Tagesdosis 13.11.2019 – Der Mauerfall und die Wiedervereinigung (Podcast)

Eine fantastische Erzählung von Rüdiger Lenz.

Am 9. November 2019 stand ich am Brandenburger Tor in Berlin. Dort geschah etwas so Seltsames, davon muss ich euch berichten. An dem Tag, dreißig Jahre zuvor, fiel die Mauer, die durch ganz Deutschland verlief. Ich sah kleinere Autokorsos, Leute die sich in Gruppen zusammen taten und fröhlich waren, aber auch vereinzelt Demonstranten, die über die missliche Entwicklung dieser sogenannten Wiedervereinigung redeten. 

Und dann stand da ein Mann ganz alleine. Er stand bloß da und schaute sich um. Da es kalt war, trug er einen schönen Hut auf seinem Kopf. Er sah an sich sehr gut aus und war stilvoll gekleidet. In seinem Gesicht lag etwas unergründlich Liebevolles, etwas, dass ich als nicht von dieser Welt wahrnahm. Warum, das weiß ich nicht. Dann breitete dieser Mann seine Arme sanft aus und fing zu lächeln an. Seine Augen strahlten dabei so sehr und so tief, wie ich es noch bei keinem Menschen sehen und gleichzeitig auch fühlen konnte. Ich war wie elektrisiert und dachte mir, was geschieht da gerade mit dir? Dann fing er an zu sprechen, einfach so, ohne ein Mikrofon. Das, was er sagte, das erklang nicht von einer Ferne, denn ich stand gut zwanzig Meter von ihm entfernt. Seine Stimme erklang in meinem Kopf, so, als hätte ich Kopfhörer um meinen Kopf aufgesetzt. Ich sah mich um und bemerkte, dass es einigen genauso erging wie mir, und andere nahmen überhaupt gar keine Notiz von ihm. Wir aber standen wie elektrisiert und hörten ihm zu. 

Er sprach: Es gibt keine Mauern, die ihr einreißen könnt außer die Mauern, die in euch selbst liegen. Diese Mauern sind nicht meines Vaters Haus. Es sind die, die euch zu Waisen und Verirrten machten. Zu Obdachlosen der Liebe und Güte, von der ihr euch entfernt habt. Die Mauer ist groß und stark, die euch trennt und die euch zum Feind eures Nächsten gemacht hat. Sehet, aber der Nächste ist der Arm meines Vaters. Er liebt euch. Die Mauer ist stark und sie ist dicker geworden. Ich bin nun das dritte Mal von meinem lieben Vater gesandt. Das erste Mal habt ihr entschieden mich an ein Kreuz zu schlagen. Es war die Mehrheit, die das schrie und ihr würdet es eine demokratische Entscheidung nennen. Das zweite Mal kam der Großinquisitor vor ein paar Jahrhunderten im spanischen Sevilla zu mir und ließ mich gehen mit den Worten, dass er mich beim nächsten Mal verbrennen muss. Ihr könnt immer einen anderen schicken, doch wenn ihr selbst es nicht seid, der euch schickt, dann werdet ihr meines Vater Liebe nicht sehen, weil sie nicht in euch ist. So wie meines Vaters Licht durch mich lebt, so lebt es auch in euch. Die Mauer aber ist stark in euch. Nur wenn ihr sie fällt, nur dann werdet ihr mit meinem Vater wieder vereint sein. 

Der Mann breitete noch immer seine Arme aus und lächelte so, als wäre er nicht von dieser Welt. Ich schaute mich um und immer mehr Menschen hörten ihm zu. Einige filmten ihn mit ihren Smartphones oder Pads und sie schienen ganz erheitert dabei zu sein. Einem Pärchen, das nicht weit von mir stand, kullerten Tränen die Wangen entlang. 

Dann sprach er weiter in meinem Kopf: Wenn sie euch sagen, alles ist woanders und sie meinen dabei nicht bei euch und nicht in euch, so werden sie euch zuvorkommen und euch sagen, dass sie die Weisen und Wissenden sind. Sie werden euch von ihrem Reich erzählen und es wird nicht in euch sein. Nur wenn ihr euch selbst erkennt, werdet ihr erkannt werden und ihr werdet wissen, dass ihr die lebendigen Kinder unseres liebenden Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erkennt, so werdet ihr in allem in Armut leben, denn dann wird die Mauer eure Armut sein. Ihr dürft in mir keinen Propheten sehen, denn der Prophet wird in seinem Dorf nicht akzeptiert, wie kein Arzt seinen Bekannten heilen kann. Ihr müsst das alles auch in euch sehen, denn was aus seines Vaters Kraft ist, das ist immer auch gleich seines Vaters Kraft. Ihr seid die Prophetie, es gibt keine. Wenn ihr selbst den Frieden schließt mit euren Gleichen, dann wird der Fels verschwinden und das Meer wird aufgehen. Ihr seid das Meer und könnt Berge vergehen lassen, wenn ihr das Meer in euch seht. Doch die Mauer ist stark und dick in euch. Da draußen, da gibt es keine Mauern, denn mein Vater baute sie nie. Wer das ganze Leben kennt und jedes gesprochene Wort versteht, sich selbst aber nicht kennt und auch seine eigene Sprache nicht versteht, der kennt nicht das Leben und versteht auch keine Worte. Das, was nicht in euch ist, das wird euch töten. Das was ihr in euch habt, das wird euch retten, wenn ihr es selbst hervorgebracht habt. Wer ohne meines Vaters Liebe den Tag verbringt, der verbringt ihn in der Mauer, die dadurch immer stärker und dicker wird. Der Schatz, den ihr sucht und der nie vergeht, der seid ihr selbst, aber ihr sucht Schätze und grabt mit Panzern nach funkelndem Gold, damit euch warm ums Herz wird. Doch kein Gold bringt euch diesem Schatz nahe und kein wärmendes Herz liebt aus sich selbst heraus. Bis ihr die Mauer seid. Die Mauer ist nicht gefallen und die Vereinigung nicht vollzogen. Wer sich selbst findet, der steht über der Welt, darum, weil er versteht, dass er nicht aus anderem Leben gemacht ist, als aus des Vaters Leben selbst. Er ist das Leben und damit ist er ewig. Mein Vater ist ewig und wer auch immer fällt, fällt nie tiefer als in meines Vaters liebende Welt, die ewig ist. Wozu also diese Angst, die die Mauer erbaute und alles in euch trennte? Es gibt auf der ganzen Erde keine Mauer, die ihr einreißen könnt, außer jene, die ihr in euch gebaut habt. Reißt ihr sie nieder, so reißt ihr gleich alle Mauern ein.

Jetzt sah ich Mannschaftswagen der Polizei in die Richtung des Mannes fahren. Kurz vor ihm kamen zwei zu stehen und mehrere Polizisten stiegen aus und bildeten um diesen Mann einen kleinen Kreis, aus dem zwei Polizisten vortraten und zu ihm sprachen. Doch der Mann redete weiter, so, als sähe er die Polizisten, die vor ihm standen, gar nicht. Dann packten ihn drei und zwangen ihn in den Wagen. Doch just in dem Moment geschah es. Auf einem Mal wurde es für einen Bruchteil einer Sekunde sehr hell und ein leichter sehr schmaler Lichtstrahl erfasste den Mann. Vor den Augen der Polizisten verschwand er aus ihrer Umklammerung und löste sich in Luft auf. Die Polizisten waren aufgeregt und alle suchten die Umgebung ab, doch der Mann war weg, wie vom Erdboden verschluckt. Und dann hörte ich murmeln und Ah-Rufe von Passanten und sie kamen aufeinander zu und schauten in ihre Smartphones. Sie tauschten ihre von diesem Mann gefilmten Reden aus. Das fand ich merkwürdig, denn die Passanten blickten sich gegenseitig an, gestikulierten untereinander so, als seien sie allesamt fassungslos. Doch worüber, dachte ich. 

Dann ging ich zu ihnen und sah, was sie fassungslos machte. Jeder, der die Rede mit seinem Smartphone aufnahm, nahm eine andere Rede auf. Auch die Gesten des Mannes waren auf jedem Film andere. Ich bekam überall Gänsehaut, denn ich begriff, dass auch ich etwas anderes sah und hörte, als jeder von uns. Alle bekamen eine Botschaft, eine individuelle Botschaft und mir wurde immer klarer, dass dieser Mann wie in einem Hologramm gleichzeitig zu ungefähr dreißig Personen sprach. Wie ist das möglich? Ich schaute mich noch einmal um und ging dorthin, wo der Mann gestanden hatte. Aber nichts war von ihm zu sehen und die Polizisten waren allesamt noch damit beschäftigt, nicht zu verstehen, was da gerade vorging. 

Und dann hörte ich es in mir. Ich hörte diesen Mann in mir sprechen, aber nirgends war er zu sehen. Er sprach in mir und ich hörte unmittelbar neben mir die Menschen leicht aufschreien und verstand, dass auch sie eine Stimme hörten. Die Polizisten standen mit halb offenem Mund ebenfalls einfach da. Ich hörte folgenden Satz: Wann wird die Mauer in dir fallen? Sie wird nicht fallen, wenn du darauf wartest, dass sie andere niederreißen. Nirgends werden sie alle sagen: Sehet, dort reißen sie die Mauer ein! Sehet, dort ist es soweit! Das wird nicht geschehen. Meines Vaters Haus ist von eurer Mauer umgeben und um die ganze Erde ausgebreitet und die Menschen sehen diese Mauer nicht, weil sie in ihnen selbst liegt. Du kannst keine Steine zu einem Schutthaufen bringen und dann sagen: Das Werk ist vollbracht. Du kannst die Mauer nur einreißen, wenn Du dich mit meines Vaters Liebe wieder vereinst. Du bist diese Liebe, denn mein Vater brachte sie in Dich hinein. Doch die Mauer dort herum hast Du selbst gebaut. Erzähle den Menschen davon, was ich dir sagte und sage ihnen, dass mein Vater auch der ihre ist.

Dann verschwand die Stimme in mir und in allen Passanten, auch bei den Polizisten und wir schauten uns alle gegenseitig an, so als wäre ein Wunder durch uns alle hindurch gefahren. Wir kamen aufeinander zu und jeder sprach mit jedem. Auch die Polizisten sprachen mit allen und wir mit ihnen. Diesmal sagte die Stimme in meinem Kopf das Gleiche zu allen, zu denen sie sprach. Ich war sehr aufgeregt, so wie alle auch aufgeregt waren. Wir sprachen noch über eine Stunde darüber und ich verließ das Brandenburger Tor in Berlin, um zu meinem Auto zu gelangen und wieder nach Hause zu fahren. 

Zu Hause angelangt holte ich aus meinem Bücherregal das Thomas-Evangelium und lass darin, bis ich in einen tiefen Schlaf kam. Als ich wieder aufwachte, war der Traum noch frisch in meinem Gedächtnis und ich erinnerte mich an ihn. Ich träumte von der Musikgruppe Pink Floyd und ihrem Album The Wall. Seit diesem seltsamen Erlebnis mit dem Mann habe ich in Mauern nie wieder ihr Materielles allein angesehen. Ich denke immer wieder darüber nach, dass Mauern Trennlinien von uns sind, die uns voneinander trennen und das nur können, weil jeder einzelne Mauerstein einen lieblosen Menschen meint. Das wird niemand ändern oder einreißen können als jeder Stein für sich die Verbindung zum anderen Stein wiederfinden muss. Erst dann werden wir die vielen Häuser unseres Vaters wiederfinden, in denen wir als eine Menschheitsfamilie wiedervereint sind. 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: halisdonmez  / Shutterstock

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