Tagesdosis 10.7.2019 – Der Gescheiterte (Podcast)

Der frühere ägyptische Präsident Mursi starb, während er in einem Käfig ein patriotisches Gedicht rezitierte. War es Mord?

Von Andre Vltchek.

Mohammed Mursi brach 67-jährig im Gerichtssaal zusammen und starb kurze Zeit später. Nun wurden Stimmen laut, dass seine Haftbedingungen möglicherweise seinen Tod herbeigeführt hätten. Andre Vltchek, der sich immer wieder für Reportagen in Ägypten aufgehalten hatte — so auch während der Unruhen in den Jahren 2012 und 2013 —, schreibt über seine Eindrücke damals, das Scheitern des Präsidenten und das Begraben der Hoffnung auf ein demokratisches, freies Ägypten nach dem Putsch und der Militärdiktatur. Der ehemalige Präsident Ägyptens, Mohammed Mursi, hatte gerade seine fünfzehnminütige Rede in einem Gerichtssaal beendet — eingesperrt in einem schallgedämmten Käfig. Er las ein Gedicht über seine Liebe zu Ägypten vor, brach zusammen und starb.

Sein Ableben versetzte ganz Ägypten, die Region und die muslimische Welt in einen Schockzustand.

Wurde Mursi ermordet?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan weigerte sich, der offiziellen Version des Geschehens Glauben zu schenken und behauptete, der ehemalige ägyptische Präsident Mohammed Mursi „starb nicht, sondern wurde ermordet.“

Aus den verschiedensten Regionen der Welt kam noch mehr — so zum Beispiel von Reuters:

„Der britische Parlamentsabgeordnete Crispin Blunt, der einer Delegation britischer Gesetzgeber und Anwälte vorstand, die ein Gutachten über Mursis Haft veröffentlichte, kritisierte die Haftbedingungen Mursis scharf.

‚Wir möchten wissen, ob seine Haftbedingungen seit unserem Bericht im März 2018 verändert wurden. Sollte er weiterhin unter den Bedingungen inhaftiert gewesen sein, in denen wir ihn vorgefunden hatten, so fürchte ich, dass die ägyptische Regierung wahrscheinlich für seinen frühzeitigen Tod verantwortlich ist‘, bemerkte er der BBC gegenüber.“*

Menschenrechtsorganisationen, Staatsoberhäupter und die einfachen Bürger Ägyptens reagierten aufgebracht auf das Ableben Mursis, eines früheren ägyptischen Staatschefs. Dieser hatte die Nation regiert, nachdem er 2012 die ersten demokratischen Wahlen in der modernen Geschichte des Landes gewonnen hatte — nur ein Jahr, nachdem der pro-westliche Diktator Hosni Mubarak 2011 abgesetzt worden war.

Mursi wurde 2013 in einem gewaltsamen Militärputsch gestürzt nur ein Jahr nach seiner Vereidigung in das höchste Amt.

Mursis Präsidentschaft — alles andere als vorbildlich

Lassen Sie es uns deutlich sagen: Mohammed Mursi war kein „guter Präsident“. Tatsächlich sollte er eigentlich gar nicht Präsident werden: Der ursprüngliche Kandidat seiner Partei war wegen einer Formsache von den Wahlen disqualifiziert worden und Mursi wurde gebeten, für ihn einzuspringen. Und er gewann, wenngleich nur knapp.

Er beging einige schwere Fehler — politisch, wirtschaftlich und sozial.

Er ließ mehrere Tunnel zwischen Gaza und dem Sinai fluten.

Während seiner Präsidentschaft starben mehr als 40 Menschen während der gewaltsamen Ausschreitungen in Port Said.

Wenn er sich bedroht fühlte, befahl er für gewöhnlich, giftige Gase gegen die Demonstranten einzusetzen.

Er war jedoch kein Mörder — und im „modernen“ Ägypten war das eine starke Leistung. Er versuchte, die desolate Situation seines Landes zu verbessern, scheiterte jedoch immer wieder.

Andererseits befreite er seine Regierung aus der tödlichen Umarmung des Militärs. Das vom Westen geförderte ägyptische Militär hatte es bewerkstelligt, alles zu infiltrieren — sowohl unter Mubaraks Regierung als auch heutzutage — und somit jeden einzelnen Aspekt des ägyptischen Staates unter seine Kontrolle zu bringen.

Mursi versuchte, es jedem in der furchtbar gespaltenen ägyptischen Gesellschaft rechtzumachen. Letztlich war jedoch niemand zufrieden.

Die Hardliner in seiner Muslimbruderschaft hassten ihn dafür, nicht radikal genug zu sein. Die anti-religiöse Linke verachtete ihn dafür, sich nicht stärker für soziale Reformen und einen säkularen Staat einzusetzen. Er gehorchte sowohl den USA als auch dem IWF, verprellte jedoch beide gleichzeitig.

Schlussendlich wirkte er wie ein unsicherer, verwirrter und schwacher Mann.

Die Proteste von 2012 und 2013

In den Jahren 2012 und 2013 bekämpften meine Freunde, meine links eingestellten Kameraden, die Polizei vor dem Präsidentenpalast in Kairo. Ich befand mich mit ihnen dort und filmte — mein Gesicht mit nassen Lumpen bedeckt in dem Versuch, mich vor dem hochgiftigen Tränengas zu schützen.

In diesen Tagen schien niemand Mursi zu mögen. Die Parole während der Proteste gegen Mursi lautete:

„Wir singen jene an, die den Tod verdienen; Mursi — Mursi Mursi!“

Die Protestierenden konnten nicht wissen, dass sich ihre Prophezeiung sieben Jahre später erfüllen würde.

Putsch und Militärdiktatur

Nachdem das Militär am 3. Juli 2013 die demokratisch gewählte Regierung gestürzt hatte, begannen die Massaker. Nach offiziellen Zählungen verloren Hunderte Menschen ihr Leben wahrscheinlicher ist, dass es Tausende waren. Zehntausende wurden festgenommen, verschwanden, wurden gefoltert, vergewaltigt oder ins Exil geschickt.

Mitglieder der Muslimbruderschaft wurden liquidiert — die Muslimbruderschaft selbst wurde bald nach dem Putsch verboten —, ebenso jedoch auch verschiedene linke Organisationen und Einzelpersonen sowie all jene Menschen, die gegen das korrupte rechte Militär und dessen Diktatur waren.

Einige meiner Freunde mussten das Land verlassen. Andere befinden sich noch immer im Gefängnis oder sind untergetaucht.

Hosni Mubarak, ehemaliger Diktator, Marionette des Westens und Meuchelmöder, ist nun wieder frei. Er ist 91 Jahre alt.

Der 67-jährige Mohammed Mursi ist tot.

Während der Mursi-Ära — während und nach dem Putsch von 2013 — arbeitete ich in Ägypten, wo ich einen Dokumentarfilm für den venezolanischen Fernsehsender Telesur drehte: „Ägypten, Ende einer Revolution“ („Egipto — El Fin de Una Revolución“).

Zuerst untersuchte und beschrieb ich die Verbrechen, die während der Herrschaft Mursis in Port Said begangen worden waren: [„Notes from a Besieged City“].

Und dann befand ich mich mitten in den Kämpfen, als das ägyptische Militär Mursis Regierung stürzte und damit begann, sowohl die Muslimbruderschaft als auch die ägyptische Linke auszulöschen. In meinen Essays „Egypt End of Hope” und „Egypt in the Eye of the Storm” beschrieb ich diese Ereignisse. In meinem Buch Exposing Lies of The Empire finden sich noch mehr meiner Essays über Ägypten.

Einmal fand ich mich während Filmaufnahmen nach dem Putsch im Angesicht von fünf Panzern wieder, die alle ihre Geschütze auf mich richteten. Ich weiß nicht, wie ich überlebte. Andere überlebten nicht. Als ich die Aufnahmen für meinen Film beendet hatte, war mein Körper mit Narben und Blutergüssen übersät.

Unter all denen, die an meinem Film mitgewirkt hatten, und denen, die gegen den damaligen Präsidenten Mursi protestiert hatten, gibt es heute kaum jemanden, der die derzeitige Regierung der prowestlichen Militär-Junta unterstützen würde. Bei den Demonstrationen in den Jahren 2012 und 2013 ging es darum, Ägypten zu verbessern, darum, Mursi zu zwingen, das zu errichten, von dem Millionen meist junger Ägypter hofften, es sei eine gerechte, säkulare und sozialistische Gesellschaft. Von Mursi wurde erwartet, dies zu bewerkstelligen oder abzudanken, um den Weg für einen besseren, „progressiveren“ Anführer freizugeben.

Stattdessen fanden ein Putsch sowie die Rückkehr der faschistischen Bande Mubaraks statt, die von den USA, Europa und Israel unterstützt wurde.

Wenn ich zurückblicke, bin ich davon überzeugt, dass Muhammed Mursi ein anständiger Mensch war — gleichzeitig jedoch ein schlechter, untalentierter, naiver und verwirrter Herrscher, was immer noch viel, viel besser war als alles vor und nach ihm.

In ihrer Stellungnahme für die New York Times schrieb die ägyptische Autorin Mona Eltahawy über den Tod Muhammed Mursis:

„(…) Er sah immer aus wie ein Mann, der in etwas gefangen war, das viel größer als er selbst war. Dass er in einem ägyptischen Gerichtssaal starb — in einem schallgedämpften Käfig, um ihn zum Schweigen zu bringen —, fast genau sechs Jahre nach seinem Amtsantritt und von allen vergessen außer seiner Familie und Menschenrechtsaktivisten, erinnert uns an das falsche Pathos, mit dem er umgeben war.“

Dann setzte die Journalistin Eltahawy seinen Tod in den Kontext des heutigen Ägypten:

„So geschwächt wie sie ist, wird die Muslimbruderschaft (…) keine Massenproteste in Ägypten auf die Beine stellen können — wurden hier doch unter einem drakonischen Gesetz, das kurz nach der Machtübernahme durch El-Sisi in Kraft trat, solche Proteste fast unmöglich gemacht. Auch dies hat El-Sisi erreicht: Zwischen dem Sturz Mursis im Juli 2013 und dem Januar 2016, als sich das Parlament wieder zu Sitzungen zusammenfand, wurden Berichten zufolge 16.000 bis 41.000 Menschen, darunter vor allem Mitglieder der nun verbotenen Muslimbruderschaft, verhaftet oder inhaftiert manche von ihnen waren auch liberale oder säkulare Aktivisten. Seitdem sind Todesurteile, Hinrichtungen, außergerichtliche Morde und gewaltsames Verschwinden sowie entschlossene Maßnahmen gegen jede Art Dissens in die Höhe geschnellt und haben die Muslimbruderschaft und die meisten anderen Arten von Opposition so gut wie vernichtet. Unterstützer der Muslimbruderschaft bestehen darauf, dass Muhammed Mursi wie ein Märtyrer gepriesen wird, während gleichzeitig viele staatlichen Medien von seinem Tod berichten, ohne überhaupt zu erwähnen, dass er je Präsident war.“

„Alles ist möglich“

Offen gesagt scheint die Mursi-Ära der einzige Zeitraum in der modernen Geschichte Ägyptens gewesen zu sein, in der „alles möglich war“, und in der es zumindest erlaubt war, von einer wesentlich besseren Zukunft zu träumen und für sie zu kämpfen. Ja, sicherlich wurde der Kampf mit Tränengas ausgefochten und es wurden Menschen verletzt oder gar getötet. Aber sie wagten es sie waren nicht gebrochen und gedemütigt wie heute.

Der so genannte „Arabische Frühling“ war manipuliert und sehr wahrscheinlich durch den Westen „geschaffen“ worden. Von 2011 bis 2013 gab es jedoch auch einen parallelen, unabhängigen, linken Aufstand von Bewegungen, die sich gegen das Establishment, den Kapitalismus und das Militär richteten. Es fand ein Kampf statt, und Ägypten hätte jede beliebige Richtung einschlagen können.

Ich werde dieses Jahr nie vergessen — das „Jahr Mursis“. Wir riskierten damals unser Leben und erlitten oft körperliche Angriffe. Unterschiedliche politische Gruppierungen bekämpften sich bis aufs Blut. Es dampfte und brodelte, die Leidenschaften kochten über. Nichts war gewiss — und alles möglich.

In diesem Jahr war ich während meiner Dreharbeiten mit sozialistischen Ärzten — echten Marxisten — unterwegs. Für sie bestand kein Zweifel daran, dass Ägypten sozialistisch werden konnte, wenn man nur härter dafür kämpfte. Ich arbeitete auch mit Wassim Wagdy zusammen, einem der Anführer der Revolutionary Socialist Organization.

Und dann brach buchstäblich über Nacht alles zusammen — am 3. Juli 2013.

Putsch nach Blaupause

Wann wurde mir bewusst, dass es aus und vorbei war? Es geschah in einem Park in Heliopolis, einem wohlhabenden Vorort Kairos. Hunderte reicher Familien trafen sich dort, um den Putsch zu feiern. Sie trugen T-Shirts, die mit Bildern von El-Sisi und seinen Handlangern bedruckt waren. Es sah aus wie die historischen Bilder vom 11. September 1973, als General Pinochet in Chile gegen Präsident Allende putschte. Es war anders — natürlich war es anders —, und doch bot sich derselbe Anblick. Putsche, die von den USA inszeniert werden, sehen immer gleich aus — wie auch die Gesichter der Eliten, die sie unterstützen, immer gleich aussehen.

Ich habe an Bord eines Fluges mit der Middle East Airlines von Istanbul nach Beirut vom Tod Mursis gehört. Ich empfand eine gewaltige Traurigkeit. Warum, wusste ich selbst nicht genau. Mursis Herrschaft trauerte ich sicher nicht nach — schon eher jener Zeit und jener Hoffnung, die seitdem völlig erstickt und aufgegeben wurden. Ich trauerte um jene Tage, als „alles möglich war“, als die Menschen bereit und gewillt waren, für ihr Land zu kämpfen.

Gescheiterter Staat

Ägypten ist nun ein „Failed State“ — verängstigt, enttäuscht, arm und durch und durch korrupt. Ein Staat, der sein eigenes Volk verschlingt.

Wenn ich heutzutage in einen der zahllosen Slums von Kairo gehe, blicken mich die Menschen mit unverhülltem Hass an. Sie sehen mich als Ausländer, als jemanden, der dabei mithalf, sie in die Hoffnungslosigkeit und ins Elend zurückzuwerfen. Natürlich wissen sie nicht, dass ich vor Jahren einmal für sie gekämpft habe zumindest als Filmemacher, Seite an Seite mit der Avantgarde der Sozialisten ihres Landes.

Ich empfinde auch Trauer für Mursi, den Menschen, wenn auch nicht für Mursi, den Präsidenten. Irgendwie fühle ich, dass das patriotische Gedicht, das er kurz vor seinem Zusammenbruch und Tod las, direkt aus seinem Herzen kam.

In dem einzigen Jahr, in dem er regierte, gab er sein Bestes. Doch das war nicht gut genug, und er scheiterte.

Er verdiente jedoch nicht, so zu sterben — in einem Käfig, mundtot gemacht und gedemütigt!

Er hatte Besseres verdient. Und sein Land, Ägypten, verdient viel, viel Besseres, verdammt!

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Redaktionelle Anmerkung [Rubikon]: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Egypt´s President Morsi Died, or Was Murdered, While Reciting a Patriotic Poem in a Cage“. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam  lektoriert.

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Andre Vltchek ist Philosoph, Romancier, Filmemacher und investigativer Journalist. Er lebt in Ostasien sowie im Mittleren Osten und verfasste Berichte über Kriege und Konflikte in Dutzenden Ländern. Drei seiner jüngsten Buchveröffentlichungen sind „The Great October Socialist Revolution“, ein Tribut an die Oktoberrevolution, „Aurora“, ein revolutionärer Roman, und „Exposing Lies Of The Empire“.

Hinzu kommen seine Dokumentation über Ruanda und die Demokratische Republik Kongo mit dem Titel „Rwanda Gambit“ sowie sein Film „On Western Terrorism“ mit Noam Chomsky.

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Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

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Dieser Beitrag erschien am 09.07.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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Bildhinweis: Kemal Aslan/ Shutterstock

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