Tagesdosis 12.2.2020 – Vorwahl-Siege, Vorwahl-Skandale

Ein Kommentar von Florian Kirner.

Die Auswahltänze der US-Demokraten haben mit einem standesgemäßen Auftakt begonnen: mit einem handfesten Skandal.

Und so saßen vorige Woche Journalisten wie Zuschauer stundenlang sinnlos herum. Sie warteten auf die Ergebnisse aus Iowa. Erst war 1% ausgezählt, dann waren es 2% … und dann blieb die Auszählung stehen und tatsächlich bleibt das Ergebnis von Iowa bis heute in eine Wolke des Zweifels gehüllt.

Was war passiert? Nun, die Wahlentscheidung in Iowa erfolgt in einem ohnehin sehr komplizierten Prozess. Die Wähler treffen sich in Turnhallen und Mehrzweckhallen und formieren sich in Gruppen, je nach den von ihnen unterstützten Kandidaten. Dann wird zwischen diesen Gruppen hindiskutiert und herdiskutiert und es kommt schließlich zu einem ersten Wahlgang. Die Kandidaten, die dabei unterhalb von 15% bleiben, fallen raus. Unter den übrigen gibt es einen zweiten Wahlgang, dem wiederum Diskussionen vorausgehen. Das ganze dauert über Stunden und könnte an sich ein ziemlich beeindruckendes Beispiel aktiver Basisdemokratie sein – ist es aber nicht.

Denn der Prozess ist gespickt mit absurden Regelungen und Undurchschaubarkeiten. In einigen Wahlkreisen wird bei Stimmengleichstand beispielsweise allen Ernstes per Münzwurf entschieden, an wen die Delegierten gehen. 2016 gewann dabei Hillary Clinton 6 von 6 solcher Münzwürfe gegen Bernie Sanders – ein Ergebnis, das jeder Wahrscheinlichkeit Hohn spricht.

2020 nun haben wir ein Video von einem solchen Münzwurf vorliegen, das den Betrug des Münzwerfenden völlig offensichtlich macht. Diesmal verlor Sanders dabei gegen Pete Buttegieg, den früheren Bürgermeister von South Bend, Indiana und Liebling der Medien und des Silicon Valley.

Dieser Buttegieg war nun auch der Dreh- und Angelpunkt des diesmaligen Iowa-Skandals. Bernie war als Favorit ins Rennen gegangen, aber als die Ergebnisse stundenlang ausblieben, ging mitten in dieser Verwirrung Pete Buttegieg in die Offensive. Er erklärte sich vor seinen ebenso überraschten wie begeisterten Anhängern zum Sieger der Vorwahl. Währenddessen hing die Auszählung weiterhin bei 2% fest.

Dort hing sie auch am nächsten Tag noch. Tatsächlich hatte es einen Wahlabend ohne Wahlergebnisse gegeben. Wie man nun erfuhr, lag das an einer App, die die Demokraten in Iowa erstmalig eingesetzt hatten, um die Ergebnisse an die Zentrale zu übermitteln.

Das ist an sich schon bedenkenswert. Stift, Papier und Wahlurne haben sich über drei Jahrhunderte bewährt, um Wahlen einigermaßen fälschungssicher durchzuführen. Alle technischen Neuerungen, etwa die berüchtigten „Wahlmaschinen“ in den USA, haben sich immer wieder als anfällig für Fehler und für Manipulationen erwiesen.

Nun also diese ominöse Wahl-App. Man fühlte sich aber gleich wesentlich besser, als bekannt wurde, dass die Firma hinter dieser App auf den Namen „Shadow“ hört. Und dass Shadow mit der Firma Acronym verbandelt ist, die von Veteranen der Clinton-Kampagne gegründet worden ist. Dass es dann noch Spenden an Shadow aus dem Umfeld der Wahlkampagnen von Pete Buttegieg und Joe Biden gegeben hatte, machte endgültig klar: hier geht alles mit den allerbesten Dingen zu, bitte weitergehen, alles gut.

Zwei Tage nach der Wahl also kündigte die Führung der Demokraten in Iowa an, die Ergebnisse endlich zu verkünden. Das tat sie auch: aber nur 62% der Ergebnisse. Bei diesem Stand lag Buttegieg knapp vor Sanders. Es dauerte weitere zwei Tage, da waren dann 97% veröffentlicht und Sanders hatte fast aufgeholt. Und als schließlich herauskam, dass Sanders 6000 Stimmen vorne lag, hatten die Medien mit Trumps Rede zur Lage der Nation längst andere Themen ins Zentrum gerückt.

Korruption? Inkompetenz? Beides?

Klar ist, dass dieses ganze Manöver dazu geführt hat, Sanders um das zu bringen, worum es bei der Vorwahl im kleinen Staat Iowa mit seinen lediglich 42 Delegierten wirklich geht: um die massive Welle der Aufmerksamkeit und den Schub in der Popularität, den der Sieg in dieser ersten Vorwahl typischerweise einbringt.

Diesen Schub hatte sich diesmal Pete Buttegieg abgeholt. Nach seinem Manöver in der Wahlnacht, schoss er in den Umfragen des zweiten Vorwahlstaates, New Hampshire, um 9% nach oben. Und wie Pete Buttegieg inzwischen bereits Wahlkampfspenden von mehr als 40 einzelnen Milliardären erhalten hat, ist der Wille, durch diesen ehemaligen Kleinstadtbürgermeister den Sozialisten Sanders zu stoppen, auch in den Konzernmedien riesengroß.

Ob es geklappt hat?

Nein. Ich habe mir gerade wieder eine Nacht um die Ohren gehauen, diesmal anlässlich der Vorwahl in New Hampshire. Und es gibt sogar Ergebnisse. Soeben wurde Bernie Sanders zum Sieger erklärt.

Buttegieg landete knapp dahinter auf Platz 2, aber für ihn dürfte es in den nächsten Wahlstaaten, Nevada und South Carolina, schwer werden. Denn er ist unter Nicht-Weißen Wählern hoffnungslos abgeschlagen.

Platz 3 eroberte die Senatorin Amy Klobuchar. Einen enttäuschenden Platz vier machte Elisabeth Warren, die als Progressive gestartet war und sich immer mehr ins alte Clinton-Obama-Zentrum der Partei zu verlagern versucht hat – zu ihrem eigenen Schaden.

Brutal abgestürzt auf den fünften Platz, mit gerade 8% ist der ehemalige Vizepräsident Joe Biden, der auch in Iowa bereits auf einem katastrophalen Platz 4 gelandet war. Ihre Kandidatur offiziell beendet haben der chancen- und farblose Michael Bennett, sowie Andrew Yang, dessen Kampagne die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens erstmalig einem Massenpublikum in den USA schmackhaft machen konnte.

Bernie Sanders liegt jetzt auch landesweit in Führung – aber demnächst wartet der Multimilliardär Michael Bloomberg auf ihn, der spät ins Rennen gestartet ist. Mit wütenden Attacken der Medien und Manipulationen der demokratischen Parteimaschine ist weiterhin flächendeckend zu rechnen.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Marian Weyo / Shutterstock

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8 Kommentare zu: “Tagesdosis 12.2.2020 – Vorwahl-Siege, Vorwahl-Skandale

  1. Das Wahlenspektakel hat begonnen. Wer am Ende ins Weiße Haus einzieht, bzw. ob jemand drin bleiben darf, entscheiden nicht die Wähler, sondern die Finanzeliten mit ihren Medienkonzernen. Mit echter Demokratie hat das nicht viel zu tun. Das Münzenwerfen bei Abstimmungen zeigt doch schon, worum es wirklich geht: Ums Geld.

  2. „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ — Warren Buffett,

    Nichts ist wahr ohne sein Gegenteil.

    Der "goldene Mittelweg"scheint grade bei den so gesagt "Reichen"(Sie waren so arm sie hatten nur Geld)
    nur langsam in das Bewusstsein einzusickern.
    Viele sind so weit darin zurueck gefallen,so das sie glauben sie sein "first" .
    Aber ein System das unfaehig ist auf Dauer die anwachsenden Widersprueche durch neue Ideale zu ueberwinden,
    zieht sich ganz von selbst den Stecker.

    Ein offensichtlicher "outcome " eines Widerspruches ist z.B der "pseudo Rechtsstaatliche" Umgang mit Julian Assange ,
    der auch von der Bundesregierung mit getragen wird
    Das System fuehrt seine Widerspruechlichkeit grade zu vor.

    Dabei druecken die patriotischen Eliten der USA selbstherrlich den "Flush-it" Knopf und wundern sich,
    das sie dann gleich mit weg gespuehlt werden.(Dumm gelaufen)
    (Nachts schlaeft die Dummheit weiss Novalis)

    Den "globalen Eliten" ist hin gegen schon seit laengerem bewusst ,das eine Reform der Geld-Weltordnung
    zwingend notwendig ist um die Menschheitsfamilie einer Seits auf einen ausgewogenen Mittelweg zu fuehren ,
    (grade auch in Bezug auf die Balance mit Mutter Natur)
    anderer Seits Polaritaet zu erzeugen,damit genuegend
    Energie fuer vernuenftigen Fortschritt und Entwicklung dynamisch generiert werden kann.

    Bernie Sanders wird der Mann seiner Zeit sein,falls er diese Peilung "des Nordsterns"nicht aus dem Auge verliert.

    • Allgegenwart extrinsischer Motivation

      Es ist augenscheinlich, dass derzeit die allgemeine Überzeugung herrscht, dass der Mensch am besten und erfolgreichsten extrinsisch motiviert wird. In der Schule wird für Noten in der nächsten Prüfung gelernt und ein mögliches Sitzenbleiben dient als stete Abschreckung. (Eine weitere Motivation: 40 Prozent der Schüler erhalten Geld für gute Schulnoten und ein knappes Viertel der Kinder bekommt die Mithilfe im Haushalt ausgezahlt).

      In der Berufswelt wird die Arbeit durch das Gehalt bezahlt und mit einer möglichen Gehaltserhöhung oder durch Boni und Beförderung zusätzlich motiviert. Und nicht zuletzt basiert auch die Sozialpolitik auf der Überzeugung, dass der Mensch am besten extrinsisch motiviert werden kann. Mit Zuckerbrot und Peitsche. Entsprechend lautet das Motto: Fördern und Fordern.

      Geld wirkt

      Geld spielt im Kapitalismus die zentrale Rolle des Motivators. Oder, um es mit den Worten des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel zu sagen: "Das kapitalistische Belohnungs- und Bestrafungssystem (ist) von bestechender Schlichtheit."

      Tatsächlich spricht Geld direkt das sogenannte Belohnungszentrum des Gehirns direkt an. Je größer die Summe, die in Aussicht steht, desto stärker der Ausstoß an Dopamin, dem Neurotransmitter, der auch gerne mit dem vielsagenden Namen "Glücksbotenstoff" bezeichnet wird.

      Geld ist die extrinsische Motivation par excellence. Und es scheint zu funktionieren: Es reicht sogar bereits aus, Menschen nur unbewusst an Geld zu erinnern, damit diese ein höheres Durchhaltevermögen an den Tag legen. Sie versuchen fast doppelt so lange, ein sehr schwieriges Problem zu lösen, als Menschen, die nicht an Geld erinnert wurden.
      (…)
      Wie man Hilfsbereitschaft zerstört

      In einem faszinierenden Experiment untersuchten Felix Warneken und Michael Tomasello von der Universität Harvard und dem Max-Planck-Instituts (Leipzig) den Einfluss von extrinsischer Motivation auf die Hilfsbereitschaft von 20-Monate alten Kindern (Beispielsweise versuchte ein Mann, der einen Stapel Bücher trug, erfolglos eine Tür zu öffnen, während die Kinder in ein neuentdecktes Spiel vertieft waren). Nachdem in der ersten Runde der erstaunlich hohe Grad der Hilfsbereitschaft der Kinder geprüft wurde, teilte man diese anschließend in drei Gruppen auf.

      Während die Kinder aus der ersten Gruppe weiterhin keinerlei Reaktion auf geleistete Hilfe erhielten, wurde den Kindern aus der zweiten Gruppe hierfür jedes Mal ein Dank ausgesprochen, die Kinder der dritten Gruppe erhielten schließlich für jede Hilfe eine Belohnung. Nach mehrfacher Wiederholung des Tests wurde dann eine letzte Runde durchgeführt: Alle Kinder wurden wieder mit Situationen konfrontiert, die ihre Hilfsbereitschaft testeten, jedoch sollte diesmal (genauso wie in der ersten Testrunde) kein Kind eine Belohnung oder auch nur ein Lob erhalten.

      Ergebnis: Die erste Gruppe zeigte weiterhin eine sehr hohe Hilfsbereitschaft, die der ersten Testrunde entsprach. Die zweite Gruppe hatte eine minimal verringerte Hilfsbereitschaft. Die dritte Gruppe jedoch, die zuvor jedes Mal eine Belohnung erhalten hatte, zeigte einen fast vollständigen Zusammenbruch ihrer Hilfsbereitschaft.

      Das Experiment demonstriert, dass die intrinsische Motivation nicht nur der Natur des Menschen entspricht, sondern auch besser und dauerhafter motiviert als extrinsische Anreize. Es zeigt aber auch ein fundamentales Problem: Die hohe und intrinsisch motivierte Hilfsbereitschaft des Menschen läuft Gefahr zerstört zu werden, wenn man sie durch extrinsische Motivation ersetzt.

      Der Korrumpierungseffekt

      "Aus einer unbedingten Hilfsbereitschaft war eine bedingte Hilfsbereitschaft geworden", bringt es Richard David Precht auf den Punkt. Daher nennt man dieses Phänomen in der Fachsprache: Korrumpierungseffekt.

      Warneken und Tomasello, die Autoren des Experiments, betonen daher, dass die eigentliche Motivation zur Hilfe in diesem Experiment intrinsischer Natur war, also im Wesen des jeweiligen Kindes lag. Zudem widerlegen die ermittelten Ergebnisse alle Theorien, die behaupten, Kleinkinder legen nur mitmenschliches Verhalten an den Tag, um eine Belohnung zu erhalten. Des Weiteren geben Warneken und Tomasello den Rat, dass Erziehung und Sozialisation auf die natürliche Anlage des Menschen zum Altruismus aufbauen sollte.
      (…)
      Nebenwirkungen

      Der unerschütterliche Glaube, dass Geld den Menschen am besten motiviert, reduziert nicht nur die intrinsische Motivation, sondern hat auch weitere destruktive Schattenseiten, die es im Auge zu behalten gilt.

      Menschen, die in Experimenten auf Geld "geprimt" waren (also an Geld unbewusst erinnert wurden), sind egoistischer und weniger hilfsbereit. Sie sind auch im wahrsten Sinn des Wortes distanzierter gegenüber ihren Mitmenschen. So stellen Probanden ihre Stühle viel weiter auseinander als die nicht geprimten Kollegen.

      Auf Geld geprimte Menschen sind auch deutlich weniger sozial und bevorzugen Einzelaktivitäten. Und nicht zuletzt sind sie weniger großzügig. Es ist geradezu augenscheinlich, dass alleine der Gedanke an Geld die Menschen trennt und aus Mitmenschen Konkurrenten macht.

      Aus:
      Wie der Mensch korrumpiert wird
      19. Januar 2020 Andreas von Westphalen

      In der kapitalistischen Gesellschaft wird häufig auf die falsche Art der Motivation gesetzt. Dies hat verheerende Folgen
      (heise/Telepolis)

  3. Erinnert das ganze Kandidaten- und Parteientheater nicht sehr an das Theater hier in Deutschland? Die Zerstörung der Parteien, die Spaltung der Gesellschaft, Wirtschaftskrisen, China und Corona usw. Erinnert das nicht an etwas?
    "Wir stehen am Rande einer weltweiten Umbildung, alles was wir brauchen, ist die richtige allumfassende Krise und die Nationen werden in die neue Weltordnung einwilligen." (Juni 1991) David Rockefeller
    Bernie Sanders meint es sicher innenpolitisch mit seinen Landsleuten gut, weil er die Armut sieht. Die Weltherrscher werden Sanders nicht gewinnen lassen. Dann werden sie eher Trump weiter dulden. Außerdem wer weiß, vielleicht erweist sich sehr bald eine andere Verschwörungstheorie (Maidain wurde von US finanziert) als wahr. "Nicht Trump, sondern Biden, Kerry und Obama haben Dreck am Ukraine-Stecken", heute veröffentlicht auf Contra Magazin. Beim Impeachment haben die vergessen, dass man nicht mit Steinen wirft, wenn man selbst im Glashaus sitzt.

  4. Denn schließlich soll man (soll man?) mit etwas Positivem beginnen:

    Und ein treffender Witz macht die Runde:

    “Die Demokraten Adam Schiff und Nancy Pelosi sind besorgt, dass amerikanische Wähler in die Wahl 2020 eingreifen könnten.“

    US-Demokraten: Eine Partei, die nicht gewinnen möchte

    Das Verhalten der US-Demokraten gegen Sanders seit 2016 ist nicht nur politisch verwerflich, es ist auch selbstzerstörerisch, denn – wie auch Jens Berger in dem oben erwähnten Artikel schreibt – es schmälert die Chancen auf den Sieg erheblich: Um Sanders zu verhindern, wird also auch ein Sieg Trumps in Kauf genommen. „Counterpunch schreibt dazu:

    „Bei der Demokratischen Partei geht es nicht um soziale Gerechtigkeit, Demokratie und/oder ökologische Vernunft. Es geht auch nicht in erster Linie um den Sieg bei Wahlen. Bei der ‚zweitenthusiastischsten kapitalistischen Partei der Geschichte‘ (wie der ehemalige Nixon-Stratege Kevin Phillips die Demokraten einmal treffend beschrieben hat) geht es vor allem darum, ‚elitären‘ Unternehmens- und Finanzsponsoren zu dienen, und diese Sponsoren ziehen eine zweite faschistische Trump-Präsidentschaft einer leicht progressiven ersten von Sanders vor.“

    Das „Verbrechen“ des Bernie Sanders

    Der Artikel kommt zum Ergebnis, dass man Sanders aber trotz seiner problematischen Partei unterstützen sollte: Weil es trotz der inner- und überparteilichen Widerstände doch eine kleine Chance auf einen Sieg von Sanders geben könnte. Und weil der unrechte Umgang mit Sanders wenigstens eine große Öffentlichkeit erreichen sollte. Und schließlich, weil allein die gemeinsame Arbeit an der Sanders-Kampagne die Menschen positiv zusammenbringen kann. Den Aspekt der (von Wahlterminen unabhängigen) „Bewegung“, die Sanders ins Leben gerufen habe, würdigt auch Noam Chomsky in einem Interview mit dem „Intercept“:

    “Sanders hat das liberale Establishment durch ein schweres Verbrechen absolut wütend gemacht. Es ist nicht seine Politik. Sein Verbrechen war es, eine anhaltende politische Bewegung zu organisieren, die nicht nur alle vier Jahre an den Urnen auftaucht und einen Knopf drückt, sondern weiter arbeitet. Das ist nicht gut. Der Pöbel soll zu Hause bleiben. Seine Aufgabe ist es, zuzuschauen und nicht teilzunehmen.”
    (…)
    Sanders und der „brutale Diktator“ in Russland

    Dann entspinnt sich dieser Dialog zwischen der Journalistin Natylie Baldwin und dem Ex-Berater James Carden, der die bedenklichen Äußerungen von Sanders in Richtung Russland thematisiert:

    „Baldwin: Sanders verstärkt regelmäßig den anti-russischen ‚Frame‘, bezeichnet [den russischen Präsidenten Wladimir] Putin als “brutalen Diktator” und scheint kein sehr gutes Verständnis für das heutige Russland zu haben.

    Carden: Ich denke, ein Teil des Grundes, warum Sanders die Wir-gegen-die-Mentalität angenommen hat, liegt an seinen Beratern, die aus dem progressiven Aktivismus hervorgegangen sind, und wie wir gesehen haben, ist es im Moment sehr in Mode bei diesen Leuten, zu sagen: ‚Nun, wir sind nicht für Kriege zum Regimewechsel, aber wir werden eine harte Linie gegen die globalen Autoritaristen wie Putin, Orban und Xi einnehmen, weil sie unsere aufgeklärte Politik nicht teilen‘. Es ist eine Art ‚ernstes’ Auftreten vor dem festgefügten außenpolitischen Establishment, von dem sie natürlich verzweifelt ein Teil sein wollen, das sie aber ihren Kollegen gegenüber auf Twitter nie zugeben werden.“

    Ein eigenes Bild von Sanders’ außenpolitischen Vorhaben kann man sich etwa anhand einer älteren Rede bilden. Dort sagt Sanders zahlreiche zutreffende Dinge, die ihn sowohl von Trump als auch von den Falken um Clinton positiv abheben. Aber er verfällt auch teilweise in eine altbekannte US-Heuchelei – so irritiert im folgenden Zitat etwa das „weiterhin“ und die Selbstwahrnehmung als „Leuchtfeuer der Hoffnung“ für „Menschen in der ganzen Welt“:

    „In der Außenpolitik geht es darum, ob wir uns weiterhin für die Werte Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit einsetzen, Werte, die für die Menschen in der ganzen Welt ein Leuchtfeuer der Hoffnung waren, oder ob wir undemokratische, repressive Regime unterstützen, die ihre Bürger foltern, einsperren und ihnen grundlegende Rechte verweigern.“

    Sieg der Demokraten: „Liberale“ Falken durch die Hintertür?

    Es sind auch solche Zitate, die die Sorge begründen, dass fortschrittliche (Innen-)Politik durch altbekannte außenpolitische Phrasen und Handlungen abgesichert werden soll, was ein isolierter Präsident Sanders (auch beim besten Willen) kaum verhindern könnte. Auch wenn Sanders, laut diesem Artikel, bereits 2015 eine „NATO unter Einbeziehung Russlands“ vorgeschlagen hat, so verbleiben doch Sorgen über die praktische Umsetzung solcher Pläne durch isoliertes Personal – selbst nach einem Wahlsieg. Der bereits zitierte Ex-Berater Carden formuliert diese Sorgen so:

    „Ich würde sagen, das ist es, was mich am meisten beunruhigt, wenn es um eine mögliche Präsidentschaft von Sanders geht. Es ist ein Weg, der es den liberalen Falken erlaubt, durch die Hintertür einzutreten.“

    Aus:
    Die „Demokratie“ in den USA: Eine Farce
    10. Februar 2020 um 11:56 Ein Artikel von: Tobias Riegel

    Die erneute Demontage des US-Politikers Bernie Sanders durch die eigene Partei wirft einmal mehr ein brutales Licht auf die klägliche Verfassung der dortigen politischen Landschaft. Mit diesem Zustand befassen sich auch alternative US-Medien – sie werfen zudem die Frage auf: Wäre ein Sieg der US-Demokraten überhaupt wünschenswert? Von Tobias Riegel.
    (NachDenkSeiten)

    Und:
    Laut aktuellen Umfragen könnte Senator Bernie Sanders (Vermont) bei der Vorwahl der Demokraten in New Hampshire heute Nacht die meisten Stimmen erhalten. Als Reaktion darauf konzentrierten Sanders' Gegner ihre Angriffe auf seine öffentliche Erklärung, er sei ein „demokratischer Sozialist“.

    Am Freitagabend erklärte der ehemalige US-Vizepräsident Joe Biden zu Beginn der Debatte mit sieben Präsidentschaftskandidaten in New Hampshire, mit Sanders an der Spitze wären demokratische Kandidaten für andere Posten bei den Wahlen am 3. November zum Scheitern verurteilt. Er erklärte: „Bernie hat sich selbst […] als demokratischen Sozialisten bezeichnet. Falls Bernie nominiert wird, glaube ich, dass der Präsident dieses Etikett jedem anheften wird, der mit Bernie antritt.“

    Senatorin Amy Klobuchar (Minnesota) beteiligte sich an dem Angriff mit der Behauptung, Sanders würde „noch mehr spalten als der oberste Spalter [d.h. Trump]. […] Ich glaube, wir brauchen jemanden an der Spitze, der Leute tatsächlich hinter sich bringt, statt sie auszugrenzen…“ Danach wies sie auf ihre eigene Resonanz bei „gemäßigten Republikanern“ und Wählern „in der Mitte“ hin.
    (…)
    In den USA wird der Sozialismus von offizieller Seite seit einem Jahrhundert verteufelt und verleumdet, Antikommunismus wurde praktisch zu einer Staatsreligion erhoben, und echte Sozialisten werden von den Medien totgeschwiegen. Dass ausgerechnet in einem solchen Land in den Medien plötzlich so viel über das „S-Wort“ diskutiert wird, ist bemerkenswert.

    Es verdeutlicht die zunehmende soziale Ungleichheit und das wachsende Bewusstsein von Millionen von Arbeitern und Jugendlichen, dass die Konzentration von Reichtum unter der Kontrolle einer Handvoll von Multimillionären und Milliardären ein unüberwindliches Hindernis für sozialen Fortschritt und eine tödliche Bedrohung für demokratische Rechte ist. Eine Umfrage nach der anderen zeigt die wachsende Opposition gegen den Kapitalismus und eine zunehmende Unterstützung für den Sozialismus, vor allem unter den jüngeren Generationen.
    (…)
    Nachdem er unerwartet in die Position einer wichtigen Figur in der kapitalistischen Politik katapultiert wurde, beugte sich Sanders den Diktaten der amerikanischen herrschenden Elite, akzeptierte seine Niederlage in der Wahl 2016 und unterstützte den Wahlkampf der Kandidatin und ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton, der Favoritin der Wall Street und der CIA.

    Sanders ist kein Sozialist. Er will weder die Industrie in öffentliches Eigentum überführen, noch die Großkonzerne verstaatlichen. Er will die Vermögen der Milliardäre geringfügig höher besteuern, sie aber nicht enteignen, um soziale Bedürfnisse zu erfüllen. Er nennt als sein Vorbild die vollständig kapitalistischen Staaten Dänemark und Schweden und sogar Deutschland, wo heute Neonazis die größte Oppositionspartei im Bundestag bilden und der Regierungskoalition von Angela Merkel die Politik diktieren.

    Im Wahlkampf 2020 wurde Sanders von den Mainstream-Medien zunächst monatelang ignoriert. Dann aber legte er in den Umfragen zu, veranstaltete die größten Kundgebungen und konnte deutlich mehr Geldspenden sammeln als irgendeiner seiner nicht-milliardenschweren Rivalen, größtenteils in Form von Kleinspenden von Arbeitern. Seine wichtigsten Spendergruppen sind Lehrer und die schlecht bezahlten Beschäftigten von Amazon, Starbucks, Wal-Mart, Target und dem US Postal Service.
    (…)
    Als der NBC-Interviewer Chuck Todd auf zu erwartende Vorwürfe Trumps einging, Sanders sei in der Vergangenheit auf „ Schmusekurs“ mit „linken“ lateinamerikanischen Staatschefs wie Evo Morales (Bolivien) oder Nicolas Maduro (Venezuela) gegangen, antwortete Sanders mit einem ähnlichen Angriff auf Trump im Stil der Kommunistenjäger. Er verwies auf Trumps Versuche, den russischen Präsidenten Wladimir Putin und den nordamerikanischen Staatschef Kim Jong-un zu umgarnen: „Wenn sie von Schmusekurs gegenüber Kommunisten in aller Welt sprechen wollen, dann bin nicht ich das, sondern Donald Trump.“

    Auf Fox nahm Sanders die „linkste“ Pose von allen vier Interviews ein und erklärte dem Moderator Chris Wallace: „Wir führen einen Wahlkampf der Arbeiterklasse, für die Arbeiterklasse und durch die Arbeiterklasse.“ Er erklärte, Gesundheitsversorgung solle ein Grundrecht sein; er erklärte jedoch weiter, wie in anderen Interviews auch, dass sein Gesundheitsprogramm die Ausgaben um Billionen Dollar kürzen würde. Auf eine Frage nach Trumps Beschuldigungen erklärte er gegenüber Wallace, Trump „weiß, dass ich kein Kommunist bin“.

    Aus:
    Demokraten weiten Angriffe auf den Sozialismus aus
    Von Patrick Martin
    11. Februar 2020
    (WSWS)

    Das Positive hervorgehoben; nun natürlich die Mobilisierung und Repolitisierung. Mglw. Grundlage für ein Selbstbewußtsein oder Bewußtsein überhaupt.
    Und man erkennt, wie auch sonstwo, die reformistische Verlogenheit eines "Sozialdemokraten," in einem nicht reformierbaren System. Es kann nur kollabieren und das mit jeweils heftigeren Auswirkungen.

  5. Hm…Bernie Sanders als "Sozialisten" zu bezeichnen ist schon grob fahrlässig……
    Und auch wenn Sanders wieder von den Dems-Oberen benachteiligt wird – er wäre NICHT der Richtige – so wie er reagierte als man in ausbootete – sorry, da wird sich der Deep state freuen, endlich kann man an die Obama-Zeit anknüpfen….

    Schade, dass Tulsi Gabbard nicht von den Medien so gehypt wird – logisch, ist sie doch intelligent, integer und eher eine echte Demokratin – sie wäre tatsächlich gegen Trump in der Lage zu gewinnen – wahrscheinlich sogar ohne irgendwelche Bösartigkeiten – das ist, was die USA brauchen…. und wir hier könnten auch so etwas gebrauchen.

  6. Danke!

    Ich hoffe ja nur, dass wir nun nicht für alle 52 (?) Staaten ständig von unseren Medien mit Nachrichten gequält werden, wie diese nun jeweils gewählt oder nicht gewählt haben! Zumal diese Ergebnisse ohnehin sehr vage scheinen…

    Und ob z.B. die Leute in New-Hamshire nun im Gegenzug auch darüber informiert werden wie, wo, wen und warum Schleswig-Holstein gewählt hat?

    Denn das fänden die doch bestimmt auch hochinteressant! 😉

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