Tagesdosis 13.1.2020 – Der Blick nach Frankreich (Podcast)

Ein Kommentar von Sean Henschel.

Kurz zum Status Quo in Frankreich. Die Streikenden und Demonstranten können sich fürs Erste über einen politischen Home Run freuen. Der französische Premierminister Édouard Philippe hat am 11. Januar 2020 angekündigt, die strittige Klausel über das Renteneintrittsalter vorerst aus dem Gesetzesentwurf herauszunehmen. Die Streiks und Demonstrationen über die Weihnachtszeit machten dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron schwer zu schaffen. Macron teilte im Dezember 2019 mit, auf seine Pension zu verzichten, in der Hoffnung, die wütenden Bürger zu besänftigen. In der Vergangenheit waren entsprechende politische Schachzüge zur Imageverbesserung beim amerikanischen Präsidenten Donald Trump erfolgversprechend gewesen. Dieser hatte beispielsweise am 18. März 2019 über Twitter verkünden lassen, er habe einen Teil seines Präsidentengehalts, eine Summe von hunderttausend Dollar, an das Department of Homeland Security, das Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten gespendet. Während Donald Trump genau weiß, wie er sich gegenüber seiner Wählerschaft verhalten soll und welche Marketing-Tricks er bei Gelegenheit zur Anwendung bringen muss, zeigt Emmanuel Macron vergleichsweise wenig Geschick.

Angesichts einer weiteren Eskalation des Konflikts sah sich der französische Präsident vermutlich gezwungen, die Maßnahme seines Premierministers als „konstruktiven Kompromiss“ zu kommentieren. Dieses politische Schachspiel fällt dem französischen Präsidenten gewiss nicht leicht. Bislang konnte Macron seine Schachopfer, falls diese überhaupt von der Gegenpartei angenommen wurden, nicht dazu nutzen, wirklich viel Zeit zu gewinnen. Die wütenden Citoyens werden auch diesmal die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. Sie werden den Druck auf die Regierung stetig erhöhen, um unmissverständlich klarzustellen, dass es kein Patt geben wird, sondern ein schmerzhaftes Schachmatt. Auch wenn Macron sich während des Studiums intensiv mit Machiavelli (Der Fürst) beschäftigt hat, hapert es offensichtlich noch bei der praktischen Umsetzung.

Die zähe Hartnäckigkeit, mit der ein Teil der französischen Bevölkerung sich gegen die Obrigkeit auflehnt, um der neoliberalen Doktrin eine klare Absage zu erteilen, ist in Paris deutlich spürbar. Der Bahnverkehr ist lahmgelegt und im Straßenverkehr droht das totale Chaos. Während der Weihnachtszeit konnten viele Pariser die Hauptstadt nicht verlassen.

In der deutschen Medienlandschaft findet man zahlreiche Beiträge zu den Protesten in Frankreich. Weshalb die deutsche Bevölkerung gegen die eigene Rentenpolitik nicht vermehrt auf die Straßen geht, wird im Zusammenhang mit den Protesten in Frankreich immer wieder gestellt. Wer beide Rentensysteme in Vergleich setzt, kommt schnell zum Ergebnis, dass die Franzosen in fast allen Aspekten besser gestellt werden. Das Rentenalter in Deutschland ist deutlich höher als in Frankreich, ebenso wie die Anzahl der Beitragsjahre. Überdies fällt die Durchschnittsrente in Deutschland niedriger aus. Anders ausgedrückt: In Frankreich arbeitet man weniger lange, zahlt weniger Jahre ein und kriegt am Ende sogar mehr Geld!

Die politische Beteiligung der französischen Bevölkerung ist ein sehr interessantes Thema. Das semipräsidentielle Regierungssystem wird in der breiten Öffentlichkeit selten zum Anlass genommen, umfassende Systemkritik zu üben und die Legitimationsfrage zu stellen. Die kritischen Bürger und Gewerkschaften sehen sich eher als Gegengewicht zum Präsidenten und seinen Ministern, denen man mit Protesten Einhalt geboten hat. In Frankreich fehlt das Vertrauen in eine dritte kontrollierende Instanz, wie in Deutschland das Bundesverfassungsgericht und Bundesverwaltungsgericht.  Warum dem so ist, hat historische Gründe und wurzelt unter anderem in der schlechten Erfahrung mit der französischen Justiz als Handlanger des Königs.

Das französische Schulsystem

Einen interessanten Anhaltspunkt für ein besseres Verständnis der kulturellen und politischen Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen liefert uns möglicherweise das französische Bildungssystem. Ob ein Kausalzusammenhang zwischen dem Bildungssystem und der Protestfreudigkeit der Franzosen herrscht, ist schwer zu beurteilen. Es lässt sich aber vermuten, dass das Bildungssystem seine Spuren hinterlassen hat und die Bildung einer gemeinsamen Mentalität zumindest gefördert hat. Frankreich ist ein Einheitsstaat, was auch die Zentralisierung des Bildungssystems zur Folge hat. Jeder Schüler lernt ein quasi identisches Schulprogramm kennen. Wer zum Beispiel in Zentralafrika auf ein Lycée Français zur Schule geht, liest dieselben Bücher und schreibt sogar im Brevet (ähnlich dem deutschen Realschulabschluss) oder im Baccalauréat (französisches Abitur) dieselben Klausuren wie ein Schüler auf dem Lycée Français in Paris oder Berlin. Die einheitlichen und zentralisierten Lerninhalte führen dazu, dass jeder Schüler, je nach erworbenem Schulabschluss und besuchten Schuljahren, quasi identische Aufgaben, Fragestellungen und eine typisch französische Arbeitsmethodik kennengelernt hat.

Das französische Schulsystem ist bis zur Oberstufe sehr konservativ und autoritär ausgestaltet und bietet verhältnismäßig wenig Raum für Widerspruch und Kritik. Während in deutschen Schulen ein interaktiver Austausch zwischen Lehrern und Schülern in allen Altersstufen angestrebt wird und Gruppenarbeiten einen integrativen Teil des Lernprozesses bilden, wird hingegen in französischen Schulen mehrheitlich auf Frontalunterricht gesetzt. In französischen Schulen ist es keineswegs unüblich, dass ein Schüler während einer Doppelstunde schweigt und widerspruchslos die Formeln und Sätze an der Tafel abschreibt. In den mittleren Stufen werden öfter ganze Unterrichtsinhalte zum Mitschreiben diktiert. Der intensive Lernstoff, das sogenannte „programme scolaire“ wird regelrecht vom Lehrpersonal als oberstes Ziel gehuldigt.

Der umfassende Lehrstoff lässt sich meistens nicht in der Schulzeit bewältigen, sodass die Schüler, zuhause angekommen, stets längere Hausaufgaben erledigen müssen, die im Umfang stark variieren, von kleinen Aufgaben zu größeren Hausarbeiten. Die Hausarbeiten werden in regelmäßigen Abständen eingesammelt und benotet. Wer seine Hausaufgaben nicht erledigt, wird in der Regel vom Lehrer verwarnt. Die Verwarnung erfolgt mit Hilfe einer Benachrichtigung der Eltern, in der schriftlich darauf hingewiesen wird, dass die Hausaufgaben nicht erledigt wurden. Dieses Schreiben muss in der darauffolgenden Unterrichtsstunde dem Lehrer unterschrieben vorgezeigt werden. Die Korrespondenz der Lehrer mit den Eltern erfolgt über ein besonderes Heft, das sogenannte „carnet de correspondance“, was jeder Schüler während der Schulzeit immer zur Verfügung haben muss.

Erst ab der Oberstufe, im Rahmen der Vorbereitung auf den Schulabschluss, wird das autonome Denken und das Artikulieren von abweichenden Meinungen zugelassen und gefördert. Im Grunde genommen geht das Bildungssystem von der Prämisse aus, dass ein Kind erst ab einem gewissen Alter selbst in der Lage ist einzuschätzen, was für ihn förderlich ist oder nicht. Dieser Ansicht nach, sollen Schüler langfristig besser abschneiden, wenn sie vorerst unwidersprochen den Lerninhalt pauken und sich die Arbeitsmethodik aneignen. Sich die französische Arbeitsmethodik anzueignen, bedeutet auf Formalitäten sehr viel wert zu legen. Die Auswahl des Schreibpapiers, des Schreibmittels (strikte Nutzung eines Füllers), die Anwendung der französischen Schreibschrift oder auch die vorgeschriebenen Absätze und Formvorschriften, die bei dem Verfassen von Aufsätzen streng einzuhalten sind, stellen einige Beispiele dar.

Pflichtlektüre zahlreicher Klassiker

Wer das französische Bildungssystem bis zum Baccalauréat verfolgt, kommt an der Lektüre zahlreicher Werke der klassischen Literatur nicht vorbei. Die Eltern bekommen meistens eine Liste von fünf bis zehn Büchern, die für das jeweilige Schuljahr gekauft werden müssen. Zudem haben französische Schulen üblicherweise zwei Bibliotheken, je nach Altersgruppen, in denen Bücher bestellt, ausgeliehen oder vor Ort gelesen werden können. Oftmals sind die Bibliotheken mit Computern ausgestattet. Es gibt regelmäßig gemeinsame Bibliotheksstunden, wo Schüler gemeinsam zusammenkommen um Recherchearbeiten zu machen. Es gibt ganze Referenzlisten mit hunderten von Büchern, die vom Französischen Bildungsministerium herausgegeben werden und als Richtlinie für eine gute Ausbildung dienen sollen.

In den niedrigen Klassenstufen liest man Fabeln, Erzählungen und zahlreiche französische und griechische Theaterstücke. In den mittleren Klassenstufen befasst man sich mit den französischen Klassikern und liest beispielsweise Zola, Hugo, Balzac, Maupassant, Gautier, Marivaux, Stendhal, De Troyes, Dumas, Flaubert, Verne und Mérimée.

In der Oberstufe im Pflichtfach Philosophie beschäftigt man sich weitergehend mit Montaigne, Montesquieu, Voltaire, Sartre, Camus und Rousseau. Wer seinen Schwerpunkt in der Oberstufe auf Literatur legt, wird sich darüber hinaus mit Autoren wie Senghor, Kundera, Gide, Thoreau oder Surrealisten wie André Breton auseinandersetzen.

Die gezwungenermaßene Konfrontation mit kritischer Literatur, allen voran den Naturalisten des 19. Jahrhunderts, sowie die Kenntnis historischer Ereignisse wie die Französische Revolution, hat möglicherweise im Erwachsenenalter einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Bereitschaft, soziale Missstände schneller anzusprechen und notfalls mit Gewalt zu bekämpfen. Auch wenn die ausführliche Beschäftigung mit dieser Materie in den meisten Fällen nur den sozial und ökonomisch Bessergestellten vergönnt bleibt, ist eine gemeinsame, mit der eigenen Geschichte verbundene Geisteshaltung in allen Gesellschaftsschichten wiederzufinden.

Andererseits darf man nicht außer Acht lassen, dass es auch einige Ereignisse in Frankreich gibt, die in der Schule wenig bis gar nicht hinterfragt werden und worüber ungern gesprochen wird. Angefangen bei den Eroberungskriegen von Napoleon, der französischen Kollaboration mit Nazi-Deutschland, dem Algerienkrieg, der imperialen Durchsetzung französischer Interessen auf dem afrikanischen Kontinent, der Nutzung der Kernenergie oder der atomaren Bewaffnung.

Die Geburtsstunde der französischen Intellektuellen als politische Aktivisten wird gerne mit dem offenen Brief „J’Accuse…!“ von Émile Zola an Félix Faurein der Zeitung L’Aurore in Verbindung gebracht. Zola hatte den Komplott gegen den jüdischen und elsässischen Offizier Alfred Dreyfus an die breite Öffentlichkeit gebracht und den Machtmissbrauch angeprangert.

Die oben erwähnte Schilderung des französischen Bildungssystems ist naturgemäß unvollständig und enthält zugegebenermaßen starke Verallgemeinerungen. Natürlich verbirgt sich hinter der Schilderung eine immanente Idealvorstellung französischer Bildungskultur, die den französischen Schülern ein kulturelles Erbe mit auf dem Weg geben soll und Möglichkeiten zur Hand, um die weiterführenden Lebensentscheidungen besser treffen zu können. Wer „La vie de ma mère!“ von Thierry Jonquet liest, bekommt schnell vor Augen geführt, dass das Schulsystem nicht alle aufzufangen vermag und der sozioökonomische Hintergrund für den späteren Lebensweg immer noch eine entscheidende Rolle spielt.

So wie die Franzosen ihren „französischen Protest“ ausgerufen haben, werden die Deutschen ihren eigenen „deutschen Protest“ ausrufen müssen. Wie eine politische Veränderung ermöglicht werden soll, hängt davon ab, ob man das politische System noch für reformierbar hält oder nicht. Diese Frage wird die deutsche Bevölkerung selbst beantworten müssen.

Es gibt viele Gründe, die deutsch-französische Freundschaft zu begrüßen. Ein auf Augenhöhe geführter Diskurs und Austausch zeigt langfristig bessere Ergebnisse, als die Förderung vorhandener Vorurteile. Die beachtlichen Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Franzosen sollten beide Gruppen zur Kenntnis nehmen und als kulturelle Bereicherung ansehen. Eine bessere Welt in der Zukunft benötigt eine bessere Zusammenarbeit in der Gegenwart.

Beide Bevölkerungsgruppen können sich auf einen Kanon gemeinsamer Grundwerte berufen, sollten dabei aber nicht vergessen, dass eine Kooperation verschiedener Kulturen nur fruchtbar bleibt, wenn die jeweilige Bevölkerungsgruppe sich der eigenen kulturellen Eigenschaften bewusst ist und in der Lage bleibt, klare Unterscheidungsmerkmale zu formulieren.

Die neoliberale Doktrin, die im angloamerikanischen Raum exemplarisch Verbreitung gefunden hat, hat ein leichtes Spiel, in Deutschland vermehrt Fuß zu fassen und sich als universelles Allheilmittel zu etablieren. Dies könnte auch mittelbar oder sogar unmittelbar darauf zurück zu führen sein, dass in Deutschland bis heute eine Angst herrscht, kulturelle Praktiken und vor allem Tugenden zu formulieren und darauf stolz zu sein, ohne gleich als Nationalist und Fremdenfeind bezeichnet zu werden.

Jede Kultur hat eine besondere Geschichte. Die eigene Kultur wird geprägt durch die Summe der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft, die selbst von Geburt an von der näheren Umgebung beeinflusst werden. Es ist die gesellschaftliche Umgebung, die über tausende Kleinigkeiten, bewusst und unbewusst, Heranwachsenden ein komplexes Bezugssystem bereitstellt. Aus diesem System heraus werden anschließend Werturteile und Interessen formuliert, die zur Grundlage einer gemeinsamen Geschichte werden und an die vorherige Geschichte der vorherigen Zivilisation anknüpft. Gesellschaften sind hochkomplex und jede ist in ihrer eigenen Art einzigartig. Sie haben alle eine Sprache, Kunst, wissenschaftliche Kenntnisse, eine Religion oder Weltanschauung, eine politische, ökonomische und soziale Ordnung. Was sie grundlegend unterscheidet, ist die Art und Weise, wie sie mit Herausforderungen und Problemen umgehen, wie sie ihre Werte in einem System kohärent zu vereinen vermögen.

Es gibt einiges an Ideen und Methoden der Problemlösung, die man aus Deutschland nach Frankreich bringen kann und umgekehrt.

Auf der Bildungsebene gibt es an diversen Schulen die Möglichkeit das deutsch-französische Abitur zu machen (AbiBac). Dieses Programm ermöglicht es, beide Schulsysteme und Kulturen kennenzulernen und am Ende ein deutsches Abitur und ein französisches Baccalauréat zu absolvieren.

Quellen:

  1. https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1107771030385426432/photo/1?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1107771030385426432&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fpolitik%2F2019-03%2Fdonald-trump-usa-praesidentengehalt-spende
  2. https://eduscol.education.fr/cid135424/lectures-a-l-ecole-des-listes-de-reference.html#lien0
  3. https://cache.media.eduscol.education.fr/file/Litterature/84/4/Cycle_2_Litterature_2013_MLFLF_1023844.pdf
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/J’accuse
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/AbiBac
  6. https://www.gouvernement.fr/sites/default/files/document/document/2020/01/courrier_partenaires_sociaux_11_janv_2020.pdf
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Semipräsidentielles_Regierungssystem 
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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis:  Mo Wu / Shutterstock

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