Tagesdosis 13.9.2018 – ESC, BDS und Adidas

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Dass es unmittelbare Zusammenhänge zwischen außen, sowie innenpolitischen Ereignissen gibt und sich daraus Stimmungen in individuellen Bevölkerungsgruppen entwickeln, bzw. festigen, will von einem Großteil der Medien nicht erkannt oder schlimmer den Bürgern schlicht nicht erklärt oder vermittelt werden.

Man spielt den Ahnungslosen, den Schockierten über Ereignisse und Gemütslagen in diesem Land. Woher diese Wut, wurde in den letzten Wochen des öfteren medial gerätselt? Die Hautevolee unseres Landes, bestehend aus Mediengestaltern, Politikern, Künstlern und sogenannte Intellektuellen, ist zutiefst beunruhigt über vermeintliche Tendenzen.

Ein Professor für Geschichte im 20. Jahrhundert muss die Spiegel Leser unter folgender Überschrift beruhigen: Droht Deutschland ein neues 1933?. Der Artikel startet wie folgt: Höcke ist nicht Hitler, die AfD keine NSDAP. Dennoch wird Chemnitz mit der Machtübernahme der Nazis verglichen. Fünf Aspekte dazu, die den Blick auf die Gegenwart schärfen.(1)

Der Schauspieler Burghart Klaußner antwortet in einem aktuellen Interview in der Berliner Zeitung auf die Behauptung: …es gibt ja Leute, die sagen, man könne wegen Trump nicht mehr in die USA fahren…mit folgender Sorge: Vielleicht sollte man überlegen, ob man denn noch nach Deutschland fahren kann, angesichts der Entwicklung nach rechts, gerade in Chemnitz.(2). Bei beiden Artikeln war mein erster Gedanke: Geht’s noch?

These: es gibt die deutsche Außenpolitik seit 1990. Haben real existierende Ausländerfeindlichkeit, Angst vor Überfremdung, Islamophobie, Rechtsradikalismus irgendwelche existentiellen Kapitel, Wurzeln im Regiebuch der Ereignisse?

Die Chronik antisemitischer Vorfälle im Jahre 2018 in Deutschland zeigt uns folgende Statistik: 132 Vorfälle nach Bundesländern sortiert, davon 39 in Ostdeutschland und 44 in Westdeutschland. 49 Vorfälle sind führend aus Berlin gemeldet. Lisa Fitz wurde separat von der Amadeus Antonio Stiftung tatsächlich als antisemitischer Vorfall gelistet: 26.01.2018, Kabarettistin veröffentlicht antisemitisches Lied. Neben dem Hauptphänomen von sog. Antisemitischen Schmierereien, bzw. Sachbeschädigungen findet sich u.a: 24.03.2018, In der U-Bahn antisemitisches Lied gesungen. 03.04.2018, Taxifahrer äußert antisemitische Verschwörungsmythen. 12.04.2018, Antisemitische Äußerungen vom Steuerberater. 18.04.2018, Autofahrer mit Kippa antisemitisch beschimpft und mehrfach ausgebremst. 07.06.2018, Antisemitischer Monolog in einer Pizzeria. 24.03.2018, Mädchen von Mitschülern aus antisemitischen Motiven bedroht.

Was auffällt, es wird nicht differenziert. Es wird dieser Tage vermehrt von einem auflebenden Antisemitismus in diesem Land gesprochen. Ist es ein alter deutscher Antisemitismus, ein neuer arabischer Antisemitismus, umgekehrt, oder eine Mischform? Darf man das überhaupt so trennen, bzw. darstellen? Es finden sich in der Auflistung auch folgende Ereignisse: 01.05.2018, Dämonisierung Israels bei DGB-Kundgebung. 08.03.2018, Israelischer Messestand ist Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen. 09.06.2018, Antizionistischer Al-Quds-Tag: Marsch mit über 1.000 Teilnehmenden.(3)

These: ist der existierende Antisemitismus in Deutschland eine Folge der Israelischen Innen- und Außenpolitik. Stichwort Palästina? Ist Kritik an dieser Politik überhaupt Antisemitismus? Lisa Fitz als Künstlerin landete in der diesjährigen Antisemitismusliste für Deutschland. Der Guardian meldete am 07.09.2018: “Menschenrechtsverletzungen gegen Palästinenser”: Kulturschaffende fordern Absage von Eurovision Song Contest in Israel. Der Aufruf lautet: Wir, die Unterzeichnenden Künstler aus Europa und anderen Ländern der Welt, unterstützen den innigen Aufruf von Palästinensischen Künstlern, den kommenden ESC 2019 zu boykottieren / We, the undersigned artists from Europe and beyond, support the heartfelt appeal from Palestinian artists to boycott the Eurovision Song Contest 2019.(4)  Es folgt die Auflistung der unterstützenden Künstler. Ohne deutsche Beteiligung.

Bekanntere Namen lauten: Nick Seymour, Helmut Lotti, Aki Kaurismäki, Christy Moore, Luka Bloom, Mari Boine, Bugge Wesseltoft, Julie Christie, Brian Eno, Ken Loach und der seit Jahren an vorderster Front für die Rechte der Palästinenser kämpfende Roger Waters. Ein aktuelles Interview mit Waters findet sich unter folgendem Link(5).

Das Medienportal Meedia informiert dazu: Dutzende Kulturschaffende haben sich gegen die Ausrichtung des Eurovision Song Contest (ESC) in Israel ausgesprochen. Als Grund für den Boykottaufruf werden Menschenrechtsverletzungen des Landes gegen Palästinenser genannt und zu den Unterschreibern zählen der Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters und der britische Filmemacher Ken Loach. Der NDR kritisiert den Aufruf. Und weiter: Ähnliche Boykottaufrufe hatte es zuletzt auch in Deutschland gegeben. Dahinter steckt oft die pro-palästinensische und anti-israelische Initiative BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen). Die Rocklegende Roger Waters gilt als prominentester Fürsprecher von BDS. Ihm wird vorgeworfen, mit seiner harschen Kritik an Israels Regierung in Antisemitismus abzugleiten – er bestreitet den Vorwurf der antisemitischen Stimmungsmache. Mehrere ARD-Anstalten verzichteten darauf, Waters’ Deutschland-Konzerte im Juni diesen Jahres zu präsentieren.(6)

Wir lernen erneut. Israel Kritik = Antisemitismus Vorwurf = Berufsverbot. Kommt daher die Nichtbeteiligung deutscher Künstler bei diesem aktuellen ESC Boykott Aufruf? Karriere vor Statement, etwaig Berufsrisiko?

Recht unbemerkt, bzw. von den deutschen Medien nicht kommuniziert, gab es im Juli diesen Jahres die Aufforderung an das deutsche Sportunternehmen adidas die Unterstützung israelischer Fussballvereine auf besetzten palästinensischen Gebieten einzustellen.(7). Meine Fragen an das Unternehmen lauteten:

  1. Bestätigen Sie, dass das Unternehmen adidas den Sponsoren Vertrag mit dem israelischen Fussballverband (IFA) eingestellt hat?
  2. Wann wurde das Sponsoring eingestellt?
  3. Bezieht sich die Beendigung der Sponsoren Verträge auf ganz Israel oder nur auf die unterstützten Mannschaften in den illegalen israelischen Siedlungen?
  4. Mit welcher Begründung hat das Unternehmen adidas das Sponsoring eingestellt?
  5. Ist die etwaige Wiederaufnahme des Sponsorings durch das Unternehmen adidas mit dem israelischen Fussballverband (IFA) an Bedingungen geknüpft?

Die sehr knapp gehaltene Antwort des Unternehmens lautete: Wir können bestätigen, dass der bestehende Vertrag nicht über die vereinbarte Laufzeit verlängert wurde. Diese Entscheidung wurde auf Basis geschäftlicher Überlegungen getroffen. adidas dankt dem Israelischen Fußballverband für die Zusammenarbeit und wünscht ihm weiterhin viel Erfolg.

Auf die Bitte die Antworten etwas zu präzisieren kam folgende Mail: Der Vertrag ist zum 30.6.2018 ausgelaufen. Als Teil unserer Strategie ‚Creating the New‘ fokussieren wir uns verstärkt auf einzelne Athleten sowie auf ausgewählte Top Clubs und Verbände weltweit. In Israel arbeiten wir unter anderem mit Spielern wie Tomer Hemed, Bibars Natcho, Eliran Atar, Idan Vered oder Hanan Maman zusammen.

Die deutsche BDS Seite informiert: Nach einer weltweiten Kampagne sponsert adidas keine Fußballmannschaften mehr in illegalen israelischen Siedlungen. Palästinenser*innen fordern neuen Sponsor Puma auf, seine Komplizenschaft bei Israels Verletzungen des Völkerrechts zu beenden. Die palästinensische Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott Israels begrüßt die Nachricht, dass adidas den israelischen Fußballverband (IFA) nicht mehr sponsert.(8)

These: Vorurteile können nur über Wissen abgebaut werden. Dieses erlangt man durch Informationen, Erklärungen und Fakten. Werden diese vorenthalten oder wissentlich falsch dargestellt folgen Gerüchte, Halbwahrheiten. Gefühltes Wissen. So entstehen Stimmungen, die dem Gemeinwesen schaden und Menschen voneinander entfernen, anstatt sie friedvoll miteinander leben zulassen.

Quellen

  1. https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2018-09/chemnitz-weimarer-republik-nazizeit-vergleich-rechtsextremismus
  2. https://www.berliner-zeitung.de/kultur/literatur/autor-burghart-klaussner–wir-sind-verloren–wenn-wir-nicht-dagegen-angehen–31236470
  3. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/themen/gegen-as/antisemitismus-heute/chronik-antisemitischer-vorfaelle-2018/
  4. https://www.theguardian.com/tv-and-radio/2018/sep/07/boycott-eurovision-song-contest-hosted-by-israel
  5. https://www.youtube.com/watch?v=jZEC6xfBcPM
  6. https://meedia.de/2018/09/10/menschenrechtsverletzungen-gegen-palaestinenser-kulturschaffende-fordern-absage-von-esc-in-israel/
  7. https://bdsmovement.net/news/palestinian-football-clubs-adidas-end-sponsorship-israeli-settlement-teams
  8. http://bds-kampagne.de/2018/07/31/team-justice-trifft-adidas-unterstuetzt-nicht-laenger-den-israelischen-fussballverband/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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4 Kommentare zu: “Tagesdosis 13.9.2018 – ESC, BDS und Adidas

  1. Danke Herr Loyen!
    Vorurteile über Wissen abbauen…aber wenn man erst mal weiß, was geschichtlich oder verhaltensbedingt zu Vorurteilen geführt haben könnte, dann weiß man, warum man gewisse Religions- und Auserwähltenvereine sowie Menschen anderer „Kulturkreise“ nicht mag. Was aber nicht heißen muss, dass man sie verachtet oder sogar anhasst. Das wird gern von den jeweiligen betroffenen Bevorurteilten als Rassismuskeule gegenüber uns hier mißbraucht! Für eine gesunde Ablehnung oder Vorsicht gegenüber Fremdem (ja-dem, allgemein) ist reiner Instinkt. Was unsere Medien und die Politikdarsteller eigennützig daraus zaubern oder unsere „Freunde“ übern großen Teich damit planen ist eine völlig andere Geschichte! Wir hier müssen uns nicht für alles entschuldigen oder vorauseilende Demut zeigen!!! Sagen wir frei raus, wen und warum wir nicht mögen!

  2. Die Kampagne ist der letzte Dreck, weil sie Unmündige trifft, die damit noch mehr in die Hände des zionistischen Nationalismus hineingetrieben werden. Wenn etwas die Situation bessern könnte, dann die Israelis selber, in dem sie gegen ihren scheiß Staat und das sie als Kanonfutter nutzende Militarismus bestreiken. Ein politischer Generalstreik gegen den israelischen Staat selbst wäre eine Möglichkeit – der muss aber so orgnaisiert sein, dass die Israelis nicht dafür hungern müssen – sie müssten sich schon gut drauf vorbereiten, aber im Grunde muss es von Innen kommen und in der Gegenwehr gegen den israelischen Staat liegt eine große Chance: Juden und Muslime, die Seite an Seite ein Regime ablehnen, dass sie zu Feinden gemacht hat, könnten ein erstes Begegnen sein, im Kampf gegen die Menschenfeinde.
    Aber wie gesagt… das muss von Innen kommen – Sanktionen, die man bei Trump verachtet, muss man auch in diesem Fall ächten.
    Denn den Israelischen Nationalismus schürt man ja nur, wenn man große Mengen Menschen trifft. Deshalb muss man es ganz anders anstellen.
    Man muss nach dort gehen und ein Netzwerk von Vereinen und Gruppierungen aufbauen, die eine Wende wollen und eine gute Idee zur Befriedung haben.
    Dann muss man eine Zielvorstellung entwickeln, die das Netzwerk mitträgt. Dann kann man dieses Netzwerk in der Verfolgung dieser Lösung UNTERSTÜTZEN. Aber bekämpfen das geht nur zugunsten der Herrschenden, die dann sagen: Seht, wir sind umringt von Feinden und müssen uns noch mehr „verteidigen“….
    Ich kannte mal eine junge, kämpferische Israelin, die in Deutschland eine Vortragsreise gemacht hat. Sie war bei einem Netzwerk, das Anarchists against the wall hieß. Die waren gut und haben mit allen anderen Menschen zusammengearbeitet. Leider wurden sie bestimmt mittlerweile liquidiert…aber das wäre so eine Organisation, bei der man davon ausgehen kann, dass sie nicht nur gegen den israelischen Staat kämpfen, sondern auch eine andere zu Denken einzuführen versuchen, die die Menschen einander näher zu bringen trachtet. Durch sie selbst – nicht durch die „Entwicklungshilfe“ aus Europa… die brauchen auch die Israelis nicht – die deutsche Uboot-Entwicklungshilfe kam ihnen schon nicht zu Gute….
    Also lieber mal hin fahren und mit den Menschen reden – als ob es keine Israelis geben würde, die klar im Kopf sind und gegen den zionistischen Militarismus eintreten. Die kann man dann unterstützen – das fände ich wesentlich besser als diese bescheuerte Kampagne, die einfach nur rigoros und dumm ist, weil sie nichts aufbaut und damit nur der Reaktion dient.

  3. „Antisemitismus“ ist zu einem Allerweltsbegriff geworden, mit dem jeder diffamiert wird, der die Politik des Zionistenstaates verurteilt. Darüber hinaus werden mit dem Begriff auch solche Leute belegt, die irgendwie vom propagierten Mainstream abweichen, selbst wenn es gar nicht um Juden geht. Wer aus der Reihe tanzt, ist automatisch auch „Antisemit“ und natürlich ein „Verschwörungstheoretiker“.

    Meiner Meinung nach gibt es in Deutschland kaum noch „echten“ Antisemitismus, wie er im 19. Jahrhundert aufkam. Wer liest denn noch Treitschke, Wagner, Lueger und Marr (oder Hitler, Rosenberg und Feder) und gründet seine Meinung über Juden darauf? Ein paar Spinner (eingeschleuste Provokateure?) wird es immer geben, aber echten Antisemitismus sehe ich kaum. Mit einer Ausnahme:

    Bekanntlich gibt es bei uns viele Erdogan-Anhänger – ihr wißt ja, die wunderbar „Integrierten“. Von denen höre ich des öfteren nicht nur antikurdische Äußerungen, sondern auch antijüdische, und dabei geht es keineswegs nur um Israel, sondern um die Juden als solche. Das ist vielleicht nicht der politische Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, sondern der übliche Antijadaismus, der auch schon vorher bestanden hatte. Jedenfalls sind das Töne, die ich von Deutschen so nicht höre.

  4. Danke an Bernhard Loyen für diesen aufklärenden Kommentar. Es gibt zwei Begriffe die absolut abgelutscht sind, weil sie viel zu häufig verwendet werden, Verschwörungstheoretiker und Antisemitismus. Ich unterscheide zwischen Juden und dem Staat Israel. Ich habe nichts gegen Juden, wohl aber gegen die Politik des Staates Israel.

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