Tagesdosis 12.3.2018 – Herrschen und beherrscht werden: Tafeln als Abbild der Gesellschaft

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Plasberg, Illner, Tagesschau, Bundespressekonferenz, bei Springer rauf, beim Spiegel runter, Relativierer a la »es gibt keine Armut und geht nur um Abfallvermeidung« versus Empörungsmanager: Die Diskussionen um Tafeln im wirtschaftlich stärksten Land Europas reißen nicht ab. Wohlhabende, deren Jackett mehr kostet als ein Regelsatz, sprechen über Armut – welch ein Zynismus.

Leo Fischer, Ex-Titanic-Chefredakteur, brachte es im Neuen Deutschland auf den Punkt: »Noch im Kampf um Müll muss den Befehlen der Kommandanten gehorcht werden, muss Reih und Glied herrschen und schwebt über allem die Zuchtrute. Und noch im Kampf um Müll gibt es predigende Millionäre, die genaue Vorstellungen haben, wie die Ärmsten diesen Kampf zu führen haben.«

Fischer beschreibt das System der totalen Konkurrenz treffend. In jeder Nische, jeder Zelle menschlichen Bewusstseins hat es sich eingenistet. So mutierte die gut gemeinte Idee einer Frauen-Initiative von 1993, verelendeten Obdachlosen in Berlin mit Nahrungsspenden zu helfen, zu einem Konzern mit monströsem Ausmaß: 937 Tafeln mit mehr als 2.000 Ausgabestellen geben den Verursachern der Armut, dem Großkapital, nicht nur einen karitativen Anstrich. Sie ermöglichen es ihnen, ihre aus Wachstumszwang resultierende Überproduktion billig zu entsorgen und zugleich, dank Spendenquittungen, Steuern zu sparen.

Der Bundesverband der Tafeln nennt Großkonzerne und Handelsketten seine Partner. Rewe, Lidl, die Metro, Mercedes Benz zählen dazu. Hinzu kommen Firmen wie Coca Cola, Edeka, Nestlé, Henkel, Netto, Sodexo und andere. Als Kooperationspartner fungiert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Ein hübsches Stelldichein von Wasserräubern, Menschenrechtsverletzern, Ausbeutern und Reichenförderern.

Und wer hätte es geahnt, auch McKinsey ist am Ball. Der global agierende neoliberale Think Tank berät nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die Tafelmacher. Schon Mitte der 1990er Jahre hatte McKinsey Mitarbeiter zu ihnen geschickt, um die Expansion der Resteverteilanstalten zu managen. Zwei Handbücher zum Aufbau und Betrieb einer Tafel sponserte das Unternehmen – ein Erfolgsmodell.

Und die Vorarbeit für mehr: Schon wenig später hockten McKinsey, Bertelsmann, die Wirtschaftslobby und Politiker zusammen. Sie tüftelten Hartz IV aus, inklusive rigidem Sanktionssystem. Man wollte, in Vorahnung der Finanzkrise, ein Erpressungsinstrument schaffen, mit dem der Staat Millionen Menschen in Billigjobs zwingen kann: Die Knute des Entzugs des Existenzminimums, bis in Obdachlosigkeit und in den Hunger. Es ist gelungen, die Exportindustrie boomt. Ein Schelm, wer einen Zusammenhang vermutet.

Doch das sagen Politiker wie der designierte CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn natürlich nicht. Sie lügen lieber: Mit Hartz IV müsse niemand hungern. Es sind auch nicht nur die Sanktionen. Auf perfide Weise rechneten die Regierungsbeauftragten die Regelsätze klein: Man nehme die Einkommens- und Verbrauchs-Stichprobe von 2013, berechne die Ausgaben der untersten 15 Prozent der Ärmsten und streiche davon noch einmal mehr als 100 Euro heraus, für Dinge, die ein Hartz-IV-Bezieher angeblich nicht braucht, wie Bücher, Zimmerpflanzen und vieles mehr.

Die deutsche Gründlichkeit der Rechenkünstler ging noch weiter: So legten sie zum Beispiel für den Snack an der Imbissbude der Ärmsten der Armen den Warenwert beim Billigdiscounter zugrunde, für Bier und Limo berechneten sie den reinen Wasserwert. Am Ende wurden aus weit über 500 Euro für einen Alleinstehenden gut 400. Flüchtlinge, die sich selbst versorgen müssen, erhalten übrigens fast 70 Euro weniger.

Auch die Strompreise haben die Regelsätze längst überholt. Knapp 35 Euro gewährt der Staat dem Hartz-IV-Bezieher für Haushaltsenergie und Instandhaltung der Wohnung. Woran sparen wohl die Leute, um ihre Rechnungen und Zwangsabgaben begleichen zu können? Am Essen. Das Leben in Deutschland ist nun einmal teurer als in Somalia.

Doch die private Tafelfürsorge steht ja bereit. Allerdings nicht für jeden: Wer Essen braucht, muss seine Bedürftigkeit mit einem behördlichen Bescheid nachweisen. Doch ohne Postanschrift und Meldeadresse gibt es weder Hartz IV noch Sozialhilfe. Obdachlose, die nicht in einer Massenunterkunft im Mehrbettzimmer übernachten wollen, gehen leer aus, ebenso wie vollsanktionierte Jugendliche oder erwerbslose EU-Migranten ohne Leistungsanspruch. Die Elendsten haben nämlich gar keinen Zugang zu den Resten.

Die Tafeln sind auch ein riesiges, spendenfinanziertes Disziplinierungsprogramm, eine Ein-Euro-Job-Fabrik zum Schönen der Arbeitslosenstatistik. Oft hängt ein ganzer Rattenschwanz der Arbeitsbeschaffung für Arme an ihnen: Kleiderkammern, Möbellager, eine monströse Maßnahmen-Industrie.

Die Tafeln sind schließlich Beruhigungs- und Wohlfühlpille für den engagierten Helfer. Man tut ja was, man ist ein guter Mensch. Doch zugleich spiegelt ihr Konzept den autoritären Staat im Kleinen wider: WIR sammeln für euch die Essensreste ein. WIR bestimmen, wer den Tafelausweis bekommt. WIR verteilen, denn die Reste gehören UNS. WIR definieren eure Bedürfnisse. Reiht euch ein, bettelt unterwürfig, seid dankbar. Denn ihr wisst: An die Container hinter den Supermärkten dürft ihr nicht ran, das ist strafbar.

Das ist gelebte kapitalistische Kultur, eine kleine Machtnische für Beherrschte, die so die Wunden ihrer eigenen Unterdrückung kompensieren. Die Tafel ist ein Abbild der fremdbestimmten Konkurrenzgesellschaft, die noch nicht gestrauchelte Besitzlose zum Verkauf ihrer Arbeitskraft, den Rest zum Betteln zwingt. Sie ist die Parodie auf das Wechselspiel zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Dominanz und Unterwerfung.

Die Tafel hält uns den Spiegel vor. Bis ganz unten haben wir uns das Maß der Herrschenden zu eigen gemacht. Die erfolgreichsten Selbstvermarkter führen auch an den Essensausgabestellen die Hierarchie an, gefolgt von den Fleißigen, Folgsamen, Gehorsamen. Wer all das nicht mitmacht, weil er nicht kann oder will, soll sich gefälligst vor allen anderen demütig in den Staub bücken.

Als wäre jemand, der Billigjobs ablehnt und darum sanktioniert wurde, schädlicher für die Gesellschaft, als der Rüstungsfabrikant und seine willigen Sklaven. Als würde der Flüchtling in seiner Massenunterkunft mehr Schaden anrichten, als ein skrupelloser Banker oder ein Kriegseinsätze abnickender Politiker im Bundestag. Wahrlich viele würden der Gesellschaft weniger schaden, wenn sie nichts täten.

Übrigens: Hat eigentlich schon einmal jemand den Euro für den Straßenmusiker von einem Nachweis seiner Bedürftigkeit abhängig gemacht? Was, verdammt noch mal, gehen uns staatliche Bescheide an?

Freiheit, Selbstbewusstsein und Mitgefühl sehen jedenfalls anders aus. Es ist wohl so: Solange der Sklave nicht frei, sondern selbst Sklavenaufseher sein will, ist die Gesellschaft weit von dem entfernt, was Karl Marx einst wünschte: Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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16 Kommentare zu: “Tagesdosis 12.3.2018 – Herrschen und beherrscht werden: Tafeln als Abbild der Gesellschaft

  1. Die neoliberale, aufoktroyierte „Freiheit“, die darin besteht unbeschollten ein kleiner Sadist sein können zu dürfen, ist die Art von Freiheit, die schon mal in Konzentrationslagern herrschte. +/- 170 MILGRAM-VOLT auf der Skala des sadistischen Strafens (SS-Skala) gelten in unserer Gesellschaft inzwischen als legitim. Noch kann jeder einzelne sich besinnen und NEIN ZUM MANN IM WEIßEN KITTEL MIT DEN ABWEGIGEN IDEEN sagen. Ein erfolgreiches NEIN in solch einer Situation, ist ein kleines zurückgewonnenes Stück wieder erwachter lebendiger Seele. Das sag ja jetzt nicht ich, das sagt Goethe und ich vermute ebenfalls die Traumaforschung. 🙂

  2. Den vielen, die immer wieder bedauern, dass sich die Betroffenen zu wenig wehren, möchte ich sagen: Versetzt euch in deren Lage! Dann sollte man erkennen: Niemand kann für sich allein aus dieser Klappsmühle ausbrechen. Da nützen keine Aufrufe und Apelle was. Dazu bedarf es tatkräftiger Leute, die die Sache in die Hand nehmen und willens sind zu führen. Das hat nichts mit dem „starken Mann“ zu tun. Aber ein Klub von Bettlern und Verlumpten bleibt solange ein Klub von Bettlern und Verlumpten, bis jemand sie dazu bringt, wieder Mensch zu sein. Und das macht man durch Taten und nicht durch Predigten. Wenn sein muss auch mit einem kräftigen Tritt in den Allerwertesten.
    Solange aber diese sogenannte Linke, die ein Visionsprediger-Club ist und auf Huldigung dafür hofft, fast schon als sozialistisch durchgeht: Vergesst alle Hoffnung.
    Bin gespannt, ob wenigstens Einer wenn morgen Spahn als Minister vorgestellt wird, mindestens „Buh“ ruft. Ich will ja gar nicht so weit gehen, zu erwarten das dann raus gegangen wird oder ihm jemand gar Ungebührlicheres tut. Dort sind ja alle so gut erzogen. Nur eben diese Bettler an der Tafel nicht. Die wollen einfach nicht so solidarische miteinander vor sich hin krepieren. Nein, sie müssen die gut situierten Bürger mit ihren Raufereien noch ängstigen. Das ist ja sowas von daneben.

  3. Ja, der Klassenkampf findet permanent statt! Nur, dass nicht wir die Handelnden sind, sondern der Klassengegner! Der jeden Tag aufs Neue immer mehr Menschen zu Lumpenproletariern werden lässt. Und die Menschen, die sich bislang einigermassen geklart haben, hoffen, dass der Kelch an ihnen vorueber geht. Aber das ist ein Trugschluss, weil Wunschdenken. Das kapitalistische System ist am Ende. Das sehen wir täglich, wie im obigen Artikel beschrieben, oder ueber die global wachsende Kriegsgefahr. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher, darum wird das Volk ausgepresst bis zur bitteren Neige.
    Worum muss es gehen? Wir brauchen zu allererst eine solides Handwerkzeug. Marx und Lenin haben viel geschrieben zur Aufgabe des Staates im Kapitalismus. Das sollten wir uns wieder vergegenwärtigen. Der Staat ist kein unabhängiges Wesen, das aufpasst, dass die Regeln eingehalten werden, sondern der Staat ist das entscheidende Organ, das die Niederhaltung der Massen fuer die Herrschenden organisiert.
    Wir muessen die Diskussion aufnehmen, um unsere Zukunft! Wenn wir alle von der Tafel leben, dann ist es in der Tat zu spät, um uns zu organisieren, dann haben wir in der Tat andere Probleme.

  4. Ich erwarte mit Spannung den Börsengang der Tafel. Gab es nicht mal so etwas wie Menschenrechte oder war das nur eine Illusion oder gar eine sozialromantische Wahnvorstellung?
    Herr Müntefehring hat es auf den Punkt gebracht, „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“
    Danke, den Damen und Herren Müntefehring, die uns die ganze Scheiße eingebrockt haben und uns immer weiter in dieselbe reißen! Da offensichtlich aus den Reihen der Betroffenen kein ernstzunehmender Widerstand zu befürchten ist, wünsche ich mir von Herzen, dass Euch beim Ausscheiden der Reste von Champus und Kaviar der Blitz ins Nirwana befördert!
    Euer Euch bis in die Steinzeit Verachtender!
    p.s. Sollte ich gegen die geltende Netikette verstoßen haben, dann hab ich das in diesem Fall gern getan.

  5. In diesem Zusammenhang möchte die Gedanken von Susan Bonath erweitern: Menschen, die ein wenig mehr Geld zur Verfügung haben um HartzIV zu bekommen, bzw. Menschen die sich nicht durch die Behörden gängeln lassen wollen, haben u.a. folgendes Problem: Wenn das Geld am Monatsende nicht reicht (weil der HartzIV-Satz mehr als knapp ausgelegt worden ist), müssen aber auf JEDENFALL die monatlichen 17,50 Euro für unser öffentlich rechtlichesRundfunksystem entrichten. Eine Befreiung von dieser Schuld gibt es nur, wenn der bisher unabhängige Bürger einen Antrag auf Sozialleistung stellt. Beantragt so ein Bürger keine Sozialleistungen, so kann er weder zur Tafel gehen noch seine seine Beitragsschulden stunden lassen.
    Ich kenne Personen in meinem Umkreis, die schon genau wegen diesen “
    Zwangsmaßnahme Flaschen sammeln mussten am Ende des Monats.

  6. Frau Bonath hat vollkommen recht. Die Tafeln sind eine Spiegelbild der Gesellschaft.
    Wo sich nur genug Armut findet, bleiben auch ein Peachum und ein Macheath nicht aus.

    Denn erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.

    „Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben,
    Und Sünd und Missetat vermeiden kann,
    Zuerst müsst ihr uns was zu fressen geben,
    Dann könnt ihr reden, damit fängt es an.
    Ihr, die ihr euren Wanst und unsre Bravheit liebt,
    Das eine wisset ein für allemal,
    Wie ihr es immer dreht, und wie ihr’s immer schiebt,
    Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
    Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,
    Vom grossen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“

    Man kann es auch es auch so sagen, dass es um die „die handgreifliche, aber bisher total übersehene Tatsache, daß die Menschen vor allem essen, trinken, wohnen und sich kleiden, also arbeiten müssen, ehe sie um die Herrschaft streiten, Politik, Religion, Philosophie usw. treiben können.“

    Es lohnt also kaum über die Peachums resp. Tafeln zu schwafeln, ihnen „Organisationsvorschläge“ und „Moralappelle“ zu machen, wenn man die Ursache nicht benennt: die dem privatem Kapital entspringende Raffgier und wenn man dessen Herrschaft über alles nicht in Frage zu stellt.
    Denn die Scheibe, die sich der Arme vom Brote abschneiden können muss, ist als Geschenk nichts wert. Sie ist nur als Eigentumsrecht das was sie sein soll: Grundlage des Existenz.
    Und deshalb gehören zumindest die strategischen Unternehmen nicht in Privathand (Energie, Infrastruktur, Wohnungsbau). Zumindest darf dort das Privatkapital keine Dominanz haben.

    Wer nicht bereit ist, soweit zu gehen, kann mir mit seinen guten Ideen gern vom Leibe bleiben. Da hilf Religion und beten dann weit mehr.

    • Lieber Rudi der Ratlose,

      Sie haben natürlich recht. Es geht im Grunde um das Privateigentum an Produktionsmitteln und dessen gewaltsame Durchsetzung durch das Exekutiv- und Propaganda-Instrument der herrschenden Klasse, den Staat. Aber ganz bestimmt haben Sie keine anderen Beiträge von mir gelesen. Ich habe diese Frage so oft gestellt, dass ich es nicht mehr zählen kann – in Beiträgen hier und anderswo und auf der Straße natürlich auch.

      Nur da sind wir bei dem Problem, dass vielleicht auch dezidiert aus obigem Beitrag herauszulesen ist: Es wird von den allermeisten nicht verstanden. Mehr noch: Viele wehren die Argumente mit Händen und Füßen ab. Obwohl wir es alle live erleben können, was passiert, wie es geschieht. Da kommt nur bei heraus, dass ich beschimpft werde, als „Linksversiffte“, „Ewiggestrige“, „Krawallmacherin“, oder sogar als „Menschenfeindin“, weil ich ja die „armen Reichen“ so böse verunglimpfe. Nicht, dass ich mich persönlich angegriffen fühlen würde durch so etwas. Aber es kann einen schon zur Verzweiflung treiben.

      Und dieses Dilemma geht, würde ich mal kühn behaupten, auch aus obigem Beitrag hervor: Die totale Anpassung der Massen an das System aus beherrscht werden und Herrschen. Es geschieht unbewusst. Viele halten sich für „Aktivisten“, weil sie Merkel kritisieren. Dabei merken sie nicht, dass Merkel nur eine gut bezahlte Figur im Spiel ist, die zufällig den Oberkasper gibt. Aber ohne die Millionen anderen Figuren, die – logischerweise mit gutem Geld dafür bestochen – in Behörden arbeiten und Befehle ausführen, zum Teil die Waffen des Staats auf uns richten, und auch ohne die, die ihre Arbeitskraft freiwillig für den berühmten Appel und ´n Ei verkaufen, würde eine Merkel gar nix ausrichten können. Und der Kopf der Hydra wächst schließlich nach. Die opportunistische Befehlselite als Verteidiger der herrschenden Klasse zieht schließlich ihre Sprößlinge nach und richtet sie passend ab.

      Also ich bin die falsche Adresse, wirklich. :o) Und von mangelndem Mut ist mein Verhalten nun auch nicht gerade geprägt. Aber ich verstehe Ihren Unmut und teile ihn.

      Herzliche Grüße

    • Liebe Frau Bohnath,

      ich lese Ihre Beiträge wirklich gern. Sie sind klarer als vieles andere, was man heuern so zu lesen bekommt. Und auch Mutlosigkeit etc. pp. Ihnen vorzuwerfen, liegt mir mehr als fern. Die Kritik haben Sie aber voll in die falsche Kehle bekommen.

      Ich glaube aber, bei alledem existiert trotzdem ein großes Problem: Mit Überzeugungsarbeit allein und zu förderst ist da nichts zu machen. Intellektuellen mag es ja so scheinen, als ob erst im Kopf alles bis zum Letzten klar sein müsse, ehe richtiges Handeln folgen kann. Aber so funktional geht das nicht. Man mag ja laut rufen, „ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis!“ und sogar ganz allgemein Recht damit haben. Nur ist das Leben kein theoretisches Symposium. Überzeugen Sie mal zwei, die bei der Tafel anstehen, sich das letzte Stück zu teilen. Das mag ein oder zwei Mal klappen. Dann hat es sich erledigt und die Balgerei geht wieder los. Solange man für Ordnung im System sorgen will, und hofft, die Leute würden was daraus lernen, steht man auf verlorenem Posten. Die Leute müssen ihren Bauch vollkriegen und auf diese Moral herabzublicken, ist sehr blasiert. Dass muss man schon so akzeptieren, wie es ist. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um das zu kapieren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

      Bleibt die Frage: Was tun? (Kommt Ihnen die Frage aus der Literatur bekannt vor?)
      Es bedarf einer Organisation, die sich nicht an diesen moralischen Niedrigkeiten zerlegt, sondern das große Problem im Auge behält und dazu organisatorisch tätig wird, statt nur zu predigen.
      Eine Partei wie die Linke mit ihrem 160-Seiten-Wahlprogramm dient mit der dort formulierten Unzahl von Partial-Interessen doch nur als Trostpflaster und ist Tummelplatz von sehr illustren Leuten. „Es gehören hierher: Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art.“ (Auch das kommt Ihnen sicher bekannt vor und dann wissen Sie auch wo ich die Linke einstufe und woran es mir fehlt).

      Und je mehr ich das Ganze verstehe, desto weniger beteilige ich mich an Diskussionen. Leider fehlt es mir für das richtige Verhalten („Was auf die Beine stellen“) an Kraft, Jugend und vor allem an Gesundheit.
      Also wünsche ich Ihnen diese Dinge. Und vor allem: verzetteln Sie sich nicht!

    • Ob es wirklich so einfach ist, das sich die herrschenden opportunistischen Eliten ihren Nachwuchs heran führen?
      Ich habe meine Zweifel, da ich genügend Menschen in meinem Bekanntenkreis kenne, die ihre Kinder auf das Gymnasium schicken, und diese Kinder nun am Studieren sind. Was will ein junger Mensch machen, der sich der Juristerei verschrieben hat, was will einer machen der sich zum Pädagogen ausbilden lässt? Es läuft ja immer darauf hinaus, das man sich anpassen muss.
      Diese Anpassung an bestehende Regeln sind es ja, die einer Veränderung im Weg stehen.
      Ich schrieb ja schon vor einiger Zeit, über meinen Kampf mit der PKV.
      Vor Gericht stehe ich dann vor einem jungen Richte, und einer jungen Rechtsanwältin der Gegenseite. Sie sehen mich, 70 Jahre alt, der nun wirklich keinen Stunk machen will, Und man sieht die Verlegenheit in den Gesichtern, dieser jungen Menschen.
      Also gehe ich davon aus, dass sie sich wohl bewusst sind, dass ihr Handeln eigentlich unmoralisch ist, doch der Zwang eine bestehenden Verordnung lässt sie zurück zucken.
      Wahrscheinlich das selbe Phänomen wie im Milgram Experiment beschrieben.
      „Die da oben, werden es besser wissen wie ich kleines Licht am Amtsgericht.“
      Und so stiehlt sich jeder aus der Verantwortung. Sicher nicht, weil er einen miesen Charakter hat,
      aber weil man sich und seine Tätigkeit in Frage stellen müßte.

    • Lieber Socke4612,

      es ist noch viel einfacher. Die herrschenden Verhältnisse heißen darum so, weil sie alles beherrschen. Man kann ihnen nur punktuell entkommen. Und wenn man den richtigen Punkt, der was verändert, nicht trifft, rächt sich das böse.
      Schon in KITA und Schule begreift man, das individueller Widerstand meistens verpufft. Mehr noch: wer zuerst das Maul aufgerissen hat, ist am meisten dran. Und die anderen gucken zu. Das ist die praktische Form von „divide et impera“. Und die muss überwunden werden. Dazu muss man aber tatkräftig und selbst hart sein und sich aufs Wesentliche konzentrieren. Dann schafft man es auch, die Leute zusammenzukriegen.
      Wenn die Linke mit einem Folianten voll Forderungen zur Bundestagswahl zieht, macht sie dieses „teile und herrsche“ mit.

    • Nun, das ist ja mein ständiges Reden, was nutzen Wahlen, was verlasse ich mich auf andere, die es richten werden. Meine innere Einstellung hat unter diesem System einen Knaks bekommen.
      Ich werde kaltherziger. Mich öden mittlerweile alle sogenannten demokratischen Wege, der Meinungsäußerung an.
      Das ist leider auch der Weg, um eine Gesellschaft zu zerstören.
      Weg schauen und seinen Nächsten einfach ignorieren. Die neue Form des Zusammenlebens.
      Ich habe das Gefühl, es müssen erst mal sehr viele auf die Schnauze fallen, bevor sich etwas ändert.
      Leider steht am Ende solch einer Entwicklung wohl die blanke Wut, welche sich dann Bahn bricht.
      Hatten wir ja alles schon gehabt. Aber die Hinnhaltemechanismen werden immer suptieler.
      Es wird noch eine Zeit dauern, bis die kritische Masse erreicht ist.
      Dafür funktionieren die Angepassten zu gut und stellen sich den unter die Räder kommenden in den Weg.

  7. Es gibt nur den Krieg Reich gegen Arm.
    Die Spielwiese „Links gegen Rechts“ ist reines Schmierentheater das den Menschen, den 99,9%, den Durchblick verstellen soll.
    Was auch gelingt.
    Jede politische Diskussion, die sich statt an „Reich- Arm“, an „Links- Rechts“ orientiert, bestätigt die Herrschaftslogik unseres Systems.
    Die Herrschenden sind keine verirrten Philanthropen, die sich um das Wohl der Menschheit und Mutter Erde sorgen, nein, das sind knallharte berechnende Psychopathen, denen schon das Leben ihrer Kinder am A….. vorbei geht.
    Das zu verstehen, das sich bewusst zu machen, ist nicht ganz einfach, weil der „Normalmensch“ noch Reste des sozialen und altruistischen Denkens in sich trägt, z.B. die Tafelmitarbeiter, aber es muss gelingen, wenn die Menschheit überleben will.
    Erst von diesem Bewusstsein ausgehend, können wir folgerichtige Schlüsse ziehen.

    • Ja, es gibt nur den Krieg Reich gegen Arm. Alles andere bestätigt die Herrschaftslogik unseres Systems.
      „Die Herrschenden sind keine verirrten Philanthropen, die sich um das Wohl der Menschheit und Mutter Erde sorgen, nein, das sind knallharte berechnende Psychopathen, denen schon das Leben ihrer Kinder am A….. vorbei geht“

      Ja, Psychopathen die, wie fast alle in unserer Zivilisation, konditioniert sind in der Gier nach
      – Geld (Besitz)
      – Macht (über andere)
      (Nagib Machfus)
      und nach meiner Meinung ausserdem
      – Geltung, Ansehen, Prestige

  8. Wieder mal ein sehr guter Beitrag – danke, Frau Bonath!

    Es wäre wirklich schön, wenn der Mainstream mal die einfachsten Tatsachen zur Kenntnis nehmen würde. Aber wenn man von den Hartz-IV-Monstrositäten spricht wie den Sanktionen oder der Möglichkeit, die „Hartzer“ auf die Straße zu setzen, weil sie keine vom Amt als angemessen betrachtete Wohnung finden können, dann wird man noch immer groß angeschaut – bzw. heißt es dann aus dem Brustton der Überzeugung: Nein, nein, das könne ja nicht stimmen. So einfach gehe das nicht, da müsse schon gravierendes Fehlverhalten vorliegen…

  9. Eine Lösung könnte doch sein, dass die Regierung eines der reichsten Länder dieser Erde dafür sorgt, dass kein Mensch in diesem Land arm ist. Aber freilich hat die Regierung einen anderen Auftrag: dafür zu sorgen, dass einige Menschen in diesem Land reich oder sehr reich, sogar superreich sind. Diesen Auftrag erfüllt die Regierung zur vollsten Zufriedenheit — der Reichen. Dort wo jetzt nur noch deutsche Arme gespeist werden sollen, in Essen, ist gleichzeitig der Superreichtum zu Hause. Die Familie Albrecht, wohnhaft im Süden der Großstadt, besitzt mehr als 17 Milliarden Euro.

    Die Bundeskanzlerin hat mit ihrem Parteikollegen, dem Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen, telefoniert. Es ist nicht bekannt, ob in diesem Gespräch in Erwägung gezogen wurde, einen Teil des Oligarchenvermögens des Albrecht-Clans zur Speisung der Armen zu verwenden. Aber eher geht wohl ein Kamel durch ein Nadelöhr.“

    Aus:

    Mittwoch, 07. März 2018, 09:02 Uhr
    ~7 Minuten Lesezeit
    Der Parteienstaat
    Parteien, die großen Vereinfacher, sind wesentlicher Bestandteil der vorherrschenden Antidemokratie.
    von Patrick Münch

    (…)
    Demokratie als Illusion

    Durch diese Vorgänge wird in der Bevölkerung die Illusion einer lebendigen Demokratie wach gehalten, wobei den Bürgerinnen und Bürgern lediglich eine Zuschauerrolle eingeräumt wird. In Wahrheit verfolgen alle Parteien zuerst das Interesse, sich selbst, ihre eigene Organisation und Struktur zu festigen und auszubauen. Jede Partei ist ein hierarchisch strukturierter Machtapparat und verfolgt das Ziel, diese Macht zu vergrößern. Parteien sind organisch verfilzt mit dem staatlichen System und sind von diesem nicht zu trennen. Dadurch sind die Parteien ein integraler Bestandteil der strukturellen Antidemokratie.

    System der strukturellen Antidemokratie

    Die erste Aufgabe der Parteien ist, das System des Parlamentarismus zu erhalten und zu festigen, denn nur im Parlamentarismus haben sie überhaupt eine Existenzberechtigung. In einer echten Demokratie wären sie völlig überflüssig, weil die Menschen dann ihre eigenen Angelegenheiten in ihrem jeweiligen Interesse selbst regeln würden. Damit das niemals möglich wird, verteidigen alle Parteien die freiheitlich demokratische Grundordnung, also die strukturelle Antidemokratie. Das vorrangige Ziel des Parlamentarismus ist dabei, das kapitalistische Gesellschaftssystem vor jeder wirksamen Kritik abzuschirmen. Keine Partei darf gegen diese Grundregel verstoßen. Tut sie es doch, wird sie verboten, wie etwa die KPD im Jahr 1956.

    Das Ideologem der Legalität

    Über lange Jahre hinweg konnte sich durch die Wirksamkeit des Indoktrinationssystems das Ideologem in den Köpfen der Menschen verankern, dass nur das parlamentarische System ein rechtmäßiges und demokratisches Gesellschaftssystem sein kann. Alle anderen Alternativen, wie zum Beispiel eine Rätedemokratie, werden grundsätzlich ausgeschlossen. Jeder Versuch einer Änderung der Verhältnisse wird kriminalisiert und durch den Verfassungsschutz strafrechtlich verfolgt. Die geistige Herrschaft besteht darin, dass nur das bestehende Herrschaftsmodell legal sein darf, während alle Alternativen als illegal dargestellt werden. Eigentlich die beste Definition von Totalitarismus.
    https://www.rubikon.news/artikel/der-parteienstaat

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