Tagesdosis 11.11.2019 – Echter Sozialismus statt Einheitsbrei!

Die größte Demonstration der DDR-Geschichte forderte nicht die Einheit, sondern einen besseren Sozialismus.

Von Andreas Peglau.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Radikaler Einschnitt

Am 19. Januar 1989 konstatierte Erich Honecker, SED-Generalsekretär und Vorsitzender des Staatsrates:

„Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden.“

Dass diese Einschätzung im Westen ebenfalls nicht nennenswert infrage gestellt wurde, belegte im selben Monat eine Entscheidung der Axel-Springer-Presse: Jahrzehntelang hatte man dort DDR in Gänsefüßchen gesetzt, um deren Existenzrecht zu bestreiten. Damit sollte nun Schluss sein.

Ein Dreivierteljahr später war die Situation grundlegend verwandelt. Im Sommer hatten Zehntausende DDR-Bürgerinnen und -Bürger ihr Land — vor allem über die sich öffnende ungarische Grenze — in Richtung Westen verlassen. Oppositionsgruppen wie das „Neue Forum“ gewannen enorm an Zulauf, in Leipzig und anderen Städten forderten immer mehr Menschen auf „Montagsdemonstrationen“ Reformen ein. Am 7. Oktober versuchte die SED-Führung, den 40. Jahrestag der DDR zu begehen als sei alles beim Besten. Polizei und Staatssicherheit schlugen noch einmal zu — im wörtlichen wie übertragenen Sinne — als sich auch dagegen Protest erhob. Am 18. Oktober wurde Erich Honecker vom SED-Politbüro in den erzwungenen Ruhestand geschickt und durch Egon Krenz als SED-Generalsekretär abgelöst. Die DDR-weiten Demonstrationen schwollen weiter an. Am 9. November öffnete sich die Berliner Mauer …

Fragwürdiger Mauerfall-Kult

Offiziell übliche Sichtweisen werten dieses Geschehen heute meist so: Die DDR-Bürgerinnen und -Bürger hatten von ihrem Staat schon lange die Nase voll und gingen dafür auf die Straße, um endlich auch so leben zu können wie im Westen; die „friedliche Revolution“ erzwang zu diesem Zwecke die Grenzöffnung, dann kamen die Wiedervereinigung und mit ihr die langersehnte Freiheit. Im Grunde, so der falsche Tenor, erhielt die DDR-„Wende“ ihre Krönung durch den von Beginn an intendierten Mauerfall.

Doch in Wirklichkeit läutete der 9. November das Ende der Versuche ein, innerhalb der DDR eine politische „Wende“ herbeizuführen. Was es an revolutionärer Energie gegeben hatte, verpuffte nun, diffundierte durch die aufgerissene Grenze in den kapitalistischen Nachbarstaat.

Statt das in vieler Hinsicht marode DDR-System weiter umzukrempeln, forderte bald darauf eine Mehrheit, möglichst reibungslos in einem anderen — keinesfalls veränderungswilligen — System aufgehen zu dürfen. Aus dem antiautoritären Ruf „Wir sind das Volk!“ der Montagsdemonstranten wurde die Vereinnahmungsbitte „Wir sind ein Volk!“.

Das Tempo dieses Umschwungs bewies: Das Interesse der Massen an einer DDR-Erneuerung kann nicht so tiefgründig gewesen sein, wie es vor dem Mauerfall den Anschein hatte. Die politischen Aktivisten hatten in ihrem Engagement vorübergehend viele andere mit sich gerissen — die ihr Mäntelchen schnell wieder nach dem — nun aus Richtung Westen blasenden — Wind hängen lassen sollten. Eine ganze Reihe der Aktivisten hielten es mit Letzterem allerdings genauso.

Für demokratischen Sozialismus

Die Vision, welche ursprünglich die DDR-„Wende“ motivierte, hatte jedoch mit einem alsbald vereinigten Deutschland gar nichts zu tun. Da ging es allermeist um etwas völlig anderes: um „wirklichen“, „richtigen“, „demokratischen Sozialismus“, um die Übernahme von Perestroika und Glasnost aus der von Michail Gorbatschow geführten Sowjetunion.

Dazu wurde unter anderem die Aufhebung der SED-Alleinherrschaft gefordert, demokratische Wahlen, die Zulassung von Bürgerrechtsbewegungen, Versammlungs- und Redefreiheit, die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und das Ende geheimdienstlicher Überwachung, die ungeschminkte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, inklusive des Stalinismus, das Offenlegen der ökonomischen Misere, das In-Angriff-Nehmen der ökologischen Probleme, die Beendigung von Pressezensur und Verdummung durch weitgehend gleichgeschaltete Medien, die Einführung nichtautoritärer Schulmodelle oder der Ausbau von Fahrradwegen. Mit anderen Worten: eine ebenso brisante wie bunte Mischung kreativer Vorschläge zur Reformierung und Verbesserung der Deutschen Demokratischen Republik — nicht zu ihrer Abschaffung.

Es gibt zahlreiche Dokumente, die diese ursprüngliche Stoßrichtung belegen. Dazu gehört eine von mehr als 3.000 Rockmusikern, Liedermachern und Unterhaltungskünstlern wie Gerhard Gundermann, Tamara Danz oder Lutz Kerschowski unterschriebene, am 18. Oktober 1989 veröffentlichte Resolution.
Dort hieß es:

„Wir (…) sind besorgt über den augenblicklichen Zustand unseres Landes, über den massenhaften Exodus vieler Altersgenossen, über die Sinnkrise dieser gesellschaftlichen Alternative und über die unerträgliche Ignoranz der Partei- und Staatsführung, die vorhandene Widersprüche bagatellisiert und an einem starren Kurs festhält. Es geht nicht um ‚Reformen, die den Sozialismus abschaffen‘, sondern um Reformen, die ihn weiterhin in diesem Land möglich machen.“

Noch am 26. November verlas Stefan Heym den unter anderen von Christa Wolf formulierten Aufruf „Für unser Land“:

„Entweder können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik Deutschland vereinnahmt wird. 

Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.“

Knapp 1.170.000 DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger setzten ihre Namen darunter. Doch auch sie konnten nichts mehr daran ändern, dass die BRD-Führung unter Helmut Kohl nun die Führung eines Prozesses übernahm, den Daniela Dahn 2019 als „feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen“ charakterisierte. Oder auch als „Aufbruch nach Kohlrabien“.

Die damit einsetzende Diffamierung von all dem, was es in der DDR an Positivem und Eigenständigem gegeben hatte, sorgte zugleich dafür, dass kaum noch jemand Genaueres weiß oder wissen will von jenem Ereignis, das den Höhepunkt der Bemühungen um einen demokratischen Sozialismus im Osten Deutschlands darstellte.

Einzigartige Massendemonstration

Die Zahl der Menschen, die am 4. November 1989 einem Aufruf der Berliner Theaterschaffenden folgten, wird meist auf eine Million geschätzt. In jedem Fall war es die größte spontane, nicht staatlich gelenkte Kundgebung, die es in der DDR je gab.

Um 10 Uhr startete der Zug in Berlin-Mitte, zog von der Prenzlauer Allee durch die Karl-Liebknecht-Straße zum Palast der Republik, weiter zum Marx-Engels-Platz, schließlich durch die Rathausstraße zum Alexanderplatz. Das gesamte Stadtzentrum wurde dabei durchmessen, der Sitz der wichtigsten Regierungsstellen — Staatsrat, Außenministerium, Zentralkomitee der SED, Volkskammer, Rotes Rathaus … — einbezogen, bevor die mehr als dreistündige Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz begann. Das DDR-Fernsehen übertrug live und vollständig.

Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch die Schauspielerin Marion van de Kamp:

„Liebe Kollegen und Freunde, Mitdenker und Hierbleiber!
Wir, die Mitarbeiter der Berliner Theater, heißen Sie herzlich willkommen. Die Straße ist die Tribüne des Volkes — überall dort, wo es von den anderen Tribünen ausgeschlossen wird. Hier findet keine Manifestation statt, sondern eine sozialistische Protestdemonstration.“

Auf einem winzigen Podium traten sodann prominente Schauspieler, Schriftsteller, Liedermacher, Wissenschaftler, ein Anwalt, zwei Theologen, der ehemalige Chef der Auslandsspionage, Angehörige von SED-Politbüro und -basis, des Neuen Forums, der Initiative für Frieden und Menschenrechte und andere auf — inmitten eines Meeres aus Menschen, die ihre eigenen Ansichten und Forderungen durch emotionsgeladene Zwischenrufe hinzufügten und durch selbst hergestellte Transparente: „Gegen Monopolsozialismus — Für demokratischen Sozialismus!“, „Privilegien weg — Wir sind das Volk“, „Keine Gewalt — Wir bleiben hier!“, „Demokratie — kein Chaos!“, „Gemeinsames Spiel für gesunde und behinderte Kinder — Schranken weg!“, „Freie Presse für Freie Menschen“, aber auch schon die Warnung vor erneuter Anpassung: „Lasst euch nicht verWENDEN!“.

Keine Frage, das war ein basisdemokratisches Großereignis ersten Ranges, ein Meilenstein nicht nur für die ost- sondern auch für die gesamtdeutsche Historie. Oder wie es der Schriftsteller Stefan Heym auf der Bühne am Alexanderplatz formulierte:

„Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen. Und das, Freunde, in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen, und wo die Leute immer gekuscht haben, unter dem Kaiser, unter den Nazis, und später auch.

(…) Der Sozialismus — nicht der Stalinsche, der richtige —, den wir endlich erbauen wollen zu unserem Nutzen und zum Nutzen ganz Deutschlands, dieser Sozialismus ist nicht denkbar ohne Demokratie. Demokratie aber, ein griechisches Wort, heißt Herrschaft des Volkes.“

Auszüge aus weiteren Redebeiträgen unterstreichen, um was es ging.

„Hoffnung, Fantasie, Frechheit und Humor“

Jan Joseph Liefers, Schauspieler:

„Die vorhandenen Strukturen, die immer wieder übernommenen prinzipiellen Strukturen lassen Erneuerung nicht zu. Deshalb müssen sie zerstört werden. Neue Strukturen müssen wir entwickeln, für einen demokratischen Sozialismus. Und das heißt für mich unter anderem auch Aufteilung der Macht zwischen der Mehrheit und den Minderheiten.“

Marianne Birthler, Jugendreferentin im Stadtschulamt, Initiative Frieden und Menschenrechte:

„Wir sind hier, weil wir Hoffnung haben. Auf diesem Platz ist hunderttausendfache Hoffnung versammelt. Hoffnung, Phantasie, Frechheit und Humor. Diese Hoffnung, die seit ein paar Wochen endlich in der DDR wächst, sollte, bevor sie so groß wurde wie heute, am Abend des 7. Oktober und in den Tagen und Nächten danach niedergeknüppelt werden. (…) Bis heute ist nicht beantwortet: Wer hat die Befehle gegeben, wer hatte die politische Verantwortung.“

Jens Reich, Molekularbiologe, Neues Forum:

„Freiheit ist Befreiung, und wir alle müssen uns frei machen von Angst, von der Angst, es könnte alles aufgezeichnet und später gegen mich verwendet werden, — von feiger Vorsicht, nur nicht den Kopf aus dem Salat stecken, sonst gibt’s einen drauf, — von Kleinmütigkeit, es hat ja doch keinen Sinn, nichts wird sich ändern, alles bleibt beim Alten. Nein, wir müssen unser Verfassungsrecht wahrnehmen, nicht nur hier auf der Demo, sondern vor dem Chef, vor den Kollegen, vor dem Lehrer, vor der Behörde, überall. Und wir müssen jedem beistehen, der dies Recht ausübt, nicht abwarten, ob er sich den Hals bricht.“

Gregor Gysi, Rechtsanwalt, SED-Mitglied:

„Wir haben inzwischen viele Anglizismen aufgenommen, wogegen ich nichts habe. Aber von der russischen Sprache haben wir nur das Wort Datscha übernommen. Ich finde, es ist Zeit, zwei weitere Worte zu übernehmen: nämlich Perestroika und Glasnost. Und wenn wir dies auch inhaltlich vollziehen, wird es uns gelingen, die Begriffe DDR, Sozialismus, Humanismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu einer untrennbaren Einheit zu verschmelzen.“

Christoph Hein, Schriftsteller:

„Lassen wir uns nicht von unserer eigenen Begeisterung täuschen! Wir haben es noch nicht geschafft. Die Kuh ist noch nicht vom Mist. Und es gibt noch genügend Kräfte, die keine Veränderungen wünschen, die eine neue Gesellschaft fürchten und auch zu fürchten haben. (…) Schaffen wir eine demokratische Gesellschaft, auf einer gesetzlichen Grundlage, die einklagbar ist! Einen Sozialismus, der dieses Wort nicht zur Karikatur macht. Eine Gesellschaft, die dem Menschen angemessen ist und ihn nicht der Struktur unterordnet.“

Christa Wolf, Schriftstellerin, SED-Mitglied:

„Mit dem Wort ‚Wende‘“ habe ich meine Schwierigkeiten. Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft: ‚Klar zur Wende!‘, weil der Wind sich gedreht hat und ihm ins Gesicht weht. Und die Mannschaft duckt sich, wenn der Segelbaum über das Boot fegt. Aber stimmt dieses Bild noch? (…) Ich würde von revolutionärer Erneuerung sprechen. Revolutionen gehen von unten aus. ‚Unten‘ und ‚oben‘“ wechseln ihre Plätze in dem Wertesystem und dieser Wechsel stellt die sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße. Große soziale Bewegungen kommen in Gang. (…)

Also träumen wir mit hellwacher Vernunft: Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!.“

Den Schlusspunkt der Veranstaltung zu setzen, blieb der 81-jährigen Schauspielerin Steffie Spira, ebenfalls SED-Mitglied, vorbehalten:

„1933 ging ich allein in ein fremdes Land. Ich nahm nichts mit, aber im Kopf hatte ich einige Zeilen eines Gedichts von Bertolt Brecht: Lob der Dialektik.

So wie es ist, bleibt es nicht.
Wer lebt, sage nie Niemals.
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein.
Und aus Niemals wird: Heute noch!“

Nachbetrachtung 2004

Ein weiterer Redner, der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, rekapitulierte am 4. November 2004 in einem Interview die Bedeutung dieses Tages:

„Als Sie am 4. November auf dem Alexanderplatz zu Toleranz und Friedfertigkeit aufriefen — hatten Sie da eine Ahnung, was fünf Tage später geschehen würde?

Schorlemmer: Keine besondere. Und ich hatte zu diesem Zeitpunkt auch nicht die geringste Sehnsucht nach dem, was man heute fälschlicherweise den Mauerfall nennt.

Fälschlicherweise?

Schorlemmer: (…) In Wahrheit nahm sich das Volk das Recht, die Mauer zu überwinden. In Wahrheit war es kein ‚Mauerfall‘, sondern ein Mauerdurchbruch.

Würden Sie heute die gleiche Rede halten wie am 4. November 1989?

Schorlemmer: Ja. Ich bin sehr froh, dabei gewesen zu sein. Für mich bleibt der 4. ein wichtigeres Datum als der 9. November.

Warum?

Schorlemmer: Weil damals das ‚D‘ noch für Demokratie stand und nicht für ‚Deutschland‘ oder ‚D-Mark‘. Der 4. November war der Tag, an dem — und das ist selten in der deutschen Geschichte — ein demokratischer Aufbruch passierte. Vertreter dieses kleinen Völkchens beendeten mit Klarheit, Konsequenz und menschlicher Fairness den Machtanspruch der SED und damit eine Diktatur. (…)

Die deutsche Einheit war kein Thema?

Schorlemmer: Nur im Kontext einer europäischen Einigung à la Gorbatschow. Es ging uns zunächst um eine demokratisierte DDR.“

Dementsprechend gehörte der 4. November 1989 rot angestrichen und deutlich hervorgehoben in der jüngsten deutschen Geschichtsschreibung und -darstellung.

Doch es existiert trotz der erhalten gebliebenen TV-Aufzeichnungen nicht einmal ein käuflich erwerbbarer Video-Mitschnitt davon. Zwar gibt es immerhin eine CD mit auf dem Alexanderplatz gehaltenen Reden — aber ein bloßes, zumal gekürztes Audio-Dokument fängt weder Atmosphäre noch Dimension dieses Ereignisses ein, lässt dessen Bedeutung bestenfalls erahnen (1).

Mehr als ein Zeitdokument

Eine audiovisuelle Erinnerungsstütze an diesen Tag hätte freilich nicht nur zeitgeschichtliche, sondern auch aktuelle Bedeutung: Zu einem erheblichen Teil muss die Kritik, die damals SED-Führung und DDR-Gesellschaft traf, inzwischen in ähnlicher Weise an Bundesregierung und BRD-Gesellschaft gerichtet werden.

Das zeigt unter anderem ein weiterer Auszug aus der Rede Stefan Heyms:

„Aber sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen, das ist nicht genug. Lasst uns auch lernen zu regieren. Die Macht gehört nicht in die Hände eines einzelnen oder ein paar weniger oder eines Apparates oder einer Partei.“

Der Ergänzung „oder einer Clique von Superreichen und Konzernchefs“ hätte er definitiv zugestimmt, nur war das damals noch keine absehbare Gefahr in der sich scheinbar erneuernden DDR. Weiter Stephan Heym:

„Alle müssen teilhaben an dieser Macht. Und wer immer sie ausübt und wo immer, muss unterworfen sein der Kontrolle der Bürger.“

Dass heute auch hierzulande von Bürgerkontrolle — oder von „Glasnost“, Transparenz der Politik — keine Rede sein kann, ist mittlerweile so offenkundig, dass ich keine Belege dafür anführen muss. Aber auch die damals auf dem Alexanderplatz erhobene Forderung nach dem Ende der Bespitzelung durch Geheimdienste hat sich ja, wie mittlerweile nicht mehr zu verleugnen, mit dem Ende der DDR nicht erledigt. Und Kritik an systematisch desinformierenden Massenmedien ist im Deutschland des Jahres 2019 ebenfalls längst wieder bitter nötig.

Die Geschehnisse des 4. November 1989 laden daher ein zum Erinnern — und zum Vergleichen: Wie aufrecht ist unser Gang heute? Was haben sich die ehemaligen DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger davon erhalten, was sich da im Herbst ‘89 an Mut, Kreativität, Aufbruchsstimmung zeigte? Diese Frage ist umso drängender, als die „rechts“lastige AfD-Führung bei den letzten Landtagswahlen erfolgreich Parolen missbrauchte, die seinerzeit dazu gedacht waren, im östlichen Teil Deutschlands einen demokratischen Sozialismus entstehen zu lassen. Nur, wie gesagt: Das weiß inzwischen kaum noch jemand …

Quellen und Anmerkungen:

(1) Es fehlen dort die vier Songs von Wenzel und Mensching, zwei von Gerhard Schöne und einer von Jürgen Eger, die die Kundgebung einleiteten (Patrick Bauer: Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird. Der 4. November 1989 und seine Geschichte, Hamburg 2019, S. 151-167).
Mit Hilfe des Internets kann aber ein fast vollständiges Bild der Demonstration erstellt werden. Ich habe daher die Links zu den einzelnen Reden und Auftritten dieser Veranstaltung zusammengesucht und in die richtige Reihenfolge gebracht, sodass sie, hintereinander betrachtet, den 4. November 1989 ein Stück weit nacherlebbar machen: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/eine-sozialistische-protestdemonstration-berlin-alexanderplatz-4-november-1989/
Entsprechendes ist inzwischen auch hier verlinkt. Einen Hinweis, dass es dort um demokratischen Sozialismus auf dem Boden der DDR ging, habe ich auf dieser Seite nicht entdeckt.
Die Reden sind — allerdings nicht in jedem Fall vollständig — auch hier nachzulesen.
In dieser Videopräsentation der Ausstellung des Deutschen Museums finden sich auch die genauen Uhrzeiten, zu denen die Redner auftraten.

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Dieser Beitrag erschien am 09.11.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: wellphoto / Shutterstock

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10 Kommentare zu: “Tagesdosis 11.11.2019 – Echter Sozialismus statt Einheitsbrei!

  1. Vor einer echten sozialistischen Demokratie zittern alle Machthaber und die Furcht dringt bis ins Mark…
    Denn diese nicht zentral gesteuerte echte Herrschaft des Volkes für sich selbst durch sich selbst, würde automatisch dazu führen, dass man immer für den Erhalt, Freiheit und für die postive Gesamtentwicklung des Systems eintritt und abstimmt.

    Das funktioniert vor allem dann tadellos, wenn die Aufklärung durch sauberen, nicht interessengebundenen und absolut neutralen Journalismus überall jederzeit und aufgenommen, diskutiert und verfügbar ist.

    Dann sind auch die Entscheidungen möglich die es braucht, um sich positiv zu entwickeln und nicht irgendwelchen Interessen zu dienen.

    Das ist auch das was wir, die gesamte Menschheit am Ende ja auch braucht.
    Das dies aktuell so einfach nicht umsetzbar ist, hat auch die Gegenkraft zu verantworten.
    Irgendeine Generation wird den Bruch durchlaufen müssen und wird auch nicht wirklich bereit sein anfangs, da sie ja immer und stetig vom aktuellen System schwer geschädigt sind. Wie weit es dann in Richtung Volksherrschaft geht, steht aber noch immer auf einem anderen Zettelchen.. Denn für eine komplette Änderung sind die Menschen weltweit alle in viel zu unterschiedlichen Stadien der Möglichkeiten.

    Als Beispiel mal ein BGE, welches in den Industrieländern nötig und eine Folge der Automatisierung und Maschinenarbeit ist. Es ist klar das sowas dort beginnen muss. In einem Land wo die Menschen im Dreck leben (müssen) und Wasser aus irgendeinem Fluß der Standard, also praktisch keine Technok vorhanden ist, dass dort so eine Entwicklung noch nicht stattfinden kann sollte einleuchtend sein.
    So eine Revolution startet dieses Mal in Ländern die dort angekommen sind..z.B. u.a. Deutschland.

    Jede Form der Verbesserung des sozialen Sektors ist am Ende der Weg in eine sozialistische Demokratie. Das wissen aber auch die Mächtigen. Und diese zerstören lieber das Sozialsystem, als es zu fördern.
    Warum ein BGE wenn es auch ALG2, Zeitarbeit und der geschaffene neue Sklavenhandel tut?
    Wohin das führt sehen wir ja in Chile ua…

    Ist unsere Zukunft genau genommen nicht total rosig?
    Gäbe es diese zerstörerischen, selbstverliebten und absolut egoistischen Kräfte nicht, die an den Hebeln sitzen und stetig aggressiv die Emanzipation der Menschen verhindern, würden wir da nicht ganz automatisch in eine soziale und sehr freie, demokratische Zukunft voranschreiten?
    Arbeitsdogmen, Reichtumsehnsucht, Karrierefantasien, Besitzdenken und und und hinter uns lassen und zu den echten Werten tendieren.
    Die meisten Menschen wollen gar nicht so viel, aber sie wollen Freiheit und ein Leben der Selbstbestimmheit mit viel Zeit für sich und ihre Lebensvorstellungen, samt Familie und Entfaltung der Persönlichkeit.

    Aktuell wird uns das genommen und durch irgendwelche angeblich alternativlosen Wirtschaftsmodelle ersetzt. Und im Hintergund aggieren die Kräfte der besitzenden Klasse und wollen keine Kurskorrektur in irgendeiner Art.

    Wie aggressiv die Propaganda ist und die Entfernung bestehender Rechte durch Regulierung und Reformen ist erschreckend.
    Die Menschen spühren den Druck, sie merken wie sich die unsichtbaren Fäden um ihren Hals zusammenziehen.
    Sie selbst tun das was vorgegeben wird. Sie dulden Privatisierung und bekommen dann zu spühren, was es bedeutet wenn Allgemeingut in die Hände von Wenigen wandert, die es dann nutzen um zu Plündern und riesige Schäden anrichten.

    Der Druck auf dem Kessel nimmt jeden Tag stetig zu. Die Systemstruktur bringt die Menschen auch dazu gegen sich selbst im Interesse der größeren Macht zu handeln. Aber wie lange kann das noch gut gehen?

    Wir brauchen die Wende.. wir brauchen die Entwicklung der Menschheit zu neuen Ufern. Einen Krieg mit atomaren Waffen können sich keine der Fraktionen leisten, da es damit jeden vernichtet.
    Der Krieg findet also in unseren Köpfen statt und mit Hilfe des Fortschritts und der Digitalisierung, nutzt man diese aus, um uns eine Scheinwelt vorzugaukeln und das nun schon seit Jahrzehnten, die es gar nicht gibt.

    Viele wachen mehr und mehr auf, verstehen jedoch das Größere nicht, weil ihnen Aufklärung fehlt, zu wenig und zu zerstreute Informationen, die man sich erst Stück für Stück erringen muss und das kostet Kraft und Energie.

    Und dann steht man irgendwann mit genug Wissen da, aber man findet keinen Ansatzpunkt es wirklich zu ändern. Was kommt danach? Wenn man anfängt sein Leben umzustellen, kommt sehr schnell ein Scheidepunkt und viele Menschen die so etwas überhaupt angehen, sind auch ziemlich tief gefallen und daher bereit für Änderungen.

    Jemand der reichlich hat und das System für ihn arbeitet, tut sich weit schwerer einen Umbruch zu fordern, als der völlig ausgeplünderte Mensch am Ende der Skala.
    Daher wird, wie schon erwähnt, auch eine Revolution von "Unten" starten müssen.
    Aber macht das mal… Wo anfangen.. wie umsetzen.. Wir alle werden stetig fragmentiert und gegeneinander aufgehetzt, abgelenkt und klein gehalten.
    Die Leute sehnen sich am Ende nach Anschluss. Irgendwo muss es losgetreten werden und eine vernünftige Dynamik nach sich ziehen.
    Da die Medien aber nicht wirklich unsere Freunde sind, wird vieles auch totgeschwiegen.. ja die Machtzentren haben mit der Zeit das System stark unterwandert um genau diese Bewegungen abzufedern und unsichtbar zu machen..

    Wenn es dann mal irgendwann soweit ist, dann gebt euch nicht mit Krümeln zufrieden oder mit faulen Kompromissen, die den Sumpf weiter bestehen lassen..

    Am Ende kommt ein gesundes, gutes System ja auch diesen jetzigen Machteliten zu Gute.. Sie begreifen das nur irgendwie nicht, sondern leben wohl selbst in riesiger Angst ihr Diebesgut und den Kontrollstab wieder abgeben zu müssen..

    • Moin, Ancastor, ja, da ist vieles, was ich unterschreiben kann, in Ihrem Kommentar.
      Das was ich etwas differenzierter betrachte, ist dieRolle der "Gegenkraft". Wir haben es mit einer Kraft zu tun, die nicht an einzelne Personen gebunden ist, sondern als System ueber Allem schwebt. Der Kapitalismus ist auf Gedeih und Verderb gezwungen immer höhere Profite einzufahren, die entweder dazu fuehren mehr Raubbau an der Natur oder am Menschen zu betreiben.
      Natuerlich gibt es auch die Eigner dieses Systems. sie sind schwer zu personifizieren, aber im tiefen Staat und bei sog. Koupongabschneidern wird man fuendig. Und nun kommt der wohl entscheidende Punkt:
      Wie wollen wir diese Menschen, die Besitzer der Produktionsmittel ueberzeugen, dass es so nicht weitergeht mit dem Raubbau? Wenn bisher noch kein Umschwung zu erkennnen ist, ja, wann dann?
      Die Situation in Syrien oder auch Venezuela zeigen mir, dass es nicht gewollt ist, dass Menschen friedlich ohne äussere Gängelungen leben duerfen.
      "Am Ende kommt ein gesundes, gutes System ja auch diesen jetzigen Machteliten zu Gute.. Sie begreifen das nur irgendwie nicht, sondern leben wohl selbst in riesiger Angst ihr Diebesgut und den Kontrollstab wieder abgeben zu müssen.."
      Das halte ich fuer etwas zu euphorisch. Natuerlich, unterm Strich kommt es auch diesen Figuren zu Gute, aber wie ich oben schrieb, ist bei all dem der oberste Grundsatz, Profite zu generieren, auch in dieser Zeit. Sie haben mit "ihren" Staaten und den Hebeln (Parlamente, Polizei, Schlapphuete) vorgesorgt, um nicht ueberrascht zu werden.
      Eine Umverteilung wird nicht umhin kommen, den jetzigen Machthabern mit Gewalt zu begegnen. Die Gelbwesten und der chilenische Protest sind nur 2 Beispiele dafuer.

      Freiheit fuer Julian Assange!

    • Lieber Ancastor.gardian

      ich stimme im Wesentlichen deinen Beschreibungen zu und der Fokus auf eine BGE ist aus meiner Sicht neben dem Fokus auf direkte Demokratie `24/7` ein not-wendender Weg.

      Lieber Hog1951

      auch in deinem Kommentar unterschreibe ich sehr vieles und will ergänzned fragen:

      Was ist `der Schlüssel`/ `der Grund` für, wie du auch zutreffend beschreibst,
      `Der Kapitalismus ist auf Gedeih und Verderb gezwungen immer höhere Profite einzufahren`
      ?

      Viele Grüße in die Runde

    • Da findet sich sicher ein Zitat von Murcks, warum der Kapitalismus an allem schuld ist.
      Irgendwas mit Profitrate geschmückt mit einem Schmankerl aus der Wertheorie und fertig ist die Welterklärung, die zwar noch nie einer verstanden hat, aber egal, die Kirche macht das mit ihren heiligen Schriften schon 2000 Jahre lang mit dem Trick. Wenns schön macht.
      Syste, System hat doch nicht hingehauen.

      Erst war der Prolet träger der Fackel. Ging in die Hose.

      Dann der Hirnsnob a la Neomarxismus und Frankfurter Schule. Naja, eher so mittel, der Erfolg.

      Aber immer hat der Mensch an sich nicht mitgespielt. Un der Neue Mensch, ach auch nicht. Vielleicht jetzt mit Chip und Genetik, also Euthanasie.

      Die machen das, im Brüsseler Politbüro. Sicher.

      Vielleicht mal an eine neue Idee denken, weil die alte einfach Müll ist?

    • Moin, rhabarbeer, vielleicht ist es mir möglich die Frage etwas zu beleuchten
      "Der Kapitalismus ist auf Gedeih und Verderb gezwungen immer höhere Profite einzufahren"
      Es ist nach der Analyse des Kapitalismus in seiner reinen Form so, dass mindestens 2 versch. Unternehmen miteinander konkurrieren. Sie konkurrieren im wesentlichen um mehr Absatz, aber der Hintergrund sind natuerlich die eingefahrenen Profite. Aus diesen Profiten weden dann z.B. neue Maschinen gekauft oder auch Mitarbeiter geschult. Ebenso können davon neue Märkte erschlossen werden, naja, alles was man so kennt.
      Hat jetzt das Eine der Beiden Unternehmen einen Standortvorteil, weil z.B. eine neue Autobahn an seinem Unternehmen vorbeifuehrt, so hat er einen erheblichen Vorteil gegenueber seinem Konkurrenten, der dann höchstwahrscheinlich Federn lassen muss. Ob dieser dann durch laxe Auslegung von ev. Vorschriften sich diesen Nachteil versucht auszugleichen, ist jetzt, wie auch das vorher gesagte, hypothetisch, weil es sich um eine Vorstellung handelt, die viele Faktoren aussen vor lässt.
      Worum es geht, ist allemal nicht ins Hintertreffen zu gelangen und mit dem kleinen Extra mehr gegenueber seinem Mitkonkurrenten noch bessere Maschinen kaufen zu können.

      mfG

    • hallo hog1951

      Ja, die Erklärung der Suche nach höheren Profiten als Ergebnis von Konkurrenz (bzw Angst vor `Verlust`) ist mir bekannt und beschreibt die Ebene der `VORfinanzierten in ihrem täglichen Kampf`, einem Anderen den Teil zu nehmen, den man selbst für das `Bedienen einer Schuld` benötigt.

      Jedoch entsteht dadurch eben `noch` nicht mehr (Buch-)Geld / Schuld.
      Dies entsteht erst durch eine `neue Verschuldungsrunde` (Bilanzverlängerung) …

      …und zeigt sich auf der `scheinbaren Haben-Seite` ua an der rasanten Steigerung der Einkommensmillionäre … ; )

      Der Schlüssel liegt in der Gestaltung einer tatsächlich gleichwertigen*
      ! Bilanzierung !-sgrundlage für ein humanes** Geldsystem.

      … dann wird Human-ismus möglich und macht den Streit, zb Kapital- vs Sozial-ismus, überflüssig ; )

      * durch Wertschätzung des Lebens an sich … von `Jedem` für alle
      ** als Vorchlag an Ernst Wolff ; )

      vg in die Runde

    • Moin, rhabarbeer (at 21:17),
      Nach meiner Beobachtung werden die Einkmommensmilliardäre nicht ueber die Realwirtschaft geschaffen, sondern durch das Kouponabschneiden/Aktienbesitz. Ausserdem hat die EZB die letzten Jahre soviel Geld gedruckt, das nicht zur Realwirtschaft kam, sondern in dem globalen Kasino verzockt wurde. Ich denke, dass hier die Ursache fuer die vielen Einkommensmilliardäre liegt.

      mfG

    • ( Hog1951 sagt:
      12. November 2019 at 21:28 )

      dito bzw eben!

      `dort` ist `des Pudels Kern` zu finden ; )

      und – als erster Schritt – einfach mit `Recht und Ordnung` vergleichen
      (…link… zum Web.Cache-Link + Screenshot https://twitter.com/rhabarbeer/status/1187359978463645698)
      dem wir uns alle (auch die #ismen wie Kapital-, Neoliberal-, Sozial- oder?) glauben unterordnen zu müssen … warum … weil `alle` und so und `sonst Chaos` und so …

      … ach, etwa wahrnehmbar / offenbarend doch nicht alle?

      vg in die Runde

  2. Mehr Bürgerrechte, haha?

    Sooo schwer ist das nicht zusammenzuklabüstern. Ehe man das Volk dichter an die Macht lässt, macht man lieber die Mauer auf und bläst Dampf aus dem Kessel nach Westen ab. Die Zusammenarbeit der Ost-West-Eliten war tiefer als angenommen. Merkel schon damals oben dabei in der gemeinsamen Schattenregierung.

  3. Um es anzumerken, nach dem Wegfall der einzigen Brandmauer, gemeint ist die Sowjetunion(*), gegen einen entfesselten Kapitalismus, ging es nie darum eine "Friedensdividende" einzufahren oder ein demokratisches gemeinnütziges System einzuführen.

    Es wurde zum großen Halali geblasen, um die Beute einzufahren und das global. Die Apparate standen schließlich lange bereit und das Personal war in Position.

    Zeitgleich, ein weiteres Bsp.:
    Um zu verstehen, woher dieser Hass auf Serbien, Milošević und – zuletzt – Handke kommt, müssen wir uns den Ablauf der Ereignisse im Zerfallsprozess Jugoslawiens und dessen handelnde Personen in Erinnerung rufen. Die erste vom Westen betriebene Feindortung in Bezug auf Slobodan Milošević fand zum Jahreswechsel 1990/1991 statt. Der Internationale Währungsfond (IWF) hatte das ganze Jahr 1989 dabei zugesehen, wie eine 1000-prozentige Hyperinflation sämtliche Dinar-Sparguthaben vernichtete, um im ersten Halbjahr 1990 ein rigoroses Sparpaket aufzulegen, das die bereits zuvor in Lateinamerika erprobten Eckpfeiler aufwies: restriktive Geldpolitik, Abbau von staatlichen Subventionen und Sozialleistungen, Öffnung des heimischen Marktes für ausländische Investoren sowie eine Privatisierung von Betrieben, die sich im staatlichen und/oder gesellschaftlichen Eigentum befanden. Die Namensgeber für diese Schocktherapie hießen Jeffrey Sachs vom IWF und Ante Marković, der letzte Ministerpräsident Jugoslawiens. Milošević, eben mit 65-prozentiger Zustimmung im Amt des Präsidenten der Teilrepublik Serbien bestätigt, unterlief diesen Plan, indem er für umgerechnet 16 Milliarden Dollar Dinar drucken ließ und damit die serbischen Staatsangestellten – Militärs, Lehrer, Krankenhauspersonal etc. – bezahlte. Jeffrey Sachs war empört, brach seine Zelte in Belgrad ab, zog nach Ljubljana und später nach Warschau. Der gelernte Jurist und Banker Milošević hatte sich mit dem Anwerfen der Notendruckmaschine im Westen über Nacht unbeliebt gemacht.

    Nun gingen vor allem Deutschland und Österreich daran, die nationalen Fliehkräfte Jugoslawiens zu unterstützen. Besonders hervor taten sich dabei die beiden Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) und Alois Mock (ÖVP). Wer waren nun ihre Partner vor Ort? Es waren vor allem kroatische und bosnisch-muslimische Sezessionisten, auf die sie setzten; wobei die historische Parallele zu den 1940er Jahren in Serbien präsent war und in Deutschland tot geschwiegen wurde.

    Aus:
    Lob für Handke
    Hannes Hofbauer
    11. November 2019 um 11:00 Ein Artikel von Hannes Hofbauer | Verantwortlicher: Redaktion
    (NachDenkSeiten)

    (*) In der medialen Wahrnehmung sind Milliardäre geisterhafte Wesen, die seltsam losgelöst von allem erscheinen und fast wie Märchenfiguren absichtslos und surreal über der Welt schweben. Doch dieser Eindruck täuscht: Keiner von ihnen handelt ohne Plan, und niemand ist so gut vernetzt wie die Milliardäre, bei denen schließlich alle finanziellen Fäden zusammenlaufen. (3)
    Man Weiß, dass sie mit ihren Milliarden gerne Stiftungen gründen, um Steuern zu sparen und ihren Familien über den Tod hinaus Macht und Einfluss zu sichern. Derzeit existieren allein in den USA mehr als fünfzig private Stiftungen reicher Familien und Firmen, die über so hohe Einnahmen verfügen, dass jede einzelne von ihnen mehr als 100 Millionen Dollar verteilen kann – wohlgemerkt pro Jahr. (4)
    (…)
    Der Einfluss der Rockefeller Foundation in den vergangenen hundert Jahren ist kaum zu ermessen. Im 4. Kapitel wurde bereits geschildert, wie die Stiftung gemeinsam mit der Ford Foundation ab 1948 verdeckt die Programme für eine europäische Einigung finanzierte, aus denen später die EU hervorging. Ziel war es damals, Westeuropa gegenüber dem sowjetischen Kommunismus fest zusammenzuschweißen. Moskau stellte das Privateigentum infrage und damit den Kern der Macht von Familien wie Rockefeller und Ford. In den 1960er Jahren, während der Hochphase des Kalten Kriegs, ernannte der frisch zum US-Präsidenten gewählte Hoffnungsträger John F. Kennedy den Chef der Rockefeller Foundation zu seinem Außenminister.
    Die Stiftung wurde aber schon früher politisch aktiv.
    (…)
    Der Zweite Weltkrieg erscheint in diesem Licht als Konkurrenzkampf zwischen Eigentümereliten verschiedener Nationen, der den jeweiligen Völkern auf allen Seiten als hochmoralische Notwendigkeit verkauft wurde, in dem die politischen Kriegsziele aber sowohl in den USA wie auch in Deutschland von kleinen privaten Gruppen aus der Oberschicht bestimmt wurden.
    (Paul Schreyer, Die Angst der Eliten – wer fürchtet die Demokratie?, S. 109-110)

    (Anm.) Deshalb, ist ja klar, wer über das Eigentum an einer Sache verfügt, bestimmt über deren Einsatz. Deshalb ist Demokratisierung in allen Bereichen ein unumgänglicher Prozess. Das jedoch nur für den Fall, daß die zum Ruin führende Barbarei abgeschafft werden soll.

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