Tagesdosis 17.8.2019 – Woodstock und die Staatsterroristen (Podcast)

Ein Kommentar von Hermann Ploppa.

Woodstock, Woodstock überall. Nach Fünfzig Jahren wittern so manche spießige Geschichtsrevisionisten die Chance, alles rund um die 1968er Generation endgültig in die Schmuddelecke zu zerren. Oder am liebsten ganz aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen.

Da ging ja alles drunter und drüber, heißt es jetzt. Das sei eine einzige Katastrophe gewesen. Und diese Müllberge! Heuchler, diese Hippies! Die heilige Greta vom Thumb-Berg hätte denen aber die Leviten gelesen! Ja, sogar frauenverachtend seien sie gewesen, jene Blumenkinder. Fehlt nur noch, dass die Woodstock-Besucher als antiamerikanisch und vielleicht gar auch noch als antisemitisch eingestuft werden. Auf der nach oben hin offenen Verblödungsskala ist einfach alles möglich.

Und der Kopf der englischen Sauf- und Raufcombo The Who, Pete Townshend, der mit dem gitarrenverbrauchenden Rotorschlagarm für die derben Akkorde, findet in der Frankfurter Rundschau, dass alles an Woodstock schlicht Scheiße war. Stimmt. Er und seine Holzfällerkollegen von The Who haben tatsächlich in Woodstock ein Konzert gegeben. Und da kam auch Politaktivist Abbie Hoffmann von der Yippie-Partei auf die Bühne, und wollte während des Konzertes auf das skandalöse Horrorurteil gegen den Vorsitzenden der White Panther Partei, John Sinclair (zehn Jahre verschärften Knast für zwei Joints), aufmerksam machen. Rambo Townshend hat Abbie einfach vermöbelt. Zwei Welten, die einander nicht verstehen. Biertrinker Townsend über Woodstock herziehen zu lassen – das ist, als wenn man einen Schlachtermeister bitten würde, Gourmet-Kritiken über ein Vegetarier-Restaurant zu schreiben.

Warum kamen denn überhaupt eine halbe Million Leute, vom 15. bis 18. August 1969, zum Festival nach Woodstock, obwohl nur fünfzigtausend Besucher erwartet wurden? Es wären ja noch viel mehr gekommen, wenn nicht schon alle Zufahrtwege im Bundesstaat New York hoffnungslos verstopft gewesen wären. Warum? Das kann man nicht verstehen, wenn man nicht ausreichend heranzoomt, was in den Sechziger Jahren in den USA wirklich los war.

Schon mal vorweg: Woodstock war eine gigantische politische Demonstration für eine Welt im Frieden. Für eine Welt ohne Rassendiskriminierung. Und: nach all dem grässlichen Terror, mit dem Vertreter eines besseren Amerikas mit blauen Bohnen aus dem Weg gepustet wurden: nach all den Massakern gegen friedvolle Demonstranten, hatte man sich darauf verständigt, auf eine Weise zu demonstrieren, die nicht sofort zu brutalsten Repressionen führen würde. Wo man bei gesundem Menschenverstand nicht sofort die Keule schwingen konnte.

Ich gebe zu, auch ich selber habe erst vor wenigen Jahren mitbekommen, um wie viel brutaler die linke Gegenkultur in den USA niedergeschlagen wurde, wie bei uns in der beschaulichen Konsensdemokratie der 1960er Jahre-Bundesrepublik. Die deutschen Polizeibeamten waren im Straßenkampf praktisch nackt, wenn man das mit heute vergleicht. Sie droschen mit Schlagstöcken auf uns ein und waren mit der neuartigen Situation schlicht überfordert. Es gab in der ersten, noch spontanen Phase des 68er Widerstands lediglich einen Toten durch Polizeiaktionen zu beklagen, nämlich den Berliner Studenten Benno Ohnesorge.

Ganz anders das Bild in den USA. Schon immer gab es die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Angehörigen verschiedener Ethnien in den USA (1). Besonders schlimm war bekanntlich die Gewalt gegen Afroamerikaner und Juden. Diese Gewalt ging sowohl von der Polizei wie auch von sadistischen Mitbürgern aus. Das Lynching von Schwarzen gehörte noch bis in die frühen 1960er Jahre zur Folklore der US-Südstaaten. Als nun die schwarzen Führungspersönlichkeiten wie Malcolm X oder Martin Luther King ermordet wurden, war das Fass jahrzehntelanger Demütigung übergelaufen.

Bei so genannten „Rassenunruhen“ („Negerkrawalle“ sagte man damals in Deutschland ganz unbedarft) kamen in Newark im Jahre 1967 26 Menschen zu Tode, hunderte von Menschen wurden verletzt. Im selben Jahr wurden in der Autostadt Detroit 43 Afroamerikaner durch Polizeigewalt ermordet, und es blieben 1189 Verletzte auf der Strecke. 7.000 afroamerikanische Bürger wurden ins Gefängnis verbracht – allein nur in Detroit! Und als im Frühjahr 1968 der Führer der Bürgerrechtsbewegung, der Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King ermordet wurde, folgten ihm bei Protestkundgebungen noch einmal neun Demonstranten mit ins Grab. Als im Spätsommer 1968 die Partei der Demokraten ihren Konvent in Chicago abhält, um ihren Präsidentschaftskandidaten zu küren, setzt die Regierung gegen die friedlichen Protest-Demonstranten schwerste Infanterie und Luftwaffe ein. In Zahlen: 6.000 Nationalgardisten, also Soldaten des US-Bundesstaates Michigan; dazu 6.000 Soldaten der US-Bundesarmee und der 101. Luftlandedivision. Diese Herrschaften in voller Panzerung kamen mit Flammenwerfern und Bazookas (raketenangetriebene Geschossrohre, mit denen Panzer gesprengt werden) daher. Zudem wieselten 1.000 Agenten des FBI sowie des Militärgeheimdienstes DID durch die Stadt. Die Angst der Mächtigen konzentrierte sich darauf, dass sich womöglich die weißen Studenten mit den diskriminierten Afroamerikanern Chicagos solidarisieren könnten. Also belagerten die armierten Bürgerkrieger die schwarzen Wohnviertel besonders scharf. In der „Schlacht in der Michigan Avenue“ wurde der Demonstrant Dean Johnson erschossen.

Doch im Mai 1969 sollte es noch schlimmer kommen. Der miserable Schauspieler viertklassiger Filmchen, Ronald Reagan, beschloss in die Politik zu gehen, bevor er in Hollywood keine Knallchargenrollen mehr bekommen würde. Er ließ sich zum Gouverneur von Kalifornien wählen. Frustrierte Dorfmutzer konnte er ködern mit Sprüchen, die Studenten in der Universitätsstadt Berkeley seien allesamt „Kommnunistenversteher, Protestler und sexuell Perverse“. Da wollte er mal als Mister Saubermann so richtig aufräumen. Gesagt. Getan.

Die Studenten und Bürger von Berkeley hatten mit viel Liebe einen Volkspark angelegt, der allen Bürgern zur Verfügung stehen sollte. Am so genannten „Blutigen Donnerstag“, dem 15. Mai 1969 (2) ließ Reagan den Volkspark durch Sperrmauern verbarrikadieren und die liebevoll angelegten Blumenbeete, Bäume und Hecken zerstören. Erkennbar eine gezielte Provokation, um die Bürger von Berkeley aus der Reserve zu locken und dann medienwirksam zusammenzustauchen. Die Bürger sind wütend, und 6.000 Menschen versammeln sich um den ruinierten Volkspark. 800 Polizisten in voller Kampfmontur stürzen sich auf die geschockten Menschen und schießen den Flüchtenden noch hohe Dosen von Kampfgasen in den Rücken. Der Student James Rector wird erschossen. Nun steht die ganze Stadt Kopf. Reagan hat jetzt seine Entscheidungsschlacht. Er ruft den Notstand aus und holt 2.700 Nationalgardisten nach Berkeley, die nun die Stadt zwei Wochen lang belagern. Eine Neubepflanzung des Parks wird mit Gewalt verhindert.

Die Redaktionsräume der alternativen Zeitung Berkeley Tribe werden von außen mit Kampfgas ausgeräuchert. Am 20. Mai fliegt die National Guard Hubschrauberangriffe gegen Berkeley und besprühen die ganze Stadt mit Tränengas. Nicht nur Berkeley wird Opfer der Profilierungssucht von Ronald Reagan. Die Flowerpower-Metropole San Francisco wird über Jahre hinweg Opfer militärischer Attacken. Solange, bis auch dem letzten Hippie die Lust am Frieden vergangen ist.
Die Stadt wird zudem mit Heroin überschwemmt. Aber Ronald Reagan hat unter Beweis gestellt, dass er der geeignete Mann ist, um als zukünftiger Präsident die gesamten Vereinigten Staaten von Friedensfreunden zu reinigen …

Der Vietnamkrieg zerreißt die Gesellschaft der USA. Die Spaltung geht quer durch Familien, Gemeinden, Bundesstaaten. 60.000 wehrpflichtige junge Männer aus den USA verlieren im Dschungel von Vietnam ihr Leben. Selbst in den allerhöchsten Elitezirkeln wie dem Council on Foreign Relations oder in der exklusiven Studentenbruderschaft Skull and Bones an der Elite-Uni Yale fetzen sich die Diskutanten im Für und Wider des Vietnamkriegs. Und die führenden Köpfe des anderen, des friedvollen Amerikas werden reihenweise abgeschossen wie die Tontauben: John F. Kennedy, sein Bruder Robert Kennedy; Malcolm X, Martin Luther King, um nur die Prominentesten zu nennen. Für den Frieden zu kämpfen ist in den USA jener Jahre lebensgefährlich. Auch die Leitfiguren der Popkultur leben auffällig kurz, wenn sie sich politisch klar artikulieren für Frieden und Gerechtigkeit: Jim Morrison, Janis Joplin, Jimi Hendrix, und spät erst erwischt: Ober-Beatle John Lennon.

Wonder what can a poor boy do, than to play in a Rock n‘ Roll-band?(3), fragen sich nicht nur die Rolling Stones. Man kann sich zum Beispiel erst mal bei einem scheinbar unpolitischen Musikfestival treffen und erholen und die Stärke durch Gemeinsamkeit erleben und genießen. Und hoffen, wenigstens dabei nicht von diesen psychisch vollkommen gestörten Redneck-Amerikanern belästigt zu werden. Also: ab nach Woodstock! Aber man kann ja nie wissen. Wenn für diese Schraubköpfe schon das Pflanzen von Blumen und Bäumen ein subversiver Akt zu sein scheint?

Und dafür, dass nun auf einmal zehnmal mehr Leute in Woodstock sind als geplant, läuft alles absolut super. Solidarität kann organisatorische Mängel locker überwinden. Und schon dient sich das Establishment wieder an: der Gouverneur des zuständigen Bundesstaates New York, Nelson Rockefeller, ruft die in den Massen eingekesselten Woodstock-Veranstalter an und fragt, ob er zur Aufrechterhaltung der Ordnung 10.000 Soldaten der Nationalgarde vorbeischicken soll. Die Veranstalter lehnen dankend ab. Nelson Rockefeller gehört zum gemäßigten Ostküsten-Establishment, und im Gegensatz zum profilierungssüchtigen Ronald Reagan an der Westküste respektiert Rockefeller den Willen der Veranstalter. Dennoch helfen Abteilungen der benachbarten Stewart Air Force Base netterweise mit Sanitätern und Hubschraubern bei der Organisation des Mega-Festivals. Man kann sagen: gerade weil keine Security auf dem Platz ist, blieb alles schön friedlich und entspannt. Beim nachfolgenden Altamont Festival im Dezember 1969 sind Hell’s Angels als Security da, und prompt geht alles in die Hose (4), weil man den Bock zum Gärtner gemacht hatte.

Trotzdem kam auch Woodstock anscheinend nicht ohne die gefürchtete staatliche Repression aus. Denn über das Festivalgelände schwebten zwei Flugzeuge (5) und ihnen entströmte eine undefinierbare Gaswolke, wonach sich das Wetter zu der bekannten Szene verdichtete, wo die Roadies schnell alle Planen einräumen und das Equipment in Sicherheit bringen, weil der Sturm sonst die Beschallungstürme umgeschmissen hätte. Und wir Doofies sitzen Jahre später gemütlich im Kino und lachen uns schimmlig, als in dem legendären Kinofilm über das Jahrhundertfestival die Leute skandieren „No Rain! No Rain!“ Ja, wie, kann man denn einfordern, dass der Regen jetzt aufzuhören hat? Sind diese Hippies bescheuert? Nee, sie sind nicht bescheuert. Sie wissen, dass hier eine Leistungsschau zeitgenössischer Wettermanipulationskünste abgehalten wird. Das ist nämlich überhaupt keine Kunst, mal eben mit einer Silberjodidmischung Regen oder auch Gewitterstürme zu erzeugen. Schon im Jahre 1955 sollte in der beliebten US-Fernsehshow „What’s your line?“, die in Deutschland als heiteres Beruferaten „Was bin ich?“ übernommen wurde, ein hauptberuflicher Regenmacher geraten werden (6).

Das ist nichts Besonderes mehr (7). Auch in Deutschland setzen sich Winzer, wenn es zu lange nicht geregnet hat, in ihr einmotoriges Piper-Flugzeug und bringen über die Weinstöcke Silberjodid aus. Und die US-Luftwaffe hatte in der Operation Popeye in Vietnam über den Ho Tschi Minh-Pfad eine garstige Soße ausgebracht, die die Regenintensität erheblich verstärkt hat. Die Monsunsaison wurde auf diese Weise um sechs Wochen verlängert. Das sollte den Vietcong den Materialnachschub erschweren (8). Diese üble Wettermanipulation hat allerdings physikalisch nichts mit Chemtrails zu tun. Das ist eine andere Baustelle …

Nachdem auch diese garstige Wettereinlage kein Chaos mehr auslösen konnte und die Festivalbesucher ruhig und diszipliniert blieben, stand der Freude über die Konzerte nichts mehr im Weg. Heutige neunmalgescheite Schreiberlinge aus der Mainstreampresse wissen ja auch zu berichten, musikalisch sei Woodstock ein Desaster gewesen. Den Tontechnikern gelang es jedoch, auch die zehnfache Anzahl wie geplant gut zu beschallen. Und die Musiker haben heldenhaftes geleistet. Denn es gab damals noch keine Bühnen-Monitore. Auf der riesigen Bühne war es verdammt schwer, sich selber als Musiker zu hören. Deshalb hielt sich Jefferson Airplane-Sängerin Grace Slick auch ein Ohr zu (9), um wenigstens die eigene Stimme über ihre Köper-Resonanz hören zu können. Auch wenn Joe Cocker wie gewohnt etwas spastisch herumspaddelte: er hat das Timing bravourös gemeistert, trotz der Schallverzögerungen.

Und zu behaupten, Carlos Santana habe schlechtes Mescalin gefressen und habe mit grantigem Gesicht schlecht gespielt, ist ja nun vollkommen daneben. Santana ist eigentlich eher ein ungeheuer fleißiger Klangfacharbeiter, ja geradezu ein langweiliger Streber. Bei seinen Gitarrensoli grimassiert Santana immer wie bei einer Zahnwurzelbehandlung. Doch bei seinem Solo zu dem Stück „Soul Sacrifice“ wachsen ihm Flügel (10). Santana und sein junger Schlagzeuger Michael Shrieve schweben in einer anderen Dimension – Albert Hoffmann, dem Erfinder des LSD sei Dank.

Woodstock ist und bleibt ein Verdichtungspunkt der anderen, der besseren Welt. Jener Welt, für die wir uns beschimpfen, diskriminieren und beleidigen lassen. Woodstock zeigt, dass es Menschen gibt, die sich nicht zu Konsumenten und Soldaten zusammenstauchen lassen wollen. Woodstock ist das schillernde Symbol für die Liebe und die Demut, mit der wir unserer Mitwelt begegnen. Für die Erkenntnis, dass wir zusammen mehr erreichen können als isoliert und allein. Dass es Freude macht, sich zu gegenseitig zu beschenken. Ich bin stolz darauf, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der wir fest davon überzeugt waren, dass Unterdrückung und Sklaverei, Diskriminierung und Verklemmtheit nun ein Ende haben würden. Das Feuer der Freude leuchtet weiter.

Quellen:

  1. siehe dazu Hermann Ploppa: Hitlers amerikanische Lehrer – Die Eliten der USA als Geburtshelfer des Nationalsozialismus. S.34ff.
  2. https://www.youtube.com/watch?v=0BCj8s04jKw
  3. https://www.youtube.com/watch?v=NHugEELD8o8
  4. https://www.youtube.com/watch?v=0qTKsylrpsg
  5. https://www.youtube.com/watch?v=lsqfk-WtoIo
  6. https://www.youtube.com/watch?v=lbbPRAMv01E&t=1626s
  7. https://www.br.de/themen/wissen/wetter-meteorologie-rosenheimer-hagelabwehr100.html
  8. https://usacontrol.wordpress.com/2012/07/20/wetter-als-waffe/
  9. https://www.youtube.com/watch?v=R_raXzIRgsA
  10. https://www.youtube.com/watch?v=AqZceAQSJvc

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:  ss – yt – 16.08.19* /Shutterstock,

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