Tagesdosis 12.11.2019 – Relotius in Wikihausen (Podcast)

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Dass die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die gerade wieder mal zu Spenden aufruft, in Sachen Politik kein ausgewogenes Lexikon ist, sondern massiv manipuliert, gehört ja seit Markus Fiedlers und Dirk Pohlmanns Serie „Geschichten aus Wikihausen“ mittlerweile zum Allgemeinwissen.  Auch die „Süddeutsche Zeitung“ kam unlängst nicht umhin,  die dunkle Seite von Wikipedia,  das korrupte System von Sichtern und Administratoren, einmal unter die Lupe zu nehmen, und dabei – ganz im Wikipedia-Stil – die Recherchen von Fiedler und Pohlmann als „obskur“ und „nicht objektiv“ gleich wieder schlecht zu reden. Und nicht zu erwähnen, dass diese Recherchen schon vor vier Jahren am Beispiel des Wikpedia-Eintrags über den Historiker Daniele Ganser und seiner Arbeiten über die Nato-Geheimarmee „Gladio“ und über 9/11 aufdeckten, wie Ganser dort gezielt als „Verschwörungstheoretiker“ diffamiert wurde und es ihm nicht gelang, dies zu korrigieren. Dass wenn es  in Wikipedia um die Nato, Israel oder 9/11 geht, immer dieselben Autoren mit Manipulationen und Diffamierungen am Werk sind, findet in der „Süddeutschen“ ebenfalls keine Erwähnung – und mit Fiedler und Pohlmann zu sprechen, die die Klarnamen dieser unter den Pseudonymen „kopilot“ und „Feliks“ agierenden Manipulatoren aufgedeckt haben, dafür war bei den Münchner Qualitätsjournalisten dann offenbar keine Zeit – und so schrieben sie aus den Wikihausen-Geschichten nur das ab, was ihnen in die transatlantische Agenda passte.

Soweit, so typisch könnte man sagen und ein weiteres Beispiel  für den Niedergang der sogenannten Qualitätspresse einerseits und andererseits auch für das Scheitern des auf demokratische Schwarmintelligenz setzenden Online-Lexikons von allen für alle. Am vergangenen Freitag nun hat der Schweizer „Tagesanzeiger“ einen weiteren Fall aufgedeckt, den das Fachmagazin „Meedia“ als „eine der größten Manipulationsoperationen“ bei Wikipedia bezeichnet. Das mag man angesichts der oben genannten, jahrelangen und massenhaften Diffamierungen durch Nato-Apologeten und rasende Philosemiten für leicht übertrieben halten, ist aber ohne Frage spektakulär, denn es geht um den Meisterfälscher des ehemaligen Nachrichtenmagazins „Spiegel“ Claas Relotius und um den Wikipedia-Eintrag über ihn und seinen Fall, der in einer konzertierten Aktion manipuliert und schöngeschrieben wurde. Die Recherche des „Tagesanzeigers“ ergab, das eine Gruppe Nutzer unter Pseudonymen wie „PreRap“, „Snapperl“ oder „Klußmann“ in dem Eintrag über Relotius systematisch gelöscht, geschönt und gedrechselt hatte.

„Sie gehen dreist vor“, schreibt der Tagesanzeiger, „und raffiniert. Die Manipulatorengruppe, die nicht als Gruppe wahrgenommen werden soll, beschönigt nach und nach Stellen zu Relotius‘ Fälschungen.(…) Der Tenor: Die ganze Branche fälscht, Relotius ist einfach der genialste unter vielen Schriftstellern im Journalismus. Kein Vergleich ist den Manipulatoren zu klein, um ihn ins Onlinelexikon zu übernehmen. So wird Relotius als „Karl May unserer Tage“ verharmlost.“

Und in eine Reihe mit großen Literaten wie Tom Wolfe oder Truman Capote gestellt. So wie Relotius dafür bekannt war, die unglaublichsten Protagonisten für seine Storys zu erfinden, scheinen auch die Protagonisten dieser Fälschungen so spektakulär, dass der Verdacht aufkommen muß, Relotius selber hätte jetzt auch noch seinen Wikipedia-Eintrag gefälscht. Da zudem eine der IP-Adressen der mittlerweile gesperrten Manipulatoren, die zufällig bekannt wurde, auf den Umkreis der Gemeinde Seevetal, wo auch der Ort Tötensen liegt, aus dem Claas Relotius stammt, ist das wohl mehr als nur eine haltlose Verschwörungstheorie. Und es ist durchaus nachvollziehbar, dass sich der gefallene Reporter-Engel für einen genialen Schrifsteller vom Kaliber Karl May hält, der sich halt einfach nur im Genre geirrt und zufällig im Journalismus statt in der Abenteuerliteratur gelandet ist. Solche Irrtümer können jungen Menschen ja vielleicht unterlaufen, interessanter aber ist die Frage, wie sich ein ehemaliges Nachrichtenmagazin denn überhaupt zu einem Landeplatz entwickelt konnte, auf dem dann junge Möchtegern-Literaten  als preisgekrönte Journalisten durchstarten konnten. Diese Entwicklung ist nicht neu, denn schon vor 17 Jahren hatte der Spiegel eine gigantische Fake-Reportage als Buch veröffentlicht, sie hatte den Titel „9/11 – Was wirklich geschah“ – eine im Reportagestil von einem Dutzend Autoren montierte Geschichte der “wirklichen” Ereignisse. Nachdem einer der Ko-Autoren, der Redakteur Ulrich Fichtner, mein aus der WTC-Conspiracy-Serie auf Telepolis hervorgegangenes Buch “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.” im “Spiegel” als “Septemberlüge” von links mit der “Auschwitzlüge” von rechts verglichen hatte, waren wir von  Walter van Rossum zur Diskussion ins WDR-Funkhaus eingeladen worden.

Als ich nach dem Auffliegen Relotius‘ die selbstkritische Darstellung der Fälschungsserie im “Spiegel” las – verfasst von seinem Vorgesetzen Ulrich Fichtner – erinnerte ich mich an diese Debatte. Und fand die Lektüre des Transskripts der Sendung überaus aufschlussreich. Denn es ist genau dieser Fake-Reportage-Stil, der Fichtner hier in Sachen 9/11 vorgehalten wird: die Real-Life-Suggestion, das so Tun als würde man “Terroristen” bei der Vorbereitung des Anschlags über die Schulter schauen, die ganze szenische Dramaturgie mit atmosphärischen Einsprengseln und der “Wir waren dabei und kennen die Wahrheit”-Gestus, der sich dann auch nicht scheut, diese Prosa-Melange unter dem Titel “9/11 – Was wirklich geschah” als Dokument, als Nachricht, als Journalismus zu verkaufen. Was dem kreativen Autor Roletius vorgeworfen wurde, ist also genau das, was seine Vorgesetzten und Ziehväter wie Ulrich Fichtner nach dem 11. September 2001 getrieben haben – mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich Osama und die 19 Hijacker als Alleintäter nicht selbst ausgedacht, sondern vom Weißen Haus unhinterfragt übernommen und eine geile Story daraus gestrickt haben. Dass die wahren Fakten völlig unklar waren und entscheidende Fragen offen, war egal – wenn das Narrativ stimmt, sind die Fakten zweitrangig und der Schwurbel kommt auf die Titelseite!

Dieser, den Jung-Autor Relotius ein wenig entlastende Zusammenhang, könnte ja durchaus Erwähnung in seinem Wikipedia-Eintrag finden, schließlich hat der originelle Newcomer nur getan was die Alpha-Tiere in der Ressortleitung vorgemacht hatten. Aber da es sich um „9/11“ und „Verschwörungstheorie“ handelt, kommt das an Zensoren wie „kopliot“ oder „Feliks“ wohl nicht vorbei. Wir sind hier schließlich nicht in einer freien Enzyklopädie, sondern in Wikihausen…

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Mathias Bröckers schrieb zuletzt „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid – Über die Natur“ . Am 2. Juli ist sein Buch  „Don’t Kill The Messenger – Freiheit für Julian Assange“ im Westendverlag erschienen.  Er bloggt auf broeckers.com

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: nitpicker / Shutterstock

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