Tagesdosis 16.11.2017 – Digitale Beiss- und Schluckreflexe (Podcast)

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Es hat inzwischen schon teilweise skurrile bis amüsante Züge, die Kommentare der jeweiligen Foren zu studieren, sollte es sich bei dem behandelnden Thema um die kritische Betrachtung und Hinterfragung digitaler Zukunftsmodelle handeln.

Mein Favorit lautet: Super KenFM, habe ich gerade auf dem Smarthphone gelesen und jetzt? varaibel: sehr schlau KenFM, aber schön für die eigene App Reklame machen.

Nochmal, die entsprechenden Texte propagieren keine Verbote, sie möchten dezent, manchmal sicherlich auch mit Nachdruck, auf Gefahren der Digitalisierung unserer Gesellschaft hinweisen.

Damit wären wir beim heutigen Thema: „Smartphone am Steuer: Die unterschätzte Gefahr“. So lautet die Überschrift der Prüfgesellschaft Dekra. Der Leser erfährt: Mehr als die Hälfte aller Autofahrer mit Smartphone hantiert damit regelmäßig auch während der Fahrt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Sachverständigenorganisation DEKRA. 55 Prozent aller Befragten nutzt demnach ihr Smartphone zumindest hin und wieder am Steuer.

Die Hauptgefahr bei der Nutzung des Smarthphones während der Autofahrt ist und bleibt die schlichte Ablenkung vom Straßenverkehr. Der Leser erfährt: „Man muss die Frage stellen: Wer von uns würde als Autofahrer freiwillig während der Fahrt auch nur für fünf Sekunden die Augen schließen? Während der Fahrt auf das Smartphone zu schauen, ist dagegen für viele ganz normal. Dabei ist der Effekt im Grund derselbe.“ Wer bei 50 km/h drei Sekunden auf das Handy statt auf die Straße schaut, ist in dieser Zeit fast 42 Meter im Blindflug unterwegs. Bei fünf Sekunden sind es fast 70 Meter[1].

Der häufigste Grund, das Smartphone zur Hand zu nehmen, sind eingehende SMS oder WhatsApp-Nachrichten. Gut ein Drittel aller Autofahrer (34 Prozent) liest sie zumindest hin und wieder während der Fahrt. Ein Viertel (25 Prozent) nimmt eingehende Anrufe ohne Freisprecheinrichtung an. Jeder Fünfte (20 Prozent) tippt selbst Nachrichten, und rund jeder Sechste (16 Prozent) ruft ohne Freisprecheinrichtung jemanden an. Seltener sind am Steuer die Nutzung sozialer Netzwerke (6 Prozent) und Spielen am Handy (3 Prozent).

Ein sehr bedenkliches neues Phänomen, ist ein weiteres Beispiel für eine grundlegende Verrohung unserer Gesellschaft. Ja, Mensch möchte teilen, aber nicht im ursprünglichen Sinne. Man möchte eher mitteilen, in Form von Fotos und Filmchen. Da kommt natürlich ein schöner Unfall sehr gelegen. Spektakuläre Bilder, schneller Fame und Likes durch blutige Action. Da nerven natürlich die Rettungskräfte, die im Bild stören.

Übertreibung? Geben sie mal bei Google ein: „Gaffer behindern Rettungskräfte“. Sie werden etwaig staunen. Kein seltenes Ereignis. Jüngst die Tage auf einer Autobahn in Deutschland: Um Gaffer nach dem tödlichen Unfall auf der Autobahn 3 im Spessart vom Filmen und Fotografieren abzuhalten, hat die Feuerwehr zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen. Mit einem Schlauch spritzte sie Wasser auf Lastwagen, die sehr langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren oder gar stehenblieben. In einem Fall habe ein Lkw-Fahrer sogar quer im Führerhaus gelegen, um bessere Aufnahmen machen zu können. Von mehr als zehn Lastwagenfahrern seien die Personalien aufgenommen worden. Sie sollten ein Bußgeld zahlen[2].

Ja, liebe kommentierende autofahrende Leser. Natürlich schaut es auf der anderen Seite nicht besser aus. Auch hier informiert die Dekra: Doch nicht nur bei Autofahrern ist Ablenkung durch Smartphones ein Problem. Auch andere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer und Fußgänger sind häufig abgelenkt und sorgen so für kritische Verkehrssituationen. Eine Erhebung der DEKRA Unfallforschung im Jahr 2016 in sechs europäischen Hauptstädten ergab, dass 17 Prozent aller Fußgänger, die die Straße überquerten, dabei durch die Nutzung ihres Smartphones abgelenkt waren. Alleine 2015 wurden fast zehn Prozent mehr Bußgelder verhängt, weil Auto- oder Radfahrer ihr Smartphone im Straßenverkehr nutzten.

Ja, bei diesen Informationen muss man erstmal schlucken, aufgrund der unreflektierten Leichtsinnigkeit vieler Bürger. Apropos Schlucken. Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt wüsste immer, ob Sie alle Medikamente genommen haben. Eine in den USA zugelassene Tablette ist ein erster Ansatz in diese Richtung: Sie meldet, wenn sie im Magen verdaut wird – und schickt die Daten in die Cloud[3].

Richtig, der digitale Wahnsinn geht weiter. Der heutige Spiegel informiert: Die Tablette enthält einen winzigen Sensor. Kommt dieser in Kontakt mit Magensäure, sendet er einen elektrischen Impuls aus. Ein spezielles Pflaster, das der Patient trägt, registriert das Signal, leitet die Information an eine App weiter und von dort wandert sie in eine Cloud. So kann der Betroffene dokumentieren und verfolgen, wann er seine Tabletten genommen hat. Und mit seiner Zustimmung können auch Ärzte oder Pflegekräfte auf diese Daten zugreifen[4].

Dann wird es lustig: Bisher ist aber nicht belegt, ob die Technik dazu beiträgt, dass Patienten ihre Medikamente regelmäßiger einnehmen, darauf weisen der Hersteller und die US-Arzneimittelbehörde FDA hin. Silicon Valley wird mit Sicherheit zeitnah auch für diese Problematik das richtige Zäpfchen, bzw. den notwendigen Chip herstellen.

Surreal? Skurril? Gaga? Gegenwart. Es ist die Realität des Jahres 2017. Man, also Mensch muss nicht mitmachen. Dies ist der Ansatz solcher Beiträge und Texte. Innehalten und sich fragen: warum, wohin und vor allem wozu all dieser Irrsinn? Hieß es nicht früher schon – erst denken, dann lenken?

Quellen

[1] – http://dekra-solutions.com/2017/09/smartphone-am-steuer-die-unterschaetze-gefahr/

[2] – http://www.bz-berlin.de/deutschland/unfall-mit-3-toten-auf-a3-feuerwehr-bespritzt-gaffer-mit-wasser

[3] – http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/abilify-mycite-tablette-meldet-wenn-sie-eingenommen-wurde-a-1178049.html

[4] – http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/abilify-mycite-tablette-meldet-wenn-sie-eingenommen-wurde-a-1178049.html

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