Tagesdosis 13.8.2018 – Der drohende Kapitalkollaps und die Angst der Profiteure (Podcast)

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Die technische Revolution ist eigentlich was Gutes. Maschinen und Computer nehmen uns die Arbeit ab. Doch in einer Wirtschaftsordnung, die auf Kapitalbesitz auf der einen und Lohnarbeit auf der anderen Seite basiert, führt das in die Krise. Der technische Fortschritt macht Millionen Lohnabhängige erwerbslos, abhängig und arm.

An systemischen Widersprüchen knabbern nicht nur die Armen, sondern auch die Großkapitalisten. Das spiegelt sich zum einen in der Politik der Industriestaaten in ihrem Sinne wieder. Sie stampfen einst mühsam erkämpfte Errungenschaften der Arbeitenden ein, beschneiden demokratische Rechte, errichten autoritäre Regimes. Zugleich deregulieren sie die Märkte und privatisieren die öffentliche Daseinsvorsorge. Im Volksmund spricht man auch von Neoliberalismus und Globalisierung. Zum anderen lohnt ein Blick auf das Großkapital.

Was könnte besser den Zustand der spätkapitalistischen Wirtschaft beschreiben, als die jüngsten Offenbarungen einer riesigen britischen Investmentfirma? Am 6. August 2018 warnte der Vorstandschef von RIT Capital Partners, Jacob Rothschild, im Halbjahresbericht des britischen Unternehmens mit einem Anlagevermögen von rund 3,7 Milliarden Dollar vor erheblichen Risiken in der Weltwirtschaft (1).

Besonders interessant wird es, wenn man sein Statement mit Aussagen und Prognosen in einer wissenschaftlichen Analyse vergleicht, die 150 Jahre alt ist. Es macht deutlich: Die wirtschaftliche Entwicklung hin zum drohenden Kapitalkollaps kommt keineswegs unerwartet. Ein Vergleich:

Der RIT-Chef erklärte also jüngst: »Wir sind jedoch weiterhin der Ansicht, dass dies kein geeigneter Zeitpunkt ist, das Risiko zu erhöhen. Die aktuellen Aktienmarktbewertungen sind nach historischen Maßstäben weiterhin zu hoch, überhöht durch Jahre niedriger Zinssätze und der Politik der quantitativen Lockerung, die nun zu Ende geht. (…) Unter diesen Umständen besteht unsere Politik darin, unser begrenztes Engagement in börsennotierten Aktien  zwar aufrecht zu erhalten, aber neue Verpflichtungen mit großer Vorsicht einzugehen.«

Man kann es in etwa so übersetzen: Teile des Kapitals seien überbewertet, also teilweise überflüssig. Sie bildeten ein Risiko für Verlustgeschäfte. Zwar will das Investmentunternehmen seine aktuellen Beteiligungen noch erhalten, aber Investitionen in wahrscheinlich verlustbringendes, also überflüssiges Kapital vermeiden.

Karl Marx und Friedrich Engels prognostizieren im dritten Band ihres Werks »Das Kapital« genau diese Folgen der kapitalistischen Produktion. Danach führt der technische Fortschritt zum Abbau variablen Kapitals, also von Arbeitskraft, und zu deren Ersatz mit konstantem Kapital, also Maschinen. Dies lasse die Profitrate sinken, da sich der Profit nur aus dem von menschlicher Arbeit abgeschöpften Mehrwert generiert.

Verständlicher wird das, wenn man folgendes – wenn wohl auch nie vollständig eintretendes – Extremszenario betrachtet: Maschinen würden eines Tages komplett die menschliche Arbeit ersetzen. Dann wäre nicht nur der Mensch überflüssig für den Kapitalverwertungsprozess, sondern auch das Kapital selbst. Denn die Besitzer des nunmehr ausschließlich konstanten Kapitals hätten kein Interesse mehr daran, Menschenleben zum Zwecke der Profitproduktion durch Arbeit zu erhalten. Somit verschwände der Sinn für die Massenproduktion. Mit all den Waren müssten sonst unproduktive Menschen am Leben erhalten werden. Das Kapital würde innerhalb der Grenzen des kapitalistischen Verstandes nur noch Verluste einfahren.

Zitieren wir also Marx und Engels wörtlich zum Thema des wachsenden Anteils an überflüssigem  Kapital: »In der Wirklichkeit würde sich die Sache so darstellen, dass ein Teil des Kapitals ganz oder teilweise brachläge (weil es erst das schon fungierende Kapital aus seiner Position verdrängen müsste, um sich überhaupt zu verwerten), und der andere Teil durch den Druck des unbeschäftigten oder halbbeschäftigten Kapitals sich zu niedrer Profitrate  verwerten würde.«

Zurück zum RIT-Chairman, der im Halbjahresbericht seines Unternehmens die Ziele steckt: »Private Investitionen, insbesondere im Technologiebereich, leisten einen nützlichen Beitrag. (…) In diesem Zusammenhang sind wir uns des wirtschaftlichen Potential in Asien, insbesondere China, sowie der Fortschritte bei Innovation und Technologie bewusst.«

Hier stellt er klar: Die Entwicklung geht weg vom variablen Kapital (Arbeitskraft) hin zum konstanten Kapital (Technologie). Gegen den daraus resultierenden tendenziellen Fall der Profitrate will er weiterhin mit exorbitantem Wirtschaftswachstum, also Akkumulation, halten. So handhaben es die Kapitaleigner seit jeher.

Marx und Engels sahen das Szenario schon Ende des 19. Jahrhunderts voraus: Wörtlich heißt es im Kapital: »Die Profitrate fällt nicht, weil die Arbeit unproduktiver wird, sondern weil sie produktiver wird. (…) Die Akkumulation ihrerseits beschleunigt den Fall der Profitrate, sofern mit ihr die Konzentration der Arbeiten auf großer Stufenleiter und damit eine höhere Zusammensetzung des Kapitals gegeben ist.« Mit höherer Zusammensetzung meinen die Autoren mehr Produktionsmittel, weniger Arbeitskraft.

Bemerkenswert ist noch etwas anderes: In den elitären Kreisen der Großkapitalisten geht offenbar die Angst um. Man sorgt sich nicht nur darum, die Kontrolle über Kapitale zu verlieren, die Eigner versuchen, der Verwertung mehr oder weniger zu entziehen, was zu verschärfter Konkurrenz auch bei der Verteilung der vermehrt zu erwartenden Verluste führt. Sie fürchten offenbar ebenso, die Macht über den Teil der Bevölkerung zu verlieren, der in zunehmendem Maße für den Produktionsprozess überflüssig wird.

So schreibt der RIT-Chef: »Wir sind weiterhin besorgt über geopolitische Probleme, wie den Brexit, Nordkorea und den nahen Osten zu einer Zeit, in der sich der Populismus weltweit ausbreitet.«

Marx und Engels fassten die Aussagen der heutigen Großkapitalisten in ihren Prognosen schon damals bestens zusammen: »… soweit die Rate der Verwertung des Gesamtkapitals, die Profitrate, der Stachel der kapitalistischen Produktion ist (wie die Verwertung des Kapitals ihr einziger Zweck), verlangsamt ihr Fall die Bildung neuer selbständiger Kapitale und erscheint so als bedrohlich für die Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses; er befördert Überproduktion, Spekulation, Krisen, überflüssiges Kapital neben überflüssiger Bevölkerung.«

Der RIT-Chairman ist nicht der einzige aus seinem Club, der die Megakrise schon vor Augen sieht. Erst im Juli gab der Internationale Währungsfonds (IWF) eine ähnliche Prognose ab. Ungeachtet eines »weiterhin strammen Wirtschaftswachstums« warnte er vor »erheblichen Konjunkturrisiken«. Der IWF macht für die »zunehmenden Probleme in der Weltwirtschaft« vor allem »die demografische Entwicklung« verantwortlich (2), (3). Die Experten meinen nichts anderes, als den wachsenden Bevölkerungsanteil, der für den Kapitalverwertungsprozess überflüssig wird.

Quellen

  1. http://www.ritcap.com/sites/default/files/250490%20RIT%20R%26A%20Interim%20HiRes%20WEB.pdf
  2. https://www.welt.de/wirtschaft/article175544360/IWF-Eine-duestere-Prognose-fuer-unseren-kuenftigen-Wohlstand.html
  3. https://www.wiwo.de/politik/ausland/iwf-probleme-der-weltwirtschaft-nehmen-zu/22806582.html

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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