Tagesdosis 14.2.2018 – Folie á deux, wenn der Wahnsinn ein Virus ist (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

„Zuerst die Erde, dann der Mensch.“

Grenzenlose Geldgier und ausufernder Egoismus heben die Welt aus ihren Angeln. Umweltkatastrophen gehen uns nicht mehr nahe genug. Die reichen Staaten vereinnahmen derzeit den Rest dieses blauen Planeten und nehmen sich, was ihnen nicht gehört. Niemand kann sie aufhalten, denn die NATO ist ihr Instrument. Weiterhin rauben die reichsten Staaten die Erde aus, plündern ihren Bauch und entziehen damit unseren Nachkommen immer mehr die Möglichkeiten, zum Überleben. Dabei entlassen sie Rauch und Gift in alle Himmelsrichtungen und glauben, dass diese nicht mehr zum Ursprungsort zurückfinden. Menschen beuten einander des Profit willens aus, Kinder werden als billige Lohnsklaven gehalten, Arbeitskräfte missbraucht und ausgebeutet, Politiker etablieren sich als Wachstumsbeschleuniger, das Gesundheitssystem verdient und dient der Krankheit und wir beschäftigen uns tagelang nur mit dem, was die Glotze und die Medien uns als ihre Wichtigkeit offeriert: Wer wird mit wem die kommende Regierung bilden? Wie zerfleischt sich gerade die SPD selbst und wie lange lässt die CDU den Hosenanzug noch das Land zerstören und Europa schwächen?

Andererseits junken sich Jungverdiener auf Facebook hoch: „Yeah, ich habe die monatliche 10.000 Euromarke erreicht, jetzt knacke ich die 20.000 Euromarke.“ Daumen hoch, sekundenschnelles Teilen und jubelnde Kommentare sind dann die Folge. Wohlstand ist ein Anspruch ohne Alternative. Wohlstand ist ein alternativloses Menschsein geworden. Luxus als Normalzustand. Normopathisches Selbstbeweihräuchern als grenzenloses Manifest hat längst den parlamentarischen Demokratismus aller Parteien infiziert. Weltweit scheint die Pandemie des Höher, Schneller und Weiter endlich angekommen zu sein. Unsere Gier ist unersättlich. Nirgends scheint sie halt zu machen. Sie radiert die Würde der Tiere aus, die Würde des Menschen ist dabei nur ein Hindernis, kein Stoppschild. Der Würde des Lebens ihr Garaus zu machen ist ihr Geschäft. Die Gier in uns ist jedoch nicht unser Verbrechen oder unsere Krankheit, an der viele leiden. Sie ist ein Symptom. Denn zunächst einmal erschafft die Gier eine fette Geldbörse. Diese beruhigt. Dann kommt mehr. Viel mehr und schwups, wandelt sich das viele Geld in Macht. Macht aber ist auch bloß ein Symptom. Macht ist eine Art Versicherung für noch mehr Sicherheit. Es ist die Sicherheit, sie ist die wahre Krankheit, an der fast alle Menschen leiden, ohne dieses direkt wahrzunehmen. Wer das feststellt, der muss auch auf die Gegenfrage gefasst sein: Warum wollen Menschen diese Sicherheit? Sind sie alle unsicher? Leider ist es so. Viele fühlen sich nur scheinbar hier auf diesem Planeten sicher. Doch in Wahrheit sind viele sich unsicher und kommen sich fast komplett verlassen auf diesem Planeten vor. Daher schufen einige von ihnen unsere größte und fundamental sicherste Vorstellung über diese Welt als Superversicherung auf unsere wahre Existenz: Die Religionen. Sie ist unsere Projektion in Sachen Sicherheit ganz allgemein. Hinter unserer Gier, der Sucht nach immer mehr, nach immer höher, schneller und weiter steckt unsere Sehnsucht nach Anerkennung verborgen. Wir wollen von Bedeutung sein. Wir wollen gesehen, gehört, eben anerkannt werden. Wir Männer wollen vereinzelt sogar Spuren für die Nachwelt hinterlassen.

Wenn ich in meinen Seminaren und Workshops die Teilnehmer bitte, etwas über den anderen Teilnehmer zu sagen, was er an ihr oder ihm schätzt, dann ist die Antwort komischerweise nie, „sein Smartphone, seine Uhr, das gelungene Facelifting, die berufliche Stellung oder ihre Brustvergrößerung. Sie schätzten eher die Empathiefähigkeit ihres Mitarbeiters, seine Art, zuhören zu können, den Humor, die Hilfsbereitschaft und manchmal ein liebes Lächeln.

In welchem Teufelskreis sind wir da eigentlich alle gefangen? Was ist denn der wertvollste Schatz, den wir tatsächlich besitzen, das wertvollste schlecht hin? Es sind unsere Kinder. Wertvoller als alle Edelsteine, als alles Gold der Welt, doch wir verkaufen sie, um nur einen einzigen Klumpen Gold selbst besitzen zu können. Das ist ein teuflischer Tausch! Wir verkaufen sie an die Strukturen, die Matrix unserer Gesellschaft. An die Gewohnheiten und Konditionierungen, die uns selbst zum Halse herauskommen. Wir schicken sie überall hin, nur damit sie werden wie wir.

Die Erde geht den Bach runter, doch wir sind dabei, das ganze Leben auf diesem Planeten sukzessive immer weiter auszulöschen. Wir werden von den unterschiedlichen Systemen der strukturellen Gewalt, unserer selbst erzeugten Destruktivität nämlich, missbraucht und in einer Art Stockholm Syndrom-light in Geiselhaft genommen. Wir wissen das alles. Doch vergessen wir schnell, was wichtig ist und worauf es sich zu konzentrieren wirklich lohnt. Darauf nämlich, dass unsere Nachkommen keinesfalls so werden dürfen, wie wir.

Doch wir konzentrieren uns auf Scheingefechte, bloß um dem wahren Problem und dem vor uns stehenden Wandel nicht ins Gesicht zu schauen. Täten vielmehr Leute dies, augenblicklich hätten sie eine innere Revolution vollbracht. Und genau darum diese ganzen Scheinargumente und Scheinideale, die Scheindemokratie und Scheinparteien, das Scheingeldsystem und das Scheinbildungssysteme. Weil zu viele noch immer wegschauen. Nur wenige schauen sich das ganze System dieser Selbstzerstörung wirklich an. Johann Galtung sah dieses ganze System, das einzig auf der Selbstzerstörung aus ist und nannte das was er sah „die strukturelle Gewalt“. Unser ganzes System ist voller Gewalt. Sie ist der Motor unserer Gesellschaft. Und sie ist nicht zu erkennen, deuten wir sie nur politisch oder geostrategisch. Aber wie konnte eine ganze Gesellschaft, ja ein ganzer Kontinent oder gar die halbe Welt von solch einer Krankheit Besitz nehmen? Und wie können wir das je erkennen, sind wir alle doch zutiefst davon überzeugt, dass diese Welt die beste aller bisherigen Versuche darstellt, uns selbst zu gefallen? Können wir uns mit diesem Irrsinn, mit Wahnvorstellungen anstecken?

„Folie á deux“ ist diese ansteckende psychotisch induzierte Krankheit. Und weil an ihr die meisten Menschen in unserer Hemisphäre auf eine ganz andere Art und Weise als im ursprünglich Sinn infiziert sind, nämlich über die Medien und die Bildung, wird sie gar nicht mehr als solche erkannt. Aus dem Französischen übersetzt heißt sie, eine Geistesstörung zu zweit. Damit ist gemeint, dass an ihr zunächst ein einziger Mensch erkrankt und er dann, Zwecks Überzeugungskraft, einen weiteren ansteckt. Wohlgemerkt, es sind Weltbilder die als Überträger den Virus übertragen. Ideen und Weltbilder als infektiöse Krankheit trifft es treffend. Ein Mensch kann nicht wahnhaft im Sinne von Folie á deux sein, wenn die fragliche Überzeugung dazu nicht in seiner Kultur oder Subkultur als „normal“ gilt. Überall kann sich dieses Wahnvirus verbreiten. Diese induzierte wahnhafte Störung, die scheinbar ganz viele betrifft, schafft es, dass sie trotz des Wissens, das ich oben angeführt habe, sie davon wegblicken und anderen, völlig unwichtigen Themen ihr Augenmerk schenken. Das tun diese Vielen unbewusst, da sie annehmen, dass es sich dabei um ein echtes und richtiges Weltbild handelt. Das ist ja dieses für den Befallenen so Unfassbare, dass dieses für ihn völlig stimmige Weltbild oder die Einsichten dazu, psychotischen, also wahnhaften Charakter hat. Bei Aufdecken der Wahnhaften Idee, überkommt einem solchen Menschen nicht bloß kognitive Dissonanz. Sondern erheblich mehr Irritation, der dann häufig mit Gewalt entgegengetreten wird.

Diese Krankheit schafft es auch im Besonderen, dass wir uns in Gruppen aufteilen und wahnhaft einer Gruppenidee verfallen und den anderen am Liebsten den Kopf einschlagen würden. Alle politischen Strömungen entwickeln unterschwellig ihr Folie á deux. Sie strömen ihrer Gier hinterher und tun so, als sei ihre Idee die humanste aller Weltvorstellungen. Dabei wird übersehen, und zwar von den eigenen Mitgliedern, dass beispielsweise „No-Gos“ von allen Seiten begangen werden. Man stimmt sich neu ein und denkt, dass man dafür sorgen werde, dass dies nur eine Ausnahme bleibt. Bleibt sie aber nicht. Eher formen sich die Mitglieder, sobald in der Nähe der vermeintlichen Macht angekommen, selbst zu diesen Ausnahmen. Das beste derzeitige Beispiel ist die Wendung der SPD, hin zum Neoliberalismus und zum Schnellschuß des „Einhundertprozent Schulz-Effekt“. In allen Parteien kann man das beobachten. Der Wahn bestimmt das Programm, weil der Wahn das Programm ist.

Von der Würde aller sind die Menschen bereit zu sprechen. In Sonntagsreden, Applaus entgegennehmend. Doch die Würde dieser Erde? Darüber auf Google lediglich ein Buch, von 1994. Und nicht einmal eine einzige Rezension dazu, nichts. Doch ist genau dies unser allereinziges Problem. Es geht nur darum, dass die meisten von uns ihre Lebenskraft nicht leben. Diese projizieren sie auf alles Lebendige. Und genau so sieht dieser Planet auch aus. Die Suche nach eben dieser Kraft hat die Biologie, die Wissenschaft vom Leben, ins Leben gerufen.

Der Drops scheint gelutscht und niemand ist Interessiert. Weil der eigene Wahn eine Realität und Wirkmächtigkeit erreicht hat, in der die große Sicht auf uns und diesen Planeten nicht mehr von Belang ist. Und vor allem, weil man dem Menschen so auch gleich noch seiner Hoffnung beraubt, der er sich in Wahrheit schon lange selbst beraubt hat. Folie á deux streut sehr viele Kollaterale aus, von denen der damit Befallene ebenfalls nichts mitbekommt. Ziel ist das völlige Ausblenden der Realität, die es sich außerhalb der Kultur auf dem gesamten Planeten schon vor jeder Kultur, Breit gemacht hat. Dass die Kultur oberhalb der Wirkmächtigkeit des Planeten steht, ist Bekenntnis dieses Wahnsinns. Und jeder kann dies selbst einmal wahrnehmen, wenn er ein wenig über das Umweltministerium nachsinnt. Denn dieses Ministerium ist ja dafür da, dass der Mensch auch weiterhin all seinen Müll wegschmeißen, bestenfalls recyceln kann – ohne Folgenabschätzung. Hätte der Mensch es mit der Folgenabschätzung begriffen, welche in der Verhaltensforschung als „Bananenschalen-Problem“ bekannt ist, dann würde er anstelle des Umweltministeriums ein „Lebensministerium“ bereithalten. Diese Erkenntnis ist ihm jedoch derzeit viel zu weit weg.Folie á deux lässt grüßen.

Nichts von all dem, was gemeinhin als strukturelle Gewalt bezeichnet wird und sich um deren Auflösung bemüht, in irgendeinem Koalitionsvertrag, in keinem Parteiprogramm, noch in den Medien als Thema ausmachend. Doch zeigt sich an ihr das Ausmaß unserer Krankheit: ein Homozid mit der Wirkkraft eines Biozids. Die Destruktivität der Menschen geht über den Krieg, den er gegen seine Art führt, schon längst hinaus. Unser Streben nach Sicherheit erzeugt die Gier nach uns umgebenden materiellen Gütern. Mit diesen beginnen wir uns nach dem zu identifizieren, was sie für einen Stellenwert in der Gesellschaft besitzen. Und das ist dann unsere Stütze, uns als hierarchisch geordnetes Wesen zu begreifen. Und so folgen und erschufen wir das Pyramidensystem der Herrschaft. Nach außen repräsentiert dieses Verhalten unseren persönlichen Rang in dieser Gesellschaft. Was uns in unserem Inneren dann enorme Sicherheit verspricht. Diese Sicherheit sehen wir auch in den Eliten als Projektion für die gesamte Gesellschaft. Sicherheit bedeutet für sie, dass alles überwacht werden muss, was die Bürger so tagtäglich anstellen.

Was uns diese Ganze „tour de Folie“ hier soeben offenbart, dass ist das System, das sich somit selbst erhält. Sein Fundament ist eine Geistesstörung, die längst große Teile unserer Spezies infiziert hat. Wir wissen wie, nämlich über unsere Anfälligkeit, einem Wahn zu folgen. Und wenn wir das wissen, dann haben wir auch schon sein Gegenmittel. Befreie deine geistigen Ketten, die dich am System festzurren. Befreie dich vom induzierten Wahn der Elite. Ganz und gar. Und damit wären wir mitten im Nichtkampfprinzip angelangt, von dem ich hörte, dass es verlangt, komplett mit dem kämpfen aufzuhören. Nicht als Idee, sondern als Verhalten zu den äußeren Dingen. Zuerst die Erde, dann der Mensch.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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