Tagesdosis 16.4.2018 – Sündenböcke

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Der Westen ist in Angriffslaune. Alles scheint er dafür zu tun, 73 Jahre nach dem Ende des zweiten, einen dritten Weltkrieg zu eskalieren. Wenn nichts mehr geht, bleibt die Rüstungsindustrie als letzte profitable Superbastion der Kapitalakkumulation übrig. Die Kriegslüsternen schielen schon auf den Rattenschwanz: Zerstörung, Wiederaufbau – endlich neue Profite.

Längst in vollem Gange ist der Krieg derweil im Inneren der Imperien. Er benötigt keine Bomben, Panzer und Gewehre. Still spuckt er die Überflüssigen aus. Still zerstört er Existenzen. Still schürt er Zukunftsangst und Aggressionen in den Köpfen. Still treibt er Millionen Arbeitsmigranten auf verzweifelte Suche nach einem Einkommen. Und laut brüllt er seine Opfer zu Sündenböcken.

Die Brüllenden tragen Anzug und Krawatte. Sie halten ein antrainiertes Grinsen in Fernsehkameras. Sie werden vom Steuerzahler fürstlich gepäppelt. Sie genießen Immunität. In Deutschland tragen die lautesten Brüller Namen wie Alexander Dobrindt, Hermann Gröhe, Jens Spahn, Christian Lindner, Kay Gottschalk, René Springer. Ihre Heimat sind Parteien, die sich »christlich«, »freiheitlich« oder »alternativ« schimpfen.

Im Wechsel hetzen sie gegen Arme aller Couleur, mal Einheimische, mal Ausländer. Auslöser ist diesmal die Hartz-IV-Debatte. Es ging zum Beispiel um Folgendes: Ist es gerecht, erwerbslos Gemachte fast jeglichen einst erarbeiteten Vermögens zu berauben, bevor man ihnen das blanke Brot gibt? Sollen Hartz-IV-Bezieher tatsächlich mit dem Entzug notwendiger Existenzmittel und damit härter als Verbrecher im Knast bestraft werden, nur, weil sie vielleicht nicht als Humankapital für den wachsenden Niedriglohnsektor dienen wollen? Ist man mit Hartz IV arm? Sollen Flüchtlinge von noch weniger als dem Minimum leben?

CDU-Mann Jens Spahn ließ erahnen, dass ein großes Mundwerk und die passende Gesellschaft alleine genügen könnten, um Gesundheitsminister zu werden. Er philosophierte, wie gut man doch mit dem Hartz-IV-Satz auskommen könne. Vom Selbstversuch freilich sieht er ab. Dann posaunte CDU-Vize Hermann Gröhe herum, wie wichtig doch die Hunger-Hartz-IV-Sanktionen seien. Klar, sonst könnte man auch niemanden für ´nen Appel und ´n Ei zum Malochen zwingen.

Und nun kommt, wie zu erwarten war, CSU-Landesgruppenchef Dobrindt aus dem Sumpf gekrochen: Eigenheime sollen Hartzer bitteschön weiterhin auf Sozialhilfeniveau aufessen, bevor sie irgendeinen Anspruch haben. Und: Abgelehnten Asylbewerbern solle man doch bitteschön die mickrigen Hartz-IV-Sätze nochmals kürzen, selbst wenn sie aus verschiedenen Gründen gar nicht ausreisen können. Man könnte meinen, er will soziale Unruhen auf Teufel komm raus provozieren.

Der Populismus der Schwarzen ließ nun die gelbe und blaue Sektion der kapitalistischen Einheitspartei nicht ruhig auf ihren Stühlen sitzen. Der offensichtlich arbeitsmarktferne Unternehmenspleitier und FDP-Chef Christian Lindner tobte: Wie könne nur die SPD auf die Idee kommen, die Hartz-IV-Sätze zu erhöhen? Das schaffe doch nur »falsche Anreize« für Migranten. Ach ja, nun sind die Ausländer eben schuld daran, dass der deutsche Erwerbslose zur Tafel rennen muss. Wie einfach, wie dumm, wie bösartig.

AfD-Newcomer René Springer nutzte die hitzige Debatte, um »Niedriglohnempfänger« gegen Joblose auszuspielen: Würde Hartz IV erhöht und die Sanktionen abgeschafft, wäre das ein »Angriff« auf erstere, prahlte er. Offenbar hat er nicht verstanden, dass durch das repressive Hartz-IV-System der Niedriglohnsektor erst so massiv wachsen konnte. Man nennt es auch Ausbeutung.

Schließlich, so Springer erwartungsgemäß weiter, zöge dies noch mehr Ausländer an. Sein Parteikollege Kay Gottschalk ätzte mit ihm im Chor: Dann kämen noch mehr daher, um abzuzocken. »Wer soll das auf Dauer bezahlen?« – Nun, Gegenfrage: Wer will auf Dauer solche Schwätzer bezahlen?

Und die Volksseele kocht: Da kämen also all die fremdländischen Abzocker ins schöne Deutschland und nehmen den deutschen Niedriglohnjobber aus wie eine Weihnachtsgans. Und DIE hätten ja alle ein Smartphone, liefen nicht in Lumpen rum und bekämen sogar ein Bett im Asylheim, anstatt unter der Brücke zu hausen. So kommt es jedenfalls in den Kommentarspalten und sozialen Netzwerken rüber. Erbärmlich.

Tatsache ist, dass Deutschlands Kapitalistenklasse bestens lebt auf Kosten ärmerer Länder. Dass diese Staaten wirtschaftlich unten bleiben, dafür sorgt die NATO. Nun, Tatsache ist auch, dass Dauerkanzlerin Merkel gelogen hat, als sie vor drei Jahren von humanitärer Hilfe faselte. War es doch abzusehen, dass Kommunen der Pleite näher rücken, wenn sie Tausende Menschen aufnehmen, unterbringen und verköstigen müssen, ohne die entsprechenden Mittel zu erhalten. Die Folge: Es gibt eine Ausrede fürs Privatisieren kommunalen Eigentums.

Ja, offensichtlich benutzen die Herrschenden die selbstproduzierten Flüchtlinge nicht nur dazu, den Pöbel von ihren Schweinereien abzulenken und am Ende Löhne und Soziales noch weiter zu erodieren. Denn Privatisieren bis der Arzt kommt steht ganz oben auf der neoliberalen Agenda. Wohnungen, Krankenhäuser, Bus und Bahn: Immer mehr kommt unter den Hammer.

Das hat einen Grund. Kapitalismus basiert auf endlosem Wirtschaftswachstum. Unternehmer können gar nicht anders. Wer seinen Profit nicht ständig steigert, wird schnell von einem stärkeren »Marktteilnehmer« überrumpelt. Sie werden in die Pleite getrieben oder aufgekauft. Auch Konzernfusionen sind an der Tagesordnung. Sie sorgen vor unser aller Augen für wachsende und mächtiger werdende Monopole.

Nun bunkert kein Kapitalist die Gewinne einfach auf dem Konto. Er legt sie erneut gewinnbringend an. Er baut neue Fabriken, schafft effizientere Produktionsmittel an oder kauft sich mit Aktienpaketen in immer mehr Unternehmen ein. Kurz gesagt: Das Kapital wächst oben ohne Ende. Und für die Masse unten bleibt immer weniger.

Mit der Folge: Das Kapital ist ständig auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten. Doch die werden rarer. Der Staat springt ein, verkauft sein Eigentum. Kommunen sind schließlich auf Steuern von Unternehmen angewiesen. Wenn die mal eben damit drohen, dahin abzuwandern, wo sie Arbeitskraft billiger bekommen können, werden die Städte und Gemeinden ganz schnell gefügig. Unterfinanzierung beschleunigt die Vorgänge nur. Vermutlich ist das erwünscht. Geschehen würde dies aber ohnehin. Kapital will eben angelegt werden, ob mit oder ohne Flüchtlingen, mit mehr oder weniger Hartz-IV-Beziehern, bei denen man gerne so tut, als seien sie von einem mysteriösen Faulheitsvirus befallen.

Doch von systemischen Ursachen will die Masse nichts hören. Das wissen die Kapitalverbände und deren Propagandaabteilung namens Politik nur allzu gut. Ihre Dauerberieselung hat gewirkt. Jeder, der es anders sieht als sie, wird zum bösen Kommunisten, zum Linksversifften, zum Spinner oder Utopisten. Die Masse verweigert sich geradezu der Realität. Sie zieht so gern die »eigene Meinung« der Bildung vor. Meinungen sind so schön von Emotionen geprägt, die mit Rationalität meist wenig zu tun haben.

Und so haben die Populisten ein leichtes Spiel. Die Gemüter ereifern sich über Hartzer, Asylbewerber, Arbeitsmigranten und Co. Über arme Schlucker eben. Derweil treiben die Herrschenden unbehelligt ihr Spiel. Imperialistische Neuaufteilung der Ressourcen ist angesagt. Und strategische Verarmung breiter Schichten zugleich. Nur immer drauf auf letztere. Krieg benötigt immer Sündenböcke, egal, ob außen oder innen.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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19 Kommentare zu: “Tagesdosis 16.4.2018 – Sündenböcke

  1. Funktioniert doch alles prächtig!
    Über das Grundübel, das Geldsystem, wird ja nicht diskutiert.
    Das, man kann es unverblümt sagen, das ist der Erfolg der Gehirnwäsche schlechthin!
    Private schöpfen Geld in unermesslichen Mengen und er Staat „leiht“ es sich gegen Zins aus.
    Der weitaus größte Posten im Staatshaushalt ist somit das Beidenen von Zinszahlungen an das Kapital.
    Ein wahrlich schönes System!
    Und die ganzen oberschlauen Weltverbesserer kommen nicht auf die Idee diesen einfachen Betrug an allen Völkern offenzulegen.
    Und die dummen Völker lassen sich doch nur zu gern verarschen.

  2. Hallo Herr Kamp, ich sehe, dass Sie sich immer noch für MH-17 interessieren. Suchen Sie mal bei
    Google Maps nach dem Dorf Hrabowe (spr, Gabowje). Da ist ein kleiner Gedenkstein auf dem steht
    “ Gedenken – Gestorben – 298 Menschen, unschuldige Opfer des Bürgerkrieges“
    Der ukrainische Pilot der das Flugzeug abgeschossen hat (Wladimir Woloschin) ist im März 2018
    gestorben/ von der Bühne genommen worden.

    • MH17 ist mindestens einmal in die Woche eine Neuigkeit.
      Immer wieder Beschuldigungen an Russland, ohne ein Beweis.
      Ich denke das es ist wie Kennedy, die Tot von Diana, Barschel, Möllemann, Palme, Anna Lyndh, Hess, 11ten September, usw., wir werden niemals sicher wissen was geschah.
      Es ist wie heute mit Assad’s Giftgas, die Wahrheit ist unwichtig.
      Auch ein Motiv ist unwichtig.
      Aber mann kann nicht ein Jeder Lügen erzählen, es scheint dass nur 25% der Briten die Angriff akzeptiert, bei uns ist es 40%.
      Gestern im britischen Parlement war May sehr nervös.
      Ob Ukraine MH17 abschoss, möglich, aber nicht bewiesen.
      Die Theorie eines Unglücks, verursacht durch Ukraine, was Passagiersflüge missbrauchte um seine Bomber zu schützen gegen BUK Raketen, halte ich am wahrscheinlichsten.

    • MH17 wurde nicht von BUK abgeschossen sondern von einer SU25.
      Das konnte schon nach ein paar Tagen jeder sehen der wollte.
      Allein die Einschusspuren am Cockpit der MH17 lassen keine anderen Schlüsse zu.
      Diese deutlichen Beweise wurden übrigens von der Untersuchungskommision elegant verschwiegen.
      Die „Werte“-gang (anders kann man diese multikriuminellen „Staaten“ nicht mehr nennen) haben auch hier gelogen!
      Sie lügen, betrügen, intrigieren, rauben, bomben, töten. Auf Recht ist geschi…en.
      Wo uns das hinführt wird die nahe Zukunft zeigen…

  3. Ich hätte da ne Anregung vom alten Einstein für die Spahn’s/Dobrindt’s/Springer’s dieser Welt:

    „Wenn die meisten sich schon armseliger Kleider und Möbel schämen, wie viel mehr sollten wir uns da erst armseliger Ideen und Weltanschauungen schämen!“

  4. „Populisten “ ist ein Kampfbegriff des neoliberalen Globalisten gegen selbstbestimmte und selbstverantwortliche Gesellschaften .
    Selbstbestimmung hat für Freiheit zentrale Bedeutung .
    Entlarvend ist es, wenn für Sozialmigranten das Wort Flüchtlinge eingesetzt wird .
    Kultur ist schützenswert wie ein Vermögen und wie seine Wohnung – also mindestens so schützenswert .

    • In Deutschland nennt man Oligarchen Leistungsträger. Versetzt sie das auch in Erregung?

      Meinen sie mit Kultur Dschungelcamp, Heidi Klum und Dieter Bohlen oder McDonald’s und HBO? Ein humanistisch geprägtes Menschenbild kann’s nicht sein, denn dieses ist schon länger abhanden geraten, im Land der „Dichter und Denker.“
      Aber wo’s für die Wenigen im Olymp immer mehr gibt, geht sicher(!) auch, immer weniger für die Meisten.

      Sozialmigranten, das ist ja Humor, obwohl, es ist nicht ganz abwegig; ist aber auch schon seltsam, warum sollte man als Mensch auch ein auskömmliches Leben führen wollen, also so als breite Masse.
      Hätten die Migranten gewußt wie’s hier tatsächlich bestellt ist, daß sie womöglich bald wieder die Beine in die Hand nehmen müssen, wären sie wohl lieber dort geblieben wo sie waren.
      Klappt schon toll, das Aufhetzen der Unterschicht gegen die Migranten, dazu werden sie hier schließlich gebraucht, als Blitzableiter und wenn die dann noch in weiten Teilen mit einem eigenen steinzeitlichen Weltbild und Hader kommen, um so besser. Ein wild wirbelnder Strudel der Entropie.

      Was Frau Bonath wohl meinte, also mit ziemlicher Sicherheit, sind nicht Sozialmigranten oder Flüchtlinge (nennen sie’s wie sie’s wollen), die sind ja nur Popanz, sondern die hier, Sozialschmarotzer plus Propaganda-Anhang:

      19 Dez 2017
      Die Illusion der freien Märkte
      Wie der Staat hinter den Kulissen den Kapitalismus künstlich am Leben hält. Exklusivabdruck aus „Chaos: Das neue Zeitalter der Revolutionen“
      von Fabian Scheidler

      Es gehörte schon immer zu den schmutzigen Geheimnissen des Kapitalismus, dass er mit freien Märkten sehr wenig zu tun hat und von Anfang an untrennbar mit staatlichen Herrschaftsstrukturen verflochten war. Die frühneuzeitlichen Staaten gewährten Händlern und Bankiers wie den Fuggern Monopolrechte als Gegenleistungen für Kredite, mit denen die Landesherren Söldner und Rüstungsgüter bezahlten. Nur durch diese Kredite konnten die sich neu formierenden Territorialstaaten ihre Macht aufbauen. Und nur durch die Monopole konnten die Händler und Bankiers die enorme Konzentration von Kapital in ihren Händen erreichen, ohne die der Kapitalismus undenkbar wäre. Die ersten Aktiengesellschaften des 17. Jahrhunderts waren Schöpfungen von Staaten und wurden von ihnen mit Charterbriefen, Monopolrechten und sogar militärischen Mitteln ausgestattet. Bis heute sichern Staaten für private Unternehmen weltweit Handelswege und setzen Eigentumsrechte durch – oft gegen den massiven Widerstand lokaler Bevölkerungen, wenn es etwa darum geht, neue Kupferminen oder Tagebaue zu erschließen, Pipelines zu bauen oder Kleinbauern für Palmölplantagen zu vertreiben. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich darüber hinaus einige weitere Methoden entwickelt, mit denen Staaten die Maschinerie der endlosen Geldverwertung in Gang halten. Drei Strategien sind dabei von besonderer Bedeutung: Subventionen, leistungslose Einkommen aus Eigentumsrechten und Aneignung durch Schulden. Diese Dreifaltigkeit der Tributökonomie wird immer wichtiger, je instabiler die Weltwirtschaft wird. Denn sie beschert dauerhafte Geldflüsse auch dann, wenn sich am Markt kaum noch Profite durch den Verkauf von Gütern und Dienstleistungen erzielen lassen.

      Konzerne am Tropf

      In fast allen Staaten der Erde existiert ein komplexes Subventionsdickicht, durch das private Konzerne mit Steuergeldern kontinuierlich gefördert werden. In den letzten Jahrzehnten ist dieses Subventionsnetz zu einer Art Herz-Lungen-Maschine für den dahinsiechenden Kapitalismus geworden. Ein Großteil der 500 größten Konzerne der Erde würde ohne die massive Unterstützung durch Steuergelder längst bankrott sein. Schauen wir uns die mächtigsten Branchen einmal nacheinander an:

      Die Erdöl-, Erdgas- und Kohleindustrie wird nach Schätzungen der ausgesprochen konservativen Internationalen Energieagentur jedes Jahr mit rund 500 Milliarden Dollar subventioniert.
      (…)
      So gut wie alle Großbanken der USA, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und vieler anderer Staaten würden heute nicht mehr existieren, wenn sie seit 2008 nicht mit Steuergeldern in Billionenhöhe gerettet worden wären.
      (…)
      Die Zentralbanken der USA, der EU und Japans haben seit 2008 die unglaubliche Summe von neun Billionen Dollar in das Finanzsystem gepumpt, um die Märkte vor dem Kollaps zu bewahren. Ein einziger Monat aus dem EZB-Wertpapier-Programm hätte genügt, um die Schuldenkrise Griechenlands zu lösen. Stattdessen floss das Geld an die privaten Banken.
      (…)
      Die IT-Konzerne des Silicon Valley haben ihr Kapital auf Computer-Technologien aufgebaut, die jahrzehntelang von staatlichen, aus Steuergeldern finanzierten Forschungseinrichtungen entwickelt wurden, insbesondere dem Massachusetts Institute of Technology. Diese Technologien wurden Microsoft, Apple, Google, Facebook und Co. umsonst zur Verfügung gestellt. In einem iPhone steckt, wie die Ökonomin Mariana Mazzucato feststellt, nicht eine einzige Technologie, die nicht staatlich finanziert wurde. Der Staat hat also als Forschungsabteilung für diese Unternehmen gewirkt. Die Konzerne wiederum haben die üppigen Staatsgeschenke privatisiert und daraus proprietäre Software entwickelt, die die Grundlage ihres Reichtums und ihrer Macht bildet. Dieses System wird durch staatliches Patentrecht und die Weigerung der meisten Regierungen, wirksam gegen die Monopole dieser Konzerne vorzugehen, gesichert.
      (…)
      Die Pharmaindustrie erhält milliardenschwere Subventionen, unter anderem über den Umweg von öffentlichen Forschungseinrichtungen.
      (…)
      Die Hightech-Strategie der deutschen Bundesregierung, ein Forschungsprogramm mit einem Umfang von 27 Milliarden Euro, ist überwiegend ein Subventionsprogramm für Großunternehmen. Das ist wenig überraschend, da die »Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft«, die für das Programm wesentlich mitverantwortlich war, mit Vertretern von Daimler, BMW, BASF, Siemens, E.ON, Boehringer Ingelheim und Dr. Oetker besetzt war. Die Forschungsförderung für eine sozial-ökologische Transformation beträgt dagegen ein Tausendstel der High-Tech-Strategie, nämlich 30 Millionen Euro.
      (…)
      Die Atomindustrie wurde und wird in allen Staaten, die Kernenergie produzieren, massiv subventioniert und war zu keinem Zeitpunkt ohne solche Hilfen existenzfähig.
      (…)
      Die gesamte Rüstungsbranche wird ausschließlich durch die aufgeblähten staatlichen Verteidigungsetats am Leben gehalten, weltweit ein Geschäft von 1,5 Billionen Dollar pro Jahr. Mit einem Bruchteil dieses Geldes ließe sich sowohl der Hunger auf der Welt, der 800 Millionen Menschen betrifft, beseitigen, als auch die Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Alternativen umstellen.
      (…)
      Die EU gibt jährlich mindestens 50 Milliarden Euro für Agrarsubventionen aus. Der Löwenanteil davon fließt in die industrielle Landwirtschaft, die weltweit für etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen, die Degradierung der Böden, die Entstehung multiresistenter Erreger in der Massentierhaltung und 80 bis 90 Prozent des Süßwasserverbrauchs verantwortlich ist. Durch den Export der hochsubventionierten Überproduktion wird außerdem die Landwirtschaft vor allem in westafrikanischen Ländern zerstört. Agrarsubventionen fließen sogar an branchenferne Konzerne wie BASF, Bayer, RWE und – man kann es kaum glauben – an den Panzerhersteller Rheinmetall.
      (…)
      Rente statt Profit

      Das Subventionswesen für Konzerne, für ihre Shareholder und Manager, ist Teil einer größeren Struktur, die man bisweilen als »Sozialismus für Reiche« oder »Neofeudalismus« bezeichnet hat. Den oberen Schichten ist es gelungen, sich ein »bedingungsloses Maximaleinkommen« zu sichern, das von ihren Leistungen und Verfehlungen weitgehend entkoppelt ist. Nicht Markterfolge erhalten und vermehren die großen Vermögen und Einkommen, sondern Strategien der Privilegiensicherung, insbesondere durch Einflussnahme auf den Staat. Die staatliche Gabenökonomie für Superreiche verbindet sich mit dynastischen Strukturen, in denen Macht und Reichtum wie einst beim Adel durch die Geburt vererbt werden.
      (…)
      Die künstliche Verknappung immaterieller Güter

      Das Tributsystem erstreckt sich auch auf immaterielle »geistige Güter« wie etwa wissenschaftliche Entdeckungen, technische Erfindungen, kulturelle Leistungen, Software, Markennamen und sogar die genetischen Codes von Lebewesen. »Geistige Eigentumsrechte«, die eine exklusive Verfügung über solche Güter garantieren, sind bei näherer Betrachtung ein sehr seltsames juristisches Konstrukt. Sie verknappen künstlich, was eigentlich im Überfluss da ist und durch intensivere Nutzung nicht weniger wird, sondern mehr.
      http://www.free21.org/die-illusion-der-freien-maerkte/

      Und letztendlich ist in diesem absurden System auch der Schießkrieg zu einem Popanz verkommen, der die Ursachen und Verantwortlichen mit einem Nebelschleier zu belegt. Ein sehr realer Popanz für Menschen in Ländern, deren Gebieter eben nicht Zugriff auf die tollsten Waffen haben.

      Aber machen sie sich mal keinen Kopf, im Rahmen der Automatisierung geraten uns auch die letzten Möglichkeiten zur Einflußnahme aus der Hand. Vielleicht hält sich dann jeder Oligarch noch ein paar Intellektuelle. So als Hofnarr.

      Also für manche ist das bestimmt echt doppelplusgut.

    • Box
      Mal wieder Danke für den Beitrag!!!

      wasserader
      Suggestiv? Mag sein! Aber wahr! Genau dasselbe hab ich vor ein paar Monaten auch schon geschrieben, als das Argument mit unserer tollen „Kultur“ kam.

      Welche Kultur? Wir sind durchamerikanisiert! Kultur… Pf… Schauen Sie sich die Innenstädte an, die sind geklont mit Konzern-Läden, man kann sie gar nicht mehr unterscheiden. Unsere Filme, die Musik, TV – alles Amikram.

      Also nochmal – welche Kultur?
      Das verlogene Pseudochristentum, welches hier gelebt wird? Westliche Werte wie Krieg und Drohnenmorde? Oder vielleicht die Kultur der flaschensammelnden Rentner, der obdachlosen Armen? Der auf 0 sanktionierten Hartz-Empfänger, der Multijobber, der Tagelöhner?

      Da wird mir beim Schreiben der Zustände in unserem Land (unserer Kultur) so richtig klar, dass DIESE Kultur definitiv nicht schützenswert ist!

    • Ein humanistisch geprägtes Menschenbild kann’s nicht sein, denn dieses ist schon länger abhanden geraten, im Land der „Dichter und Denker.“

      Liebe(r) Box !

      Bitte sagen Sie das nicht.

      Oder, wenn Sie es schon sagen müssen, dann beziehen Sie es bitte spezifisch auf diejenigen, bei denen der Beweis bereits erbracht ist.
      Es gibt in der Tat viele Menschen in diesem Land, deren Antrieb tief humanistisch ist. Auch aus diesem Grund sind sie keine Lautsprecher und erscheinen deshalb vielleicht kaum existent.
      Das ist kein Grund, sie zu vergessen — denn wahrscheinlich sind es mehr, als sie glauben.
      Nennen wir sie doch die schweigende humanistische Masse : ]

      Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit (neben Kristana) mal bei Ihnen für all die weiterführenden Links und Denkanstösse bedanken.
      Sie sind ein äusserst wertvoller Wissensquell in diesem Forum.

      Bitte weiter so !

    • @Kristiana .
      Wenn „Box“ unter Kultur
      “ Dschungelcamp, Heidi Klum und Dieter Bohlen oder McDonald’s “
      versteht, dann ist er unzweifelhaft Opfer der neoliberalen Dekultivierung .
      Kultur ist ein lebenslanger Prozess und jahrhundertelanger Entwicklungsprozess der Gesellschaft und wenn jemand wie oben zitiert ein Kulturverständnis hat,
      bleibe ich sprachlos .

    • wasserader

      Kultur = jahrhundertelange Entwicklung? Dann wirds ja noch schlimmer! Kolonialisierung, Hexenverbrennung, Krieg und wieder Krieg und wieder Krieg, jahrhundertelang.
      Wir sind berühmt für German Angst und German Neid. Halten Gehorsam für eine Tugend (obwohl Milgram das Gegenteil beweist) und haben eine Arroganz kultiviert, die ihresgleichen sucht: „am deutschen Wesen….“. Es ist einfach alles nur sehr traurig!

    • @Kristana

      Die Reduktion der Kultur auf Teile der Geschichtsschreibung ,
      die Reduktion auf negative Aspekte der Geschichte ist Teil der Absicht, Kultur zu zerstören .
      Kulturzerstörung unterscheidet sich elementar von Lernen aus Fehlentwicklungen der Kultur .
      Wenn sie, so lese ich aus ihrem Schreiben, die europäische Kultur ablehnen,
      stellt sich die Frage, wodurch diese Kultur zu ersetzen ist .
      Da sehe ich keine Perspektive , wenn ich die Weltkultur unter Multikulti Finanzdiktatur
      mit ihrem Menschenbild Humankapital sehe . Eine andere Entwicklung ist unter gegenwärtigen Machtbedingungen nicht erkennbar . Denn der Neoliberalismus ist in seiner Fähigkeit, die Menschen zu spalten Weltklasse . Die „offene Gesellschaft“ ist Teil des Projektes zur Eliminierung der Handlungsfähigkeit organisierten und wirksamen Widerstandes .

    • wasserader,

      sie werfen mit Worthülsen um sich, u.a. Kultur, Selbstbestimmung und Freiheit, ohne dem Grund und Inhalt zu geben. Ich schreibe hiervon:

      Ken Loach statt Alex Dobrindt
      Hartz IV Kaum ein Tag vergeht ohne neue Propaganda gegen Arme. Doch eigentlich müsste es um die Reichen gehen
      Sebastian Puschner

      Es gibt einen Weg, um sich aus den Niederungen der gegenwärtigen Hartz-IV-Debatte zu befreien: den 2016 völlig zurecht in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Film Ich, Daniel Blake (noch einmal) ansehen. Das hilft, dem Schleier der von Alexander Dobrindt (CSU), Jens Spahn (CDU) oder Lars Klingbeil (SPD) geworfenen Blendgranaten auszuweichen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

      Etwa darauf, wie schlecht es um die Vermittlung von Erwerbslosen in Arbeit, selbst in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität, steht. 555 Tage waren Grundsicherungsbeziehende 2011 im Schnitt ohne Arbeit, 2016 waren es 629, im vergangene Jahr dann 650 Tage. Die Zahl der Hartz-IV-Beziehenden, die mehr als drei Jahre erwerbslos waren, ist von 298.000 (2011) auf 317.000 (2017) gestiegen. Auf diese Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hat die Linksfraktion gerade hingewiesen und dies mit einer Kritik an den Kürzungen der Leistungen zur Eingliederung in Arbeit während der vergangenen Jahre sowie mit der Forderung nach einer sanktionsfreien, existenzsichernden Mindestsicherung verbunden.
      (…)
      Rigide Sanktionen gegen unter Generalverdacht gestellte Arme – das war ein zentrales Element der Agenda 2010, weswegen Ken Loachs Film beileibe nicht allein eine Auseinandersetzung mit dem Großbritannien seit Margaret Thatcher ist. Jede Schulklasse in Europa sollte ihn sehen. Das kann immunisieren gegen jene Propaganda, die den „Sozialbetrug“ durch Geflüchtete zum grundlegenden Problem aufbauscht (Dobrindt), Arme gegen Arme ausspielt (Spahn) oder das ganze Thema gelangweilt abtut (Klingbeil).

      Ein Ende dieser Erniedrigung muss die erste Prämisse jeder Reform des Sozialstaates sein. Würde ist nicht verhandelbar, und Angst vor dem Abstieg ist kein Motivator, sondern Quelle des Vertrauensverlustes in die Politik, wie wir ihn heute erleben. Sanktionen, zumal gegen Kinder, verbieten sich. Erwerbslose sind keine Drückeberger, sondern Menschen, die die Hilfe eines starken Staates brauchen, um ihr Recht auf Wohnen, Essen und kulturelle Teilhabe zu verwirklichen, wofür die zuständigen Beamten und Angestellten dieses Staates wiederum Geld, Zeit und Qualifikation benötigen.
      (…)
      Nicht die Armen sollten im Fokus einer Sozialstaatsdebatte im Jahr 2018 stehen, sondern die Reichen. Das Ausbleiben einer gerechten Besteuerung ihrer obszönen Vermögen ist das grundlegende Problem. Den Jobcentern fehlen Geld und Personal, um sich hinreichend um die Qualifizierung und Vermittlung Erwerbsloser zu kümmern. Ein öffentlicher Beschäftigungssektor mit adäquaten Löhnen und der nötigen qualifizierten Begleitung seiner Teilnehmenden ist teuer. Mehr Geld wird es auch kosten, „das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums“ mit der Höhe der Leistungen in Einklang zu bringen, was deren gegenwärtige manipulative Berechnung nicht gewährleistet. Und um zu vermeiden, dass Leistungsberechtigte wie 2017 rund 600 Millionen Euro draufzahlen müssen, um sich ihre Wohnungen noch leisten zu können, müssen Mieten nicht nur rhetorisch, sondern auch faktisch eingebremst werden. Das verlangt einen staatlichen Eingriff ins Privateigentum. Von solchen Eingeständnissen ist die aktuelle Debatte aber weit entfernt.
      https://www.freitag.de/autoren/sebastianpuschner/ken-loach-statt-alex-dobrindt

      Der Artikel bleibt zwar ziemlich an der Oberfläche, formuliert einen evtl. Wunschstaat (real ist er in oligarchischer Hand), verortet die „Lösung“ bei ein wenig Sozialdemokratie, einem Anteil der Beute von den Reichen (Besteuerung der Reichen), die Propaganda „mit Qualifizierung wird alles gut,“ ist auch enthalten, er ist aber dennoch nah bei der Wurzel.

      Kristana und Seven,

      besten Dank auch und auch für ihren Einsatz.

    • wasserader

      Dann werden Sie doch mal konkret bitte.
      WELCHE Kultur will ich denn zerstören? Da sind wir doch genau beim Thema. Was, von dem was ich geschrieben habe, ist denn falsch für Sie?

      Welchen Teil unserer Kultur wollen Sie denn schützen? Und jetzt bitte keine Floskeln, sondern konkrete Begriffe.

  5. Vielen Dank, Frau Bonath, fuer diesen Kommentar!
    Ich kann mich täuschen, aber ich vermute sie rennen offene Scheunentore ein mit diesem, und anderen guten Kommentaren von Ihnen.
    Wir sollten die Entlarvung der Herrschenden sicher weiter verfolgen. Doch brauchen wir unbedingt auch eine Strategie, wie wir diesem Elend ein Ende bereiten. Wir sehen in der Analyse von Marx und Engels zumindest, dass sie sich hinsichtlich der pol. Handlungsfähigkeit des Lumpenproletariats nicht getäuscht haben. Wie lange können wir noch warten?!

  6. “ Die Masse verweigert sich geradezu der Realität. Sie zieht so gern die »eigene Meinung« der Bildung vor. Meinungen sind so schön von Emotionen geprägt, die mit Rationalität meist wenig zu tun haben.

    Und so haben die Populisten ein leichtes Spiel. “

    Ist das so ?
    Ich lese das nur 25% der Briten die Angriff in Syriën für gut halten.
    In den Niederländen gibt eine Poll, nicht eine repräsentive Untersuchung, an das 40% dahinter steht.
    Wir wählten gegen das Ukraine EU Abkommen, wir wählten gegen das Spionage Gesetz.
    Und dann, ist nicht eine politische Meinung eine Emotion ?
    Rationnelle Meinungen gibt es nicht.
    Eine politische Meinung kann basiert sein auf Lügen, natürlich, oder nur Behauptungen, MH17, Giftgas in England und zweimal in Syriën, dreimal Putin dahinter.
    Die Masse heute ist nicht so dumm mehr, denke ich.
    Vielleicht das einzige Gute der Iraq Krieg.

    • Da Haben sie recht, die Masse ist nicht so dumm, aber was will die Masse Machen?
      Eigentlich müßte bei dieser unsinnigen Kriegstreiberei, die Masse den Hammer aus der Hand legen und zum Generalstreik antreten, denn dass ist das einzige Mittel, um seinem gewählten Souverän, klar zu machen, du agierst gegen deine Auftraggeber.
      Leider ist sich der normale Bürger über dieses Mittel des Meinungsausdrucks, nicht im klaren.
      Er hat da immer die Vorstellung von Chaos.
      Eine Vorstellung dass man sich dem Staat verweigern kann, kommt den meisten Menschen nicht in den Sinn.
      Ein Generalstreik beinhaltet nämlich auch, das die Exekutive so wie die Bundeswehr sich dem Staat verweigern. Und dann wäre Schicht im Schacht.
      Aber da die Hoffnung auf ein gutes Ende zuletzt stirbt, bleibt das Volk ruhig und wartet ab, bis es zu Spät ist.
      Irgendwie kommt mir der Frosch im Kochtopf in den Sinn.
      Schaun mer ma, wird schon gut gehen.

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