Tagesdosis 16.11.2019 – Daniele Ganser überrascht in Freiburg (Podcast)

Die Vortragsveranstaltung am 2. November 2019 war gleich in dreifacher Hinsicht ein besonderes Ereignis. „Imperium: Die globale Vorherrschaft der USA“ – der Titel von Gansers Vortrag erregte bereits im Vorhinein die Gemüter der Antifa und des geplanten Mitredners Jürgen Grässlin, sorgte aber auch für Vorfreude auf das neue Buch von Ganser und glänzte besonders durch die Einrahmung durch hervorragende Klaviermusik.

Ein Kommentar von Christiane Borowy.

Überraschung 1 – Daniele Ganser redet mit jedem

Den Freiburger Jürgen Grässlin, Friedensaktivist und Rüstungsgegner, traf diese Erkenntnis offenbar wie ein Blitz, denn nur wenige Wochen vorher nimmt er seine verbindliche Zusage zurück, auf der Veranstaltung von Daniele Ganser einen Vortrag zu halten. Doch dass Ganser sich auch vor Kontakt zum vermeintlichen Gegner nicht scheut, ist keine wirkliche Überraschung für jeden, der den Schweizer Historiker bereits kennt.

Man kann auch nicht sagen, dass Grässlin Daniele Ganser und dessen Haltung nicht gekannt habe, denn im September 2018 hat er nach einem Vortrag in geselliger Runde mit ihm zusammengesessen. Ich kann sogar bezeugen, dass er und Daniele Ganser bei diesem Anlass darüber gesprochen haben, wie wichtig es für den Frieden ist, mit allen Menschen zu reden und dass das ja nicht bedeuten würde, dass man automatisch die Meinung des Gegenübers übernimmt. Grässlin sah das damals noch ähnlich und betonte, dass auch er in seiner Position mit vielen Menschen ganz unterschiedlicher Couleur reden muss, um die gemeinsame Sache Frieden voranzubringen. Als Konfliktsoziologin fand ich es seinerzeit interessant, mit welchen Strategien beziehungsweise Methoden ihm dieser Drahtseilakt gelingt, mit vielen Menschen ganz unterschiedlicher Ansichten zusammenzuarbeiten. Deshalb war ich hocherfreut, als bereits im September 2018 feststand, dass Grässlin auf einer Veranstaltung von Gansers Friedenforschungsinstitut Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) im November 2019 einen Vortrag halten wird.

Als ich jedoch wenige Wochen vor Beginn der Veranstaltung noch einmal auf den Veranstaltungshinweis sehe, entdecke ich, dass Grässlin nicht mehr als Speaker genannt ist. Ich mache mich im Internet auf die Suche und prüfe, ob ich eine offizielle Absage oder ähnliches finde. Diesbezüglich werde ich nicht fündig, aber ich sehe einen Artikel der Autonomen Antifa Freiburg mit dem Titel „Querfront der Verschwörungsideologen“ (1). Dort wird Ganser ebenso falsch wie diskreditierend unterstellt, er sei unter anderem ein „AfD-Verteidiger“. Am Schluss des Artikels springt einem die redaktionelle Bemerkung ins Auge: 

„Update: Die DFG-VK hat uns am 08.10.2019 mitgeteilt, dass Jürgen Grässlin seine Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt hat.“ 

Die Antifa macht also Druck auf Jürgen Grässlin und der springt vor Angst tatsächlich in die Hecke? Das kann und will ich mir nicht vorstellen und frage per Mail direkt bei ihm persönlich nach. Leider erhalte ich keine Antwort.
Das gibt natürlich Raum für Spekulationen, erst recht, wenn am 12. November 2019, zehn Tage nach der Veranstaltung in Freiburg, eine Pressemitteilung darauf hinweist: Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) „stellt sich neu auf“ (2). 

Was heißt hier neu aufstellen? Das inhaltliche Hauptproblem, das die DFG-VK auf ihrem 22. Bundeskongress vom 8. bis 10. November 2019 sieht, ist nicht etwa ganz konventionell Weltfrieden, sondern ganz wesentlich eine Stellungnahme zum Umgang mit der AfD. 

Wenn man weiterliest, erfährt man auch, dass Grässlin wieder als Bundessprecher in den Vorstand der DFG-VK gewählt wurde. Es kann natürlich eine rein zufällige Koinzidenz sein und muss nicht zwingend etwas damit zu tun haben, aber könnte es vielleicht sein, dass Grässlin durch den Bruch der bereits getroffenen Vereinbarung beweisen musste, dass er nicht mit jemandem zusammen arbeitet, der von der Antifa als antisemitisch diskreditiert wird? Der Vorwurf wird auch nicht direkt, sondern sekundär gemacht, das heißt durch Kontaktschuld, beruht also auf bloßem Gespräch. Und was hat die Autonome Antifa mit der DFG-VK zu tun? Das muss an dieser Stelle leider offen bleiben, aber es entsteht der Verdacht, dass Grässlin seine Wiederwahl aufs Spiel gesetzt hätte, wenn er in Freiburg zusammen mit Daniele Ganser auf der Bühne gestanden hätte.

Die DFG betont zwar, dass sie selbst einen Anstieg der Mitgliederzahlen zu verzeichnen hat, weil die Friedensbewegung für immer mehr Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Herkunft interessant wird. Dass aber gerade die jungen Menschen, welche die DFG durch Verjüngung ihrer Leitungsebene vermehrt ansprechen möchte, immer mehr tragender Bestandteil der Friedensbewegung werden, ist ganz wesentlich der Arbeit von Daniele Ganser zuzurechnen. Der hat es sich seit vielen Jahren zum Ziel gesetzt, seine Bücher so zu schreiben und seine Vorträge so zu halten, dass auch junge Menschen sie verstehen können. 

Überraschung 2 – Das neue Buch

Der Vortrag in Freiburg trug den Titel „Imperium. Die globale Vorherrschaft der USA“ und Ganser legte in seinem Vortrag anschaulich den wissenschaftlichen Nachweis dar, dass die USA ein Imperium sind.

Der Begriff Imperium ist ein wissenschaftlich definierter Begriff. Das bedeutet, dass es sich um keine persönliche Meinung handelt, sondern allgemeingültig definiert ist, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit man von einem Imperium sprechen kann. Ein Kriterium ist beispielsweise die Anzahl der Flugzeugträger, die ein Land besitzt – und die USA haben die größte Anzahl an Flugzeugträgern im internationalen Vergleich.

Wenn Ganser also sein neues Buch mit dem Titel „Imperium USA: Die skrupellose Weltmacht“ versieht, dann ist das trotz der provokant erscheinenden Formulierung ein Verweis auf die Ergebnisse zeitgenössischer historischer Forschung – und es passt sehr gut, dass ein Flugzeugträger auf dem Cover des neuen Buches zu sehen sein wird.

Man diskreditiert Kritiker imperialer Politik dadurch, dass man behauptet, sie würden gar nicht wissenschaftlich forschen, sondern nur ihre persönliche Meinung an ein Publikum verbreiten, das nicht in der Lage ist, selbst wissenschaftliche Erkenntnisse zu durchdenken und sich für Zusammenhänge zu interessieren, sondern das komplett verblödet und verblendet einem Sektenführer folgt. Wie weiter oben schon beschrieben, bläst die Antifa in genau dieses Horn.

Doch die anerkannte wissenschaftliche Interpretation einer überprüfbaren Anzahl von Flugzeugträgern ist schwerlich eine Meinung und selbst die Formulierung skrupellos benennt Fakten. Skrupellos bedeutet, kein Gewissen zu haben. Dies ist ebenfalls bei den USA gegeben. So hat sich beispielsweise noch kein einziger Präsident der USA selbst angezeigt und politisch Verantwortung übernommen für Lügen und Kriegsverbrechen. Nicht einmal Colin Powell hat juristische Verantwortung übernommen für seine Lüge, der Irak habe Chemiewaffen, obwohl er sich sehr wohl öffentlich dafür entschuldigt hat (3). Auch Barack Obama hat sich der Verantwortung für unzählige illegale Kriege, die er geführt hat, entzogen und hat den Friedensnobelpreis nie zurückgegeben.

In seinem neuen Buch, das im Mai 2020 erscheinen wird, beschreibt Ganser die Geschichte der USA von den Indianermorden bis Facebook.

Es wird darin auch die Rolle der USA im Ersten und im Zweiten Weltkrieg behandelt. Gemäß Ganser wusste US-Präsident Roosevelt von dem kommenden Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, ließ diesen 1941 aber zu, um die USA in den Zweiten Weltkrieg zu führen. Auch der Kennedymord und die Sprengung von WTC7 am 11. September werden im Buch behandelt.

Überraschung 3 – Kontrapunkt Musik 

Die in Freiburg lebende Pianistin Barbara Melion (4) hat diesen Vortrag von Daniele Ganser mit Werken von Beethoven, Chopin, und Debussy begleitet und damit einen Kontrapunkt zu dem wissenschaftlichen Vortrag von Ganser gesetzt.

„Daher ist die Kunst mehr als eine Annehmlichkeit und Zierde des Lebens, sondern ein Beweis der menschlichen Würde, ein argumentum humanitatis.“ (Wladyslaw Tatarkiewicz)

Diese tiefere Wirkung erreichte Barbara Melion bereits gleich zu Beginn der Veranstaltung bei einem Publikum, das ja in der Hauptsache nicht wegen eines Klavierkonzertes, sondern wegen eines wissenschaftlichen Vortrages gekommen ist. Die Wirkung ihres Klavierspiels konnte man sowohl in den Gesichtern der Zuhörer erkennen, sowie an der Tatsache, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Das ist bei 500 Leuten keine Selbstverständlichkeit.

Kunst gegen sekundär traumatischen Stress 

Ganser zeigt in seinen Vorträgen viele Bilder, um klar zu machen, wie sehr Krieg traumatisiert. Das Problem dabei ist jedoch, dass es leicht sein kann, dass beim Zuschauer eine Stressreaktion ausgelöst wird, sogenannter sekundär posttraumatischer Stress. Man ist dann wie gefangen von Bildern von Krieg und Terror. Untersuchungen zeigen, dass der Körper in seinen Reaktionen nicht unterscheidet, ob er selbst eine traumatische Erfahrung macht, oder ob er einer traumatischen Erfahrung zusieht. Es werden die gleichen Stresshormone wie beispielsweise Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet.

Dabei besteht die Gefahr, dass man gar nicht merkt, dass man in Stress gerät, ganz einfach deshalb, weil wir in einer stressvollen Umgebung leben und uns daran gewöhnt haben. Wir verwechseln teilweise sogar Drama mit Spannung und fühlen uns scheinbar wohl in ungesunden Verhältnissen, weil sie erwartbar sind und weil wir sie verstehen.

Wenn Barbara Melion in der Mitte des Vortrags den 1.Satz der Mondschein-Sonate von Beethoven spielt, ist direkt spürbar, wie das Publikum aufhört, vor Stress den Atem anzuhalten. Es wird ein Ausgleich geschaffen, der Körper kann sich wieder entspannen und man ist innerlich wieder friedlicher. Melion spielt dieses bekannte Stück nicht nur technisch einwandfrei, sondern so, dass der Zuhörer seelisch mitgehen kann. So wurde nicht nur das Stück konsumiert, sondern man konnte ein inneres Erlebnis haben, ein schönes Gefühl.

Mit Chopin Nocturne Opus 55 wird der Zuschauer nach drei Stunden Vortragserlebnis entspannt und informiert in die Nacht entlassen.

Die ausbalancierende Wirkung der Musik ist in den Gesichtern des Publikums, das den Saal verlässt, ablesbar. Die meisten haben trotz des sehr ernsten Themas ein Lächeln im Gesicht und sehen wach und inspiriert aus. Viele wenden sich nicht sofort nach Hause, sondern unterhalten sich noch ein wenig.

Ganser redet also nicht nur von Bewusstsein, sondern er handelt auch danach und geht verantwortungsvoll mit seinem Publikum um. Das ist auch ein Argument gegen jene, die ihm platt Manipulation vorwerfen. Vielmehr wird deutlich, dass es ihm um Wahrheit geht und zwar nicht allein um der Wahrheit, sondern vor allem um der Heilung von Krieg und Terror willen.

Zum Weiterlesen: 

  1. https://autonome-antifa.org/?breve7203
  2. https://www.dfg-vk.de/unsere-themen/theorie-und-praxis/friedensgesellschaft-stellt-sich-neu-auf?fbclid=IwAR1Pxu7guB2BHgMPA_OZfEamXkGhF8SQP49XXxsWohFbyGOIRKVpHJN76ps
  3. https://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/irak-krieg-powell-schandfleck-meiner-karriere-1255325.html 
  4. https://barbaramelion.de/

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: © Jörg Böthling

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