Tagesdosis 11.4.2019 – Survival. Überleben mit der Bundeswehr (Podcast)

oder „Folge Deiner Berufung“ – Die Bild, der Bischof und der BVB.

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Der breite gesellschaftliche Konsens zum Thema Soldatentum und unterstützenden Institutionen scheint vermeintlich intakt. Bundeswehr und Gesellschaft – Für die gemeinsame Sache nennt sich die Veranstaltung und die damit verbundene Preisverleihung durch das Bundesministerium der Verteidigung am 09.04.2019 (1). Der Preis Bundeswehr und Gesellschaft wird seit Februar 2016 an Initiativen vergeben, die sich um die Bundeswehr und ihre Angehörigen verdient gemacht haben, so nachzulesen auf der Seite des Ministeriums.

Zwei der Prämierten sind die Redaktionen der Bild und Bild am Sonntag, ausgezeichnet in der Kategorie Kultur, sowie der Fussballclub Borussia Dortmund in der Kategorie Verein. Die Begründungen lauteten, Zitat: Die Zeitungen hätten in ihrer Berichterstattung immer wieder die menschliche Seite der Soldaten der Bundeswehr gezeigt. So hätten Millionen Leser ein tieferes Verständnis für den Soldatenberuf entwickeln können. Ist dem so?

Der BVB hatte hunderte Freikarten für Bundeswehrangehörige zur Verfügung gestellt und Kinder aus Soldatenfamilien eingeladen, mit den Profis ins Stadion einzulaufen. Der prämierte Vereinspräsident Reinhard Rauball bedankte sich mit folgenden Worten, Zitat: „Wer sich für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit einsetzt, wird von Borussia Dortmund immer unterstützt werden“. Ohne Kommentar.

Ministerin Von der Leyen lächelte, denn sie wird wie folgt zitiert: Die Bundeswehr wird von der Gesellschaft getragen. Wir freuen uns darüber, und wir sind auch ein bisschen stolz darauf.

Über diese Einschätzungen lässt sich streiten. Kennen sie jemanden in ihrem Bekanntenkreis der Krieg, die Bundeswehr, SoldatInnen und entsprechende Einsätze gutheißt? Was bedeutet von der Gesellschaft getragen zu werden? Jüngst diskutierte das Land über Werbeeinsätze von Jungoffizieren der Bundeswehr an Schulen. Die Berliner SPD erließ Anfang April einen Beschluss, der dies zukünftig untersagen soll. Thema: die Bundeswehr gehört nicht an die Schulen. Parteikollegen kritisierten sie dafür. Thomas Oppermann (SPD) twitterte, Zitat: Bin entsetzt über Beschluss der Berliner SPD. Wer so einen Unsinn beschließt, sollte sich selbst von unseren Schulen fernhalten.(2). Die SPD und der Krieg – zwei die sich verstehen.

Wie reagierte die prämierte Bild Zeitung? Zitat: Partei will unsere Armee aus Schulen verbannen Hat die SPD ein Problem mit der Bundeswehr? (2) Zu Wort kommt im Artikel die Bundeswehr, Zitat: Kapitänleutnant Hans Wachtel (31) ist einer der Offiziere, die in Berliner Schulklassen Auskunft geben über Einsätze und Aufgaben der Parlamentsarmee: „Wir machen keine Werbung, wir informieren“.

Nun ja, eine Frage der Definition. Das sieht der Militärbischof Sigurd Rink ähnlich. Auf der Seite evangelisch.de ist zu diesem Thema zu erfahren, Zitat: Der evangelische Militärbischof Sigurd Rink kritisiert den Beschluss der Berliner SPD, Jugendoffiziere der Bundeswehr nicht mehr in Schulen einzuladen. „Vertreter der Bundeswehr sollten mit Schülerinnen und Schülern über Grundfragen der Sicherheits- und Friedenspolitik diskutieren, und die demokratisch legitimierte Armee sollte sich jungen Menschen auch zum Gespräch stellen“ .“Jeder Ausgrenzung unserer Soldaten aus der Gesellschaft trete ich als Militärbischof bewusst entgegen.“ (3) Armee und Kirche – zwei die sich verstehen.

„Wir machen keine Werbung, wir informieren“, sprach Kapitänleutnant Hans Wachtel der Bild Zeitung ins Mikro. Wie erwähnt, reine Auslegungssache, denn die Bundeswehr hat weiterhin glücklicherweise Nachschubprobleme. Das Soldatensein ist uncool geworden. Zu vielen jungen Menschen ist inzwischen klar geworden, dass dieser Beruf nicht nur aus Abenteuern besteht. Also müssen neue Kampagnen her. Ob sich die aktuelle Namensgebung in Absprache mit der Evangelischen Kirche ergab ist unbekannt. Sie lautet: Folge Deiner Berufung (4). Insgesamt 16 Berufsfelder offeriert Arbeitgeber Bundeswehr, wie z.B. IT, Science, Studieren, Kreativ, Logistik, Office, Extrem und tatsächlich Kämpfen.

Bei Betrachtung auf bundeswehrkarriere.de zeigt sich Auffälliges. Jedes Berufsfeld wird dargestellt mit einem Foto. Zehn davon zeigen weibliche Soldatinnen, u.a. in der Kategorie Kämpfen. Soll das Gleichberechtigung vermitteln? Die Aussenwerbung soll provokativ sein, muss aber als fahrlässig erkannt werden. Auf dem Motivplakat #kämpfen ist zu lesen, Zitat: Folge Deiner Berufung. Mach, was wirklich zählt.

(Bild zur Vergrößerung anklicken)

Die Worte Berufung und Kampf, bzw. kämpfen, in Verbindung zu bringen als etwas, das im Leben zählt, also den Menschen vermeintlich weiterbringt, ist für jeden Angehörigen eines Gefallenen ein nachträglicher Schlag ins Gesicht. Für jeden Angehörigen eines Kriegsopfers, wo auch immer, der Stoß ins offene Grab. Es ist aber vor allem die bewußte manipulative Täuschung von jungen Menschen. Es ist nur noch verachtenswert.

Im August 2018 informierte Die Zeit, Zitat: Fast jeder zehnte neue Soldat ist erst 17 Jahre alt (5). Generation YouTube. Am 04.04. startete völlig unbeachtet die sechste Bundeswehr YouTube Offensive. Nach Die Rekruten, Mali (Bundeswehr extrem), Biwak, Die Springer (Mach den Sprung deines Lebens) und KSK (Kämpfe nie für dich allein) nun die aktuelle Produktion: Survival (7 Offiziere) (6).

Survival heißt Überleben. Was soll das sein? Lustig? Realsatire? Späßchen? Gestern meldete Spiegel Online folgende Überschrift: Tödlicher Marsch in Munster: Strafbefehl gegen Bundeswehr-Ausbilderin. Bei dem Marsch bei hohen Temperaturen waren im Juli 2017 nacheinander vier Soldaten zusammengebrochen. Einer von ihnen, der junge Schütze Jonas K., verstarb einige Tage später an den Folgen eines Hitzschlags. Ein weiterer Soldat kämpft noch heute mit den Folgen des Gewaltmarsches. Zwei weitere Geschädigte mussten lange Zeit in der Reha verbringen (7).

Was schreibt denn die Bundeswehr Universität Helmut Schmidt zur aktuellen YouTube Überlebensserie , Zitat: Die seit dem 4. April laufende YouTube-Miniserie „Survival“ zeigt Soldatinnen und Soldaten während des Lehrgangs „Führer einer auf sich gestellten Gruppe“ – umgangssprachlich auch Einzelkämpferlehrgang I genannt – am Ausbildungszentrum Infanterie im fränkischen Hammelburg (…)Die Bandbreite der Ausbildungsinhalte reicht von „Knoten und Bunde“ über Orientierungsmärsche und Nahkampf bis zu Überleben im Dschungel (8).

Orientierungsmärsche, Nahkampf, Überleben im Dschungel, also. Darum geht’s? Also doch Auslandseinsätze. Warum, wo? Die letzten dreißig Jahre haben in vielen Regionen dieser Welt dermaßen viel Leid, Elend und Tod durch Menschen gebracht, die alle ihre Ausbildung in einer Armee hatten. Die letzten dreißig Jahre haben kriegsbedingte Flüchtlingswellen verursacht, deren Ausläufer nun in Deutschland angekommen sind. Wozu noch mehr Soldaten? Für den Kampf im Großstadtdschungel? Ich empfehle unbedingt die verlinkte Dokumentation: „Die Verletzten, die verstören“ über die Gelbwesten Proteste in Frankreich (9). Er zeigt den Einsatz der Armee im Innern eines Landes. Von Polizisten mit militärischen Mitteln.

„Wer sich für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit einsetzt, wird von Borussia Dortmund immer unterstützt werden“, sprach der BVB Vereinspräsident Reinhard Rauball. Ich sehe das etwas anders: Wer sich für Krieg, Natur und Menschenvernichtung einsetzt und wirbt, wird immer daran gehindert werden. Müssen.

Quellen:

  1. https://www.bmvg.de/de/aktuelles/bundeswehr-und-gesellschaft-39572
  2. https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-04/berliner-spd-bundeswehr-anwerbung-minderjaehrige-verbot-schulen
  3. https://www.evangelisch.de/inhalte/155749/02-04-2019/militaerbischof-kritisiert-berliner-spd-beschluss-zu-jugendoffizieren
  4. https://www.bundeswehrkarriere.de/?pk_campaign=google_ads_grundrauschen&pk_kwd=Brand_neu
  5. https://www.welt.de/politik/deutschland/article181342316/Bundeswehr-Zahl-minderjaehriger-Soldaten-auf-neuem-Hoechststand.html
  6. https://www.youtube.com/channel/UCZPAni75bkLnjGO8yhuJpdw/videos
  7. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-toedlicher-marsch-in-munster-strafbefehl-gegen-ausbilderin-a-1262181.html
  8. https://www.hsu-hh.de/survival
  9. https://www.youtube.com/watch?v=OD4gZxTy6BI

 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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