsische.de/bnd-bau-kostet-rund-eine-milliarde-5008103.html
  16. https://www.saechsische.de/angriff-in-halle-wirft-fragen-auf-synagoge-anschlag-terror-5127538.html
  17. https://twitter.com/JFDA_eV/status/1182026514449211396

Bildhinweis:  Screenshot-YT 09.10.2019, Welt NS.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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21 Kommentare zu: “Tagesdosis 10.10.2019 – Die unbekannten Toten aus Halle

  1. Lieber Herr Loyen,

    ich glaube, Sie hätten mit ihrer Einschätzung noch ein wenig warten soll. Bezüglich der Medien sollten wir ja wohl mittlerweile gelernt haben, dass die Infoschnipsel für gefühlt zehn Artikel und drei Sondersendungen ausreichen. Es wird mal ein bisschen wild herumspekuliert, die Faktchen ständig wiedergekäut. Brennpunkt, Titelstory – Klicks, Leserzahlen, Einschaltquoten. Die Opfer? Egal, der Täter ist doch interessanter. Sensationsjournalismus at its best.

  2. Spiegel-Zitar: Bei der Bundeswehrführung herrscht mittlerweile eine Art Erleichterung, dass der Tatverdächtige keine Spezialausbildung erhielt. "Im Nachhinein können wir froh sein, dass er bei der Bundeswehr nicht viel lernte, sonst hätte er in Halle vielleicht wesentlich mehr Menschen töten können", sagte ein Heeresgeneral.
    Quelle: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/halle-saale-stephan-balliet-absolvierte-waffenausbildung-bei-der-bundeswehr-a-1291151.html

  3. Gerne überlesen: der Typ wollte ursprünglich eine Moschee überfallen. Da hat er irgendwie keine gefunden und halt eine Synagoge ins Visier genommen. Das hat nicht funktioniert, dann hat er halt eine Deutsche und einen Türken massakriert.
    Davon redet kaum einer.
    Warum?
    Es war also keine antisemitische Nazigröße, die hier agierte, sondern jemand, der sich selbst als 'Loser' bezeichnet hat und aus dieser Eigenverortung radikal gehandelt hat, weil er wohl nichts anderes mit sich und seinem Zustand anfangen konnte.
    Das sind die Fakten, die sich aus den Videos von ihm selbst zusammen tragen lassen.
    Daraus jetzt eine nationale semitische Betroffenheit abzuleiten ist ja völlig verquer.
    Man sollte sich viel lieber mit der Beantwortung der absolut unbequemen Fragen beschäftigen anstatt Synagogen hochzurüsten (wirklich eine sehr schlaue Idee als 'Lösung' des Kardinalproblems).
    Wenn jemand glaubt, dass einer sich aufmacht Menschen umzubringen, weil er eine Rede von Höcke gehört oder Counterstrike gespielt hat oder weil 'unter Adolf ja nicht alles schlecht war', der hat ja gar nichts verstanden und sitzt damit umso leichter den Reflex-Narrativen auf, die sofort umstandslos und unreflektiert posaunt werden.
    Rechnen hilft außerdem: die letzten verbliebenen echten Nazis sind weit jenseits der 90.
    Wieviele von denen sitzen an entscheidender Stelle und verbocken tatsächlich diesen Mist, der dann den Alt-Nazis zugeschrieben wird?
    Die sind ausgestorben, Herrschaften.
    Das, was heutzutage völlig ahistorisch als Neo-Nazis bezeichnet wird, nur weil jemand mit den Emblemen sich tätowiert oder damit rumwedelt, hätte bei den 'echten' Nazis null Reputation gehabt.
    Nützliche Idioten vielleicht, aber überhaupt nicht brauchbar für Nazi-Ideologie-Realisierung, weil völlig apolitisch.
    Die De-Sozialisierung der Menschen ist nicht den Nazis zu verdanken, die haben ja noch nicht mal den Kapitalismus oder Neo-Liberalismus erfunden, sondern waren selbst nur Handpuppen.
    Die aktuelle Deformation der Mitmenschlichkeit verdanken wir nicht Adolf oder Ewiggestrigen, sondern mangelnder Reflexion, mangelndem Differenzierungsvermögen, mangelndem Intellekt und nicht zuletzt einem Heer von politischen Emporkömmlingen, die alles mögliche aufweisen, aber keinerlei Gewissen.

    PS: aktuell sehe ich nicht Judenhasser als das primäre nationale Problem, sondern die Altenhasser und Intellekthasser.

    • Sie mögen ihre Wurzeln dort haben (Koch-Brüder); ihre Abkömmlinge sind heute Anarchokapitalisten.
      Ansonsten in der Tat nützliche Idioten.

    • Apropos Altenhasser: Eine Suppe angerührt nach dem Rezept der Hayek-Ideologie in der Regierung und ins Volk geschüttet – aktuelle Nachrichten: die Renten der Zukunft hätten Vorrang vor den Renten der Gegenwart, weil es den gegenwärtigen Rentner sehr gut geht. Die Spaltung zwischen Jung und Alt wird ins Volk getragen.

      "Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, daß in einem freiheitlichen System die voll Erwerbstätigen oft schnell von einer vorübergehenden und nicht gefährlichen Erkrankung geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken." – Die Verfassung der Freiheit, Tübingen, 1983, S.397

      "Wenn wir garantieren, dass jedermann am Leben gehalten wird, der erst einmal geboren ist, werden wir sehr bald nicht mehr in der Lage sein, dieses Versprechen zu erfüllen." – Hayek- Interview mit der Wirtschaftswoche, 1981

      Und die Jugend wird von Merz "wenn es sein muss gezwungen" an der Börse zu spekulieren, um für ihr Alter vorzusorgen. Ist das christlich-demokratisch? Oder schlicht Blackrock-Ideologie.

    • Zitat:
      "Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, daß in einem freiheitlichen System die voll Erwerbstätigen oft schnell von einer vorübergehenden und nicht gefährlichen Erkrankung geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken." – Die Verfassung der Freiheit, Tübingen, 1983, S.397

      "Wenn wir garantieren, dass jedermann am Leben gehalten wird, der erst einmal geboren ist, werden wir sehr bald nicht mehr in der Lage sein, dieses Versprechen zu erfüllen." – Hayek- Interview mit der Wirtschaftswoche, 1981" – Zitatende

      Ja, DAS ist Nazi-Denke in Reinkultur – das sogenannte 'unwerte Leben'.
      Aber innerhalb der sogenannten Wirtschafts-'Wissenschaften' spricht keiner von Hayek als Nazi, weil das eben die Doktrin, deren Vertreter eben sehr viele sind, maximal diskreditieren würde.

      Hayek ist ein ECHTER Brandstifter, nicht dieser verwirrte, arme Idiot, der in seiner Unkultur Menschen tötet.
      Hayek ist einer, der mit SYSTEM töten will.
      Was ist da wohl schlimmer…

  4. Auf dem Marktplatz ist wieder was passiert. Ein Ereignis. Licht ins Dunkle bringen die Straßenlampen. Scheinwerfer (CSR, Interessengruppen) leuchten Schatten aus.Taschenlampen (Medien, Polizei, Behörden) flackern hin und her. Smartphone-Cameras blitzen auf.

    Wo herrscht Licht? Wo Dunkelheit? Vor dem Ereignis – während des Ereignisses – und nach dem Ereignis?

    Sufi Nasreddins Erzählung dazu:

    Er (Nasreddin) schreitet vor seiner Hütte, auf dem Boden etwas suchend, auf und ab. Ein Freund kommt vorbei, fragt ihn, was er sucht. Nasreddin antwortet, er suche seinen Ring. Der Freund hilft bei der Suche. Nach einer langen Weile erfolglosen Suchens, fragt der Freund, wo er den Ring verloren habe. Nasreddin antwortet, er habe ihn in seiner Hütte verloren. Sein Freund fragt verdutzt zurück, warum sie dann hier vor der Hütte suchen. Nasreddin antwortet, das sei eine dumme Frage, denn hier vor seiner Hütte ist Licht von der Straßenlampe; in seiner Hütte hat er kein Licht.

    Tja, wem gehören die Straßenlampen auf dem Marktplatz? Wem gehört das Licht?

    • PS:

      Als Victor Hugo schrieb –
      Die Zivilisation ist in den Völkern, die Barbarei in den Regierungen – meinte er, sie ginge von der Regierung über in das Volk.

      Es sind wieder solche Zeiten.

      Dazu auch Goethe:

      Auch war ich vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen.

  5. So sehr ich die Tagesdosis von B. Loyen sonst auch schätze, diesmal hat er kräftig daneben gegriffen. Auch ich wollte ziemlich früh wissen, wer die beiden Opfer waren und ja, man hat sich in den Medien um sie nicht sonderlich gekümmert, etwas später schon. Aber ist das denn so verwunderlich angesichts eines drohenden, ja gut vorbereiteten Anschlags (Sprengstoff an dem Gebäude) auf die unbewachte Synagoge? In der gerade ein Gottesdienst stattfand? In Deutschland einen Anschlag dieser Art erleben zu müssen, mit seiner ganzen nicht wirklich aufgearbeiteten Holocaust-Geschichte? Was ist daran verwunderlich, wenn sich da, wo der grosse Schrecken des nicht aufgearbeiteten Traumas sitzt, auch der Schwerpunkt der Berichterstattung ausbildet? Gar nichts, es ist menschlich normal. Ob man den Täter analog zum 11.9. hat geheimdienstlich laufen lassen, ändert daran rein gar nichts und ich finde diese Aufarbeitung kann man auch ein wenig auf später verschieben, oder?
    Bei Charlie Hebdo war es ähnlich: die vier (in diesem Fall jüdischen) Opfer und die beiden erschossenen Polizisten blieben lange im Hintergrund. Eben weil der Schock hier dem verheerenden Anschlag auf die Redakteure von Charlie am grössten war, menschlich verständlich (und ohne Holocaust Trauma) auch hier.
    Und für alle, die die Aussage vom ’nicht aufgearbeiten Holocaust’ nicht begreifen wollen: warum sitzen die Profiteure (deren superreichen Erben mittlerweile) der Arisierung immer noch an den Schalthebeln der Macht? Warum hat man die Opfer des KPD Verbotes und der Berufsverbote in der BRD nie entschädigt? Wie konnte es sein, dass andererseits die Haupttäter der Mordbanden (z.B Einsatzgruppen) bis tief in die 70er Jahre völlig unbehelligt herumliefen? Fragen über Fragen…

    • Genau so ist es, routard, und selbst bis heute werden eh. SS-Mörder aus Belgien und Lettland mit ca. 750000 Euro monatlich berentet.

      mfG

  6. Jegliche negative gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten fünfzehn Jahre in diesem Land haben nichts, aber auch gar nichts mit der Person Angela Merkel und deren Wirken zu tun.

    Das machen uns auch jetzt wieder die Mainstreammedien in äußerst grauenvoller Weise klar.

    Also macht diese Frau weiter.

  7. Wie immer weiß man nicht recht, was dieser schwammig-wirre Loyen eigentlich sagen will…
    Aber vielleicht liegt´s auch nur an seiner krausen Grammatik, seiner Vorliebe für überflüssige Punkte und Kommata und seiner das/dass-Legasthenie.
    Hoffentlich hat er die Namen der Opfer, wozu auch immer, inzwischen rausgekriegt, damit er sich mal ausschlafen kann – am besten ganz lange !
    Wer schläft, schreibt wenigstens kein kryptisches Zeug.
    (Die bisherigen Kommentare sind entsprechend substanzlos…)

    • Sie wollten wohl "grausamen Grammatik" sagen. Ich erkläre Ihnen mal was Loyen sagen wollte: Das Opfer der Bundesregierung immer schon scheiß egal waren.

    • Hallo Pst,
      woher wissen sie das, mit dem Schwammigen? Den Kampf habe ich aufgegeben. Mit meiner krausen Grammatik, der das/dass-Legasthenie, ich arbeite daran. Vielen Dank für den Hinweis. Gruß – B.Loyen

  8. Irgendwie erinnert mich das an den 11. September.
    nichts genaues weiß man nicht, aber:
    – der dfb! legt schon mal eine Schweigeminute ein
    – die EU hat auch was dazu zu sagen
    – ein Bundesfuzzi erzählt was von besonderer Verantwortung gegenüber den Juden
    – in Markranstädt (50km wech) mussten die Schüler unter die Tische Kriechen.
    ich habe da ein ganz schlechte Gefühl.
    PS: in Leipzig war auch noch Lichterfest.

  9. Zitat:
    "Ungeklärt ist bisher die Identität der beiden Opfer."
    :Zitat Ende

    Da fand man wohl nicht sofort die Personalausweise der beiden Opfer am Tatort.
    Bei Tätern ist das ja bekanntlich kein Problem. Da muss man diese Personalausweise halt noch im tiefsten Dreck und möglichst schnell finden, egal wie.
    Kennen Sie das Buch: Opfer im Abseits? Ein alter Schinken aber immer wieder und noch immer aktuell. Opfer sind jetzt nicht nur die Ermordeten, sondern alle die Verwandten, die den Opfern nahestanden und jetzt vielleicht für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind. Hatten wir schon mal. Stichwort Weihnachtsmarkt Berlin.
    Und dann gehen Sie mal hin und stellen, wenn Sie als Angehöriger das Trauma nach Jahren halbwegs überwunden haben, einen Antrag auf Opferentschädigung (OEG). Sie werden dann durch diese Behörde retraumatisiert. Sie werden als Opfer ausgequetscht, durchleuchtet wie ein Straftäter, ob sie denn auch tatsächlich als Opfer anerkannt werden dürfen oder nicht. Sie werden von Gutachter zu Gutachter geschickt um ja ihren Grad der Schädigung durch die Tatfolgen von der Behörde möglicht gering zu halten. Ich denke selbst, ich glaube nichts mehr.

  10. 13:22 Uhr
    Todesopfer offenbar aus Halle und Merseburg

    Nach dem Anschlag in Halle sind die erschossenen Opfer offenbar identifiziert. Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Die Frau war am Mittwochmittag von dem schwer bewaffneten Täter vor der Synagoge erschossen worden, der Mann wenig später in einem nahen Dönerladen.

    Viel interessanter sind die aus diesem Anschlag, oder wie man es nennen will, resultierenden Massnahmen. Wie wird man dieses Ereignis zu instrumentalisieren versuchen und sogenannte Gesetzes- und Sicherheitslücken zu schliessen beabsichtigen? Wie wird man uns diese nun vermeintlich notwendigen Massnahmen aufzwingen? Und wird man sich dieses Vorgehen wieder einmal mehr gefallen lassen.!?

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