Tagesdosis 11.10.2019 – Goldene Zeiten in der Ära des Wirtschaftskomas (Podcast)

Ein Kommentar von Rainer Rupp.

In den letzten Jahren, vor allem in den letzten 12 Monaten hat rund um die Welt das Interesse an Gold wieder enorm zugenommen. Im Unterschied zu Papiergeld hat das Edelmetall seit sechstausend Jahren Menschheitsgeschichte alle Krisen und Kriege überstanden und seinen Wert behalten. Angesichts der Tatsache, dass jüngst die Gelddruckmaschinen in den USA, in der EU und in Japan wieder angeworfen wurden, bzw. einen Gang schneller geschaltet worden sind, erinnert man sich wieder verstärkt des Goldes als der einzig sicheren Währungsreserve. Diese neue Wertschätzung des gelben Metalls hat sich dann auch in diesem Jahr bereits in einem beachtlich höheren Geldkurs aller Währungen der Welt ausgedrückt.

Aus geldpolitischer Sicht war die jetzt seit fast 10 Jahren dauernde Überflutung der Finanzmärkte mit Zig Billionen Dollar, Euro und Yen purer Wahnsinn. (Zur Erinnerung: eine Billion sind Tausend Milliarden.) Rund um die Welt (mit einigen Ausnahmen wie z.B. Russland) haben die Zentralbanken mit ihrer gigantischen Geldvermehrung und ihrer Null- oder Negativzinspolitik die Altersvorsorge von Hunderten von Millionen kleiner Sparer untergraben sowie die Geschäftsgrundlage von Lebensversicherungsgesellschaften zerstört.

Zugleich haben sie fast ein Jahrzehnt lang mit ihren Null- oder Negativzinsen Großinvestoren, Banken und anderen Geldhäusern kostenlos Billionen Euro, Dollar und Yen bereitgestellt, die dann die Preise für Immobilien und Mieten ebenso in die Höhe getrieben haben, wie sie zur Blasenbildung auf den Aktienmärkten geführt haben. Die versprochene real-wirtschaftliche Erholung, womit dieser Irrsinn gerechtfertigt wurde, ist ausgeblieben.

Im Gegenteil, die schon vor zehn Jahren erkennbaren, wirtschaftlichen und finanziellen Probleme haben sich nur noch weiter vertieft und zu einem Zustand geführt, der in kritischen Medien als eine Art „Wirtschaftskoma“ bezeichnet wird, in der alle Stimulanzen versagen. Dies hat inzwischen in so gut wie allen industriell fortgeschrittenen Ländern zu einer nachhaltigen politischen Destabilisierung und sogar zu gesellschaftlichen Unruhen geführt. Die gigantische Geldruck-Operation hat die sozialen Risse, die durch unsere Gesellschaft laufen, weiter vertieft und die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer gemacht. Zugleich hat diese Entwicklung große Teile der Mittelschicht – d.h. den traditionellen Pfeiler der bürgerlichen Demokratien – zunehmend in Richtung Armutsgrenze verschoben.

Mit ihrer total verfehlten Politik des letzten Jahrzehnts, mit der unsere marktkonformen Politiker die internationalen Geldhäuser gerettet und dafür ihre Wähler und Völker verkauft haben, haben sie die wirtschaftlichen Probleme ihrer Länder und die Verschuldungsprobleme der Staaten nur weiter zugespitzt. Der erneute Kurswechsel der US-Notenbank, die nach einem Jahr zaghafter geldpolitischer Korrekturen nun wieder mit voller Kraft voraus die Dollardruckmaschinen angeworfen hat, ist der beste Beweis dafür.

Gleiches gilt für die Europäische Zentralbank, deren scheidender Chef Mario Draghi in seiner Verzweiflung die Wirtschaften der EU wieder zum Brummen zu bringen und die Inflation wieder anzuheizen, jüngst sogar mit der sofort heftig kritisierten Überlegung gespielt hatte, statt dem Banken- und Finanzsystem weiterhin jeden Monat Zig-Milliarden Euro zinsfrei in den Rachen zu werfen, dieses Geld in Zukunft an die breite Masse der Bevölkerung zu verteilen. Denn damit könnten dann endlich der private Konsum und die breite Nachfrage nach Waren, die nicht zur kleinen Kategorie der Luxusklasse gehören, angestoßen werden. Zugleich würde eine solche Maßnahme die Inflation auf breiter Front in allen Warenkörben anheizen.

Vor diesem Hintergrund wird in letzter Zeit in Finanzkreisen wieder lebhaft über den weiteren Wertverfall des Dollars und des Euros gegenüber dem zeitlosen Wertmaßstab des Goldes diskutiert.

Ein oft angeführtes Beispiel ist, dass der US-Dollar im Zeitraum von hundert Jahren von 1900 bis zum Jahr 2000 in den USA über 95 Prozent seines Wertes, bzw. seiner Kaufkraft verloren hat. Für einen Golddollar im Gewicht von einer Unze konnte sich im Jahre 1900 ein Gentleman von Kopf bis Fuß neu einkleiden. Für einen Papierdollar bekommt er heute nicht einmal mehr einen Strumpf. Aber für eine Unze Gold, die aktuell 1500 Dollar kostet, kann sich auch heute noch eine Gentleman von Kopf bis Fuß neu einkleiden.

Im Vergleich zum Dollar war aber der Wertverfall der deutschen Mark in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch weitaus spektakulärer. Kriege, Überschuldung und rücksichtsloser Einsatz der Gelddruckmaschinen waren die Ursache, dass die deutschen Sparer in der Weimarer Republik vor dem Nichts standen und dann nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der so genannten „Währungsreform“ noch einmal den Großteil ihrer Papiergeld-Ersparnisse verloren hatten, egal ob sie ihr Geld unter dem Kopfkissen horteten oder auf einem Bankkonto hatten.

Das Papiergeld nennt man Fiat-Geld. Das lateinische Wort „fiat“ wird im Zusammenhang mit Geld am besten als „gemachtes Geld“ übersetzt. Es ist ein Geld, das entsteht, wenn man z.B. ein Stück Papier mit einer Zahl bedruckt oder – wie es heute die Zentralbanken und auch die Geschäftsbanken bei der so genannten Geldschöpfung tun – indem man einfach mit dem Klick einer Computermaus Millionen oder Milliarden Dollar oder Euro aus dem Nichts auf einem Konto erscheinen lässt, um dann das „Fiat-Geld“ weiter zu verleihen und mit weiteren Mausklicks auf Kundenkonten zu übertragen.

Fiat-Geld besitzt keinen inneren Wert wie z.B. Gold. Der innere Wert einer „Fiat-Banknote“ ist der Materialwert des Papiers der Note. Der Materialwert ist also praktisch null. Die Fiat-Banknote bekommt durch einen Kunstgriff ihren jeweils aufgedruckten Wert von z.B. 10 Euro. Der Kunstgriff besteht darin, dass der Gesetzgeber das Stück Papier zum „gesetzlichen Zahlungsmittel“ macht, mit dem jeder innerhalb des staatlichen Geltungsbereichs seine Schulden bezahlen und Käufe tätigen kann und der Verkäufer verpflichtet ist, Waren gegen ein Stück Papier auf dem eine entsprechende Zahl gedruckt ist, herauszugeben.

Fiat-Geld ist also genau das, was viele Menschen als Geld kennen. Also Geld, welches seinen Wert durch staatliche Macht erhalten hat. Das Gegenteil von Fiat-Geld ist Warengeld, zum Beispiel Gold, Silber oder Reis oder die Gefängniswährung Tabak.

Eine Einlöseverpflichtung der Zentralbanken, das Fiat-Geld in Gold, Silber oder Ähnliches einzutauschen, besteht seit einem halben Jahrhundert nicht mehr. Daher können jetzt praktisch unbegrenzt so viele Papiergeldnoten gedruckt oder per Mausklick Dollar- oder Eurokonten gefüllt werden, wie es die Zentralbanken für nötig erachten. Existierende gesetzliche Einschränkungen sind auf Grund der Krise der letzten 10 Jahre weitgehend aufgehoben. So ist es kein Wunder, dass auch Privatleute zunehmend wenigstens einen Teil ihrer Ersparnisse in Gold und anderem anlegen.

Die Fiat-Währungen haben eine lange Geschichte des Scheiterns, von den verschiedenen Beispielen des chinesischen Papiergeldes zu Zeiten von Marco Polo, über die galoppierende Inflation der Weimarer Republik bis hin zum US-Dollar. Früher oder später hat Fiat-Geld immer im wirtschaftlichen Zusammenbruch und gesellschaftlichen Chaos geendet. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. Der nachfolgende Link (1) führt zu einer langen, aber dennoch unvollständigen Liste nationaler Staatsbankrotte und „Währungsreformen“ rund um die Welt, in der Fiat-Währungen massiv oder ganz an Wert verloren haben.

Die Alternative zu Fiat-Geld ist das Warengeld Gold. Aber Gold kann man nicht per Mausklick in andere Länder überweisen. Allein deshalb ist es kein Ersatz für Fiat-Geld. Gold kann man nicht als Investition in produktive Gütern sehen. Im Unterschied zu Vermögensanteilen in Form von Aktien einer Fabrik produziert Gold nichts. In Zeiten gesellschaftlicher Stabilität mit starkem Wirtschaftswachstum und positiven Zinsen von real 3 Prozent ist kein Kapitalist an Investitionen in Gold interessiert. Er hält lieber produktive Vermögenswerte als auf einem Haufen Metall zu sitzen.

Aber Zeiten ändern sich. Die Volkswirtschaften der westlichen Industriestaaten sind nur deshalb noch nicht kollabiert, weil sie wie Drogenjunkies am Tropf der Zentralbanken hängen, die mit ständig neuen Fiat-Geldschüben das Gerüst notdürftig zusammen halten. Erschwerend kommen die ökonomischen Verwerfungen und Unsicherheiten der Handelskriege Trumps hinzu, der als Speerspitze der weltweiten Gegenbewegung gegen die neoliberale Globalisierung gesehen werden muss, von der ausschließlich die globalisierten Eliten und ihre Wasserträger auf Kosten der breiten Massen ihrer Völker profitiert haben.

Drittens gibt es starke Bestrebungen rund um die Welt, sich vom Dollar zu lösen. Das ist einerseits das Resultat der Entwertung des Dollar durch exzessive Nutzung der Banknotenpresse zur Deckung der jährlichen Neuverschuldung der US-Regierung in Höhe von einer Billion Dollar, und andererseits die Folge von Washingtons Missbrauch der Rolle des Dollars als Weltreservewährung, die von den USA ausgenutzt wird, um mit wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen ihre politischen Ziele gegen andere souveräne Staaten wie z.B. Iran durchzusetzen.

Vor dem Hintergrund all dieser Unsicherheiten reduzieren immer mehr Länder jetzt ihre Dollarbestände und häufen stattdessen – wie in den Zeiten vor über 50 Jahren – wieder Gold als Währungsreserve an. Auch Großinvestoren wie Rentenfonds und Versicherungsgesellschaften, die bei negativ-Zinsen für Staatsanleihen Schwierigkeiten haben, ihre Einnahmen sinnvoll anzulegen, entschließen sich zunehmend für den Kauf von Gold, anstatt ihre nicht investierten Reserven auf Bankkonten als Bargeld zu parken. Zudem sehen die neuen Gesetze vor, dass auch Bankguthaben bei einem nächsten Bankencrash sich weitgehend in Luft auflösen können.

Aber auch große Institutionen wie Zentralbanken und ausländische Regierungen haben ähnliche Probleme. Vor allem die Zentralbanken Chinas, Russlands, der Türkei, von Katar und Kolumbien, usw. haben ihre Gold-Reserven massiv aufgestockt statt ihre Währungsreserven in Dollar- oder in Euro zu halten. Gold ist jedoch keine Investition in einen produktiven Vermögenswert. Es handelt sich vielmehr um eine Versicherung gegen Krisen und Wertverlust von Papiergeld. Daher ist Gold selbst bei geringer Inflation und Null- oder Negativzinsen eindeutig attraktiver als Bargeld auf einem Konto einer Bank zu haben.

All das hat die Nachfrage nach Gold befeuert. Und obwohl Gold keine Investition in einen produktiven Vermögenswert ist, hat der der Goldpreis in den letzten 20 Jahren die Kurssteigerungen an der Börse noch übertroffen, was andeutet, wie tief vor allem in den letzten Zehn Jahren die Angst vor neuen Krisen und der Wunsch nach einer Art goldenen Versicherungspolice in der globalen Gesellschaft verbreitet ist.

Von September 1999 bis September 2019 haben die 500 im US-S&P-Börsen Index gelisteten Aktien einschließlich der gezahlten Dividenden einen Gewinn von 229 Prozent gebracht. Der Börsenkurs des Unternehmens des Superspekulanten Warren Buffett, die Berkshire Hathaway Gruppe, ist im gleichen Zeitraum um erstaunliche 536% gestiegen. Die Steigerung des Preises für eine Unze Gold in US-Dollar ausgedrückt konnte allerdings mit Buffett Börsenkurs mithalten.

Quelle:

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_sovereign_debt_crises

Bildhinweis:  Bjoern Wylezich/ Shutterstock

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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