Tagesdosis 15.12.2018 – Die Bayer AG und der Geier-Fonds

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

Der Leverkusener Bayer-Konzern zählt zu den härtesten und kompromisslosesten Playern im globalen Pharmageschäft. Seine sieben Vorstandsmitglieder verdienen im Jahr etwa 25 Millionen Euro, dürften trotz dieses beruhigenden finanziellen Polsters aber zurzeit nicht besonders gut schlafen, und das aus mehreren Gründen.

Nach der Übernahme des Saatgutriesen Monsanto für 56 Milliarden Euro im Juni dieses Jahres wurde schnell klar, dass Bayer sich ein Kuckucksei ins Nest geholt hatte: Gegen Monsanto stehen in den USA zahlreiche Gerichtsverfahren wegen der gesundheitlichen Folgen des Pflanzenschutzmittels Glyphosat an, die riesige Schadensersatzzahlungen nach sich ziehen könnten. Auf Grund der Übernahme verlor der Kurs der Bayer-Aktie zwischen Juni und Dezember etwa 40 Prozent.

Um diese Verluste auszugleichen und eine Reihe weiterer unternehmerischer Fehlentscheidungen zu bereinigen, verkündete der Bayer-Vorstand vor einem Monat, bis Ende 2021 weltweit 12.000 Stellen abbauen zu wollen – mit der Folge, dass es in der Belegschaft erheblich brodelt.

Nun gibt es eine neue Hiobsbotschaft: Wie in dieser Woche bekannt wurde, deuten diverse Anzeichen darauf hin, dass sich der US-Hedgefonds Elliott Management bei Bayer eingekauft hat. Elliott Management wird von dem berüchtigten Paul Singer geführt und gilt als einer der gefräßigsten weltweit agierenden Geierfonds.

Geierfonds sind dafür bekannt, dass sie immer dann auftauchen, wenn Unternehmen oder Staaten in Schwierigkeiten geraten, vorhandene Schwächen gnadenlos ausnutzen, sich hemmungslos bereichern und in vielen Fällen verbrannte Erde hinter sich zurücklassen.

Paul Singer hat Elliott Management 1977 mit einem großenteils ererbten Startkapital von 1,3 Millionen Dollar gegründet und verwaltet heute ein Vermögen von über 34 Milliarden Dollar. Dem US-Wirtschaftsmedium Bloomberg zufolge handelt es sich bei Singer um den „am meisten gefürchteten Investor der Welt“.

In der Tat stechen die Geschäftsmethoden des 73-jährigen Harvard-Absolventen selbst im Haifischbecken der internationalen Hochfinanz hervor. Nachdem Singer seinen Hedgefonds als eine Art Inkasso-Büro gestartet hatte – er kaufte damals Schulden für einen Bruchteil ihres Wertes auf und trieb sie mit allen juristischen Mitteln wieder ein – wählte er Mitte der Neunziger Jahre ein neues Betätigungsfeld: den Aufkauf von Staatsanleihen.

Singer interessierte sich allerdings nur für die Anleihen solcher Länder, die akut von der Zahlungsunfähigkeit bedroht waren, wie zum Beispiel Peru und Argentinien. Er kaufte deren Anleihen weit unter ihrem Ausgabepreis ein und ließ mehrere Jahre verstreichen. Während andere Investoren irgendwann Nerven zeigten und sie sich auf eine reduzierte Rückzahlung einließen, saß Singer sämtliche Probleme aus, um am Ende eine internationale juristische Maschinerie in Gang zu setzen und so den vollen Preis der Anleihen zuzüglich der anfallenden Zinsen einzutreiben.

Besonders berüchtigt machte ihn der Aufkauf von Staatsanleihen der afrikanischen Republik Kongo, die er kurz vor der Jahrtausendwende zu einem Bruchteil ihres Nennwertes erwarb. Als ihm der geforderte Preis nicht in voller Höhe ausgezahlt wurde, ließ Singer nach Informationen des US-Magazins The Nation 90 Millionen US-Dollar Entwicklungshilfe zur Bekämpfung einer Cholera-Epidemie juristisch blockieren und nahm so den Tod zahlreicher Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt in Kauf, um die Auszahlung zu erzwingen.

Die Rechnung ging auf: Die britische Justiz gab Singer 2006 Recht und verurteilte den Schweizer Rohstoffkonzern Glencore dazu, eine Zahlung für zwei Öllieferungen nicht an die Republik Kongo, sondern an Singers Firma auf den Cayman Islands zu überweisen – wodurch Singer nicht nur den vollen Preis von 30 Millionen Dollar, sondern auch noch die anfallenden Zinsen in Höhe von 9 Millionen Dollar für seine Anleihen erhielt.

In den vergangenen Jahren hat sich Singers Hedgefonds – auch in Deutschland – dadurch hervorgetan, in zahlreiche Firmen einzusteigen, „überflüssiges“ Personal zu entlassen und die Firmenleitungen auf Kurs zu bringen, d.h.: sie zu zwingen, bis zum Weiterverkauf so viel Profit wie möglich zu machen, auch wenn dadurch langfristige – also erst nach dem Ausstieg Singers zu erwartende – Schäden entstehen.

Ein prominentes Beispiel für Singers Machenschaften liefert momentan der AC Mailand. Der weltbekannte Fußballclub war im April 2017 vom ehemaligen italienischen Premierminister und Medienmogul Berlusconi für 740 Millionen Euro an den chinesischen Geschäftsmann Li Yonghong verkauft worden. Da Li nicht über die volle Summe verfügte, lieh er sich von Singer 300 Millionen Euro.

Dass Singer Li einen Kredit gewährte, ließ Insider aufhorchen, denn ihnen war bekannt, dass Li in Schwierigkeiten steckte. Doch vor wenigen Wochen zeigte sich, wie Singer kalkuliert hatte: Als Li mit einer Rückzahlungsrate in Verzug geriet, trat eine Klausel des Vertrages in Kraft, die Singer über Nacht zum Mehrheitseigentümer des AC Mailand machte.

Eine Woche später wurde auf Singers Geheiß ein neuer Verwaltungsrat bestellt, der den Verein nun mit allen Mitteln profitabel genug machen soll, damit er mit Gewinn an einen von zwei bereits im Hintergrund lauernden US-Investoren verkauft werden kann.

Dass die Bayer AG und der AC Mailand nichts miteinander gemein haben, zeigt, dass es Singer bei seinen Einsätzen nicht etwa um irgendeine Sache, sondern ausschließlich darum geht, die Schieflage von Unternehmen jeglicher Art auszunutzen, um aus ihnen in kürzest möglicher Zeit den höchstmöglichen Profit zu schlagen.

Da die Bayer AG mit unterschiedlichem Erfolg auf diversen Geschäftsfeldern tätig ist, ist es gut möglich, dass Singer anstrebt, den Konzern in seine Einzelteile zu zerschlagen und die profitabelsten davon zu verkaufen. Das verheißt weder für die Belegschaft noch für den Vorstand Gutes, denn für viele von ihnen wird in diesem Konzept kein Platz sein.

Unter schlaflosen Nächten sollten allerdings nicht nur die Betroffenen, sondern wir alle leiden, denn wir leben in einer Gesellschaft, die die entfesselte und absolut hemmungslose Gier von Geschäftsleuten wie Paul Singer nicht nur widerspruchslos hinnimmt, sondern durch ihre Gesetze begünstigt und im Zweifelsfall sogar juristisch absegnet.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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9 Kommentare zu: “Tagesdosis 15.12.2018 – Die Bayer AG und der Geier-Fonds

  1. Was habt ihr gegen Hedgefonds diesen Kalibers? Was habt ihr gegen eine Gesundheitspolizei in der Wirtschaft?
    Wo waren die vielen Sozialromantiker als die Treuhand den Osten der Republik ohne Rücksicht auf Verluste schlachtete?
    Kein Mensch regt sich darüber auf, wenn Hyänen eine kranke Antilope ausschließlich zu ihrem eigenen Überleben jagen, erlegen und auffressen. Es garantiert die gesunde Population beider Arten, des Jägers und des Gejagten.
    Wohin Planwirtschaft führt ist hinlänglich bekannt.
    Gebt einem rumheulenden Besitzlosen etwas Startkapital und ihr werdet 99,9% dieser Neider nach kurzer Zeit auf der Seite der Jäger wiederfinden, vorausgesetzt natürlich, dass er die simpelsten evolutionären Überlebensprinzipien verstanden hat. Nichts anderes lernen angehende Hedgefondmanager an den entsprechenden Universitäten.

  2. Das ist doch das Prinzip der Gesellschaftsform in der wir leben.
    Wer am meisten verdient wird nicht untergehen.
    Moral ist doch nur ein modisches Kleidungsstück, das man schnell ablegt, wenn es zu eng ist oder die neue Kollektion wird vorgeführt, wo man nur moralisch ist, wo es passt und nicht weh tut.

    Ich fürchte, wir müssen uns entscheiden, ob wir damit lebenwollen oder was anderes wagen. Nur die Rosinen rauspicken wird sicher nicht funktionieren.

    Wozu also das Rumgeweine? Wenn das was passiert für irgendwen überraschend ist… ich hab das schon in der Schule gelernt.

  3. „Nach der Übernahme des Saatgutriesen Monsanto für 56 Milliarden Euro im Juni dieses Jahres wurde schnell klar, dass Bayer sich ein Kuckucksei ins Nest geholt hatte …“

    Eine Winzigkeit: Das war natürlich schon lange VOR der Übernahme klar.

    Für mich gehört das zur Agenda der Zerstörung Deutschlands. Obwohl man sich an dieser Stelle die Zerstörung (also Bayers) durchaus wünscht.

    • … eine „neue“ Form einer teuren Übernahme durch gut bezahlte Vorstände. Konzerne als Umverteilungsmaschinen von fleißig nach reich. Wie heißt es in ihrer Werbung: „Jeder Patient ist einzigartig“.
      Wenn es schief läuft und der Kopf brummt, erstmal neine ASPERIN … für alles gibt es eine Lösung: … der kranke Mensch.

    • Bei aller Kritik an der Übernahme von Monsanto durch Bayer, eine Zerstörung Bayers wünsche ich mir mit Sicherheit nicht. Ich denke an die große Zahl der Beschäftigten, die hier ihre Arbeit verlieren, weil ein größenwahnsinniger und eitler Vorstand eine vorher zu erkennende Fehlentscheidung getroffen hat. Dieser Entscheidungsträger müsste haften und zur Rechenschaft gezogen werden. Das wäre mal ein Grund auch in unserem Land eine gelbe Weste anzuziehen.

    • „Für mich gehört das zur Agenda der Zerstörung Deutschlands.“ richtig!

      Lange vor der Übernahme wurde jede Diskussion darüber von der Leitung des Konzerns unterbunden.
      Seit langem ging damals das Monsanto-Lied in den USA um. Dann kam Herr Baumann und kaufte Mon-
      santo auf, zum Millionengewinn für sich und seine Vorstandskollegen und zum Milliardenverlust für die
      Mitarbeiter und Aktionäre. Wenn der Konzern bankrott geht, hat Herr Baumann mit 5,6 Mio€ seine Schäf-
      chen im Trockenen. Er wird sicher nicht für die Verluste haften. Dafür haben sich jetzt die USA den deut-
      schen Linde-Konzern unter den Nagel gerissen und beginnen mit US-richterlichen Maßnahmen, den Bayer-
      Konzern bankrott zu melken wie VW und die Deutsche Bank. wie geht das weiter?

      Das Monsanto Lied:
      You never know what the future holds in the shallow soil of Monsanto, Monsanto
      The moon is full and the seeds are sown while the farmer toils for Monsanto, Monsanto
      When these seeds rise they’re ready for the pesticide
      And Roundup comes and brings the poison tide of Monsanto, Monsanto

      The farmer knows he’s got to grow what he can sell, Monsanto, Monsanto
      So he signs a deal for GMOs that makes life hell with Monsanto, Monsanto
      Every year he buys the patented seeds
      Poison-ready they’re what the corporation needs, Monsanto

      When you shop for your daily bread and walk the aisles of Safeway, Safeway
      Find the package to catch your eye that makes you smile at Safeway, at Safeway
      Choose a picture of an old red barn on a field of green
      With the farmer and his wife and children to complete the scene at Safeway, at Safeway

      Dreams of the past come flooding back to the farmer’s mind, his mother and father
      Family seeds they used to save were gifts from God, not Monsanto, Monsanto
      Their own child grows ill near the poisoned crops
      While they work on, they can’t find an easy way to stop, Monsanto, Monsanto

      Don’t care now what the Bible said so long ago not Monsanto, Monsanto
      Give us this day our daily bread and let us not go with Monsanto, Monsanto
      The seeds of life are not what they once were
      Mother Nature and God don’t own them anymore

    • Der Songtext vom wunderbaren Neil Young,dessen Musik mir eine unendliche Fülle an Inspiration gibt.
      Ein unglaublicher Künstler.
      Alias und viele andere haben es verstanden,worum es geht-um die Zerstörung Deutschlands.
      So sehe ich es auch.

      Was ich nicht verstehe,ist,warum sich alle Künstler-speziell in den USA-so gegen Trump aussprechen.
      Wieso gehen die alle konform mit dem Mainstream-selbst ein Neil Young,der doch so viel verstanden zu haben scheint.Aber bei Trump stossen alle in dasselbe Horn-wieso?
      Ein Neil Young ist doch nicht mehr abhängig von der Musikindustrie-oder doch?

      Die einzige Ausnahme bildet mein liebster Singer-Songwriter-Bob Dylan.Dieser hat sich bisher nicht geäußert zu Trump.
      Ich weiß,dass Bob Dylan den Durchblick hat. Er hat sich schon vor vielen Jahren in einem Song zu den Praktiken der Satanisten geäußert.Bob Dylan weiß,wer die Musikindustrie steuert. Bob ist der einzig Überlebende.

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