Tagesdosis 18.3.2019 – Brexit: Inszenierter Schaukampf zwischen Brüssel und London

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

Am 23. Juni 2016 wurde in Großbritannien ein Referendum abgehalten, an dem sich 71,8 Prozent der Wahlberechtigten (mehr als 30 Millionen Bürger des Landes) beteiligten und mit 51,9 Prozent für einen Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union stimmten. 

Seit dieser Abstimmung liefern sich London und Brüssel einen von den Mainstream-Medien hochgespielten Schaukampf – nicht etwa, um den Volksentscheid zu verwirklichen, sondern um seine Umsetzung mit allen Mitteln hinauszuzögern und zu verhindern. 

Inzwischen wird selbst eine Wiederholung des Referendums, für die die Medien bereits seit längerem zugunsten eines Verbleibs Großbritanniens in der EU werben, nicht mehr ausgeschlossen.

Um den Grund für dieses gegen den Mehrheitsbeschluss des britischen Volkes gerichtete Verhalten zu verstehen, muss man sich nur in Gedächtnis rufen, wessen Interessen die beiden angeblichen Kontrahenten vertreten.

Die britische Regierung steht fest in der Tradition ihrer Vorgängerinnen, die seit den Achtziger Jahren alles unternommen haben, um die Explosion des globalen Finanzsektors durch rücksichtslose Deregulierung voranzutreiben und die City of London zum zweitwichtigsten Finanzplatz der Welt nach New York zu machen. Das Ergebnis dieser Politik ist die tiefste gesellschaftliche Spaltung, die Großbritannien in seiner Geschichte erlebt hat.

Während Ultrareiche sich fast jeden Luxus erlauben und ihr Geld in diversen unter britischer Hoheit stehenden Steueroasen verstecken können, führen der britische Mittelstand und die untere Hälfte der Bevölkerung einen immer aussichtsloseren Kampf gegen den sozialen Abstieg. 

Bei der EU wiederum handelt es sich nicht um ein Projekt zur „Verwirklichung der europäischen Idee“, wie ihre führenden Vertreter gern behaupten. Vielmehr handelt es sich um die mächtigste politische Organisation, die jemals die Interessen der Banken und Großkonzerne auf dem Kontinent vertreten hat.

Geführt wird die EU nicht etwa durch direkt gewählte Volksvertreter, sondern durch nicht gewählte Bürokraten, die sich bei der Festlegung ihres Regelwerks von einer Industriellen-Vereinigung (dem Round Table of Industrialists) und einem Heer tausender hochbezahlter Lobbyisten in Brüssel beraten lassen.

Das Brexit-Referendum war auch nie dazu gedacht, die britische Bevölkerung über ihr eigenes Schicksal bestimmen zu lassen. Der damalige Premierminister David Cameron ließ es abhalten, um die eigene Position gegenüber einer innerparteilichen Opposition und der an Einfluss gewinnenden nationalistischen UKIP zu stärken – eine kapitale Fehlkalkulation, die ihn umgehend sein Amt kostete.

Dass die Mehrheit der Briten sich 2016 für einen Austritt aus der EU entschied, dürfte vor allem auf die zunehmende soziale Ungleichheit im Land und die Austeritätspolitik der EU zurückzuführen sein. Auch die Auswirkungen der Zwangsverwaltung großer Teile Südeuropas durch die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF dürften eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Für die internationale Finanzelite kam die Entscheidung für einen Brexit offensichtlich vollkommen unerwartet. Die Finanzmärkte brachen ein, das britische Pfund sank auf ein Rekordtief und die Derivate-Industrie stand tagelang unter Schock, da eine kurzfristige Umsetzung des britischen EU-Austritts das globale Finanzgefüge an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hätte.

Die Panik dauerte aber nur so lange, bis sowohl die EU als auch die britische Regierung der globalen Finanzindustrie deutlich zu verstehen gaben, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würden, um einen tatsächlichen Brexit zu verhindern. 

Was wir seitdem erleben, ist nichts anderes als ein abgekarteter Schaukampf zwischen London und Brüssel, der vor allem dazu dient, Zeit zu schinden und der internationalen Finanzelite die Möglichkeit zu verschaffen, ein ihren Interessen entsprechendes Arrangement zu treffen oder den Brexit durch ein erneutes – mit Hilfe der Medien herbeigeführtes – negatives Referendum zu verhindern.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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18 Kommentare zu: “Tagesdosis 18.3.2019 – Brexit: Inszenierter Schaukampf zwischen Brüssel und London

  1. Der Umstand, dass EU-Parlaments- ´Wahlen´ anstehen, mag vor Augen führen, dass kopfschüttelnd immer abgewandtere Zuschauerrollen nicht das sind, was selbst CDU-lern in den Jahren nach 1946 vorschwebte…

    Es ist an uns, den Bürger/innen, uns endlich darauf zu besinnen, was w i r in und mit diesem Europa, der EU in ihr, mit Deutschland und der Welt wollen.

    ´Abgekartete Schaukämpfe´ sind keine ´Wahl´ ! Und sie kosten Unmengen der Erträge unserer Erwerbsarbeit …!

    Mit abgekarteten Umweltbesorgnis-Kampagnen zur Vermeidung von … ist es nichts anderes…

    Fangen wir endlich an, zu erdenken und zu erörtern, w a s denn zur Wahl stehen sollte, w e n n planeten- wie menschen-verträgliche Organisationsformen von Staatenverbünden wie denen der EU zustandekommen sollen !

    Kritik, die sich nicht irgendwann dazu aufmacht, endlich überschaubare Alternativen zu formulieren, zu diskutieren und auf geeignet neuen Wegen zu artikulieren, bleibt ihrerseits so etwas wie ein Schaukampf – – – ohne ´stechende´ Spielkarten freilich ….

    Mein ´Manifest einer EU-Bürgerin´ dazu, w a s i c h bei den vor uns liegenden Wahlen wenigstens debattiert, am besten zu einem richtigen Politikum gemächt sähe, gäb´s für Interessierte hier:

    https://diskursblickwechsel.wordpress.com/2019/03/20/in-ein-n-e-u-tragendes-morgen-manifest-einer-e-u-buergerin/

    Ich hoffe auf Zweifel ebenso wie auf Bestätigendes, in jedem Falle Anregendes zu neuer politischer Lebendigkeit…

  2. Diese Brexit-May ist ein trojanisches Pferd. Das hat, trotz der optischen Offensichtlichkeit, nichts mit ihrem Aussehen zu tun. Denn wer käme, wenn er einen Brexit verhandeln will und besondere Vertragsvorteile, für sein Land erreichen möchte, auf die Schnapsidee, einen Brexit Gegner, mit diesem Geschäft zu betrauen ?? Das EU-Brüssel ein Gegner dieses Austritts sein musste und somit jeden möglichen Stein, als Hindernis auftürmt, ist klar. Aber das die englische Beauftragte ebenfalls dagegen ist? Das Ist ein Betrug an dem britischen Volk, aber eigentlich das Naheliegendste.
    Diese Dame hat nicht nur einen schlechten Deal, sondern einen unmöglichen Deal vereinbart.
    Die militärische Besetzung von Nordirland, verstieß, damals schon, gegen jedes Völkerrecht. Sowas hat die Briten nie gestört und tut es auch heute nicht. Selbst der Nikotin-Junkie, mit der Großen Zigarre, wollte die Deutschen gleich nach der Kapitulation 1945, wieder neu ausrüsten und gegen Moskau schicken. Die Ausrede dafür, hatte er auch parat: „Wir haben das falsche Schwein (die Deutschen!!) geschlachtet.“ (Die ewige Feindschaft der Briten gegen Moskau!)
    Dieses eigentlich grob gesponnen Intrigennetz, der Wirtschaftsinteressen und Beamten-Absahner im Königreich und in Brüssel, war und ist offensichtlich. Die dahinterstehende Kapitalmacht gigantisch!
    Die Erpressungsmöglichkeiten der EU, gegen Britannien ist ebenso erkennbar und waren 3 lange Verhandlungsjahre offensichtlich. 45-75 Milliarden Pfund (Entschädigung ?), den Verbleib von Schottland in der EU (Unabhängigkeit von Britannien?). und dann der Backstop?.
    Nun, die Wenigsten wissen was das ist! Es ist die Bärenfalle für das britische Volk! Zumindest so, wie der Backstop derzeit, interpretiert wird.
    Denn Great Britain, darf die Grenze Nordirlands zu Irland, nicht als Außengrenze Britanniens sehen und damit weder Zoll noch Personenkontrollen, vornehmen. ????
    Somit ist diese Grenze weiter offen und damit auch die Grenze zu Britannien, für alle EU-Waren und für Flüchtlingsströme aus der EU.
    Sie selber müssen, bis jemand eine bessere Idee und Lösung (für das Irland Problem ?), hat, weiter unter den administrativen Vorgaben, gesetzlichen Beschlüssen und Entscheidungen leben und diese befolgen als ob sie noch Mitglied wären. Verlieren jedoch durch den Austritt, das Stimmrecht und sind somit im Status einer besetzten KOLONIE. Müssen aber, die bisherige Jährliche Abgabenquote, nach Brüssel überweisen
    Am schlimmsten ist zudem, dass England solange der Backstop gilt, keinerlei selbständige Handelsverträge, mit keinem Land der Welt, vereinbaren kann. Denn dieses hoheitliche Recht beansprucht die Brüssel EU,- als Tausch, für zwei Jahre warten,- für sich.
    Dieser Backstop ist mit 2 Jahren befristete und geht danach in eine unbefristete, ewige Vertragslage über. Was heißt: England ist dann stimmloses Mitglied in der EU und kann niemals mehr austreten. Jede Anordnung aus Brüssel ist Gesetz, die britische Gerichtbarkeit ist dem EU-Gerichtshof unterstellt, alle von Brüssel angeordneten Anweisungen, sind Gesetz und somit ist die EU-Diktatur, zumindest in England, dann schon verwirklicht!
    Die restlichen europäischen Staaten, werden dieses negative Beispiel sehen! Und sich die nächsten 100 Jahre, vor Angst in die Hose schei…!!!!
    Nicht das ich die Briten mag, aber sie haben unserer europäischen Kultur, sicherlich mehr gebracht, als die EU- Beamten Diktatur. Welche uns einreden will, eine gewählte Demokratie zu sein!
    Somit habe ich eine Patent-Lösung, für die Briten, als Volk !!!!
    Macht den harten Brexit ! Ihr spart euch viele Milliarden. Bestimmt endlich wieder selbst, über eure Insel! Lasst keine Diktatur zu, und kämpft um euer britisches Recht! Klappt das nicht !! Leicht möglich, denn die Volksverräter sitzen bei Euch in Ober und Unterhaus. Dann stimmt für den Vertrag ab wie er ist, nur nicht neuerlich über den Austritt !!! Tretet dann mit Vertrag aus!!!
    Macht Neuwahlen! Jagt das Pferd zum Teufel und gebt ihr eine Anklage wegen Hochverrats!!!
    ABER: „Eröffnet die größte Zollfreizone der Welt in Nordirland, macht daraus eine Zoll und steuerfreie Zone und kontrolliert nur die Grenze zu Great Britain“. Die sturen Iren werden sich drum prügeln, alle Banken nach Nordirland zu verlegen. Nur Abgaben aber keine Steuern. Google etc. würden sich kaputtlachen und rasch umsiedeln. Die Iren dürften, dann Butter liefern, denn die Internet-Casinos und Wettbüros wandern nach Nordirland aus. Schickt nochmals 10 tausend Soldaten nach Nordirland um die Zollfreizone zu beschützen! Dann könnt ihr, über Irland, in die EU exportieren was Ihr wollt. Brüssel wird dann wohl schnell die Grenzen selber als EU-Grenze definieren und vor Wut platzen!!! Sollte das (mit dem platzen) nicht klappen, dann wartet bis alle Staatschefs in Brüssel zusammenkommen und knallt ihnen eine ATOMBOMBE auf den Hut. Die Völker Europas werden Euch danken!

    JOBOOSS

  3. Danke Herr Wolff für diesen ausgezeichneten Kommentar! Soweit ich sehen kann, einer der wenigen Kommentare hier in Deutschland, wo die Crux der ganzen Brexit-Sache mal beim Namen genannt wird. Nämlich, dass es keinen Brexit geben wird! Progressive Kreise in Großbritannien haben das vom Tag nach der Abstimmung an konstatiert: Brexit, und damit der Wille einer grossen Zahl der einfachen Menschen in Großbritannien, wird mit allen Mitteln verhindert werden. Der Eiertanz, den wir in den letzten zwei Jahren mit Theresa May gehabt haben, wird so lange weiter gehen, bis entweder eine zweite Abstimmung stattfinden wird, die dann EU-freundlich ausgehen wird, oder es wird irgendein fauler Kompromiss gefunden werden, wonach Brexit scheinbar stattfindet, in Wirklichkeit aber nicht. Ich bin der Meinung, dass das erstere geschehen wird.

  4. Richtig analysiert, aber in bekannter Wolffscher Manier „zu cool“. Ist es nicht unglaublich, mit welcher Verachtung diese Politprofis das Volk behandeln, wie sie mit Mehrheitsentscheidungen des Souveräns umgehen und das dann auch noch Demokratie nennen? Und alle spielen da mit, auch Mr. Corbyn & co. In Frankreich wird dieses Volk gerade militärisch kujoniert, hier in D. hetzt man die Antifa-SS auf die Leute (wehret den Anfängen) und baut bei jedem Furz, den ich weiss nicht wer gelassen hat, den Polizeistaat aus und die sog. Linke (aktuell in Brandenburg) stimmt – wie Corbyn in GB – zu. Das ist die Vorstufe zur Machtübernahme, die Vorstufe zur Hölle.

    • „Ist es nicht unglaublich, mit welcher Verachtung diese Politprofis das Volk behandeln, wie sie mit Mehrheitsentscheidungen des Souveräns umgehen und das dann auch noch Demokratie nennen?“

      Völlig richtig.
      Interessant ist auch, mit welchem Spin die Geschichten Brexit und Gelbwesten verkauft werden.

      Brexit wird zum „einsamen Kampf der hoffnungslosen Theresa May“ – obwohl es eigentlich um die Umsetzung des konkret geäußerten Volkswillens geht… sind wir jetzt in einer Demokratie oder nicht?

      Die Gelbwesten werden zum „Skandal für Frankreich und Macron“. Aber nicht etwa, weil ihr Anliegen berechtigt ist und Macron überhaupt keine Lösungen für die wirklichen sozialen Probleme anbietet. Sondern es ist deshalb ein „Skandal“, weil die Polizei es nicht schafft, die gewaltsamen Proteste mit noch mehr Gewalt niederzuknüppeln. Es ist also ein „Sicherheitsproblem“, und Macron muss ‚endlich mal hart durchgreifen…‘

      Und die Frage, ob die Demonstranten nicht bezahlte Agents Provocateurs sind und die Gelbwestenbewegung gezielt unterlaufen wurde, wird dabei gar nicht gestellt. Ist ja nicht so, als ob es das nicht schon gegeben hätte.

  5. Danke, Herr Wolff… es ist mir immer angenehm, wenn meine eigene Meinung bestätigt wird. Mich beirrt es zwar nicht grösser wenn ich in Diskusionen jedesmal fast nur blöde Anwtorten bekomme, wenn ich darstelle, dass die EU zu einer Interssenvertretung der Konzerne und vor allem der Finanzwelt verkommen ist, aber ich höre es gerne auch von anderen so dargestellt.
    Vor allem stört mich die Kompromisslerei, die Reformerei, weil sie den Zerfall der EU verhiundern, den ich auch wiederum nicht als einiger auf den Brexit folgen sehe.

    Die Bürger brauchen keine EU für den Frieden, so dumm sind zwar selbst die Massen nicht. Aber natürlich leider dumm genug um sich so oft un die Wahlurne führen zu lassen bis das gewünschte Ergebnis dabei rauskommt…

    Wer hier von „qualifizierte Mehrheit “ oder Ähnlichem anfangt zu labern, hat die Sache nicht wirklich verstanden.

    • So weit, so gut – aber glauben Sie ernsthaft, dass in UK nun nach dem Austritt national eine bessere (nicht mehr neoliberale) Politik gemacht werden wird? Höchstens, wenn Corbyn gewinnt, aber er hat in letzter Zeit auch einiges von seinem Glanz eingebüßt, finde ich. Und selbst wenn, dann hätte er ziemlich ungünstige Startbedingungen.

  6. „Seit dieser Abstimmung liefern sich London und Brüssel einen von den Mainstream-Medien hochgespielten Schaukampf – nicht etwa, um den Volksentscheid zu verwirklichen, sondern um seine Umsetzung mit allen Mitteln hinauszuzögern und zu verhindern.“

    Nach meiner Ansicht ist der Grund des Schaukampfes und für das Hinauszögern wohl der, dass ein geordnetner Austieg verhindert werden und die Schuldfrage dem Abstimmungsverhaltens der Bevölkerung angelastet werden soll. Niemand soll behaupten können, man hätte nicht alles getan um das Schlimmste zu verhindern. Ein ungeordneter Ausstieg bringt nur Vorteile für die Hochfinanz (der nach meinem Verständnis eine ausgemachte Sache ist), denn die verbleibenden EU-Länder mussen mit Sicherheit unternehmerische Verluste wegen (fehlender) „Planungssicherheit“ ausgleichen, die dem Steuerzahler als emense Kosten angelastet werden und in Abhängigkeit zwingt. Die bürokratische EU ist ein sinkendes Schiff und für die Finanzwelt ein Dorn im Auge, denn sie hat ihre Schuldigkeit der Entdemokratiesierung getan. Zurück bleibt ein zahnloser und willenloser Tiger. Die „Freiheit des Kapitals“ wird neue Höhen erklimmen zu lasten der kulturellen und geistigen Freiheit.

  7. Zu Benjamin Reloaded (und hj_allemann1), Sie schreiben:
    „Allerdings läge ein sinnvolles Quorum für eine so wichtige Entscheidung wie den Brexit wohl eher bei 2/3 oder gar 3/4 der Stimmen.“
    Eintritt ohne Volksabstimmung oder ausnahmsweise mit einfacher Mehrheit, aber Austritt nur mit 2/3 oder noch größerer Mehrheit? So geht Demokratie natürlich nicht!

    • Da haben Sie einerseits Recht. Andrerseits, wann soll man denn mit vernünftigen Mehrheiten anfangen? Die ganze EU ist ja als Folge der EWG in erster Linie eine Wirtschaftsunion, die mit Demokratie eigentlich „nichts am Hut“ hat.

      Es hat sich aber m.E. herausgestellt, dass sie in vielen Bereichen auch für das einfache Volk viele Vorteile hat. Beispielsweise Frieden innerhalb der EU-Staaten, wobei ich nicht leugne, welchen kriegerischen Anteil sie nach außen besonders heute übernehmen soll.

      Aber die Debatte über Für und Wider der EU will ich hier nicht führen.

  8. So einfach ist das nicht und ich stimme dem Kommentar von Benjamin Reloaded absolut zu, Eine qualifizierte Mehrheit sollte für solche grundsätzliche Entscheidungen schon erforderlich sein, insofern war das erste Referendum wenig aussagekräftig.

    Dass der Autor glaubt, die Mehrheit der Briten hätten sich 2016 für den Austritt entschieden, liesse sich „vor allem auf die zunehmende soziale Ungleichheit im Land und die Austeritätspolitik der EU zurückzuführen“ läßt meines Erachtens außer Acht, dass auch viel, was als Fremdenfeindlichkeit verstanden werden kann, eine wichtige Rolle spielte.

    Die Labour ist ja auch nicht „umsonst“ ziemlich gespalten bezüglich des Brexit. Auf der einen Seite „verliert“ man Arbeitsplätze an die Einwanderer, auf der anderen Seite gibt es zu viel Toleranz. Sikhs brauchen beim Motorradfahren keinen Helm aufsetzen, in Birmingham gibt es eine Schule, wo die Mädchen erst nach den Jungen essen dürfen.

    Also da ist ein bißchen mehr Analyse vonnöten. Darauf weist ja auch der Beitrag von Jeck hin. Ein reiner Schaukampf ist das nicht, die Kapitalisten sind sich höchstens einig, wenn es gegen „die da unten“ geht, ansonsten streiten die sich durchaus mächtig und das Kapital ist schon lange nicht mehr national.

    • „Dass der Autor glaubt, die Mehrheit der Briten hätten sich 2016 für den Austritt entschieden, liesse sich „vor allem auf die zunehmende soziale Ungleichheit im Land und die Austeritätspolitik der EU zurückzuführen“ läßt meines Erachtens außer Acht, dass auch viel, was als Fremdenfeindlichkeit verstanden werden kann, eine wichtige Rolle spielte.“

      Eigentlich ist es ziemlich egal, ob die Briten sich wegen (angeblicher) Fremdenfeindlichkeit, wegen des Regenwetters oder weil sie gerade Beans-on-Toast gefrühstückt haben für den Brexit entschieden haben.

      Wichtig ist: sie haben es getan. Und das gilt es zu respektieren.

      Sonst sind wir wieder in der Lage, wo das Volk dazu gebracht wird, das zu „wollen“, was es gefälligst „wollen soll“ – nämlich kein Brexit.
      Es gab die Wahl, die Entscheidung ist gefallen, und hat jetzt umgesetzt zu werden. Das ist Demokratie.

  9. Lieber Ernst Wolff
    danke auch wieder für diesen Beitrag!
    Zu den benannten möglichen Gründen
    „dürfte vor allem auf die zunehmende soziale Ungleichheit im Land und die Austeritätspolitik der EU zurückzuführen sein. Auch die Auswirkungen der Zwangsverwaltung großer Teile Südeuropas durch die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF dürften eine entscheidende Rolle gespielt haben.“
    möchte ich ergänzen:
    Kann es sein, dass das Rechtsempfinden der Menschen, die innerhalb der `Rechtskonstruktion` EU leben (wollen/müssen) ein viel gesünderes ist, als jenes derer, die als `Vertreter` diese Konstruktionen erschaffen und versuchen aufrecht zu erhalten?
    Zum Kern dieser `Rechtskonstruktion`EU möchte ich auf das wunderbar offenbarende Interview von Dirk Pohlman mit Yanis Varoufakis (Missing Link 11/2015) hinweisen, in dem das Nichtvorhandensein von `Recht und Gesetz` (wie wir glauben, das es Grundlage sein müsste) klar benannt wird:
    exemplarische Zitate:
    „Eurogruppe ist die Wirtschaftsregierung … der Eurozone“
    „Wussten Sie, dass die Eurogruppe rechtlich NICHT existiert?“
    „Kein europäisches Abkommen benennt sie.“
    „Mir wurde offiziell mitgeteilt, dass Eurogruppe juristisch NICHT existiert“
    „Die Eurogruppe ist eine informelle Gruppe“
    „Es wurde nie auch nur ein einziges Blatt Papier an uns ausgegeben.“
    „Alle Entscheidungen werden getroffen von Leuten, die KEINER gewählt hat.“
    „Die Eurogruppe regiert euer Leben.“
    „Das ist wie in der kommunistischen Partei der Sowjetunion.“
     
    Resultierend aus diesen Fakten ist die Frage:
    Ist nicht jeder, dem diese vermeintliche Rechtskonstruktion bewusst wird, nicht grundsätzlich im Recht mit seinem Nein Danke!, da Verträge, die keine gesetzliche Grundlage haben sittenwidrig und damit nichtig sind?
     
    Ich denke schon und am 23. Juni 2016 hatten von 71,8 Prozent der Wahlberechtigten (mehr als 30 Millionen Bürger des Landes) 51,9 Prozent mit ihrer Entscheidung auch dies (wissenlich/unwissentlich) ausgedrückt.
     
    Die Konsequenzen aus diesen Fakten sind ja vor allem auch rechtlicher Natur, jedoch ist es schwer hierzu öffentlich Reaktionen von Anwäten zu erhalten:
    Beispiel-Versuche via Twitter 😉
    an @RAStadler und folgend an Gregor Gysi, Markus Kompa, Norbert Häring etc.
     
    Erstaunlich!
     
    Viele Grüße in die Runde!

  10. Lieber Herr Wolff,

    ich bin ein großer Fan Ihrer Beiträge.

    Die EU gehört aus meiner Sicht abgeschafft bzw. neu erfunden und völlig anders organisiert. Den Brexit halte ich aber für keine gute Idee, das alleine würde den Menschen in UK und uns sicher nicht weiterhelfen.

    Ich bin ein Befürworter von direkter Demokratie und Volksabstimmungen über fast alle wichtigen Fragen. Allerdings läge ein sinnvolles Quorum für eine so wichtige Entscheidung wie den Brexit wohl eher bei 2/3 oder gar 3/4 der Stimmen. Dass nun 51% gegen 49% stehen, ist nun wirklich kein starkes Signal. Auch die nächste Abstimmung, falls sie denn kommt, wird evtl. wieder ähnlich knapp ausgehen – und das Volk spalten.

  11. …wäre es nicht denkbar, dass es für bestimmte Kreise wünschenswert wäre , dass im Falle des Brexits, Frankfurt der Börsenplatz Europas werden würde, und dabei GB etwas entmachtet wird…..so mal rein spekulativ. Denn der Reichtum Londons wäre auch FFM schön, oder? …rein spekulativ, wie gesagt.

  12. Ich stimme der Einschätzung zu und vermute, dass man hier das Kasperletheater abzieht, um Demokratie vorzugaukeln.
    Jedoch kann ich mir vorstellen, dass nach der „Gelbwesten“ Entwicklung in Frankreich, man vorsichtig abwartet, ob die 51.9% in England einen vergleichbaren Protest starten könnten, wenn es um eine weiter Abstimmung ginge.

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