Tagesdosis 13.7.2019 – Das Diktat der Masse

Wir leben in einer Anpassungsgesellschaft, in der wir statt auf unseren inneren Kompass nur noch auf die Mehrheit hören.

Von Deborah Ryszka.

„Verwirkliche dich selbst!“, lautet ein Mantra unserer Zeit, das wir sowohl im Berufsleben als auch in der Psycho-Szene wiederfinden. Doch gerade in diesem Drang nach Selbstverwirklichung sind die meisten Menschen Opportunisten. Sie tun es, weil es alle tun. Die Meinung und der Geschmack der Masse bestimmen unsere Orientierung. Überall versuchen wir uns mit den Mitteln der Selbstvermessung und Selbstoptimierung marktkonform zu machen. Digitale Technologien unterstützen diesen Prozess. Damit geben wir auch die Verantwortung für unser Leben ans Kollektiv ab. Wirkliche Individualität sieht anders aus.

Einerseits gibt es für das Individuum nichts Schlimmeres, als nicht authentisch zu sein, nicht sein eigenes, innerstes Selbst zu zelebrieren. Authentizität, das aus der Romantik stammende Ideal des Individualismus, ist für das Individuum der Ausdruck seiner Einzigartigkeit, Einmaligkeit, Besonderheit. Andererseits fühlt sich das kreischend selbstentblätternde Individuum als autonomes, unabhängig handelndes Wesen.

Für Georg Simmel, einem der Gründungsväter der Soziologie, machten Authentizität und Autonomie zwei Eigenschaften des Individualismus aus (1). Doch erst das ausgewogene Verhältnis von Autonomie, im Sinne von innerer Freiheit, der Ermöglichung einer individuellen Reflexionsfähigkeit und von Authentizität, der lebensgeschichtlichen Herausarbeitung der eigenen unverwechselbaren Eigenschaften, schaffe einen „gesunden“ Individualismus.

Gegenwärtig herrscht ein wahrer Hype um die Authentizität. Nicht authentisch zu sein, gleicht einer Sünde, fällt in die Kategorie eines gesellschaftlichen „No Go“.

Was früher der heilige Gral war, ist heute die Selbstoptimierung. Oder unverblümt gesprochen die Selbstausbeutung.

Der „neue Geist des Kapitalismus“ (2) wurde verinnerlicht, der äußere Zwang zum inneren transformiert, der Wille wurde auf Selbstausbeutung getrimmt.

Wer nicht Selbstfindungstrips und Therapeutensitzungen besucht, Techniken der Selbstvermessung und Selbstoptimierung benutzt, wird in die soziale Außenseiterecke gedrängt. Vielmehr entwickelt er Gefühle des Unbehagens und des Unwohlseins. Und weil der Selbstausbeuter nicht an ein Paradies im Jenseits glaubt, konzentriert er seine Schaffenskraft weiterhin auf seine Authentizität, oder was ihm als die „Verwirklichung“ des Selbst verkauft wird. Indem er sich dem gesellschaftlichen Willen beugt, meint er seinem wahren Selbst näher zu kommen.

Geschenkte Sicherheit und geraubte Autonomie

Was für den Drogensüchtigen Kokain, Heroin oder Speed sind, ist für den Selbstverwirklicher die Wärme der Herde. Sie bietet ihm Schutz, inmitten der Anderen fühlt er sich geborgen. Wie der „vom Affen Besessene“ redet auch er sich ein, nicht abhängig, sondern autonom zu sein. Das erleichtert das Gewissen immens. Oder schlimmer: er fühlt sich in dieser Rolle wohl. Weil er keine Verantwortung trägt, muss er die Folgen seiner Handlungen nicht berücksichtigen. Der Soziologe Zygmunt Bauman (3) sprach von einer „Adiaphorisierung“.

Dieses Abwälzen von Verantwortung auf Andere beobachtete bereits in den 1960er Jahren der Sozialpsychologe David Riesman. Er sprach vom „außengeleiteten“ Individuum, ohne eigenen Kompass, ohne eigene Werte und Prinzipien, dafür aber mit einer felsenfesten Orientierung an die Anderen. Sie sagen ihm, was es fühlen und denken, wie es denken und handeln soll. Die Herde, im Gewand des Fitnesstrackers, ruft: „Laufe täglich mindestens 200 Schritte, also läuft er mindestens so viel.“ Die Herde ruft: „Ernähre dich fleischlos!“, also ernährt er sich vegetarisch. Die Herde ruft: „Verwirkliche dich selbst!“, also verwirklicht er sich selbst. „Amen!“, entgegnet der Chor der Selbstverwirklicher. Das bedeutet aber nicht, dass persönliche Autonomie ohne soziale Einbettung eine Bedingung für individualistische Freiheit wäre. Vielmehr bedarf es eines ausgewogenen Verhältnisses von individueller Autonomie und Gruppenzugehörigkeit. Das Individuum ist weder abseits noch inmitten der Gruppe wirklich Individuum.

Verlust der Autonomie und gewonnene Anerkennung

Blieb den Leibeigenen früher nichts anderes übrig als sich ihrem Lehnsherrn zu unterwerfen, findet die Obrigkeitshörigkeit vor der Masse gegenwärtig aus freien Stücken statt. Das stille Ausführen ihrer Anweisungen, wider besseren Wissens und Gewissens.

Deswegen diagnostiziert der Psychiater Hans-Joachim Maaz (4) dem gegenwärtigen Individuum eine „Normopathie“, eine krankhafte soziale Anpassung.

Dass diese teilweise historisch bedingt ist, scheint Maaz zu vernachlässigen.

Bereits die Fürsten in Deutschland übernahmen den Schutz des Individuums, im Gegenzug für seine Autonomie. Der Bauer rackerte und ackerte auf seinem Feld, dafür verteidigte ihn sein Besitzer vor feindlichen Fürsten. Die deutsche Bürokratie in Kombination mit den zweckrationalen Zwängen der modernen Gesellschaft tut gegenwärtig ihr Übriges. Nicht umsonst prägte Max Weber (5) den Begriff vom „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“.

Doch Sicherheit ohne Freiheit ist wie Sklaverei. Früher schützte der Fürst das Individuum vor Kriegen, heute die Bürokratie vor der Eigenverantwortung und die Masse vor der sozialen Ausgrenzung. Der Sozialphilosoph Axel Honneth (6) würde sagen es gehe um einen „Kampf der Anerkennung“, als Individuum geachtet und respektiert, als „Quelle von legitimen Ansprüchen“ angesehen zu werden.

Dieser Kampf entstehe, sobald dem Individuum Anerkennung verweigert werde. Das kann in der Anerkennungssphäre der Liebe, des Rechts und der Wirtschaft geschehen. Letztendlich leidet das Individuum zunehmend, was in Ungerechtigkeit, Diskriminierung oder Ausgrenzung mündet. Nach dieser Logik erhält das Individuum nicht nur Sicherheit, sondern auch Anerkennung durch die Masse.

Digitale Technologien und Autonomieverlust

Wer WhatsApp, Twitter und Instagram nutzt, gehört zur Netzgemeinde. Obwohl er alleine mit dem Smartphone durch die Lande zieht, fühlt er sich im Netz geborgen, mit anderen verbunden. Ein WLan-Hotspot, „connection established“ und die „Netzfreunde“ sind da. Wer außerdem viele Likes und Klicks, Tweets und Follower hat, wird anerkannt. Und will immer mehr davon. Das Smartphone und die Rückmeldung aus der Netzwelt rücken folglich in den Lebensmittelpunkt. Automatisch streift der Blick jede Minute auf das Display, automatisch wandern die Gedanken zum zukünftigen Tweet und baldigem Like.

Für Reflexion ist hier wenig Platz. Alles muss schnell und nach Abruf erledigt werden. Ständiges Reisen, ständige Erreichbarkeit, ständige Selbstverwirklichung. Sie fördern Automatismen und ein bestimmtes Denksystem, das nach dem Sozialpsychologen Daniel Kahnemann, schnell, weitgehend mühelos und ohne willentliche Steuerung operiert. So wird Zeit gespart, aber der Wille bleibt hinten dran. Das ist fatal. Denn folgt man Augustinus, für den der Wille das Zentrum des menschlichen Geistes ausmacht, der unabhängig vom Verstand ist, lautet die Schlussfolgerung: Das Individuum ist zum willenlosen Knecht geworden. Geht man mit den Stoikern, für die der Wille ein vernünftiges Begehren darstellt, wird es noch dramatischer: nicht nur willenlos, sondern auch kopflos ist es geworden.

Wiedererlangung der Autonomie und Verwirklichung als Individuum

Wie einst der Bauer auf seine Autonomie verzichten musste, tut dies das gegenwärtige Individuum, aber aus freien Stücken. Der Authentizitätszirkel aus dem Diktat der Masse, in Kombination mit den digitalen Technologien, verführt das Individuum, auf sein autonomes Fühlen, Denken und Handeln zu verzichten.

Selbstverwirklichung als Selbstausbeutung plus Twitter gleicht zwar der Authentizität. Mit einem „gesunden“ Individualismus im Sinne Simmels, und in seiner Konsequenz mit einer individualistischen Freiheit, hat das wenig zu tun.

Ein Ausschnitt aus dem Film „Das Leben des Brian“, indem Brian zu einer großen Menschenmenge spricht, verdeutlicht diesen Gedanken:

Brian: „Ihr müsst niemandem folgen, Ihr müsst selbst denken, Ihr seid alle Individuen!“ Die Menge antwortet im Chor: „Ja, wir sind alle Individuen!“ Brian: „Ihr seid alle verschieden!“ Die Menge: „Ja, wir sind alle verschieden!“ Ein Zwischenruf aus der Menge: „Ich nicht!“

Quellen und Anmerkungen:

(1) Simmel, G. (1989). Individualismus (S. 267-274). In: Georg Simmel. Schriften zur Soziologie. Eine Auswahl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

(2) Boltanski, L. & Chiapello, E., Le Nouvel Esprit du Capitalisme. Der „neue Geist des Kapitalismus“, 1999, Gallimard, Paris.

(3) Bauman, Z. (2007). Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen. Hamburg: Hamburger Edition.

(4) Maaz, H.-J. (2017). Das falsche Leben: Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. München: Beck.

(5) Weber, M. (1922/1972), Wirtschaft und Gesellschaft, Mohr Tübingen

(6) Honneth, A., 2011, Verwilderungen: Kampf um Anerkennung im frühen 21. Jahrhundert. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 1-2/2011): Postdemokratie? (http://www.bpb.de(apuz/33577/verwilderungen-kampf-um-anerkennung-im-fruehen21-jahrhundert?p=all) (12.06.2019)

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Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

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Dieser Beitrag erschien am 12.07.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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13 Kommentare zu: “Tagesdosis 13.7.2019 – Das Diktat der Masse

  1. Sehr schön erläutert, vielen Dank! Zu Anfang beim Lesen dachte ich: Ich schreibe einen Kommentar und weise auf die Szene im „Leben des Brian“ hin – dann kam der Hinweis im Text selbst.
    Breszinski, der „ewige“ Präsidentenberater, soll einige Jahre vor seinem Tod gesagt haben, heutzutage sei es leichter, eine Million Menschen zu töten, als eine Million Menschen zu kontrollieren. Der grassierende Kollektivismus und die Einsaugung vieler einsamer Einzelner in die kollektive Scheinwärme des weltweiten Spinnennetzes unter Verlust real existierender verbindlicher Beziehungen sind daher wichtiger Bestandteil der Taktik der Elite. Da wir eigentlich starke schöpferische Wesen sind, war und ist der Weg, unseren Verstand so zu manipulieren, dass wir unserer Versklavung und dem Kollektivismus freiwillig zustimmen. Schon Goethes Faust muss dem Teufel ausdrücklich die Erlaubnis erteilen, ihn zu versklaven. Was nicht manipuliert werden kann, ist unser Herz – deswegen wird die Verbindung mit unserer Intuition nicht gefördert, sondern in 12 Jahren Schulbesuch aberzogen. Gleichzeitig lernen wir spätestens dort (bzw. schon in Krippe und Kita), dass wir nur klarkommen, wenn wir so sind wie alle.

  2. „Verwirkliche dich selbst.“
    Was ist Wirklichkeit und was ist das Selbst? Die Antwort darauf bleibt die Autorin schuldig. Und weil sie es vermeidet, die Begriffe zu definieren, kann sie frei assoziieren und zeigen, was sie schon alles gelesen hat. Wie praktisch.

    Die Masse hat noch nie irgend etwas diktiert. Die Masse wird benutzt, um zu diktieren.
    Wir erinnern uns, dass König Minos auf den Berg Dikta stieg, um von Zeus die göttlichen Gesetze für sein Volk zu empfangen. Daher wohl der Begriff Diktat. Das Diktat kommt immer von oben von einem Einzelnen für die Masse, der gesagt wird, was sie tun soll. Z. B. sich verwirklichen. Und wie bei einem Diktat üblich, gibt es dafür Anleitungen oder Apps.

    Die jüngere Geschichte zeigt, dass es Individuen braucht, um Massen zu lenken. Göbbels soll einmal gesagt haben, er spreche nicht zu den versammelten Menschen sondern zu dem „blauen Gaslicht“ über ihren Köpfen, also zur Gruppenseele.
    Bernays lenkte die Massen nach Belieben in jede gewünschte Richtung. Er war ein talentierter Dompteur und nutzte einfach deren Begierden und Triebe. Was ist der Mensch? Was unterscheidet ihn vom Tier?

    Individualität, wörtlich: Unteilbarkeit, setzt die Erkenntnis voraus, dass man selbst auf astraler Ebene eine Horde ist, wie Samuel Sagan einmal beschrieb. Wie soll ein Haufen von losen Persönlichkeitsanteilen unter dem Kitt eines „Ego“ einen eigenen Willen entwickeln?

    Wer aber sein Selbst erkannt hat, der hat sich damit schon verwirklicht. Er weiß, denn er hat erfahren, dass er Niemand und Jedermann ist, alles uns nichts und das gleichzeitig, weil Raum und Zeit und Tod Illusionen waren, die von ihm abfielen.
    Du kannst Dich in einer Sekunde verwirklichen, also dein wahres Wesen, Dein Selbst erkennen, wenn Du verstehst, dass es nichts zu tun, zu wissen, zu wollen gibt und alles loslässt. 🙂

    • Naja, irgendwie haben wir unsere individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften ja wohl schon mitbekommen, um damit etwas anzufangen, sprich: sie so sinnvoll wie möglich einzusetzen, bevor wir dann erleuchtet, bedürfnis- und leidenschaftslos ins ewige Nirwana eintreten;-)

    • @citoyen invisible
      Vermutlich ein Missverständnis. Verwirklichen kann sich der Mensch nur nach innen, nicht in der Welt. Wirken, also das Licht, das er fand leuchten lassen, soll er aber nach außen.
      Gemäß der Grundsatz: Vor der Erleuchtung: Stall ausmisten. Nach der Erleuchtung: Stall ausmisten.

  3. Man liest den Artikel und unweigerlich beschleicht einen das Gefühl: hier fehlt was … irgendwie ist es nicht rund … was hakt denn da?

    Und siehe da … könnte es sein, dass der Faktor „Gewalt“ fehlt? Und zwar gänzlich fehlt?

    Mit dem Faktor „Gewalt“ wird’s rund. Denn der „Landwirt“ vor 500 Jahren war genauso einer Art von „Gewalt“ ausgesetzt, wie die „Selbstoptimierer“ heute. Der sogenannte Bauer wäre entweder enteignet worden oder getötet oder einfach in die Schlacht geschickt. Wobei, die Söhne und am Ende der Bauer selbst wurden ja sowieso immer in die Kriege der Herrscher gezerrt. Ob frei willentlich aufgeputscht oder gezwungenermaßen. In der Selbstversorgung war der Bauer sicherlich wohl autark, wie sonst hätte er sich und seine Familie ernähren sollen. Fundamentales Eigentum war ihm sowieso versagt, da der Fürst, als Verwalter für den Kaiser als Verwalter für den Pope irgendwie höher in der Eigentumsideologie standen.

    Was ist denn heute freiwilliger?

    Bereits ab der Geburt wird jedem Kind die ganze Ideologie- & Gewaltsoße eingeimpft. Begonnen bei dem absurden Medizinwahn, über den Erziehungswahn bis hin zum Liberalismus-Wahn. Leistung wird heute genauso und identisch ab Geburt eingeimpft wie vor 100, 200 und 1000 Jahren. Geboren wird um zu leisten und zu dienen. Man „ver-dient“ ja schließlich seinen Ver-dienst. Man ver-dient sich seinen Urlaub, seinen Weiberabend, seinen Stammtisch, sein Gläschen Wein, seinen Moment der Ruhe und genauso ver-dient man sich seine sogenannte Individualität. Wenn sie in Form von Geld-wertem erfolgt, die Individualität, dann wächst der Status und die Anerkennung.

    Besteht also kein Unterschied zwischen der Traumatisierung vor 500 Jahren und heute? Scheinbar nicht. Denn Gewalt war schon immer geistig und physisch präsent. Nein zu sagen zur Masse, die im Taumel der gewaltsamen Hypnotisierung ihre Traumata zu synthetisieren versucht, bedeutet Untergang.

    Wobei es heute leichter ist als vor 500 Jahren. Heute gibts es schon zahlreiche Nein-Sager und Tuer.

    Hilfe, die helfende Hand, ein Vortanzen … das ist was potentielle Nein-Tuer benötigen.
    Den auf sie zeigenden Finger … wem dient dieser?

    • „Nein zu sagen zur Masse… bedeutet Untergang.“

      Wieso das denn? Wie kann man denn besser autonom und autark sein, also Individuum, als indem man ganz allein auf sich gestellt ist?

      Deswegen verstehe ich in dem – sonst sehr guten – Artikel nicht, warum das Individuum abseits der Gruppe nicht wirklich Individuum sein soll.

      Individuum in der Gruppe? Eine Gruppe entwickelt doch, sobald sie sich bildet, sofort ihre gruppendynamischen Prozesse. Und der wichtigste dieser Prozesse ist die Gruppenbildung selbst, das heißt, die Integration des Einzelnen in die Gruppe. Ohne solche Integration gibt es logischerweise keine Gruppe. Aber Integration geht nur, indem man das Individuum dazu bringt, sich zu integrieren und sich damit ein Stück weit selbst aufzugeben, eben ein Stück seiner Individualität aufzugeben. Das ist schlicht Gruppenzwang, richtig: Gewalt. Ver-Gewaltigung in Form von Gruppenzwang hat aber nie und nimmer mit Autonomie und Autarkie des Individuums zu tun, sondern ist das genaue Gegenteil davon.

      Eine andere Frage ist: wie hält man es aus, so allein auf sich gestellt zu sein. Tja, das muss man mit sich selbst ausmachen. Denn sonst: ab, ab, zurück in die Gruppe und kusch!

      Und wieder etwas anderes ist der tägliche pragmatische Kompromiss vieler: Individuum, aber nicht ohne auch ein bisschen Gruppe – oder umgekehrt.

    • Mir fällt hier eine Geschichte ein, die Thorwald Dethlefsen in einem seiner Vorträge erzählte.
      Ein Asket sitzt in seiner Höhle und meditiert. Schon seit Tagen. Da huscht ein Mäuschen herein und knabbert an seinen Strohsandalen. Der Asket wird wütend: „Verschwinde! Siehst du nicht, dass ich meditiere?“ Darauf die Maus erstaunt: „Du willst dich mit Gott vereinigen? Du kannst dich doch noch nicht mal mit mir einigen.“

    • Sich mit Gott VEReinigen ist etwas anderes als sich mit einem Angreifer einigen. Warum sollte ich und wie könnte ich mich mit einem Angreifer einigen, der mir etwas kaputt macht?

    • Viel geaendert hat sich nicht in den 500 Jahren. Nur dass der Bauer im Grunde noch Zugang zu basalen Existenzmitteln hatte. Im Vergleich kann der moderne Stadtmensch nur mittels bullshit-Jobs oder staatlichem Almosen existieren. Oder er waehlt die Freiheit auf der Parkbank oder unter der Bruecke, auch nicht so angenehm.

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