Tagesdosis 16.9.2019 – Die EZB verzweifelt: Wann kommt das Helikoptergeld?

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

Die EZB hat am vergangenen Donnerstag eine Lockerung ihrer Geldpolitik angekündigt. Sie reagiert damit auf die weltweit einsetzende Rezession.

Offiziell heißt es, man wolle die Inflation leicht forcieren, Banken dazu bewegen, mehr Geld zu verleihen und so die Konjunktur ankurbeln. Diese Effekte können aber gar nicht eintreten, da das Geld wie in den vergangenen Jahren nicht in der Realwirtschaft ankommen wird. 

Lässt man die vorgeschobenen Gründe einmal beiseite, so sind die EZB-Beschlüsse nichts anderes als der Versuch, das dem Untergang entgegentaumelnde System um jeden Preis am Leben zu erhalten und der Finanzindustrie einmal mehr die für sie bestmöglichen Bedingungen zu bieten. 

Das allerdings wird angesichts der riesigen Probleme immer schwieriger. So hat die Nullzins-Politik der EZB in den vergangenen Jahren immer mehr Investoren dazu verführt, mit geliehenem Geld zu spekulieren. Auf diese Weise ist ein historischer Schuldenberg entstanden. 

Es gibt nur eine Methode, diesen Schuldenberg schmelzen zu lassen, und das ist das Erzeugen einer Inflation. Wenn die Preise und mit zeitlicher Verzögerung auch die Löhne und die Staatseinnahmen steigen, verringert sich, relativ gesehen, die Schuldenlast.

Das hat in der Vergangenheit immer mittels einer Erhöhung der Geldmenge funktioniert. In unserer Zeit aber ist das anders: Die von der EZB am Donnerstag angekündigten Geldinjektionen werden einmal mehr in die Finanzmärkte fließen und dort die Blasen an den Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkten befeuern. 

Da die arbeitende Bevölkerung von diesem Geld so gut wie nichts sehen wird, wird ihre Kaufkraft auch nicht zunehmen – mit dem Effekt, dass die Industrie keine Preiserhöhungen wird durchsetzen können, die zur Ankurbelung der Inflation nötig wären. 

Was also kann die EZB tun, wenn die so dringend benötigte Inflation auch weiterhin ausbleibt? 

Sie hat dann nur noch eine Chance: Sie wird eine künstliche Erhöhung der Massenkaufkraft vornehmen müssen.

Genau dieses Mittel wird von Insidern momentan unter dem Begriff „Helikoptergeld“ diskutiert. Der Einsatz von Helikoptergeld würde bedeuten, dass die Zentralbank Geld aus dem Nichts schafft und es den Bürgern flächendeckend ohne Gegenleistung zukommen lässt, damit diese es in den Konsum stecken und so die Inflation anheizen.

In der Tat würde die Maßnahme vorübergehend zu einer Belebung der Konjunktur führen und vor allem bei den unteren Einkommensschichten auf Zuspruch treffen. Die Begeisterung aber würde bald verfliegen, denn die anziehenden Preise und die einsetzende Inflation würden die erhöhte Kaufkraft schnell übertreffen. 

Da dieser Mechanismus nicht durch wirksame Gegenmaßnahmen bekämpft werden könnte, bliebe Regierungen und Zentralbanken nur ein Ausweg: Weiteres Helikoptergeld zu schaffen – und so gezwungenermaßen eine nicht mehr zu stoppende Spirale in Gang zu setzen. 

Angesichts der überaus heiklen Lage des Finanzsystems und der am Donnerstag zutage getretenen offensichtlichen Ratlosigkeit der Verantwortlichen kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis es zum Einsatz von Helikoptergeld kommt – und damit zum dauerhaften Öffnen aller Geldschleusen mit dem absehbaren Endergebnis einer galoppierenden Inflation. 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: nitpicker Shutterstock

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12 Kommentare zu: “Tagesdosis 16.9.2019 – Die EZB verzweifelt: Wann kommt das Helikoptergeld?

  1. Die Gedanken von Jan Dark, einige auch von Ralf Becker, haben mich lange nachdenken lassen über die Zusammenhänge: Lohndruck, Massenkaufkraft, Inflationsziel 2 % einerseits
    und andererseits Spekulationsgewinne, deren Anlage in den 'sicheren Häfen' Grundstücke, Ackerland, Aktien und der Blasenbildung dort, die für die Beteiligten meiner Meinung nach nicht schädlich ist, wenn diese darauf achten, dass sie sich rechtzeitig vor dem Platzen dort verabschieden und eine andere Anlageform wählen;
    und dem was nottut, nämlich höhere Löhne, dazu eine Korrektur der Primäreinkommen durch staatliche Umverteilung (z.B. durch die Steuerlastverteilung),
    und bei den Kommunen, dass sie trotz der unsinnigen Schuldenbremse und der Schwarzen Null, den Investitionsstau entschieden angehen und die öffentlichen Aufgaben wieder zu dem machen, was sie sein sollten: der jetzigen und den zukünftigen Generationen öffentliche Güter (ohne Gewinnabsicht) und eine Daseinsvorsorge zu bieten, die keinen hängen lässt.

    Da sehe ich den Kommentar von W. Schürer,
    der mir bis zur Wolff-Kritik ausgesprochen gut gefällt. Einiges kommt mir bekannt vor; so z.B. das, was Prof. Flassbeck immer betont, z.B. dieses: "Lohnerhöhung gemäß der Formel Produktivitätszuwachs + Zielinflation.
    Und dass die EZB das Richtige tut, meint auch Prof. Rudolf Hickel. Dass jetzt aber die Fiskalpolitik gefordert ist, um mit notwendigen öffentlichen Investitionen (Infrastruktur, Bildung, Soziale und ökologische Umbauprozesse) die EZB-Absicht zu unterstützen.
    Das Interview mit Dirk Ehnts fand ich spannend. Ich hätte gerne mehr davon erfahren, doch Berlin ist nicht mein näheres Umfeld.
    Hier ein Beitrag von Norbert Häring:
    http://norberthaering.de/de/27-german/news/1136-mmt?&format=pdf

    Alles in allem hat mir gezeigt, dass ich nicht 'up to date' bin in dieser Diskussion.
    Mein Wunsch wäre deshalb, mit dem Format Positionen einmal diejenigen zusammenzubringen, die sich einen spannenden und in der Sache weiterführenden Disput liefern könnten. Meine Erwartungen daran ist kein von allen akzeptierter Konsens, aber doch das Herausarbeiten unverzichtbarer Bausteine für ein funktionierendes heutiges Geldsystem

    • Diesem Wunsch schließe ich mich an.
      Ich schätze die Fachkompetenz von Heiner Flassbeck, Paul Steinhardt und der sonstigen Autoren von Makroskop sehr. Wenn man einen dieser Herren zur Teilnahme an Positionen bewegen könnte, das wäre echt Spitze.
      Ich hoffe ich täusche mich, aber ich fürchte da bestehen noch etwas Berührungsängste von Seiten Makroskops. Außerdem – das ist mir schon bei mehreren Diskussionen von Herrn Flassbeck aufgefallen – hat es dieser Mann allmählich satt mit makroökonomischen Analphabeten zu diskutieren. Ich fürchte, da könnten die Fetzen ganz schön fliegen oder Herr Flassbeck könnte genervt von zu viel Inkompetenz die Runde verlassen.
      Herr Steinhardt verfasste vor kurzem einen Kommentar auf Makroskop zum Herrn Wolffs Beitrag in der Wolf-of-Walstreet-Reihe zu MMT. (Rubrik: "Genial daneben", Thema; "Ein Wolff zum Heulen" vom 22.8.) Er war ziemlich fassungslos über die Inkompetenz von Herrn Wolff auf diesem Gebiet.

    • @W. Schürer
      Zitat
      """
      Ich schätze die Fachkompetenz von Heiner Flassbeck, Paul Steinhardt und der sonstigen Autoren von Makroskop sehr. Wenn man einen dieser Herren zur Teilnahme an Positionen bewegen könnte, das wäre echt Spitze.
      """

      Paul Steinhardt schreibt in diesem Makroskop Artikel "Ein Wolff zum Heulen" vom 22.08.19

      "Wolff überträgt offensichtlich die marxistische Kritik …."

      " der mag geneigt sein, auch der These Wolffs Glauben zu schenken, dass die MMT als eine postkeynesianische Ökonomik gar nicht anders kann, als den Finanzkapitalismus zu stabilisieren und damit das Leiden auf der Welt unnötig zu verlängern."

      Paul Steinhardt, Mitherausgeber von Makroskop kann meiner Meinung nach mit seiner Kritik an Ernst Wolff gar nicht recht haben, weil unser Geld doch durchaus einer fehlerhaften Schuldscheinlogik folgt.

      Sein Partner bei Makroskop, Prof. Flassbeck fordert doch immer wieder staatliche Eingriffe "um etwa höhere Löhne durchzusetzen".

      Aber das Problem sind doch gar nicht die von Prof. Flassbeck immer wieder ins Spiel gebrachten zu niedrigen Löhne. Vielmehr ist es die Tatsache, dass der Staat ständig bequem Geld mit der Geldentstehung als Schuld in Umlauf bringt.

      Diese vielen Schuldscheine, was Geld doch letztlich ist, werden dann jedoch von den großen Akteuren der Wirtschaft mit Marktmacht eingenommen und alle anderen Bürger bleiben wegen dem extrem ungleich verteilten (weltweiten) Geldbesitz dauerhaft auf immer mehr Schulden sitzen, was jedoch nicht die Folge von zu niedrigen Löhnen ist, sondern weil die großen Akteure der Wirtschaft ihre Schuldscheine später gar nicht mehr einlösen oder sehr viel einfacher formuliert "ihr vieles Geld später nicht mehr ausgeben".

      Insofern muss Ernst Wolff durchaus mit seiner Behauptung recht haben, dass die MMT das kaputte System allenfalls für eine gewisse Zeit künstlich am Leben halten kann.
      Mit Schuldscheinen, was Geld in Wirklichkeit ist, sollte man besser keine Marktwirtschaft machen. Wenn Paul Steinhardt dies anders sieht, wie es mir wegen seines Kommentars unter GENIAL DANEBEN durchaus vorkommt, dann hat er damit nicht recht.

    • Hi Ralf Becker,
      ich wiederhole hier meine Antwort vom 5.9. auf ihren Kommentar zum MMT-Beitrag von Herrn Wolff in seiner Kolumne, den Sie offenbar nicht bemerkt haben:
      vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar. Zu folgender von Ihnen gemachten Aussage
      >>> „Ob wir jetzt aber höhere Löhne benötigen oder ob wir möglicherweise sogar noch wettbewerbsfähiger werden könnten, ändert dies nichts daran, dass unser Geld einer fehlerhaften Schuldscheinlogik folgt.“
      hätte ich eine Frage.
      Könnten Sie bitte präzisieren worin diese fehlerhafte Schuldscheinlogik besteht?
      Ich kann sie jedenfalls nicht erkennen. Die staatliche Schaffung von „Geld aus dem Nichts“ ist nichts anderes als die Ausstellung von Gutscheinen. Solange dieser Prozess einer demokratischen Kontrolle unterliegt und Missbrauch verhindert werden kann erscheint mir dies ein sehr gutes Instrument zu sein, um die Teilnehmer einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft in die Lage zu versetzen ihr kreatives Potential unabhängig von vorhandenen eigenen finanziellen Ressourcen zu entwickeln und sich gegenseitig die Produkte ihrer Arbeitsteilung abkaufen zu können.
      Natürlich können nicht endlos Gutscheine verteilt werden. Sie müssen auch wieder eingesammelt werden. Das Gegenstück zur Schaffung von „Geld aus dem Nichts“ ist das aus-dem-Verkehr-ziehen dieser Gutscheine durch die Eintreibung von Steuern. Auch dieser Prozess bedarf natürlich einer demokratischen Kontrolle im Sinne des Gemeinwohls. Vernünftige Kriterien für die Steuererhebung sollten meines Erachtens sein: die Förderung gesellschaftlich erwünschter und die Behinderung gesellschaftlich unerwünschter Tätigkeiten, die Korrektur überbordender finanzieller Ungleichheitstendenzen und die Verhinderung überbordender Inflation.
      >>> „Hier gibt es jedoch das Problem, dass der Staat seine sozialisierten Schulden, mit denen er doch dermaßen bequem ständig Geld in Umlauf bringt, später fast gar nicht wieder abbauen kann.“
      Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die staatliche Schaffung von „Geld aus dem Nichts“ nur Hand in Hand mit staatlicher Verschuldung gehen kann. Das Geld kann auch geschaffen werden, ohne dass der Staat sich bei irgendjemand verschulden muss. Der Weg der Verschuldung kann gewählt werden, wenn es opportun erscheint anderen Marktteilnehmern als dem Staat temporär als Ausgleich für die Schaffung des neuen Geldes Liquidität zu entziehen um inflationäre Tendenzen zu zügeln. Für einen souveräner Staat mit einer souveränen Währung ist dies eine Ermessensfrage. Er kann sich im Zuge der Neuemission seiner Gutscheine verschulden oder auch nicht.
      Die Schaffung von „Geld aus dem Nichts“ durch Geschäftsbanken bedarf natürlich rigoroser Reglementierung um Missbrauch zu verhindern, wie er heutzutage an der Tagesordnung ist. Stichwort: Trennbankensystem. Die Funktion der Banken in diesem Zusammenhang sollte es sein, unternehmerische Ideen hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit zu beurteilen. Im Falle von Fehlurteilen muss dies natürlich ausschließlich zu Lasten der Bankeigentümer gehen. Eine Sozialisierung auf dieser Basis entstandener Schulden ist auf jeden Fall zu unterbinden. Eine geeignete regulatorische Maßnahme hierzu wäre unter anderem ein geeignetes Kartellrecht, das die Entstehung von Giganten verhindert, die too-big-to-fail sind und somit das Gesamtsystem gefährden.
      Ein Verbot der Schaffung von „Geld aus dem Nichts“ durch Geschäftsbanken wäre meiner Meinung nach gleichbedeutend mit der Installierung einer Planwirtschaft anstelle einer Marktwirtschaft mit freiem Unternehmertum.
      Was wäre die Alternative zu der Emittierung solcher Gutscheine durch den Staat aus dem Nichts? Der Staat müsste sich bei Finanzgiganten verschulden mit all den Schreckensszenarien, die Sie hier irrtümlicher Weise für das gegenwärtige Finanzsystem an die Wand malen („sozialisierte Schulden“). In so einem System wäre natürlich jede Staatsschuld eine sozialisierte Schuld. Und das so zwangsverschuldete Staatsvolk würde über die Zwangsmaßnahme Steuereintreibung zur Begleichung dieser Schulden gezwungen. Ein souveräner Staat mit einer souveränen Währung braucht keine Steuereinnahmen um seine Schulden oder neue Projekte zu finanzieren.

    • Ja schade eigentlich, dass Herr Becker sein Glaubensbekenntnis der „fehlerhaften Schuldscheinlogik“ nicht argumentativ untermauern mag. Dann müssen wir ihm wohl einfach glauben, dass Herr Steinhardt nicht recht hat. Was mir sehr schwer fällt. Denn Herr Steinhardt begründet seinen Standpunkt mit logisch sehr gut nachvollziehbaren Argumenten.

    • Hallo Herr Becker,
      habe grade entdeckt, dass Sie meinen Kommentar in dem Wolff-of-Wallstreet-Beitrag zur Modern Money Theory beantwortet haben. Vielen Dank dafür. Ich hab dort grade meine Antwort hierauf eingestellt.

  2. Die EZB hat gar keine andere Wahl als ständig die Geldmenge auszuweiten. Das liegt an der schwachsinnigen neoliberalen vertraglich festgelegten Verfassung der EU. Stichwort strukturelle Reformen und Austeritätspolitik, schwarze Null. Mit diesem hirnrissigen Konstrukt gelingt es das einst allgemeinen Wohlstand produzierende System Europas in die Knie zu zwingen. Und die makroökonomischen Analphabeten, die mit ihren Fehlentscheidungen diese Glanzleistung vollbracht haben wundern sich nun, dass in ganz Europa rechtslastiger Populismus um sich greift. Die Zerstörer der Demokratie in Europa schreien nun laute Warnungen vor den Demokratiefeinden heraus, die jetzt von dem verzweifelten Wahlvolk gewählt werden in dem verzweifelten Versuch endlich die eigentlichen Zerstörer der Demokratie endlich loszuwerden.
    Dass die EU noch nicht zusammengebrochen ist verdankt sie nur der Tatsache, dass sie zumindest an einer Stelle vertragsbrüchig geworden ist: bei der Geldpolitik. Denn das was die EZB seit Jahren betreibt dürfte sie gemäß den Euro-Verträgen gar nicht. Hätte sie es allerdings nicht gemacht wäre uns der Kasten schon längst um die Ohren geflogen, da die Demokratiezerstörer und makroökonomischen Analphabeten nichts besseres zu tun haben als um das Goldene Kalb der Schwarzen Null herumzutanzen.
    Was seit Jahren erforderlich gewesen wäre und immer noch ist, eine saftige Lohnerhöhung gemäß der Formel Produktivitätszuwachs + Zielinflation, wurde durch makroökonomischen Analphabetismus im mächtigsten Land der Euro-Zone verbockt.
    Jetzt sieht Herr Wolff das Währungssystem zusammenbrechen. Ich frage mich wann er denn endlich mit seinem Reformvorschlag für ein „demokratisches Geldsystem“ herausrückt?
    Da er aber schon in mehreren Artikeln in seiner Wolf-of-Walstreet-Rubrik und bei den Tagesthemen unter Beweis gestellt hat, dass er das gegenwärtige Geldsystem nicht versteht, möge uns Gott vor dieser Reform bewahren. Denn Reformer mit diesen Wissenslücken gibt es zuhauf und eine erkleckliche Anzahl davon durfte hier schon bei „KenFM im Gespräch“ ihre Ahnungslosigkeit zur Schau stellen. Leider unbehelligt vom ansonsten so cleveren Ken, da er sich in dieser Materie offenbar auch nicht auskennt.
    Tip an Ken: mal ein Buch zur Modern Money Theory lesen und dann den Buchautor einladen. Einen hattest du ja schon hier: Dirk Ehnts. Scheint aber nicht viel genützt zu haben.
    Das schlimmste was uns jetzt passieren könnte wäre eine Reform des aktuellen Geldsystems durch makroökonomische Analphabeten. Das aktuelle Geldsystem ist bestens geeignet die Finanzindustrie zu entmachten und für das Allgemeinwohl zu sorgen. Es muss nur endlich unter makroökonomisch kompetente, transparent kommunizierende Leitung mit rigoroser demokratischer Kontrolle gebracht werden. Gott bewahre uns vor den Reformern, die noch nicht einmal das aktuelle Geldsystem verstanden haben! Dann lieber noch Helikoptergeld und dann den Saustall in der EZB und den europäischen Regierungen endlich mal gehörig ausmisten.

    • Heiner Flassbeck bringt das ganze Dilemma der europäischen Wirtschaftspolitik in seinem Artikel „Wie man Europa und die Demokratie zerstört“ vom 13.9. auf Makroskop pointiert auf den Punkt:

      „Kompetente internationale Funktionäre wollen wir nicht. Sie könnten ja die Kreise stören, die von der nationalen Politik um die dumm gehaltenen Wähler gezogen werden.
      Man stelle sich folgendes Szenario vor: Im Laufe des nächsten Jahres verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage in Europa dramatisch und ein Treffen der wichtigsten Persönlichkeiten, die in Europa in Sachen Wirtschaftspolitik Verantwortung tragen, wird erforderlich. Es treffen sich dann Ursula von der Leyen, Medizinerin und Präsidentin der EU-Kommission, Christine Lagarde, Juristin und Präsidentin der EZB sowie Paolo Gentiloni, Politikwissenschaftler, Außenpolitiker und EU-Kommissar für Wirtschaft und Finanzen. Womöglich kommt mit Kristalina Georgieva noch die von Europa vorgeschlagene neue Chefin des IWF dazu, die ebenfalls noch nie zu erkennen gegeben hat, dass sie etwas von Volkswirtschaft versteht.
      Was wollen die vier miteinander besprechen? Außer auf small talk werden sie sich schnell darauf einigen, dass sie alle dem ökonomischen Mainstream hinterherlaufen, weil sie keine eigene Meinung haben und ihre Berater natürlich nichts anderes als Mainstream empfehlen können. Selbst wenn sie intelligente Berater hätten, in der unweigerlichen Auseinandersetzung mit den nationalen Wirtschaftspolitikern à la Scholz (Jurist), Le Maire (Verwaltungsfachmann, „Enarche“) und Roberto Gualtieri (Geschichtsprofessor) kann nur Mainstream das Ergebnis sein, weil keine(r) der Beteiligten in der Lage wäre, etwas anderes als Mainstream gegenüber dem Rest der Politik, der Mehrheit der Ökonomen, den Medien und einer in Unwissen gehaltenen Bevölkerung zu erklären.
      …“

  3. Frau Lagarde ist von den Finanzministern offiziell zur EZB-Chefin ernannt und ihr Dienstbeginn wird im Oktober sein.

    Es gilt als sicher, dass sie die derzeitige expansive Geldpolitik weiter fortsetzen wird.

    Etwa Bundesbankpräsident Jens Weidmann kritisiert die derzeitige EZB-Entscheidung zu Staatsanleihen.

    Die EZB will damit angeblich die Konjunktur ankurbeln.

    Außerdem sollen die Banken jetzt noch höhere Strafzinsen bezahlen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken.

    Innerhalb der CDU gibt es bezüglich der EZB-Geldpolitik Bedenken.
    Diese Politik laufe „ins Leere“, denn Ursache der Wachstumsschwäche in vielen EU-Ländern seien fehlende Reformen, dort müsse man ansetzen, so der CDU-Europaabgeordnete und Wirtschaftspolitiker Markus Pieper.

    Bei der derzeitigen expansiven Geldpolitik weiß man es jedenfalls nicht so richtig, wohin uns diese führen soll. Mitunter ist davon die Rede, dass diese der Staatsfinanzierung dient.

    Gemäß Draghi sei die EU bei einem starken Euro nicht mehr wettbewerbsfähig.

    Jedenfalls ist Draghi ein Mann mit besten Kontakten zu den Investmentbanken und daher ist sein Wirken auch mit diesem Hintergrund zu sehen. Gleichzeitig stehen ihm auch nur sehr begrenzt Stellschrauben zur Verfügung, um auf diese Weise seinen insgesamt nicht so richtig nachvollziehbaren Zielen gerecht zu werden.

    Insgesamt haben wir den Eindruck, dass es der EZB letztlich nur darum geht es zu verhindern, dass uns die Schulden ausgehen, weil es ohne Schulden insofern auch kein Geld geben kann.

    Die EZB entschuldet also die Staaten und sie läuft damit auch Gefahr zum größten Gläubiger der Eurozone zu werden.

    Trotzdem wird es dennoch so sein, dass die weltweiten Schulden immer schneller ansteigen.

    Dann strebt die EZB eine Inflation von etwa zwei Prozent an.

    Was das Helikoptergeld betrifft, wurden diesbezüglich immer wieder Bedenken geäußert.

    Etwa der Ex-EZB-Chefvolkswirt Issing glaubt es nicht, dass diese Art von Geld geeignet sei die Wirtschaft anzukurbeln.

    Dann wird Helikoptergeld etwa von der Zeitung Die Welt als extremste Waffe der EZB bezeichnet.

    Was die EZB mit ihrer Geldpolitik auch immer beabsichtigt, liegen doch die Möglichkeiten für eine Abhilfe nicht so sehr bei ihr, weil ihr auch nur begrenzt Instrumente zur Verfügung stehen.

    So mahnt Mario Draghi die Vollendung der Bankenunion oder etwa bei den Banken Reformen an.

    Japan hatte in 2016 mit der Überlegung gespielt Helikoptergeld vom Himmel regnen zu lassen. Dieses Vorhaben wurde jedoch wieder fallen gelassen.

    Mit dem Helikoptergeldes ist jedenfalls die Absicht verbunden, die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen, weil das System schließlich immer schneller neue Schulden benötigt.

    Falls dieses Geld tatsächlich eingeführt würde, wüsste man es vermutlich nicht so richtig, wie dieses genau wirken würde.

    Vermutlich würde es auch bei diesem nicht sofort zu einer Hyperinflation kommen.

    Insgesamt sorgt das weltweite Geld- und Bankensystem aber für extrem hohe Geldguthaben für wenige extrem reiche Menschen und für spiegelbildliche Schulden für alle anderen Personen, die diese jedoch fast gar nicht abbauen können, weil die extrem reichen Personen sich eben gerade nicht mit ihren Ausgaben "verschulden".

    Der Ausdruck „Helikoptergeld“ wurde wohl erstmals 1969 von Milton Friedman verwendet.

  4. Lieber Ernst Wolff,
    ich denke, mit der unkritischen Übernahme der überkommenen Begrifflichkeiten und Begründungsansätze geraten in der Analyse wesentliche Mechanismen aus dem Blick, weshalb Ihre Tagesdosis an entscheidender Stelle zu kurz greift. Leider bin ich weder Betriebswirt noch Volkswirt, daher verzeihen Sie mir die bisweilen unbeholfene Diktion:

    (1) Die Löhne steigen nicht, weil eine Ausweitung der Geldmenge eine Verteuerung der Konsumgüter bewirkt. Stattdessen ist die Inflation klassischer Weise nicht Ursache, sondern Folge von Lohnsteigerungen. Eine Zielinflation von 1,99% verlangt daher in einem gesunden System Lohnsteigerungen, die knapp 2% über dem Produktivitätszuwachs liegen. In diesem Sinn haben die meisten Westeuropäischen Euro-Länder das Inflationsziel der EZB auch lange verstanden, bis sich der deutsche Sonder- und Irrweg etwa auch in Frankreich durchgesetzt hat.

    (2) Das Verfehlen der Zielinflation von 1,99% bezeugt so vor allem eine schleichende Entmachtung der Gewerkschaften und den Lohndruck, den die Freizügigkeit der Arbeitnehmer aus Ost- und Südosteuropa in den westeuropäischen Euro-Ländern (durchaus gewollt) befeuert.

    (3) Hinzu kommt die – ebenso gewollte wie effektiv befeuerte – Machtverschiebung zwischen Finanz- und Realwirtschaft, die zu einem rasanten Anstieg der Geldmenge geführt hat und weiter führt, ohne dass die EZB dem entgegentritt. An die Stelle der Verteuerung von Konsumgütern tritt so die Verteuerung von Anlagegütern, die im Unterschied zur klassischen Inflation die Anlagegutsbesitzer nicht ärmer, sondern reicher macht. Ohne eine inhaltliche Begründung, warum diese "Inflation" bei Aktien und Grundstückspreisen durchaus gewollt ist, aber nicht als Inflation erfasst wird, greift, meine ich, jede Diskussion zu kurz.

    (4) Zusätzlich wäre zu diskutieren, warum im bestehenden 0 % Zins Umfeld überhaupt noch eine Inflation von knapp 2 % gebraucht wird. Denn die Begründung, dass die Inflation das Geldmengenwachstum ausweist, das für den Zinsanteil des Schuldendienstes benötigt wird, "passt" bei einem negativen Basiszins und unverzinslichen Staatsanleihen offenbar nicht.

    (5) Ich denke, jede Analyse der aktuellen EZB Politik muss bei der Finanzkrise 2008/2009 ansetzen und bei den Zielen, die bei ihrer (temporären/unvollkommenen) Überwindung verfolgt wurden. Hierbei zeigt sich, dass es außer der öffentlichen Hand, den Sicherungsgebern von Realkrediten und den ersten Kreditgebern, sprich Hypothekenbanken, eigentlich keine Verlierer gab. Das heißt, all die großen Spieler des auf Schrottanlagen basiernden ABS- und Derivategeschäfts haben ihre vertraglichen Gewinne eingestrichen mit der Folge, dass das wundersam vermehrte Geld in der Finanzwirtschaft weiter im Umlauf ist.

    (6) Vor diesem Hintergrund macht die EZB Politik durchaus Sinn: Hauptanliegen ist, zu verhindern, dass die überschüssige und eigentlich nicht gedeckte Liquidität aus der Finanzwirtschaft in die Realwirtschaft fließt, was auf dem Immobilien- und Mietwohnungsmarkt immer schlechter gelingt. Daher die ungebremste Kreditvergabe zu Nullzinsen an die Geschäfts- und Schattenbanken der Eurozone bei gleichzeitigem Austeritätsdruck auf die Euroländer und anhaltendem Lohndruck durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit, die zunehmend auf das EU-Ausland erweitert wird. Die forcierte Abwertung des Euro dient vor diesem Hintergrund nicht vorrangig der Exportwirtschaft, sondern saugt ganz bewusst die Massenkaufkraft weiter ab mit der Folge, dass das für Konsumentscheidungen verfügbare Arbeitnehmereinkommen weiter sinken. Die überschüssige Liquidität bleibt auf diese Weise dort, wo es zu keinem zusätzlichen Konsum führt.

    Ob bei dieser Politik die Umverteilung und Einkommensverschiebung von Lohn- zu Kapitaleinkünften im Vordergrund steht oder die Ersetzung der ungewollten, Konsumgüter verteuernden, Inflation durch die gewollte, da Besitzer von Anlagegütern reicher machenden, Inflation im Vordergrund steht, mag ein Volkswirt entscheiden. Ziel der Ausweitung der Geldmenge ist in jedem Fall die Erfüllung der spekulativen Gewinnerwartungen der Finanzwirtschaft. Für die Ausgabe von Helikoptergeld ist in diesem Szenario nur Raum, wenn die EZB und den Europarat die Sorge befällt, die Umverteilung und Verelendung der Lohnabhängigen zu weit getrieben zu haben, das heißt als kurzfristige Korrektur und vorsorgende Aufstandsbekämpfung. Denn andernfalls würden zunächst die öffentlichen Arbeitgeber und Rentenkassen angehalten, die Löhne und Leistungen zu erhöhen, und die öffentlichen Haushalte, durch Investitionen die Löhne und Lonhnsumme auch in der Privatwirtschaft.

    Herzliche Grüße aus Oldenburg

  5. Der Einsatz von Helikoptergeld wäre der ultimative Offenbarungseid.
    Man wird also weiter Gelddrucken und Staatsanleihenkäufe forcieren.
    Das ist natürlich nicht mehr als eine Art Überdruckventil für das Schuldenwachstum (Geldmenge im Umlauf steht in direktem Verhältnis zur Inflation), kann aber nicht verhindern, dass der Kessel platzt.

    Die eigentliche Frage ist doch: was wäre daran schlimm, würde man einfach wie im alten Mesopotamien alle 7 Jahre alle Schulden ersatzlos streichen?
    Damals ging das, weil Mesopotamien ein weitgehend in sich geschlossenes Wirtschaftssystem war und deshalb die eigentlichen Grundlagen der wirtschaftlichen Kreisläufe unberührt blieben, da die dazu nötigen Ressourcen ja im Lande nach wie vor verfügbar blieben.

    Heute sieht das natürlich ganz anders aus.
    Ein Streichen der Verschuldung bedeutete in vielen Fällen, dass Verpflichtungen zu Prozessen, Projekten (aufgrund der Notwendigkeit zur Bedienung eigener Schulden – z.B. Investititonsschulden) auch jederzeit wegfallen könnten und so wichtige Versorgungsanteile wegbrechen könnten.
    Wie das im Einzelnen ablaufen würde kann absolut niemand vorhersagen und deshalb ist das Risiko sehr groß, dass eben dies eintreten könnte, was sich aber niemand leisten kann, dass es einträte.

    Deshalb füttert man den heillos löchrigen, brüchigen Heißluftballon mit dem Verbrennen von immer mehr 'Brennstoff' aka 'Geld' und hofft – wenn schon nicht auf Aufsteigen oder wenigstens eine Plateauphase – auf einen möglichst glimpflichen, weil kontrollierten Sinkflug, der so den katastrophalen Absturz vermeiden soll.

    Leider ist die aktuelle Flughöhe zu weit oberhalb der möglichen Sinkflugspanne und – auch wenn Geld im Prinzip endlos verheizt werden kann durch die EZB/BIZ etc. – bleibt die Tatsache, dass der Ballon selbst bereits so fragil wurde, dass er für die Zeitdauer des angestrebten Sinkfluges eben nicht mehr halten wird.
    Da genügt eben schon ein kleiner schwarzer Schwan, der aus Versehen mal dagegen flattert, dass dies der Chose den Rest gibt.

    Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines 'schwarzen Schwans' wächst umgekehrt proportional zum Wirtschaftswachstum.
    Da dieses bestenfalls stagniert und eigentlich eher bereits rückläufig ist (daran können die aktuell beschworenen Kennzahlen gar nichts ändern), befindet sich der Ballon bereits in der kritischen Phase, wo jederzeit ein unscheinbares hässliches Entlein sich als wirklich hässlicher schwarzer Schwan entpuppen kann.

  6. https://youtu.be/F1i8HDOzlg8

    https://youtu.be/CZIINXhGDcs

    https://youtu.be/K0t50D4lQrs

    https://youtu.be/5Gq16RO2XB0

    Im März 2015 unterschrieben 19 Hochschullehrer, darunter viele Ökonomen, einen Brief und veröffentlichten ihn in der Financial Times. Unter den Professoren waren Robert Skidelsky, David Graeber, Anne Pettifor, Richard A. Werner, Guy Standing, Joseph Huber, Helge Peukert, Steve Keen und Nigel Dodd. Die Fakten zeigten klar, schrieben sie, dass die bisherigen Maßnahmen des “quantitative easing” kein geeignetes Mittel für die Steigerung der Beschäftigung oder des BIP seien. Die Maßnahmen dienten nur den Wohlhabenden, die von Vermögenswerten profitierten. Die traditionelle Geldpolitik sei nicht länger wirksam. Neugeschaffenes Geld müsse direkt in die Wirtschaft „injiziert“ werden.
    „Anstatt in die Finanzmärkte zu investieren, sollte das neue Zentralbankgeld besser für Regierungsausgaben (zum Beispiel für Investitionen in die Infrastruktur) verwendet werden; alternativ könnte man jedem EU-Bürger 19 Monate lang jeweils 175 Euro pro Monat überweisen, Geld, das man für Schuldentilgung oder Konsum einsetzen könnte. Durch die direkte Förderung von Ausgaben und Beschäftigung würde jeder dieser Wege mehr zum Erreichen der Ziele der EZB beitragen als das konventionelle QE.“

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