Tagesdosis 16.8.2017 – Im Schatten des US-Nordkorea-Disputs (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Wenn wir Erfahrungen in Erkenntnisse umwandeln wollen, dann ist es wichtig, das erkannte nach Mustern abzusuchen. Strukturen, die wir dabei wahrnehmen, werden durch unsere Sinne dann gefiltert und nach Überlebensnotwendigem oder nach Nützlichem abgesucht. Wenn diese Erfahrungen dann dauerhaft sind, werden sie in den Teil unseres Gehirns abgespeichert, der für unsere Persönlichkeit da ist. Ein Backup wird erstellt und mit den anderen relevanten Erfahrungen in einen Kontext gebracht.

Was ist dabei wichtig? Die meisten Menschen mögen Tomaten. Wissen Sie noch, wann Sie ihre erste Tomate gegessen haben? Die meisten Menschen antworten nun mit einem Nein. Wissen Sie noch, wann Sie ihre 268-ste Tomate gegessen haben? Auch hier ist die Antwort ein klares Nein. Das ist auch irrelevant für unser Gehirn, für unser Überleben. Wichtig ist nur eines: Tomaten sind lecker und gesund.

Auf diese Weise ist unser Verstand auf Leben und Überleben programmiert. Wer davon abweicht und jede Tomate zählt, ihre äußere und innere Beschaffenheit sich merkt, der belastet die grauen Zellen mit unnötigem Ballast und schadet damit auf Dauer sich selbst.

Warum dieser kleine Exkurs? Nun, die meisten Menschen zählen die Tomaten und speichern ihre Beschaffenheit in ihren Hirnen ab, um möglichst „up to date“ zu sein. Mitreden zu können ist zu einem intellektuellen Sport geworden, bei dem jeder sich mit dem Wissen des Anderen messen kann.

Zur Zeit ist das der US-Nordkorea-Disput, bei dem jeder noch ein Informatiönchen mehr als der andere beisteuern will. Obwohl es doch um Krieg geht. Und dieser, der Krieg, spielt sich seit fast sechstausend Jahren immer gleich ab.

Worum geht es beim Zerfetzen von Weichzielen? Es geht um Rohstoffe. Aber es geht um noch etwas. Was wird denn aus den Rohstoffen gemacht? Sie werden in Waren umgewandelt oder zu Waren zusammengefügt, wie beispielsweise das Coltan, das in fast jedem Smartphone oder Tablet vorhanden ist. Was aber ist der Sinn von Waren oder dem Warenverkehr? Ich rede jetzt nicht von Marx, sondern vom Krieg, also dem Flickkoffer des Kapitals.

Warenverkehr durch erbeutete Kriegsgüter sind Zwangsprodukte eines kranken Kapitalverkehrs. Sie sind der Eiter des Problems, der dem Kapitalismus immanent ist. Das wissen heute sehr viele, daher ist es banal. Rohstoffverwertung dient, im Sinne von Kriegsgütern wie beispielsweise dem Öl, einem Wettbewerbsvorteil: der Währung. Auch Währungen stehen im Wettbewerb, auch dann, wenn die Leitwährung der Dollar ist. Doch der Dollar ist auch Reservewährung für die anderen Währungen. Daher ist es ungeheuer wichtig, den Dollar möglichst stabil zu halten. Verkürzt gesagt: Ist der Dollar stabil, dann ist das sich daran anschließende Weltbild stabil.

In diesem Sinne ist nicht etwa stabil, was tatsächlich stabil ist. Sondern stabil ist eine Währung erst dann, wenn wir glauben, dass sie stabil ist. Es spielt daher keine Rolle, wie instabil der Dollar oder der Euro wirklich sind. Einzig der Glaube zählt. Und der ist sehr stabil!

Welche Rolle spielen Nord- und Südkorea in diesem Zusammenhang? Eine nicht zu Unterschätzende für Deutschland und Japan. Wie das?, fragen sie sich jetzt sicherlich verdutzt, denn sie haben vermutlich noch nichts von diesem Blickwinkel gehört. Aus dem Blickwinkel der USA ist es ein Druckmittel ganz besonders für das nahe beiliegende Nippon. Wenn es zu einem Krieg käme, USA gegen Nordkorea, dann müsste es danach einen Frieden geben. Dieser könnte die Verhandlung von einem vereinten Korea sein. Ein vereintes Korea aber hätte eine vermutete Wirtschaftskraft, die die von Japan oder Deutschland übersteigen würde. Denken Sie bitte einmal in diesem Szenario und verbinden sie dieses, so weit sie können, mit der derzeitigen Weltlage für die führenden Mächte und deren Auswirkungen. Für Deutschland wäre das im schlimmsten Fall eine Neuorientierung der Wirtschaftskräfte. Es wäre kein Beinbruch für Deutschland. Aber für Japan wäre es das Aus der derzeitigen Politik ganz allgemein. Schon Obama wollte Japan dazu bringen, endlich offensiver für Militärausgaben zu stehen. Die USA benötigen ein militärisch hochgerüstetes Japan, dass seine Vorurteile bezüglich einer Stationierung von Atombomben überwindet. Denn diese brauchen die USA, um im Wettstreit mit China nicht all zu viel in der Zukunft zu verlieren.

Das Stammeln des trampeligen Trump gegen Nordkorea geht nämlich in die Richtung, Japan zu zwingen, mehr in Rüstung zu investieren. Für Japan wäre eine kriegerische Auseinandersetzung der USA mit Nordkorea ein worst case-Szenario biblischen Ausmaßes. Es ist ein Erzwingen US-außenpolitischer Interessen in die Richtung Japan. Mehr ist es nicht.

Das wäre schnell klarer, wenn die Menschen den folgenden Rat des Hirnforschers Manfred Spitzer ernster nehmen würden: „Es ist für unser Gehirn unwichtig zu wissen, wie jede einzelne Tomate schmeckt. Wichtig ist nur, Tomaten kann man essen, sie schmecken gut und sind gesund.“ Das aber bedeutet, dass man seinen Verstand, um unnötiges Umherschweifen zu vermeiden, mit den relevanten Informationen füttert. Relevant in Sinne des Krieges sind all die Informationen, die den Frieden verhindern. Und diese sind ungeheuer umfassend. Da sich aber die Wenigsten mit den zahlreichen Verbindungen von Sachverhalten befassen können, ist der Blick um vier Ecken ausreichend.

Wie viele Leser dieser Zeilen haben denn gewusst, dass jetzt gerade ein weiteres, viel gefährlicheres Säbelrasseln zwischen Indien und China im Gange ist? Aus Peking heißt es in Richtung Indien: „Dieses Mal müssen wir Neu Delhi eine bittere Lektion erteilen“. Klingt das nicht auch nach Trumps letzten Schmähruf in Richtung Nordkorea? Ich berichtete letzten Mittwoch schon davon, hier auf KenFM.

Komisch dabei ist, dass nichts davon in größten Lettern zu lesen war. China und Indien sind Atommächte. Beide besitzen Atombomben.

Die USA sind das heutige Imperium. Sie leiten eine Währung, die nur über den Welthandel im Umwandlungsprozess zu ihren Rohstoffen an Wert behält. Wert ist hier, wir erinnern uns, ein Synonym für Glaube. Dieser Prozess ist eine Auftragsarbeit des militärisch-industriell-“medialen“-Komplexes, der über die Verbündeten in der NATO, geregelt ist. Nutznießer agieren weltweit. Daher ist es unsinnig anzunehmen, die USA wären der Dämon der Welt. Das sind sie nicht! Der Dämon der Welt ein System, ein Netz aus Oligarchen in Persona – aber ein System. Das Muster des Systems beruht auf einem Glauben. Man kann sogar sagen: Das Muster selbst ist eine Illusion, an das wir alle glauben. Und dieser Glaube erhält das System.

Das Schwierige bei dieser Erkenntnis ist, dass wir Teil dieser Erkenntnis selbst sind. Durch unseren Glauben, dass unser gesamtes menschliches Vermögen den Wert des Geldes aufwiegt. Unser menschliches Vermögen tritt in die Welt durch Handlungen, durch Taten, die Ereignisse, Aktionen und Reaktionen erzeugen. So lange wir alle daran festhalten, so lange droht uns der Garaus mit den Mitteln, die dazu dienen, diesen Glaube weltweit aufrecht zu erhalten; mit militärischen Mitteln. Das jedoch bloß paradox zu nennen, ist nicht möglich. Denn es ist ein zutiefst krankes Verhalten.

„Krieg ist eine Krankheit“, schreibt der Psychoanalytiker Eugen Drewermann. Und er weiß ganz genau, was er damit meint. Er meint das gesamte Verhalten, das vor dem Ausbruch den Krieg erst erschafft. Der Arzt und Psychotherapeut Wolf Büntig und der Psychiater Hans-Joachim Maaz beanspruchen dafür den Begriff der Normopathie. Das krankhafte Verhalten der Menschen, die sich für normal halten. Der Sozialpsychologe Erich Fromm sagte einmal, und damit will ich die heutige Dosis des Tages schließen: „Die Normalen sind die Kranken und die Kranken sind die Normalen.“ Wie recht er damit liegt, ist erst nach mehrmaligem Nachdenken möglich.

Warum wollen die Menschen nicht ihren Blickwinkel weg von der Problemanhaftung hin zu den Lösungen bringen? Das hat der große Psychologe Arno Gruen einmal sehr treffend formuliert: „Weil die Menschen die Psychologie verachten.“ Was aber verachten sie denn so sehr in der Psychologie? Das Auftreffen auf sich selbst. Den Spiegel, in den sie dabei schauen und sich und ihr eigenes Fehlverhalten, ihr tatsächliches Unvermögen erkennen. Davor ängstigt es sie. Und das hindert sie dann an ihren Glauben, selbst sehr gut und schon richtig, eben perfekt zu sein.

Es ist das Gleichnis des Sandkorns, das Jesus schon vor zweitausend Jahren den Menschen nahe bringen wollte. In ihm erkennst du die Welt, aber auch Dich. Und das will der Mensch nicht. Er will sich erhöht wissen, gottähnlich. Er will sich nicht als das erkennen, was er ist. Als ein Tier mit Verstand, fast haarlos, mit der Gabe zu vernünftigem Handeln, aufrecht stehend. Er will den gesamten Horizont komplett erblicken können. Er will ihn besitzen. Aus Angst, er könnte ihn besitzen und sein leben bestimmen. Erblickt er den Horizont nicht, so kann er nur so tun, als erblicke er ihn. anthropos heißt übersetzt, nach dem Philosophen und Anthropologen Wolfgang Welsch, „der den Horizont erblickende und Beherrschende“. Darin liegt eine große Wahrheit verborgen; die über uns, bis heute hinein.

Darüber stolpert er aber seit Jahrtausenden und will nichts davon hören: „Der Mensch braucht die Erde, die Erde aber braucht den Menschen nicht.“ Diese Erkenntnis ist ihm gleich tausend Hornissenstiche.

„Irgendwann? Nein jetzt. Wir müssen seh´n,
wie wir den Gewalten widersteh´n.
Denn sonst heißt es wieder eines Tages dann:
Seht euch diese dumpfen Bürger an.
Zweimal kam der große Krieg mit aller Macht.
Und sie sind zum dritten Mal nicht aufgewacht.“

Konstantin Wecker, aus: Der Krieg.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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